Blitzlichtgewitter in St. Henri

Schön ist es hier oben. Ein Gemeinschafts-Penthouse mit Billardtisch, Fernsehzimmer und einem Kamin für den kalten kanadischen Winter. Für den Sommer ein Schwimmbad mit coolen Liegestühlen, die einem die Sicht über downtown Montreal freigeben. Daneben Oleander, Hibiskus und andere exotische Blumen – die perfekte location für einen Photoshoot. Deshalb gewittert es manchmal auf unserer Dachterrasse.

Die Akteure dieses Blitzlichtgewitters sind: Eine Fotografin, ein Beleuchter, ein Schirmträger, eine Kabelschlepperin, eine junge Frau, die ziemlich wichtig zu sein scheint und eine ältere Frau, die möglicherweise weniger wichtig ist als sie tut. Irgendjemanden vergessen? Ach ja, die Models.

Das Model, das im Moment das Blitzlichtgewitter verursacht, ist blond, lächelt ziemlich hektisch, trägt einen Bikini von der Größe einer Babyserviette und bewegt sich vor der Kamera wie ein scheues Rehlein.

Während ich mich aus der für einen über Sechzigjährigen gebührenden Distanz an der neuen Bademode und deren Trägerinnen erfreue, fällt mir ein, dass ich irgendwann in meinem ersten Leben auch schon Model war.

Der Polizeireporter als Model für Bürostühle

In der Halle gegenüber der Waiblinger Kreiszeitung hatte sich eine kleine, aber feine Werbeagentur niedergelassen. Als einmal ein Schnellschuss für ein Büromöbel-Shooting anstand, rief der creative director in der Redaktion an. Sie bräuchten mal kurz einen gut gewachsenen Kerl, der nicht gerade aussieht wie der Glöckner von Notre-Dame. „Ich schick‘ euch unseren Polizeireporter“, höre ich Richard, den Chefredakteur, noch sagen. Und schon bin ich auf dem Weg ins Studio gegenüber.

Da sitze ich nun und werde gepudert und gekämmt, irgendjemand legt mir eine Krawatte an und zupft an meinem Hemdkragen. Vor mir ein wichtiger Leitz-Ordner und ein Fläschchen Apollinaris mit Glas. „Nicht trinken, nippen!“ warnt mich ein Mensch, den man vermutlich damals wie heute als Stylisten bezeichnet.

Der Bürostuhl, auf dem ich sitze und den es zu fotografieren gilt, mag hip sein, bequem ist er nicht. Das wiederum soll der Kunde später dem Foto im Prospekt freilich nicht ansehen. „Ganz locker, Junge“, weist der Stylist mich etwas entnervt an. „Entspann dich doch mal!“.

Du dich auch, denke ich nur. Aber was macht man nicht alles für 50 Mark.

Löcher in den Sohlen: Kein guter Start für eine Modelkarriere

Zurück in der Redaktion würde ich mich jetzt gerne für meine Modelpremiere feiern lassen. Doch der Anruf des Stylisten aus der Dunkelkammer holt mich schnell von Wolke sieben. „Deine Schuhe“, sagt der Chefredakteur, „sind nicht sehr fotogen“.

Die Jungs von der Redaktion brüllen jetzt vor Lachen und auch die gestrenge Sekretärin ringt sich ein „großartig!“ ab. Die Kamera lügt nicht: Zwei münzgroße Löcher in meinen Sohlen geben den Blick frei ins Eingemachte des Schuhbetts. Wir befinden uns in der vordigitalen Steinzeit. Photoshop kommt erst 35 Jahre später. Der Shoot muss wiederholt werden. Kein guter Start für meine Modelkarriere.

Und dann war da noch das Photoshooting für eine der ersten Ausgaben des deutschen Playboy-Magazins. Die Illustrierte „Quick“ hatte mich als Gewinner eines nicht besonders bedeutenden Journalistenpreises nach München eingeladen, um Zeuge dieses historischen Events zu werden.

Photoshooting beim „Playboy“

Wer das Model war, das sich vor meinen und mindestens 20 weiteren Augen nackt vor der Kamera räkelte, habe ich vergessen. Nicht so die Szene, wie eine Stylistin dem Covergirl den Bauchnabel schminkte und die Schamhaarfrisur toupierte. Und mittendrin der Bub aus Ummendorf.

Das alles geht mir in dem Moment durch den Kopf, als ich Zeuge des Fototermins auf unserer Gemeinschafts-Dachterrasse werde. Und während ich gedanklich noch irgendwo zwischen München und Waiblingen, zwischen Playboy und Büromöbeln schwelge, packt die Model-Karawane zusammen, das Blitzlichtgewitter zieht weiter. Zurück bleibt ein Gefühl von Schöner Wohnen in St. Henri.

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