Ein Herz für Kanadas Indianer

Paul Martin ist der Mann rechts im Bild. Er trägt das Herz am richtigen Fleck. Als ehemaliger Premierminister Kanadas setzt er sich nicht in den Ohrensessel und lässt den lieben Gott einen guten Mann sein. Er kümmert sich, ruhig und hinter den Kulissen, um das Schicksal kanadischer Ureinwohner. Der jetzige Regierungschef Stephen Harper könnte sich an seinem Vorgänger ein Beispiel nehmen. Unter der Führung der Konservativen geht es vielen Indianern schlechter als je zuvor.

Indianer in Winnipeg/Manitoba Foto: Bopp

Mr. Martin, ein Liberaler, ist viel in der Welt herumgekommen. Nicht nur als Premierminister (2003 bis 2006). Auch die zehn Jahre davor als Finanzminister. Vor allem aber als Reedereibesitzer und Chef eines Familienunternehmens. “Ich bin häufig in Afrika”, erzählt der inzwischen 73jährige Paul Martin in einem Interview zum Jahresende. “Aber das, was ich dort gesehen habe, ist kein Vergleich zu dem, was ich in kanadischen Indianerreservaten erlebe”. Kanadischen Ureinwohnern, so Mr. Martin, gehe es wesentlich schlechter als den Bewohnern der unterentwickeltsten Länder der Erde. Kanada, dies nebenbei, gehört zu den reichsten Industrienationen der Welt.

Ein paar Zahlen zum besseren Verständnis der Dimension des Leids:

  • 65 Prozent aller Ureinwohner haben keinen High School-Abschluss. Unter den restlichen Kanadiern schmeissen lediglich 9 Prozent vorher hin.
  • Während 23 Prozent aller Kanadier einen Uni-Abschluss haben, schaffen es nur 7 Prozent der Ureinwohner.
  • 22 Prozent der Indianer waren schon mal im Knast. Kanadier: lediglich 3 Prozent
  • Die Selbstmordrate unter indianischen Jugendlichen ist sechs Mal so hoch wie unter den Rest-Kanadiern.

Besonders schlimm ist die Lage in den Reservaten im abgelegenen kanadischen Norden. Dort geht auf dem Landweg nichts. Lebensmittel und Gebrauchsgüter müssen auf Eisstraßen transportiert werden. Oder mit Buschflugzeugen, die eine Unmenge Geld verschlingen. Die Versorgungslage ist in manchen Fällen katastrophal. Die derzeitige Regierung in Ottawa glaubt, mit Geld könnten alle Probleme gelöst werden. Ein gefährlicher Trugschluss.

Indianer im Parlament. Foto: chriswattie

Ureinwohner und Geld – das ist eine heikle Mischung. Das Geld fließt vielen Indianer-Chiefs ganz schnell durch die Finger. Deshalb ist Paul Martin der Meinung, man müsse den Natives nicht nur mit Kohle helfen, sondern vor allem mit Knowhow. Und mit Taten: Freiwillige, die zum Häuslebau in die Reservate gehen. Lehrer, die in ihrer Freizeit versuchen, den Kindern eine anständige Bildung beizubringen. Ärzte, Sozialarbeiter, Krankenschwestern. Wenn die staatliche Hilfe nichts bringt, glaubt der Ex-Premier, müssten private Initiativen greifen. Und genau dieses Ziel verfolgt der Montréaler Geschäftsmann seit längerer Zeit. Er trommelt Spezialisten zusammen, die entweder umsonst die notwendige Arbeit vor Ort leisten. Oder Mr. Martin finanziert ihren Einsatz aus privaten Geldern. Und durch eine Stiftung, die er für diesen Zweck ins Leben gerufen hat.

Kanadische Regierung: Teersand statt Tipis

Kurz vor Ende seiner Amtszeit schaffte der damalige Premierminister Paul Martin etwas, das bis dato keine kanadische Regierung fertiggebracht hatte. Er machte 5 Milliarden Dollar für ein Hilfsprogramm locker, das die Zustände in den Reservaten drastisch verbessert hätte. Schulen, Krankenhäuser, Sozialstationen. Alle Parteien im kanadischen Parlament waren dafür. Auch die Konservativen unter Stephen Harper. Es waren Lippenbekenntnisse. Kaum war Paul Martins Minderheitsregierung gefallen und Stephen Harper der Chef im Parlament, wollte dieser von der noblen Initiative seines Vorgängers nichts mehr wissen. Die “Kelowna-Vereinbarung” ist nie umgesetzt worden. Blockiert hat sie Stephen Harper. Der Mann, der sich lieber mit Teersand-Produzenten fotografieren lässt als mit Tipi-Bewohnern.

Dem amtierenden Premierminister müsste das feurige Engagement seines Nachfolgers eigentlich die Schamesröte ins Gesicht treiben. Aber es scheint ihn nicht sonderlich zu berühren. Sein Kommentar zum Jahresende: “Wir tun, was wir können”

Der Häuptling aus Ottawa hat gesprochen.

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