Und plötzlich kommt die Angst

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Vollidiot mit Joker-Maske: “Bringe jede Woche einen Araber um”. © CTV-TV – Screenshot

Diesen Blog gibt es seit etwas mehr als vier Jahren. Als er im August 2011 im Netz auftauchte, lag mir daran, darauf hinzuweisen, warum ich eine Internetplattform dieser Art für an der Zeit hielt: „Weil es Dinge über Kanada zu sagen gibt, die Sie in keiner Zeitung lesen. Schöne Dinge, aber auch nicht so schöne“.

Heute geht es um die nicht so schönen Dinge. Genauer: Warum sind in Blogs und auf den Kommentarseiten der großen kanadischen Sender und Zeitungen in letzter Zeit plötzlich so viele rassistische negative Einträge gegen den Zustrom syrischer Flüchtlinge zu finden? Schlimmer noch: Warum gibt es im sonst so friedlichen Kanada plötzlich vermehrt Übergriffe auf Menschen muslimischen Glaubens und auf Moscheen?

Um nur einige Beispiele zu nennen: In Peterborough/Ontario brannte eine Moschee ab. Im nicht weit entfernten Kitchener wurde ein Hindu-Tempel zerstört. In Toronto griffen unbekannte Idioten eine Kopftuchträgerin vor den Augen ihrer Kinder an. In Dorval/Quebec gingen bei einer muslimischen Gemeinde niederträchtige Drohungen ein. Und in Montreal wurde jetzt ein 24jähriger Looser festgenommen, der nichts Besseres zu tun hatte, als im Internet anzukündigen, er werde von jetzt an jede Woche „einen Araber umbringen“.

Hass-Attacken wie diese machen mich fassungslos, aber auch ratlos. Nach mehr als 30 Jahren Kanada war ich der Meinung, die hirnlosen Hetzer lebten woanders, nicht hier. Keine extreme Partei hat es in Kanada jemals zu irgendwelchen noch so bescheidenen Wahlsiegen gebracht, nicht einmal annähernd. Kopftücher und Turbane gehörten schon zum Stadtbild von Metropolen wie Montreal, Toronto oder Vancouver, als die meisten Menschen in Deutschland nocht nicht einmal richtig wussten, wie „Dschihadist” und “Sikhs” buchstabiert wierden.

Und jetzt das. Als ich neulich im Internetforum des öffentlich-rechtlichen Senders CBC einem fremdenfeindlichen User entgegenhielt, dass die  von der neuen kanadischen Regierung geplante Aufnahme von 25.000 syrischen Flüchtlingen sehr wohl bis zum Jahresende machbar sei, schlug mir der Hass nicht nur dieses Kommentators entgegen. Auch viele andere User reagierten mit grober, unsachlicher Kritik an meinen Äußerungen. „Paris hat uns gezeigt, wohin der von dir so gut geheißene Zuzug syrischer Flüchtlinge führt“, musste ich mir in einem Post sagen lassen. Ehe ich mein Gegenargument ablassen konnte, entschied sich der Admin, das Forum zu schließen.

25.000 syrische Flüchtlinge will Premierminister Justin Trudeau ins Land lassen. 25.000! Auf die Provinz Quebec würden gerade mal sechstausend davon fallen. Für deutsche Aufnahmeverhältnisse eine geradezu lächerlich geringe Zahl.

Wovor kommt plötzlich diese Angst vor einer „Überfremdung“? Kanada geht es gut. Die Infrastruktur eines Landes, das 40 mal so groß ist wie Deutschland, würde einen Zuzug viel gröseren Ausmasses erlauben. Mit dem neuen Premierminister Justin Trudeau hat eine neue Ära begonnen, die eigentlich vielen Politikverdrossenen Mut machen müsste.

In einem Punkt haben die Kritiker allerdings nicht unrecht: Die ärztliche Versorgung ist in Kanada miserabel, die meisten Menschen haben keinen Hausarzt. Die Wartezeiten für Fachärzte betragen oft Jahre. Flüchtlinge würden sofort und ohne Wartezeit in den Genuss der medizinischen Versorgung kommen. Das mag manchen Kanadier schmerzen, der seit zwei Jahren auf eine Hüftoperation wartet.

Wenn es überhaupt eine Erklärung für die fremdenfeindlichen Tendenzen in Kanada gibt, dann vielleicht diese: Es fehlt an der politischen Aufklärung in den Schulen, auf der Straße, im Familienkreis. Politik ist, sieht man einmal vom Sprachenstreit in der frankokanadischen Provinz Quebec ab, bei den meisten Menschen hier einfach kein Thema. Es gibt keine Streitkultur. Wer sich erdreistet, bei einer Party das Thema Politik vom Zaun zu brechen, gilt schnell als Spielverderber.

