Grüne Weihnachten in Kanada

Schnee haben Sie also in Deutschland? Ach, wie schön. Fast noch schöner: Wir haben keinen. Oder besser: keinen mehr. Vor ein paar Wochen hatte es mal ausgesehen, als würden wir auch dieses Jahr weiße Weihnachten bekommen. Aber dann hat es sich Petrus doch noch anders überlegt. Dabei soll demnächst bei Montréal das erste Schneedorf Nordamerikas (Foto) entstehen.

Ganz so selten wie man denkt, sind grüne Weihnachten auch in Kanada nicht. In den letzten 50 Jahren war Heiligabend zwölfmal schneefrei. Wenn ich sage: „Ich liebe global warming!“, dann ist das natürlich dummes Zeug. Wir alle fürchten uns vor den Auswirkungen, die der Treibhauseffekt haben wird. Und dass ausgerechnet Kanada mit dem Kyoto-Ausstieg den Rest der Welt im Regen stehen lässt, finde ich schlimm und einfach nur peinlich. Und trotzdem: Diese zunehmende Erderwärmung hat was. Irgendwann frieren sich vielleicht auch die Kanadier keinen mehr ab. Mir reichen jedenfalls Dutzende Winter hintereinander mit Eis und Schnee und sibirischen Temperaturen.

Dieser Winter ist anders als sonst. Zu einer Zeit, da normalerweise Schnee liegt, konnten wir noch knöcheltief im Herbstlaub waten. Der Neverending Summer of O-Eleven wollte einfach nicht weichen. Und keiner beschwerte sich! Als dann am 23. November der erste Schnee fiel, waren wir dankbar für den späten Besuch von Old Man Winter. Ein bisschen Regen, viele Plusgrade – und weg ist er wieder.

Regel: Tiefschnee

Der Winter in Kanada, oder besser: Winter in der kanadischen Provinz Québec, in der ich lebe, kann grausam sein. Temperaturen von bis zu minus 25 Grad sind keine Seltenheit. Meterhohe Schneewehen gehören zum Alltag. Das geht monatelang so. Ist erst einmal alles mit Schnee bedeckt, dauert es bis Ende April/Anfang Mai, bis sich die ersten grünen Blätter zeigen. Wie ein Land bei diesen klimatischen Verhältnissen überhaupt funktionieren kann, war mir schon immer ein Rätsel. Aber es klappt. Irgendwie klappt in Kanada immer alles. Mal mehr, mal weniger. Die Schneeräumung hat er jedenfalls im Griff, der Kanadier. Und da er auch mit Streusalz nicht zimperlich umgeht, sind zwar meistens die Straßen eis-, die Autos aber alles andere als rostfrei.

Meinen ersten Winter in Kanada habe ich noch als total exotisch in Erinnerung. Schneeberge, Blizzards und ein zugefrorener See, auf dem monatelang selbst Busse und Lastwagen verkehren – das war schon sehr beeindruckend. Und die Temperaturen? Wenn juckt’s. Schlechtes Wetter gibt es nicht. Lediglich schlechte Kleidung. Typische Kanadier kleiden sich im Winter nach dem Prinzip der Zwiebelschale. Mehrere Schichten übereinander geben wärmer als ein noch so dicker Daunenparka.

Ausnahme: Schneefrei

Ich kenne viele Kanadier, die es nicht erwarten können, bis der Winter endlich hier ist. Das sind die Hardcore-Winteraner, die bei minus 30 Grad aufs Eis gehen, um die Angelschnur ins Wasser zu halten, nachdem sie zuvor eine halbe Stunde lang mit dem Handbohrer die meterdicke Eisschicht durchlöchert haben. Anschließend setzen sich die Eisfischer in ihre Holzhütte, die ihnen für ein paar Monate als Home away from Home dient, und warten, bis etwas angebissen hat.

Ein kleines Problem mit dem schneefreien Winter hat im Moment allerdings die Stadt Montréal. Auf Île Ste. Hélène, einer kleinen Insel im St.-Lorenz-Strom, soll ein komplettes Schneedorf entstehen. Mit Hotel und Kirche und Läden und Restaurant und vielen kleinen Hütten. Die Eröffnung ist für 6. Januar geplant. Aussehen soll es dann etwa so wie auf dem Bannerfoto. Aber nur, wenn etwas dazwischen kommt. Am besten Schnee.

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