Beim Zahnarzt mit Lenny

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Nach dem Zahnarzt ist vor dem Zahnarzt. Ich flosse, putze, gurgle, sorge vor. Und trotzdem würde es durchaus Sinn machen, mich in einer Zahnarztpraxis als Dauermieter einzuquartieren. Ich sei sein liebster Patient, hat mir mein Zahnarzt einmal gesagt. Kein Wunder, wenn die jährlichen Zahnarztkosten höher sind als die Heizungsrechnung.

Der Zahnarzt meines Herzens ist inzwischen 78 Jahre alt und denkt nicht ans Aufhören. Warum sollte er auch? Sein ehemals aufrechter Gang schwächelt zwar ein bisschen, aber den Bohrer führt er noch immer so ruhig wie vor 30 Jahren. So lange kennen wir uns schon. Und würden demografische Erfahrungswerte nicht dagegen sprechen, sähe ich keinen Grund, es nicht noch weitere 30 Jahre mit Dr. F. auszuhalten. Wir sind ein gut eingespieltes Team.

Die Frau, die meine Wurzeln kennt

Auch Pat, die gute Seele an seiner Seite, kennt meine Wurzeln, und sei es nur vom Röntgenbild. Ich gehe zu Wurzelbehandlungen wie andere Leute zum Friseur. Und bezahle treu und brav für jede einzelne Sitzung. Im „besten Gesundheitssystem der Welt“, wie Kanada sein Universal Health Care gerne feiert, hört die Universalität beim Zahnarzt auf. Jeder Cent kommt aus der Tasche des Patienten.

Das Gemeine beim Zahnarzt ist: Anders als beim Friseur, dem man ja bekanntlich viel erzählen kann, hat beim Zahnarzt meistens nur einer das Wort. Und das ist ER. Und weil ich mich gerne von einem lebenserfahrenen Menschen wie Dr. F. unterhalten lasse, während er mir Berge von Zahnstein wegmeißelt, Füllungen verpasst oder auch die eine oder andere Krone, überlege ich mir meistens schon vor dem Termin die eine Frage, die ich ihm heute stellen werde. So gerät der Dialog  zwar wieder zur Einbahnstraße, aber das liegt nun mal in der Natur des Zahnarztbesuchs.

Eine Zahnbehandlung lang Cohen-Talk

Meine Lieblingsfrage ist: „Wie geht’s Lenny?“ Die Antwort dauert in der Regel so lange wie die komplette Zahnbehandlung. Denn über Lenny gibt es viel zu erzählen.

Lenny ist Leonard Cohen, ja, der Leonard Cohen. Er ist mit Dr. F. aufgewachsen, zur Schule gegangen und ein Stück weit auch zur Uni. Doch während Dr. F sich nach den Vorlesungen meistens brav auf den Heimweg ins Villenviertel Westmount machte, ließ es Lenny gerne noch etwas krachen. So gab es an der Avenue de la Montagne zu jener Zeit ein Underground-Café, in dem sich Poeten, Sänger, Maler und andere Bohèmiens nächtelang zu Lesungen, Bier und Mädels trafen, nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Manchmal, ganz selten, sei Dr. F. mitgegangen, erzählte er mir mal. Aber das war nicht so richtig seine Welt.

Donnerstagabend schließt sich nun der Kreis, den Dr. F. und ich seit nunmehr 30 Jahren gemeinsam begehen: Ich werde beim Leonard Cohen-Konzert im Montrealer Bell Centre sein.

Lenny live. Muss ich unbedingt meinem Zahnarzt erzählen.

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