Dépanneur: Milch um Mitternacht

depanneur

Typischer Dépanneur im Montréaler Stadtteil St. Henri – Foto: Bopp

Es gibt immer noch Dinge in Québec, auf die man sich verlassen kann. Dazu gehören neben bröckelnden Brücken und überfüllten Notaufnahme-Stationen auch Mafiamorde, Schmiergeldaffären und der Dépanneur an der Ecke. Dépanneure sind Tante-Emma-Läden, die Pannenhilfe leisten, wenn Ebbe im Kühlschrank herrscht.

Auf Äußerlichkeiten legt der Dépanneur keinen besonders großen Wert. Schöner Einkaufen ist anders. Was zählt ist der Inhalt, nicht die Verpackung. Ein paar Regale, wenn überhaupt, und Stapel von Kisten, aus denen sich der Kunde selbst bedient.

Viele Dépanneure sind rund um die Uhr geöffnet. Sieben Tage die Woche, Weihnachten, Neujahr und Nationalfeiertage inklusive, sowohl kanadische als auch chinesische. Denn Dépanneure sind fast immer in asiatischer Hand. Männer und Frauen, oft mit ihren Kindern, stehen bis tief in die Nacht hinterm Ladentisch und geben durch ihre Schweigsamkeit den Ton an. Ein winziges Kopfnicken beim Bezahlen ist oft die einzige menschliche Regung, die sich so ein Dépanneur dem Kunden gegenuber gestattet. Unser Dépanneur an der Ecke lächelt immer und spricht nie.

Aber auch schweigend haben Dépanneure die Gabe, dich aus so ziemlich jeder Lebenslage zu retten. Geht dir für den Schlummertrunk der Wein aus – kein Problem. Es gibt ja den Dépanneur. Keine Kippen mehr? Der Dépanneur hält die Marke deines Herzens auch dann noch bereit, wenn andere längst schlafen. Zucker, Waschpulver, Wundpflaster, Bier, Mehl, Lottoscheine, Milch, Hundefutter und Schraubenzieher: Dem „Dépanneur“ fehlt es an nichts. Nur an Worten.

Immer geöffnet. Immer chinesisch. Immer an der Ecke.

Über seinen Dépanneur weiss man nur wenig. Glaubt man den Anekdoten, die sich Québecer untereinander erzaãhlen, dann war fast jeder chinesische Dépanneur in seinem Heimatland einmal Herzchirurg, Polizeichef, Universitätsprofessor oder zumindest Oberlehrer. In manchen Fällen mag das stimmen, in den meisten sicher nicht. Genauso wenig wie die Mähr zutrifft, dass in Paris jeder Taxifahrer ein Dichter ist, der von russischen Zaren abstammt.

Egal. Ohne den Dépanneur wäre mein Leben ärmer und mein Kühlschrank nur halb so gut bestückt.

Danke, Dépanneur!

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