Hilfe, wir sind Eurotrash!


So weit haben wir’s gebracht: In Amerika sind wir jetzt „Eurotrash“. Was sich zunächst eher anerkennend auf den europäischen Lifestyle beschränkte, hört man jetzt immer öfter als Rundumschlag für alles Europäische schlechthin. Also auch für uns. Überhaupt finde ich das Europe-Bashing der letzten Wochen und Monate ziemlich nervig. Und auch ein bisschen verletzend.

Den Begriff „Eurotrash“ gibt es ja schon lange. Bei Formel Eins-Rennen wird er schon mal für Besucher mit dicken Euro-Konten verwendet. Oder auch bei Filmfestspielen auf dem amerikanischen Kontinent. Aber so rülpelhaft wie er in letzter Zeit speziell von Amerikanern eingesetzt wird, kannte ich ihn bisher nicht. Zur Ehrenrettung meiner kanadischen Freunde: Die Seitenhiebe auf das alte Europa kommen nur ganz selten von ihnen, meistens aber von unseren netten Nachbarn südlich des 49. Breitengrads.

Eine der wenigen kanadischen Ausnahmen ist unser erzkonservativer Premier Stephen Harper. Der schafft es doch tatsächlich, Europa in Davos die Leviten zu verlesen. Und vergisst dabei das erste Gebot einer guten Kinderstube: Erst mal schön vor der eigenen Haustür kehren, ehe man auf den Anderen losgeht. Und vor der kanadischen Haustür gibt’s verdammt viel zu kehren.

Gesundheitspolitik: Im Radio beklagte sich gestern der Anrufer einer Talkshow, er warte jetzt seit zweieinhalb Jahren auf einen Termin für eine routinemäßige Darmspiegelung. Doch kein Krankenhaus der Dreieinhalb-Millionen-Stadt Montréal hat Kapazitäten frei. Wie wär’s damit, Mr. Harper: Einfach beim nächsten Haushalt noch ein Hölzchen für die Krankenfürsorge nachlegen und nach Québec überweisen? (Das Gesundheitssystem fällt hier unter die Verantwortung der Provinzen). Noch ein Vorschlag für Premier Harper: Die Infrastruktur aufhübschen, die vor unseren Augen zerbröckelt. Oder das Schulsystem verbessern, den Umweltschutz, die öffentlichen Verkehrsmittel. Erst mal den Anderen ein schlechtes Gewissen machen, ehe man die Fehler bei sich sucht. Toll. Und so katholisch.

In der kanadischen Bevölkerung – also nicht in den Hohepriester-Tempeln der Politik – werden zwar die wirtschaftspolitischen Entwicklungen in Europa zurzeit auch argwöhnisch betrachtet. Aber eine Imageverletzung, die bis in den persönlichen Bereich hineinreicht, habe ich in Kanada in diesem Zusammenhang bisher nicht festgestellt.

Deutsche Sprache, chice Sprache

Ganz im Gegenteil: Vor allem unter Frankokanadiern entdecke ich immer häufiger eine nicht nur ideologische, sondern auch emotionale Zuneigung zu Europa, speziell auch zu Deutschland. Ein Deutsch zu sprechen, das über „Autobahn“ und „Rammstein“ hinaus geht, gilt vor allem unter jungen Frankokanadiern als ausgesprochen chic.

Anders in den USA. Dort muss man sich in gewissen Kreisen für Fremdsprachenkenntnisse gar entschuldigen Mitt Romney musste sich neulich anhören, er könne ja überhaupt kein richtiger Amerikaner sein, da er doch der französischen Sprache mächtig sei. Geht’s noch? Und ein anderer Bewerber um die Nominierung des Präsidentschafts-Kandidaten der Republikaner sagte bei der Debatte in Florida sinngemäß: „Wir müssen verhindern, dass die Vereinigten Staaten zum neuen Europa werden und auf die Hilfe der restlichen Welt angewiesen sind!“ Jubel im Saal.

Entschuldigung? Wer ist eigentlich hier der Sozialhilfe-Empfänger, der es bis heute nicht fertig bringt, jedem Bewohner eine Krankenversicherung zu garantieren? Europa wohl eher nicht. Ein (deutscher) Bekannter von mir in Florida musste sein Haus verkaufen, weil er sich sonst die Krebs-Behandlung seiner Frau hätte nicht leisten können.

So viel zum Thema Eurotrash.

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