Journalisten greifen wilde Tiere an

Seitdem ich in Kanada lebe, spielen Tiere für mich eine große Rolle. Haustiere sowieso. Wilde Tiere erst recht. Hohe Tiere weniger. Was mich aber – pardon – tierisch nervt, ist der Umgang der hiesigen Medien mit Tieren, die in freier Wildbahn leben und das tun, was ihr gutes Recht ist: ihr Territorium verteidigen. Dann machen Journalisten regelrecht Hatz auf wilde Tiere. So auch jetzt wieder, nach einer Cougar-Attacke auf Vancouver Island.

Abgespielt hat sich Medienberichten zufolge der Zwischenfall so: Die Raubkatze hatte ein 18 Monate altes Kind bei einem Waldspaziergang mit seinen Eltern angefallen. Das Drama ereignete sich im Kennedy Lake Provincial Park, in der Nähe von Ucluelet. Einigen unseren Blog-Lesern dürfte die Gegend bekannt sein: Stefan aus Grevenbroich und Frank aus Köln hatten uns neulich mit herrlichen Naturfotos aus dieser Ecke beglückt.

Wer schützt uns vor wilden Tieren? Und die Tiere vor Menschen?

Der Bub wurde also vom Cougar gebissen. Dem Vater und Großvater des Jungen gelang es, die Wildkatze zu verscheuchen und Schlimmeres zu verhindern. Bleibende körperliche Schäden wird das Kind voraussichtlich nicht davontragen. Soweit die Fakten. Was folgt, ist ein Medienspektakel – so wie wir es in den vergangenen 30 Kanada-Jahren kennen und hassen gelernt haben: „Kind ums Haar von Cougar totgebissen“ –  „Warum schützt uns der Staat nicht besser vor wilden Tieren?“  –  „Wie konnte das passieren? Die Eltern haben alles richtig gemacht!“ Haut rein, ihr Journalisten! Nicht nur Sex sells. Auch Sensationen. Auch dann, wenn es im Grunde genommen gar keine sind.

Traurig, die Sache mit dem Jungen. Traurig wird aber auch der Fallout dieses Zwischenfalls sein. Es wird Hatz auf wilde Tiere gemacht. Vor allem in den Medien. Und weil der Staat die Zeitung liest, sind Parkranger von British Columbia angehalten, Jagd auf Cougars zu machen. Willfährige Journalisten helfen da gerne mit. Und jetzt? Parks, oder zumindest Teile davon, sind seit der Cougar-Attacke für die Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich. Und das zur schönsten Jahreszeit des Jahres. Gratuliere, Kolleginnen und Kollegen!

Dass Cougars Menschen anfallen, kommt vor. So wie Hunde Menschen anfallen oder Pferde nach Kindern treten, die doof rumstehen. Dass Cougars aber Menschen tödlich verletzen, passiert so gut wie nie. In den vergangenen 100 Jahren ist es in Kanada gerade mal fünf Mal passiert. Schrecklich für die Beteiligten. Aber statistisch gesehen nicht von hohem Nachrichtenwert. Fünf tödliche Cougar-Attacken in 100 Jahren, in einem Land, das 40 mal so groß ist wie Deutschland. Wie oft fallen Kampfunde nochmal Kinder an?

Tatort Cougar-Attacke

Ich will hier nichts beschönigen: Cougars sind gefürchtete Wildkatzen. Sie können, einschließlich Schwanz, bis zu zwei Meter lang und 75 Kilo schwer werden. Wenn sie angreifen, tun sie das meistens aus dem Hinterhalt. Dann stürzen sie sich fast immer zuerst auf den Kopf ihres Opfers.

Dass Cougar-Attacken in letzter Zeit zugenommen haben, hat vermutlich mit dem Gewohnheitsfaktor zu tun. In diesem Jahr ist die Anzahl der Touristen auf Vancouver Island besonders groß. Bei solchen Menschenmassen verlieren wilde Tiere eher die Scheu und gewöhnen sich an Menschen.

Es wird Zeit, dass wir Menschen uns langsam auch an Cougars gewöhnen. Und Wölfe. und Grizzlybären. Und Schlangen. Bei Kampfhunden bin ich mir da nicht so sicher. Vor allem bei deren Besitzern.

>>>  Mutter des Jungen berichtet von der Attacke  (CBC-Video) <<<

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