Wahlkampf: Politik mit Posters

plakat

Wenn am 19. Oktober in Kanada ein neues Parlament gewählt wird, möchte unsere Freundin Marjolaine Boutin-Sweet bitteschön wiedergewählt werden. Seit vier Jahren sitzt sie für die New Democratic Party im Bundestag. Die Chancen für eine Wiederwahl stehen gut. Bei den Meinungsumfragen belegen die Neuen Demokraten zurzeit Platz eins.

Die NDP liegt ziemlich weit links, ist für die Aufnahme von Flüchtlingen und, anders als die regierenden Konservativen, gegen jegliche militärische Intervention in Syrien oder sonstwo.

Da hilft man doch gerne mal Wahlplakate kleben.

Wer die Seele einer Großstadt erkunden möchte, muss nur einmal nachts um die Häuser ziehen – am besten mit einem Packen Posters unterm Arm. Bei positiver Betrachtung kann das Hupen der vorbeifahrenden Autofahrer als Zeichen der Solidarität gewertet werden. Könnte aber auch sein, dass das orangefarbene Plakat mit dem fetten NDP-Logo über Marjolaines Konterfei manchem ein Dorn im Auge ist, weil man vielleicht doch lieber den Kandidaten der nach Unabhängigkeit strebenden Separatistenpartei Bloc Québecois in Ottawa sehen würde.

Egal, in welche Richtung die Plakataktion läuft – es ist ein déjà-vu mit der Vergangenheit. Das letzte Mal, dass ich Plakate geklebt habe, war vor 50 Jahren. Damals spielte ich Gitarre bei „Sir Henry and his Outlaws“ – der vermutlich härtesten Rockband östlich von Liverpool.

Und jetzt also Posters im Namen der Politik. Marjolaine vertritt den Wahlbezirk Hochelaga, einen der ärmsten der Vier-Millionen-Stadt Montréal. Bierkneipen und Biillardstuben, Pfandleihhäuser und Tante-Emma-Läden, die auch morgens um eins noch Zigaretten und Groschenromane verkaufen. Daneben das eine oder andere Restaurant, das sich den großen Durchbruch in der anspruchsvollen Montréaler Gastronomie-Szene erhofft.

Auch eine wunderschöne Markthalle gibt es an der Rue Ontario, ganz in der Nähe des Olympiastadions. Wie konnte ich die vergangenen 35 Jahre nur so achtlos an diesem prachtvollen Gebäude vorbeifahren?

Auch der mächtige Brunnen mit seinen gusseisernen Schildkröten-Skulpturen war mir vorher noch nie aufgefallen. Aus einer Altbauwohnung ertönt Musik. Jede Menge Scheinwerfer und ein paar Kameras sind durch das offene Fenster zu sehen. Es wird ein Rockvideo gedreht, mit einem Künstler, den vermutlich nur die kennen, die in Hochelaga zuhause sind.

Marjolaine MUSS einfach gewinnen am 19. Oktober. Und sei es nur, damit ich einen Grund habe, öfter mal in ihrem Wahlbezirk vorbei zu schauen.

Hochelaga: Vorne die Markthalle, weit hinten das Olympiastadion. Fotos © Bopp

Hochelaga: Vorne die Markthalle, weit hinten das Olympiastadion. Fotos © Bopp

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One thought on “Wahlkampf: Politik mit Posters

  1. Jetzt, vor fast genau vier Wochen, war ich – umständehalber – auf einem Spaziergang durch einen Teil des Wahlkreises in dem Deine NDP-Wahlplakate wohl hängen.
    Mein Bus zurück nach Ottawa war verzögert und so bummelte ich durch Nebenstraßen und Hinterhöfe nahe Berri-deMontigny.
    Und hinein in die hochsommerlich entspannte und vollkommen sorglose Friedfertigkeit dieser flanierenden Minuten platzte eine Erinnerung, die Deiner NDP-Kandidatin sicher zusagt. Ich fühlte mich gedanklich zurückversetzt in genau jenes Stadtviertel jetzt vor nachgerade fast sechzig Jahren. Ich arbeitete damals als hausinterner Buchprüfer einer Einzelhandelskette, zu der auch ein Vertriebszweig gehörte, der sich mit dem Verkauf von Textilbekleidung befasste. Die Firma verkaufte Klamotten, die die Kunden im Abstotterungsverfahren erwarben. Man konnte also ein Oberhemd für vier Dollar kaufen und schrittweise, Woche um Woche, dime by dime, abzahlen.
    Jetzt war ich mit einem der „Salesman-Collectors“ unterwegs um zu prüfen, wie er das Geld eintrieb und ordnungsgemäß an der Firmenkasse entrichtete.
    In einer – es war ein bitterkalter Februarvormittag – tief verschneiten lane in der Nähe der Ontario Street, polterte der collector gegen eine blecherne Garagentür, die sich nicht öffnete und die er nun im Selbstbedienungsverfahren selbst aufstiess.
    In der Garage…kein Auto…nur ein ziemlich hoher Haufen zerknüllten Zeitungspapiers. Der Mann griff nach einem Besenstiel, stocherte in den Papierhaufen und heraus kam eine zerlumpte und zahnlose ältere Frau, die ihm – absolut wortlos – einen Nickel, eine Fünfcentmünze gab. – Sie brauche, sagte sie dann aber doch, eine neue Unterhose. Und so ging er hinaus zum Wagen, holte den Schlüpfer und machte einen Eintrag in ihrem Kundenbuch. „I`ll need a dime next week…“
    Dies Kanada liegt jetzt weit zurück. Sehr weit. GsD.
    Grüss Lore und Cassian.Joachim

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