Vier „Ehrenmorde“ ohne Ehre

Kanada ist das ausländerfreundlichste Land, das ich kenne. Als Einwanderer-Nation hat die Harmonie unter ethnischen Minderheiten eine wunderbare und lange Tradition. Darauf können nicht nur die kanadischen Gesetzesmacher stolz sein. Vor allem die Kanadier selbst sind es, die das zustande gebracht haben, wovon viele andere Länder träumen: Ein buntes, friedliches Zusammenleben der Kulturen. Jetzt hat ein unvorstellbares Verbrechen die Bevölkerung aufgeschreckt.

Als drei Mitglieder einer afghanischen Familie wegen sogenannter „Ehrenmorde“ verurteilt wurden und dabei unsägliche Details ans Tageslicht kamen, ging zwar ein Schrei der Entsetzung durch Teile der kanadischen Bevölkerung. Aber es war kein „Ausländer raus!“-Hassfanal. Eher ein Hilferuf, wie brutale Verbrechen wie diese in einem zivilisierten Land wie Kanada künftig vermieden werden können.

Die Opfer: Drei Töchter und die Zweitfrau des Patriarchen. Foto: CBC

Vor Gericht standen: Vater, Mutter und Sohn, erst 21 Jahre alt. Afghanen, die vor  fünf Jahren nach Kanada eingewandert waren. Im Schlepptau: Die Zweitfrau des Familienoberhaupts und insgesamt sieben Kinder. Drei der Kinder, Mädchen im Teenager-Alter und auch die Zweitfrau, waren Eltern und Bruder ein Dorn im Auge. Schnell und offensichtlich mit großer Leidenschaft hatten sich die Teenager in der neuen Heimat in das pulsierende Leben der Großstadt Montréal gestürzt.

Bei Nacht und Nebel im Kanal ertränkt

Die Mädchen waren in ihrem jugendlichen Entfaltungseifer nicht zu stoppen. Schon bald versagte die Familiendynamik. Eltern und Bruder beschlossen: Die Mädchen müssen sterben. Zusammen mit der Zweitfrau des Patriarchen wurden die Vier bei Nacht und Nebel in einem Kanal in der Nähe von Kingston (Ontario) ertränkt – im Auto. Die jetzt Verurteilten stritten die Tat ab. Es habe sich um einen Unfall gehandelt. Aber die Beweislage war von Anfang an eindeutig.

Brutal, widerwärtig, fremd: Ein Vater tötet seine Töchter

Gebannt verfolgten viele Kanadier den komplizierten und oft aufwühlenden Prozess. Sie mussten sich dabei anhören, wie der Hass des Vaters auf seine widerspenstigen Töchter ins Uferlose wuchs. Als die Kinder bereits tot waren und die Täter noch auf freiem Fuß, rastete der Vater in einem Telefonat mit einem Verwandten aus: „Der Teufel soll auf ihr Grab scheißen!“ Und, so der Patriarch in einem anderen, von der Polizei aufgezeichneten Gespräch: „Sollten meine Töchter wiederkommen, werde ich ihnen die Kehle durchschneiden!“

Solche Zitate sind schwer auszuhalten. Aber sie sind gefallen. Nicht nur das Gericht musste sich mit dieser Brutalität auseinandersetzen. Auch für die meisten Kanadier, die aufmerksam das Tagesgeschehen verfolgen, gab es kein Entrinnen. Die Medien ließen uns keine Wahl.

Ein grausames Verbrechen, bei dem nichts an „Ehre“ erinnert

Jetzt also das Urteil: Dreimal lebenslänglich für das, was der Richter als „Ehrenmorde“ bezeichnete. Ein schreckliches, unpassendes Wort für ein grausames Verbrechen, bei dem so gar nichts an „Ehre“ erinnert. Und natürlich sind die Leserbriefspalten voll mit Kommentaren zu diesem unappetitlichen Thema. In den Talkshows glühen seit gestern die Telefondrähte. Und natürlich sind die Menschen aufgebracht, entsetzt, verletzt, wütend, enttäuscht. Vereinzelt wird der Ruf nach Todesstrafe laut. Ausländer-raus!“-Parolen habe ich bisher nicht gehört und auch nicht gelesen. Nicht ein einziges Mal.

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