Seniorenrabatt wider Willen

Es ist noch gar nicht lange her, da war es für mich ganz einfach, Menschen zu verblüffen. „Was?“, durfte ich mir da oft anhören, „Du bist schon 55? Unmöglich!“ „Doch, doch“, schleimte ich in solchen Situationen dann gerne zurück, „sogar schon fünfundfünfzig-einhalb“. „Kann ich nicht glauben“, flötete mein Gegenüber dann hoffentlich, „kein Fältchen im Gesicht!“ Und dann mein Standardspruch: „Der kanadische Winter konserviert eben gut“. Komisch: In letzter Zeit kann ich diesen running gag immer seltener anbringen. Und es liegt nicht am Winter.

Irgendwann holt dich das Alter ein. Wäre ich noch vor wenigen Jahren von der – für über 60-Jährige kostenlosen – Grippeschutzimpfung verbannt worden, weil man mir meine Jahre nicht ansah, heißt es jetzt immer öfter: „Stellen Sie sich bitte in die Seniorenreihe“. Wie gestern Abend im Gemeindezentrum von St. Henri, wo „Golden Agers“ der jährliche Grippeschutz verpasst wurde.

„Silver Surfer“ klingt cooler als „Golden Ager“

„Golden Agers“ hört sich schrecklich an. Was, bitteschön, soll denn „golden“ sein am Alter? Es muss ja nicht ganz so schlimm sein, wie es die alte Unke Leonard Cohen besingt („My friends are gone and my hair is grey. I ache in the places where I used to play“) „Golden“ ist anders.

Im Internet-Nutzerverhalten nennt man die alteren User „Silver Surfers„. Das klingt cooler, finde ich. „Golden Agers“ waren für mich früher immer die Damen mit lila Kostüm und rosa Haaren. Oder umgekehrt. Oder die Herren mit Pepitahosen und Golfmütze. Bald gehöre ich selbst dazu. Zwar beziehe ich noch keine Rente und denke auch nicht daran, den Staat zu schröpfen, so lange ich einen Kopf und zwei Hände habe, die mir die Ausübung meiner Tätigkeit erlauben. Aber die 65 rückt unaufhaltsam näher.

Vor ein paar Jahren habe ich für meinen Kumpel Bob den Beatles-Song „When I’m sixty-four“ umgedichtet und ihm damit zum 64. Geburtstag ein Ständchen zur Gitarre gesungen. Bob kam mir damals unglaublich alt vor und ich fühlte mich unglaublich jung. Jetzt ist Bob tot und ich kann mir den 64er-Song in drei Monaten zum eigenen Geburtstag vorsingen.

Kann es sein, dass mit zunehmendem Alter die Wahrnehmung der eigenen Lebensjahre verschwimmt?

Der Tag, an dem ich Senior wurde

Im vorigen Winter, als das Eisdorf in Montreal eröffnet wurde, verkaufte mir die junge Frau an der Kasse ein Seniorenticket. Einfach so, ohne nach meinem Alter zu fragen. Ich bin sicher, die Kartenverkäuferin ahnte nicht einmal, wie sehr sie mich damit getroffen hatte. Im Gegenteil: Bestimmt war sie der Meinung, mir mit der verbilligten Eintrittskarte einen Riesengefallen getan zu haben. Dabei wäre ich mit zunehmendem Alter gerne bereit, fast jeden Preis dafür zu zahlen, nicht auf diesen verdammten Seniorenrabatt angesprochen zu werden.

Viel Grau, wenig meliert. Und noch immer kein Porsche

Vor gefühlten 100 Jahren, als das erste graue Haar meine Schläfen zierte, fand ich den Elder Statesman-Look noch total aufregend und irgendwo auch schick. „Grau melierte Herren“ waren in meinem Altersverständnis coole Typen, die Porsche fuhren und alles blickten. Been there, done that. Aber aus dem „grau meliert“ wurde irgendwann mehr grau als meliert. Und irgendwann nur noch grau.

Und Porsche bin ich immer noch nicht gefahren.

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