Kanada sucht Marihuana-Anbauer

Wenn ich unterwegs bin, kann ich leider nicht täglich bloggen. Deshalb hin und wieder der Griff ins Archiv. Hier finden Sie Manuskripte meiner Hörfunk-Reportagen. O-Töne können hier leider nicht eingestellt werden.

Der Beitrag wurde nicht aktualisiert. Deshalb: Kein Anspruch auf Vollständigkeit!

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Mit Marihuana kennt sich der Kanadier Tony M. aus. Schon seit Jahren pflanzt der Mann das indische Hanfgras im Garten seines Hauses in der Nähe von Victoria an. Die Joints, die er aus der getrockneten Pflanze dreht, sind in Kanada illegal. Und damit auch der Anbau von Marihuana. Doch jetzt wittert der Werkzeugmacher die Chance seines Lebens.

Er will mit seinem Rauchgras Geschäfte im großen Stil machen – und zwar völlig legal. Als Hauptabnehmer bietet sich ausgerechnet die kanadische Bundesregierung an. Dort ist man zur Zeit auf der Suche nach preisgünstigem Marihuana zur Schmerzlinderung von Schwerstkranken. Tony M. glaubt, er sei mit seiner Expertise der richtige Lieferant.

Die Verabreichung des Stoffes an Kanadier mit Aids, an Krebskranke oder MS-Patienten hatte Gesundheitsminister Allan Rock kürzlich im Parlament verkündet. Rauschgift für Menschen, die dem Tod Geweihte seien, bezeichnete der Minister als ein Gebot der Menschlichkeit.

Erwartungsgemäß hatte die Liberalisierung des Rauschgifts für Aufruhr gesorgt. Die Opposition sprach vom “Abrutsch Kanadas in die Drogen-Gesellschaft”. In Leserbriefen und Talk-Shows war von der “staatlich finanzierten Rauschgiftsucht” die Rede. Doch Gesundheitsminister Rock, ein Mann, der sich gelegentlich auch schon als Spät-Hippie bezeichnet, ließ sich von den Kritikern nicht entmutigen.

Die Entscheidung, Marihuana auf Krankenschein zu verabreichen, passierte das kanadische Unterhaus. Zu klären blieb dann nur noch: Woher mit dem Stoff? Der Plan, staatseigene Hanffelder zu betreiben, wurde schnell wieder verworfen. Also hörten sich Bundes-Bedienstete in der Öffentlichkeit um. Gesucht wurden Männer und Frauen, die bereits Erfahrung im Anbau von Marihuana hatten.

Einer von denen, die sich schließlich “outeten”, war Tony M. Den gelegentlichen Eigenversuch gibt er gerne zu. Doch Tony M. ist nicht der einzige, der sich vom Gedanken an Verkaufsprofite berauschen lässt. Mehrere Hundert Interessenten wollen ploetzlich mit Ottawa dealen. Brian T., ebenfalls aus British Columbia, hat lange auf die Gelegenheit gewartet, sein Hobby zum Job zu machen.

Wer immer den Auftrag der Regierung erhalten wird, kann lachen. Jeden Monat will das Gesundheitsministerium Marihuana im Wert von 45-tausend Dollar kaufen. Ganz legal.  Gesucht werden Marihuana-Anbauer, die etwas von ihrem Fach verstehen.

(Sendung vom 15-5-2000)

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