Die Story vom gestohlenen Herzen

oratory

Tatort Pilgerstätte: Das Oratoire St. Joseph in Montréal heute Nachmittag. © Foto: Bopp

Kurz nach meiner Ankunft in Montreal vor mehr als 30 Jahren wurde mir eine Geschichte zugetragen, die mich bis heute fasziniert. Es ist die Geschichte vom gestohlenen Herzen.

Das Herz gehörte Bruder André, einem katholischen Geistlichen, der anscheinend Wunder vollbrachte. Zu seinen Ehren wurde später eine Pilgerstätte errichtet, die jährlich von bis zu drei Millionen Menschen besucht wird. Als ich vorhin eher zufällig am Oratoire St. Joseph vorbeimarschiert bin, fiel mir die Geschichte wieder ein.

Die Pilgerstätte ist riesig. Sie gilt neben dem Petersdom in Rom, dem sie nachgebaut wurde, als die zweitgrößte Basilika der Welt. Die Bauarbeiten begannen 1924 und dauerten mehr als 40 Jahre. Das Schiff der im italienischen Renaissancestil errichteten Kirche bietet Platz für bis zu 3000 Menschen. Die Spitze des Doms ragt 236 Meter über den Meeresspiegel in den Himmel. Es ist der höchste Punkt Montreals.

Allein bis zum Haupteingang der Kirche müssen die Besucher schon 280 Treppenstufen zurücklegen. Manche Gläubige robben die Strecke auf ihren Knien hoch – alles zur Ehre des inzwischen heiliggesprochenen Bruder André.

Im Inneren der Basilika gibt es eine Rolltreppe, die zu einer Plattform führt, von der aus ein wunderbarer Panoramablick in den Norden, Westen und Osten der Stadt möglich ist. Bei klarer Sicht ist von hier aus sogar das mehr als 100 Kilometer nördlich gelegene Laurentiden-Gebirge zu sehen.

Irgendwo in diesem Koloss von Kirche ruhte also das Herz des im Jahr 1937 verstorbenen Geistlichen. Millionen Pilger statteten dem Heiligen Herzen einen Besuch ab. Hunderte von ihnen behaupteten später, von Krankheiten geheilt worden zu sein.

Das Herz des Bruder André gehört seither zur Geschichte Québecs wie die stille Revolution und der Sprachenstreit zwischen Anglo- und Frankokanadiern.

Dann geschah etwas Eigenartiges: Im März 1973 wurde das in einer Schatulle aufbewahrte Herz aus dem Museum der Basilika gestohlen. Unter den Katholiken von Québec herrschte Aufruhr. Es bildeten sich Gruppen von Gläubigen, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, das Herz zu finden. Umsonst. Das Herz blieb verschwunden.

Bis zum Dezember 1974. Ein anonymer Anrufer meldete sich bei einem Montrealer Anwalt. Er sei im Besitz des gestohlenen Herzens. Gegen ein Lösegeld von 50 000 Dollar werde er das Organ freigeben.

Doch die Kirche war nicht bereit, das Lösegeld zu bezahlen. Durch das Telefonat war es allerdings möglich, den Ort des Anrufers ausfindig zu machen. Im Kellergeschoss des Gebäudes, von dem aus der Anruf getätigt worden war, wurde das Herz schließlich unversehrt gefunden.

Inzwischen befindet es sich wieder im Museum der Basilika. Sicherheitsbedienstete bewachen das Herz des Bruders Andrés seither rund um die Uhr.

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2 Gedanken zu „Die Story vom gestohlenen Herzen

  1. tja ,wirklich eine ‚ herzige Geschichte ‚ ! Kann’st Du evtl.mal das Stufenmaß durchgeben ? Ganz sicher eine gute Fitness Treppe ?! Mir gefällt allerdings auch die Rolltreppe ganz oben. So etwas gab es leider nicht in der grössten Basilika. Dafür ist sie voll klimatisiert und es passen 18000 Leute rein. Höher als Saint Peters Dom. 300 Million US$,angeblich aus der Privatschatulle des Presidenten Félix Houphouet- Boigney in 1989. Erbaut in seinem Geburtsdorf : Yamoussoukro / Elfenbeinküste ,mit Rollfeld für die Concord !
    Ich ringe jetzt noch nach Luft …auch ohne Treppe !

    Rolf, Costa de la Calma, Baleares

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  2. Wie Du diese Anekdoten ausgraebst, ist mir ein Wunder. Auf jeden Fall bin ich nun um eine weitere geschichtliche Kenntnis im katholischen Quebec bereichert.
    Maggy in Montreal

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