Like a Rolling Stone …

Seit ein paar Wochen gibt es an unserem See eine bedrohliche Situation. Das heißt, eigentlich sind es zwei. Die eine hat damit zu tun, dass ein Bär gesichtet worden ist und keiner weiss, wo er sich wann gerade aufhält. Damit kann ich gerade noch leben. Ich weiss ja selber oft nicht so richtig, wo ich gerade bin. Echt bedrohlich finde ich aber einen Felsbrocken, der etwa 20 Meter oberhalb unserer Blockhütte zu einem Haifischkopf mutiert ist.

Die Sache mit dem Bär beunruhigt die Leute am See nur bedingt. Bären gehören zu Kanada wie Dopingsünder zur Tour de France. Man weiss, dass es sie gibt. Manchmal ertappt man einen, meistens aber auch nicht. Kanadiern wird der richtige Umgang mit Bären schon im Kindergarten beigebracht. Nur: Was ist der richtige Umgang? „Beim Anblick totstellen“, hat mir einmal ein Wildbiologe in Alaska verraten. Leicht gesagt. Stellen Sie sich mal tot, wenn ein fünf Zentner schwerer Braunbär in Ihre Richtung torkelt.

Tot stellen oder Krach machen: So schlägt man Bären in die Flucht

„Krach machen“, hat mir ein anderer Bärontologe verraten. Am besten immer singen, laut reden oder eine Blechdose hinter sich herziehen. Auch nicht so praktikabel. Sind Sie schon mal mit einer leeren Suppenbüchse im Schlepptau über einen Campingplatz marschiert? Auch das mit dem Reden ist so eine Sache, wenn keiner da ist, der zuhört. Zu viele laute Selbstgespräche und du landest schnell in der Klappsmühle.

Vergessen wir also den Bären. Irgendwann wird er schon wieder verschwinden. In der Zwischenzeit muss sich unser Seenachbar Monsieur Bertrand vielleicht noch ein paar Mal ärgern. Dem hat der Bär jetzt schon wiederholt das Vogelhaus aus der Verankerung gerissen, um an Nahrung zu kommen. Denn daran mangelt es den Bären ja wohl, sonst würden sie sich bestimmt nicht in besiedelte Gegenden wagen. Die Hitzewelle der letzten Wochen und Monate hat den Blaubeerbestand dezimiert. Und da Bären nichts lieber fressen als Beeren, tun sie sich mit der Nahrungssuche schwer. Armer Bär.

Seit zwei Milliarden Jahren in Schräglage – und jetzt das!

Kommen wir also zur eigentlichen Gefahr, die zurzeit am Lac Dufresne lauert. Zum Felsen. Dieser Gesteinsbrocken ist so groß wie ein VW-Golf und steht direkt oberhalb unserer Cottage in Schräglage. Seit etwa zwei Milliarden Jahren. Der Fels gehört zum Canadian Shield und ist damit Teil der weltweit ältesten Gesteinsformation. Vermutlich hat er schon Indianderschlachten und Eiszeiten hinter sich, Geröll-Lawinen, Vulkanausbrüche und auch den einen oder anderen Tsunami – keine Ahnung. Jedenfalls hat sich jetzt eine fette Scheibe vom Fels gelöst, einfach so. Abgesplittert ohne Fremdeinwirkung. Blechschaden am Stein.

Das allein wäre nicht weiter schlimm. Nur: Der Felsen hat jetzt keinen natürlichen Halt mehr und sieht aus, als könnte er sich jeden Moment selbstständig machen. Und da der Golf on the Rock unmittelbar auf unser Häuschen losrasen würde, ist die Katastrophe programmiert. Es kann sich nur noch um ein paar Millionen Jahre handeln.

Wir sind hier nicht bei Hinkelsteins

Was also tun? Sprengen, damit sich die Gefahr in Luft auflöst? Kommt nicht infrage. So was überlassen wir den Taliban. Abstützen? Ja, aber womit? Wer oder was würde einen tonnenschweren Felsbrocken auf Jahre hinaus vom Weiterrollen abhalten können? Wir sind hier schließlich nicht bei Hinkelsteins.

Lassen wir also alles wie’s ist, Und singen lauthals gegen Bären an. Like a Rolling Stone.

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