Die alte Frau und das Meer

beachSie lächelt. Steht da am Strand von Paguera und lächelt. Einfach so. Sie sei jetzt 87 Jahre alt, sagt die Frau, und es gehe ihr blendend. „Schauen Sie doch mal: Das Meer, die Sonne, die netten Menschen!“ Wenn das kein Grund zum Lächeln ist.

Sie sächselt ein wenig, dann schwäbelt sie. In Leipzig sei sie geboren, in Stuttgart habe sie lange gelebt. „Wissen Sie“, sagt meine neue Bekanntschaft, “ich habe lange auf diese Reise gespart“.

Wie lange – das musste ich erst einmal verdauen.

Ein Jahr lang habe sie jeden Tag einen Euro ins Sparschwein geworfen. Dann noch von ihrer kleinen Rente was draufgelegt – und fertig war der Mallorca-Urlaub. Euro für Euro, Tag für Tag. Traum für Traum.

Und jetzt lächelt sie.

Sie komme schon seit mehr als 46 Jahren auf die Insel, sagt sie. Früher mit ihrem Mann. Als der dann starb, führte sie die Tradition im Alleingang fort. Ja, im Alleingang. Gerade kommt sie von einer Wanderung zurück. Alleine.

Sie wohnt in einem Hotel, direkt am Strand von Paguera. Es ist einer dieser Kästen, die an jene Zeit erinnern, als Mallorca noch für Neckermänner war. Damals, als sie noch mit ihrem Mann auf die Insel kam. Sixties, vielleicht seventies.

Die Zimmer seien sauber und jeder Balkon habe Sonne. Die Mahlzeiten, naja, man werde satt. “Das ist doch die Hauptsache”, sagt sie. Und lächelt.

Ein Nachmittag mit Frau und Freund am Strand von Paguera. Gutes Essen im „La Vida“, freundlicher Service, prima Gespräche. „Ins La Vida“, sagt der Kumpel zur freundlichen Frau, „sollten Sie auch mal zum Mittagessen“. Für drei Gänge zahle man dort weniger als 10 Euro.

Das sei ihr zu viel, sagt die Frau. Ihre Rente lasse keine Sperenzchen zu. Und das Sparschwein, naja, das müsse eben für den Flug herhalten.

Genau in dem Moment, als wir die Frau zum Eis einladen wollen, ist sie weg. Verschwindet einfach so, immer am Strand entlang. So wie sie gekommen war.

Das letzte, das wir von ihr sehen, ist ihr Lächeln.

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One thought on “Die alte Frau und das Meer

  1. Da kommen einem ja direkt die Traenen. Immer mehr stehen mir die Realitaeten des alterns vor Augen und Dein Blog zeigt einmal mehr – positives Denken und kein Selbstmitleid sind angebracht
    Hab Dank fuer diesen ruehrenden Beitrag.

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