Ist Québec noch zu retten?

Was ist los mit meinen Landsleuten? Werden sie wirklich, wie bisher alle Meinungsumfragen vermuten lassen, am kommenden Dienstag eine separatistische Regierung wählen? Wenn es so wäre, stünden uns, die wir hier nicht geboren und aufgewachsen sind, harte Zeiten bevor.

Fangen wir mit der Sprache an: Französisch ist in Quebec die Amtssprache – wunderbar! Französisch ist eine tolle Sprache, die Herzen höher schlagen lässt. Wenn aber eine Sprache zum politischen Powertool instrumentalisiert wird, habe ich damit ein Problem. Und genau das ist in Quebec der Fall. Schon jetzt, da wir noch eine Liberale Regierung haben. Erst recht, falls die separatistische Parti Quebecois an die Macht kommen sollte.

So soll künftig Studenten der Zugang zu englischsprachigen Colleges erschwert werden. Im Grundschulbereich ist das ohnehin schon der Fall. Ein Gesetzesrelikt aus alten Zeiten schreibt vor: Eltern, die hier geboren sind, müssen (mit wenigen Ausnahmen) ihre Kinder auf französische public schools schicken. Und die, dies nur nebenbei, haben nicht gerade den besten Ruf.

Geografische Nabelschau: Wo liegt Deutschland?

Das fängt bei der geografischen Nabelschau an und hört beim Sprachenrassismus auf. So kennen Absolventen von Quebecer Grundschulen zwar jeden Hügel zwischen Vaudreuil und Tadoussac. Wo der Kilimandjaro liegt oder gar die Zugspitze, können sie allenfalls googeln. Und wozu Englisch lernen? Ici, on parle français! Die Englischkenntnisse, mit denen Quebecer Schulabgänger ins Leben geschickt werden, sind nicht einmal im Ansatz dafür geeignet, sich später auf internationalem Parkett zu bewegen.

Das politische Québec schottet sich bewusst vom Rest Nordamerikas ab. Es versteht sich mit seinen sieben Millionen Einwohnern als letzte französischsprachige Bastion im Meer der englischen Sünde.

Und jetzt soll also genau jene Partei, denen wir die Sprachenpolizei zu verdanken haben, an die Regierung kommen. Schon hat Madame Marois, so würde die künftige Ministerpräsidentin heißen, angekündigt, das Budget des Office québécois de la langue française aufzustocken. Könnte ja sein, dass die Bediensteten der Sprachenpolizei neue Maßbänder benötigen, um sicher zu sein, dass die französische Beschriftung in den Läden auch wirklich doppelt so groß ist wie die englische. Das ist kein Witz, das ist die Wirklichkeit. Das ist Gesetz.

Es fehlt an politischen Alternativen

Warum trotzdem so viele Quebecer in Scharen zu dieser nationalistisch geprägten Partei überlaufen, ist angesichts der nach rückwärts gerichteten Parteiplattform schwer nachzuvollziehen. Und dann wieder doch: Es fehlt an Alternativen.

Die derzeit regierende Liberale Partei ist unter ihrem Premier Jean Charest träge, dick und fett geworden. Und ideenlos. Wer glaubt, im Jahre 2012 mit Millionensubventionen die Asbestindustrie wieder auf Vordermann bringen zu müssen, gehört in den Kerker und nicht auf die Regierungsbank. Die Liberale Partei hat durch Korruption, Arroganz und Inkompetenz viele Wähler vergrault. Die dritte Partei im Bunde, die brandneue Coalition Avenir Québec, outet sich langsam aber sicher als eine weitere Partei, die Québec vom kanadischen Staatenbund loslösen möchte. Separatisten im Schafspelz, also. Andere politische Organisationen haben es in den meisten Wahlbezirken nicht auf die Stimmzettel geschafft, sieht man einmal von Québec solidaire ab, eine weitere Gruppierung von Leuten, die glauben, es gehe auch ohne Englisch in Kanadas zweitgrößter Provinz.

Was passiert, falls die Separatisten an die Macht kommen?

Was also würde eine separatistische Regierung bedeuten? Einen Vorgeschmack dessen, was auf uns zukommt, haben wir bereits in den 80er und 90er-Jahren erlebt. Auch damals regierte jahrelang die Parti Québecois.

Anglokanadier und Allophone, also Menschen, deren Muttersprache weder Englisch noch Französisch ist, würden sich zurecht gegängelt fühlen. Die Folge: Viele – auch viele Unternehmen – würden sich in anderen Provinzen Kanadas niederlassen, wo Englisch nicht als Makel angesehen wird, sondern als das, was es ist: eine Weltsprache. Der Exodus aus Québec würde wiederum bedeuten, dass hier Arbeitsplaetze vernichtet und die Immobilienpreise an Wert verlieren würden.

Der Keil zwischen Anglo- und Frankokanadiern

Vor allem aber würde eine separatistische Regierung bedeuten, dass das harmonische Zusammenleben zwischen Anglo- und Frankokanadiern fürs Erste nicht mehr gewährleistet wäre. Das, so finde ich, wäre das eigentliche Drama.

Aber vielleicht geschieht ja bis zum 4. September noch ein Wunder. Manchmal täuschen sich ja Demoskopen auch. Oft aber auch nicht.

Eine brillante Analyse des politischen Geschehens in Quebec hat der Journalist Terence McKenna fuer die Internetseite der Canadian Broadcasting Corporation (CBC) verfasst. Den englischen Text finden Sie hier.

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