Heiligabend mit Hundeknochen

Eines musste man unserer Bella lassen: Ihr Timing war immer perfekt. Entweder sie musste ausgerechnet dann pinkeln, wenn ich gerade live auf Sendung war und sie mit zusammengepressten Beinchen neben meinem Schreibtisch stand. Oder sie schleckte einem ausgemachten Hundehasser just dann die Hand ab, als der zu einer Rede über lästige Haustiere ansetzen wollte. Nie jedoch lag unsere schwarze Labradordame mit ihrem Timing mehr daneben als an Heiligabend vor vier Jahren.

Charles Dickens hätte seine Freude gehabt: Der Weihnachtsbaum strömt wohlige Düfte aus. Darunter liebevoll verpackte Geschenke. Aus dem Fonduetopf brodelt es im Rhythmus der Weihnachtsmusik. Man stößt an, freut sich, dass man sich hat. Beschert den Hund mit einem extra leckeren Knochen. Setzt sich zu Tisch. Guten Appetit und fröhliche Weihnachten.

Gefangen im Hundeparadies: Schnauze im Knochen

Plötzlich: Ein leichtes Keuchen aus der Hundeecke. Kein Jaulen, nur sanftes Jammern. Ein trauriger Cartoon tut sich vor uns auf: Unser Schlabrador hat sich mit der Schnauze im Weihnachtsknochen verheddert. Die Öffnung des ausgeleckten Markknochens ist zur Hundefalle geworden. Die Schnauze steckt fest. Da helfen kein Rütteln und kein Schütteln. Zange und Säge bringen nichts. Gefangen im Hundeparadies. Gefangen im Knochen. An Heiligabend.

Längst ist das Fondue-Essen kein Thema mehr. Die Brühe hat aufgehört zu brodeln. Fleisch und Gemüse ruhen wieder im Kühlschrank. Nur aus dem Radio tröpfeln noch immer Jinglebells. So, als wäre nichts geschehen. Dabei ist nichts mehr so, wie es noch vor einigen Minuten war. Wir brauchen Hilfe. Schnell. Nein: Sofort!

Ein Tierarzt darf auch mal Mensch sein

Es ist Heiligabend und sämtliche Tierärzte der Welt sitzen vermutlich in diesem Moment unterm Weihnachtsbaum. Und freuen sich, dass sie heute Mensch sein dürfen. Danke, Internet: Eine Tierklinik hat geöffnet. Die einzige in der Dreieinhalb-Millionenstadt Montréal. Mit mindestens doppelt so vielen Hunden wie Menschen.

Durch die Winternacht geht’s in Richtung Tierarzt. Dashing through the snow. Wartesaal zum Bersten voll. Zum Glück haben sich nicht alle Hunde gleichzeitig mit der Schnauze in der Öffnung eines Markknochens verheddert. Manche haben es schlimmer erwischt. Ein Mann erzählt, sein Hündchen kauernd im Arm, der arme Kerl habe die volle Ladung Mensch abgekriegt. Weihnachtsdinner in Little Italy. Hundi liegt auf dem Teppichboden im Esszimmer. Italienischer Papa setzt sich auf den Holzstuhl. Stuhl kracht berstend zusammen und begräbt den kleinen Pinscher unter sich. In dem Moment, als die Familie sich gerade zur Weihnachtsgans hinsetzen will. An Heiligabend.

Bella ist geduldig. Freut sich, weil sie plötzlich so viele andere Tiere sieht, riecht, hört. Einige jaulen vor Schmerzen, Bella kämpft mit ihrem Knochen. Und ich mit meiner Geduld. Außerdem habe ich Hunger.

Dank an die Patientin: Ein Hundeknochen

Kurz vor Mitternacht: Endlich ist unser Unglücksrabe dran. Spezialfräse und Zange machen kurzen Prozess mit dem Knochen. Bella strahlt wie einst unser Weihnachtsbaum. Zum Dank fürs Stillhalten belohnt der Tierarzt die Patientin. Mit einem Hundeknochen, was sonst?

Das Weihnachtsessen hat sich inzwischen erledigt. Ein Wurstbrot tut’s jetzt auch. Klar, man kann Heiligabend romantischer verbringen als beim Tierarzt. Aber gibt es ein schöneres Gefühl, als seinen Hund aus der Knochenfalle befreit zu haben?

Inzwischen ist unsere Bella über die Regenbogenbrücke gegangen. Sie wurde zwölf Jahre alt. Wir vermissen sie sehr. Nicht nur an Heiligabend.

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