Der „Schlächter von Montréal“ und die deutsche Gründlichkeit

Traurig, aber so ist es: Ausgerechnet einer der scheußlichsten Kriminalfälle der kanadischen Geschichte hat Deutschland nach langer Zeit endlich mal wieder positive Schlagzeilen in Kanada beschert. Die Festnahme des „Schlächters von Montreal“ in einem Berliner Internetcafé wird hier als eine großartige Leistung der deutschen Polizei gewürdigt.

Es ist in den letzten Monaten und Jahren nicht allzu oft passiert, dass Deutschland in den kanadischen Medien richtig gut weg kam. Da ist das Euro-Fiasko, das viele Kanadier, vor allem solche griechischer Abstammung, den Deutschen gerne in die Schuhe schieben. Dann das jahrelange Auslieferungs-Spektakel um den Waffenhändler Karlheinz Schreiber. Und auch die Neverending Story von den bösen deutschen Tierschützern, die neufundländischen Robbenjägern den Garaus machen wollen, sitzt tief. Für viele Kanadier geht es bei der Jagd auf Seehunde nicht um animalische Grausamkeiten sondern ums blanke Überleben einer gebeutelten Zunft.

Und jetzt kommt ausgerechnet ein Scheusal namens Luka Rocca Magnotta (29) und bringt Deutschland in der öffentlichen Meinung nach vorn. Der Kanadier war am Montag in einem Internetcafé in Neukölln von beherzten Polizeischülern und einem Gruppenführer festgenommen worden, als er, ganz der Narziss, im Netz nach Stories über sich suchte.

Magnotta, ein Porno-Darsteller mit einer jämmerlichen Vergangenheit, hatte vor etwas mehr als einer Woche einen in Montréal lebenden chinesischen Studenten vor laufender Webcam mit einem Eispickel erstochen, zerstückelt und Körperteile per Postsendung an zwei politische Parteien in Ottawa verschickt. Seit gestern gilt als fast sicher, dass er eine abgetrennte Hand und einen Fuß auch an zwei Schulen in Vancouver versandt hat.

Ein halber Tag Schwarz-Rot-Gold für den deutschen Fahndungserfolg in Berlin

Von Montréal aus war Magnotta nach der Tat zunächst nach Paris geflüchtet und von dort mit dem Bus nach Berlin gefahren. Dort wähnte er sich sicher genug, um sich in ein Internetcafé zu begeben, um stundenlang zu surfen. Dem Café-Besitzer Kadir Anlayisli ist es zu verdanken, dass der mutmaßliche Mörder und Kannibale Magnotta geschnappt wurde. So groß ist die Verehrung vor den deutschen, speziell den Berliner Strafverfolgungsbehörden, dass der Fernsehsender CTV auf seiner Internetseite über dem Bericht zum Fahndungserfolg in Berlin einen halben Tag lang die deutsche Flagge wehen liess. Derweil wurde die Montréaler Polizei nicht müde, die Gründlichkeit der deutschen Kollegen zu würdigen.

In Talkshows und Internetforen wird seither die „German Efficiency“ gelobt. Die Präzision, mit der die Polizeikadetten bei der Festnahme vorgegangen seien, wird gerühmt. Dass der Fahndungserfolg im Grunde genommen nicht der Polizei, sondern der Wachsamkeit eines Mannes namens Kadir Anlayisli zu verdanken war, wird zwar auch gewürdigt. Aber die offizielle Version heisst: Deutschland hat mal wieder alles im Griff. Oder so ähnlich.

Nicht so gut schneiden bei diesem Trauerspiel übrigens die Franzosen ab. Die hatten den Killer zwar während seines Paris-Aufenthalts observiert, ihn dann aber wieder aus den Augen verloren.

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