Im Gurkenfass über die Niagarafälle

Wenn ich auf Reisen bin, kann ich leider nicht täglich bloggen. Deshalb der Griff ins Archiv. Hier finden Sie von Zeit zu Zeit die Textversion meiner Hörfunk-Reportagen. Die Manuskripte wurden nicht aktualisiert!

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NIAGARA FALLS / ONTARIO

Zehn Sekunden – dann war alles vorbei. Dachten sich zumindest die Touristen, die ungläubig Zeugen eines der spektakulärsten Stunts der Geschichte wurden: Ein Mann, 40 Jahre alt, kletterte über eine Absperrung, verharrte kurz am Ufer und stürzte sich dann kopfüber in die schäumende Gischt der Niagarafälle. Zehn Sekunden später dann das Unfassbare: Der Mann hat den Fall in die Fälle überlebt.

”Ein Mensch mit dem Gesicht nach oben, den Kopf in beiden Händen – so ließ er sich die Fälle hinunterstürzen”, erinnert sich Johnny Vendolo, der das Spektakel von nächster Nähe aus beobachten konnte. – Inzwischen steht so gut wie fest: Bei dem Amerikaner Kirk Jones handelt es sich um keinen Lebensmüden. Der Mann aus Michigan suchte lediglich das Abenteuer.

Und was für ein Abenteuer: Ein 52 Meter tiefer Höllenritt in einem Hexengebräu, mitten durch eine felsige Schlucht, durch die pro Sekunde eine halbe Million Liter Wasser fließt. Keith Jones ist fassungslos über den Stunt, den sein Bruder Kirk da hingelegt hat. Er sagte später: Es hat ziemlich lange gedauert, bis ich unten war. Aber das Wasser war gar nicht mal so kalt. Ich würde mir da einen abfrieren!

Kirk Jones war nicht der Erste, der sich in die Niagarafälle stürzte. Aber er war der Erste, der den Sturz freiwillig getan und überlebt hat. Vor 43 Jahren war ein kleiner Junge versehentlich in die Fälle gestürzt. Er kam bei dem Unfall mit ein paar Schrammen davon.

Insgesamt haben seit 1901 mehr als zwei Dutzend Menschen versucht, die Fälle zu bezwingen: im Schlauchboot, im Metallkessel oder auch im Gurkenfass, wie der Amerikaner Steve Trotter. Nur jeder Zweite hat den Sturz überlebt. Einer von ihnen ist Steve Trotter aus Florida. Für die jüngste Aktion zeigt er kein Verständnis: Für ihn sei das kein Stunt, sagt der Mann im Gurkenfass, das sei für ihn schon eher ein selbstmörderischer Akt.

Suizidversuch oder Stunt: für die Polizei spielt es keine Rolle. Der Mann, der den Fälle-Fall wie ein Wunder überlebt hat, sitzt im Gefängnis. Er muss mit einer Geldstrafe von mindestens zehntausend Dollar rechnen.                     (Sendung vom 22-10-2003)

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