Starke Geschichten aus St. Henri

Früher Tabakfabrik, Heute Wohnloft: Imperial Tobacco in St. Henri © Imperial Tobacco

Von Geschichten und Geschichte soll heute im Blog die Rede sein. Und von Menschen, die ihre Freizeit für einen guten Zweck zur Verfügung stellen. Camillo und Anne-Marie sind zwei dieser Menschen. Geschwister aus St. Henri, dem Montrealer Stadtteil, in dem ich wohne. Die Beiden haben mir den schönsten Sonntagnachmittag seit langem beschert.

Kinder von St. Henri © Société historique de Saint-Henri

Getroffen habe ich Camillo und Anne-Marie, beide Mitte 50, im Feuerwehrhaus, gleich neben der Métro-Station Place St. Henri. Im 2. Stock dieses beeindruckenden Gebäudes aus den 20er-Jahren des vorigen Jahrhunderts findet zurzeit eine Art Heimatausstellung statt. Gezeigt werden ca. 150 Fotos von Kindern, die in St. Henri groß geworden sind. Camillo und seine Schwester Anne-Marie gehören der Société historique de Saint-Henri an. Das sind Männer und Frauen, die viel Zeit investieren, damit die Vergangenheit ihres Stadtviertels nicht in Vergessenheit gerät.

Ich weiss nicht viel über die beiden Geschwister. Nur, dass Ihre Großeltern aus Italien eingewandert sind und sich in St. Henri niedergelassen haben. Dort gab es zu jener Zeit günstige Wohnungen und ordentliche Jobs. Der Opa war Weichensteller im „Roundhouse“ und dafür verantwortlich, dass die Loks zum Service auf dem „Turntable“  in die entsprechenden Fach-Werkstätten navigiert wurden. Ann-Marie erzählt dies mit so viel Hingabe und Stolz auf das Verantwortungsbewusstsein ihres Großvaters, dass es ihr fast die Tränen in die Augen treibt.

Stripschuppen, Boxhalle, Cabaret – und die schönsten Markthallen in Montréal

Camillo, die andere Hälfte der Historischen Gesellschaft von St. Henri, weiss fast alles, nein: alles, über die Geschichte jenes Stadtteils, den wir uns zum Leben ausgesucht haben. Früher: Arbeiterviertel mit Vaudeville-Theater, Boxhalle und Striplokalen. Heute: Immer noch Arbeiterviertel, aber mit loftigem Publikum, das einige der ehemaligen Fabriken bevölkert. Und, ja, immer noch Vaudeville-Theater, Boxhalle und Stripschuppen. Und die schönsten Markthallen von ganz Montréal.

Barbershop in St. Henri

Ganz in unserer Nachbarschaft standen eine Hemdenfabrik, eine Nähmaschinenfabrik, ein paar Häuser weiter eine Spielzeugfabrik. Fünfhundert Meter Richtung Fluss gab es eine Lackfabrik und dann noch eine für Süßwaren.

Wir wohnen in einer ehemaligen Tabakfabrik, in der zu den besten Raucherzeiten mehr als 3000 Menschen gearbeitet haben. Als das Rauchen uncool wurde und „Made in Canada“ zu teuer, wurden große Teile der Produktionsstätte nach Mexiko verlegt. Geblieben sind mächtige Fabrikationshallen mit Decken so hoch, dass einem schwindlig werden kann, Betondecken, die Rostflecken zieren und hin und wieder auch ein Haken. Fabrikhallen, die liebevoll in schicke Wohnlofts umgebaut wurden.

Nicht weit von hier, an der Rue St. Antoine, steht ein enormes Ziegelgebäude, das schon bessere Zeiten gesehen hat. Heute habe ich erfahren, dass dort RCA sein Zuhause hatte, einer der größten Grammophonhersteller des letzten Jahrhunderts. Hier wurden nicht nur Schellackplatten gepresst und hochwertige Plattenspieler produziert, sondern auch Hits aufgenommen. RCA unterhielt in dem Ziegelgebäude bei uns um die Ecke eigene Tonstudios.

Der starke Louis stemmt 19 Männer auf einer Plattform

Dass in einem „blue collar„-Viertel wie St. Henri noch Platz für Kreative ist – damals wie heute -, spricht für die breite Palette, die unser „quartier“ zu bieten hat. Der wohl berühmteste Bewohner meiner neuen Heimat war der Jazzpianist Oscar Peterson. Von einem weniger bekannten, dafür umso kräftigeren Zeitgenossen berichtete mir Camillo heute Nachmittag. Louis Cyr hieß der Kerl, der zu seiner Zeit als der stärkste Mensch der Welt galt. Er konnte viereinhalb Zentner mit drei Fingern hochheben. Seine größte Leistung sei es gewesen, eine Plattform zu stemmen, auf der 19 Männer standen.

Für seine Talente wurde Monsieur Cyr im fortgeschrittenen Alter übrigens kräftig belohnt: Mit einer Lebensstellung als Streifenpolizist in St. Henri.

>>> Toller Film des National Filmboard of Canada über St. Henri (1962) <<<

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