Mit dem Auto über den See

Bibberkälte sagen Sie? Minus 25 Grad gelten zwar auch in Kanada nicht gerade als T-Shirt-Wetter. Aber so richtig Gesprächsstoff würden Temperaturen, wie sie in Deutschland zurzeit herrschen, bei uns nicht bieten. Winter ist hier eben doch mehr als eine Jahreszeit. Es ist ein Lebensgefühl, aus dem jeder das Beste macht. Und wenn es dem Kanadier zu wohl wird, dann geht er eben aufs Eis.

Das Dorf, in dem ich wohne, liegt am Lac des deux Montagnes. Dreimal so groß wie der Starnberger See, etwa 43 Kilometer lang und bis zu zehn Kilometer breit. An der tiefsten Stelle geht’s 40 Meter runter. Im Sommer tuckert eine Fähre über den See von Hudson nach Oka. Im Winter gibt’s eine Eisstraße. Wer auf der anderen Seite des Lake of Two Mountains arbeitet oder seinem Freizeitvergnügen nachgeht, spart ein bis zwei Stunden ein, wenn er statt dem Highway den Wasserweg oder die Eisstraße nimmt. Die Ice Road ist in privater Hand und wird von der gleichen Familie betrieben, die im Sommer auch den Fährverkehr organisiert. Eine Überquerung kostet sechs Dollar. Nervenkitzel inklusive.

Eishütte auf dem Lac des deux Montagnes

Meine erste Fahrt über den zugefrorenen Lake of Two Mountains war gespenstisch. Der Wind hatte den Schnee auf dem See durcheinander gewirbelt. Ich hatte Mühe, den Wagen zwischen den aufgesteckten Tännchen zu manövrieren, die als Orientierung dienen. An manchen Stellen herrschte pures Glatteis. Ein paar Meter weiter hatten sich Schneewehen aufgebaut. Das ist nicht gut. Der Schnee isoliert. Das kann dazu führen, dass das Eis selbst bei arktischen Temperaturen brüchig wird. Je weniger Schnee auf dem Eis liegt, desto härter die Eisschicht.

300 Fahrzeuge legen täglich die zwei Kilometer lange Eisbahn von Hudson nach Oka zurück: Pkw, Motorschlitten, sogar tonnenschwere Lastwagen. Solange die Eisschicht mindestens 35 Zentimeter dick ist und seit Tagen kein Tauwetter herrschte, gilt der Verkehr auf dem zugefrorenen See als sicher. Kein Problem: Mitten im tiefsten Winter wächst die Eisschicht auf einen Meter an und mehr.

Fischerdorf auf dem Eis. (Sainte-Anne-de-la-Parade/Québec)

An einer anderen Bucht des Lake of Two Mountains ein völlig anderes Szenario. Dort hat sich ein kleines Dorf gebildet, bestehend aus kleinen Holzhütten. Darin verbringen Eisfischer den Tag, die Nacht oder auch das Wochenende. In der Hütte stehen Tisch, Stuhl und manchmal auch Bett. Vor allem aber steht dort ein Holzofen, damit es die Fischer gemütlich haben. Vor dem Häuschen hat der Fischer Löcher durchs Eis gebohrt. In jedem Loch hängt eine Angelschnur, die mit einer galgenartigen Holzkonstruktion verbunden ist. Hat ein Fisch angebissen, senkt sich der Galgen nach unten. Jetzt bequemt sich der Fischer, der das Schauspiel von seiner Hütte aus beobachtet hat, nach draußen und nimmt den Fisch von der Leine.

Eisfischer, die etwas auf sich halten, servieren den fangfrischen Fisch in der Bratpfanne überm Holzofen. Dazu gibt’s Baguette. Und viel Bier.

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