Jean-François will nicht mehr

taxErst war er nur der Ersatz für meinen allzu früh verstorbenen Steuerberater. Dann wurde er “mein Neuer”. Nach fast 20 Jahren Bücher prüfen und Bilanzen lesen ist Jean-François zu einem Freund geworden. Unser gemeinsames Hobby ist … essen. Wenn wir essen, essen wir richtig lang und auch viel. Und wenn wir erzählen, lassen wir nichts aus. Am Freitag war wieder Esserzähltag.

Was unsere kulinarischen Vorlieben betrifft, sind wir flexibel. Wir erzählen uns viel häufiger von Restaurants, die wir kennen, als dass wir sie auch gemeinsam besuchen. Jean-François kennt sich in der chinesischen Küche gut aus (nicht nur weil er seine beiden Kinder in China adoptiert hat und dort auch mehrere Male war).

Ich wiederum schätze von der asiatischen Küche besonders die thailändische, bedingt auch die vietnamesische und natürlich die indische. Bei meiner Ankunft in Kanada vor 30 Jahren war es mit dem kulinarischen Angebot in kanadischen Städten nicht weit her. Auf den lokalen Inder konnte man sich da in fast jeder Stadt verlassen.

Essen, trinken, Steuerfragen

Unsere gemeinsamen Essen finden immer in einer portugiesischen Taverne statt, die im Norden von Montréal liegt. Es ist mehr Kantine als Restaurant, aber das Essen ist vorzüglich. Ein Familienbetrieb, in dem der Sohn der Grillmeister ist und der Vater der Chefkoch. Mama macht Salate und Desserts – alles appetitlich einsehbar durch die Glaswand, die Küche und Gastraum voneinander trennt. Die Tochter mixt die Getränke, der Schwiegersohn ist für den Service zuständig. Dass der Laden jedes Mal genagelt voll ist, wundert mich nur insofern als das kleine Restaurant in einem Industriegebiet liegt, weit weg vom Zentrum der Metropole Montréal.

Schweineschnitzel vom Holzkohlengrill mit ebenfalls gegrillten Kartoffeln, Salat und Gemüse, hinterher Flan – es gibt exotischere Gerichte. Aber das Ambiente stimmt und auch der Preis. Und natürlich der Service.

Gestern war die Stimmung bei unserem vorweihnachtlichen Essen etwas getrübt. Jean-François hatte eine gute und eine schlechte Nachricht für mich. Die schlechte Nachricht: Er gibt sein selbstständiges Steuerberatungsbüro auf und geht demnächst in Festanstellung zu einem großen Unternehmen. Die gute Nachricht: Er wird auch weiterhin die Steuererklärung für meine Ein-Mann-Firma machen, als Freundschaftsdienst gewissermaßen.

Ein schrecklicher Sommer: Selbstmord und Bankrott

Dass er aus der Selbständigkeit aussteigt, hat einen traurigen Grund. Es gab da einen schrecklichen Monat im vorigen Sommer: Drei seiner großen Kunden sind abgesprungen. Mehr oder weniger. Der erste hat Selbstmord begangen. Der zweite liegt nach einem Suizidversuch im Krankenhaus. Und der dritte musste Konkurs anmelden.

Jean-François mag nicht mehr. Er ist jetzt Anfang fünfzig und will sich künftig lieber mit gutem Essen beschäftigen statt mit Dramen, für die er keine Erklärung hat.

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