Aber es gibt auch gute Nachrichten: In Nova Scotia, an der kanadischen Atlantikkuste, sind die Telefonleitungen zusammengebrochen, weil sich nach einem Aufruf so viele Menschen als Flüchtlingshelfer gemeldet hatten.

Und auch die kanadische Geschichte lässt mich hoffen: Kanada ist von Einwanderern gegründet worden, gerade auch von Flüchtlingen. Während der großen Einwanderungswelle vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurden mehr als drei Millionen Menschen mit offenen Armen empfangen.

Da müssten doch noch 25.000 Flüchtlinge aus Syrien zu stemmen sein.

poster

Infotafel am Montrealer Hafen. © Bopp

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3 thoughts on “Und plötzlich kommt die Angst

  1. @Lars: Natuerlich kann die Integration von Syrern in Kanada auch fehlschlagen. Es gibt aber die unglaublich grosse Chance, dass sie – trotz aller kulturellen Unterschiede – in der Mehrheit der Faelle unglaublich gut funktioniert. Es gibt nichts Interessanteres, als sich mit gut gebildeten, gut integrierten Menschen mit Herkunft aus dem Nahen Osten zu unterhalten. Diese Gespraeche sind unglaublich bereichernd, weil diese Menschen in ihrem Kopf Bruecken zwischen den Kulturen gebaut haben.

    Im Uebrigen: Wenn man einem Mitmenschen hilft, dann ist das immer mit Kosten, Risiko und Aufwand verbunden. Das Wort Hilfe impliziert doch, dass man selber etwas gibt – Zeit, Geld, Sicherheit und auch Vertrauensvorschuss. Es kann unglaublich frustrierend sein, wenn gut gemeinte Hilfe nicht auf fruchtbaren Boden faellt. Andererseits ist es doch ein unglaublich tolles Gefuehl, wenn man etwas bewirken kann – individuell oder eben als Gesellschaft.

    Darueber hinaus durchlaufen die 25000 Fluechtlinge genug Kontrollen, um das Risiko islamistischer Trittbrettfahrer zu minimieren. Und machen wir uns nichts vor: Wenn ich Terrorist waere, dann waere Kanada so ziemlich das letzte Land, in dem ich einen Anschlag planen wuerde. Auf dem internationalen Parkett ist Kanada einfach nicht bedeutend genug.

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  2. Herbert, kennst du dich mit syrien aus??? In syrien gibte es schon seit übretr 40 Jahren die Moslembrüder, die eine ideologie verfolgen, die dem des IS ähnlich ist! Die haben in syrien auch mal einen Putsch versucht ,war in Homs, weiß jeder Syrer! Der Alte Assad hat den Putsch mit einem militärischen Großeinsatz niedergeschlagen, alle Moslembrüder seitdem die er fassen konnte töten lassen! Assad hat seit seiner Machtübernachme in dne 1970er Jahren regelmäßig gegen israel und gegen Juden gehetzt, hat seine Medien dazu benutzt!

    Natürlich sind nicht alle Syrer so wie die Moslembrüder oder glauben die Hetze von Assads Regime, aber das muss man alles mit berücksichtigen! Zudem die Kultur in syrien auch anders ist, Frauen sind da nur mit aganz wenigen Ausnahmen “oben ” zu finden und der Mann gilt dort mehr als die Frau im öffentlichen Leben, das hat mir ein syrischer Student selbst bestätigt!

    Die meisten Syrer sind moderat und können sich den Gegebenheiten ihrer neuen Heimat anpassen aber wird welche geben die das nicht tun werden! Und vor denen haben die Leute Angst! Kanadier, also Einheimische müssen lange auf Arztermine warten und Flüchtlinge bekommen sofort einen Termin? Und da sollen die Kanadier nicht sauer werden???

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  3. Lieber Herbert,
    ich teile Deine Sorgen. Für mich zeigt der zunehmende “Mut” von fremdenfeindlichen Trollen, dass die Energie, die eine Gesellschaft aufbringen muss, um ihre Werte und Normen zu erhalten, nachgelassen hat. Das fängt bei der Erziehung in der Familie an und hört nicht in der Schule auf.
    Zwei Beispiele: An Gymnasien in Nordrhein-Westfalen erhalten die Kinder von der 5. bis zur 10. Klasse nur drei Jahre lang Geschichtsunterricht. Und es wird dabei auch noch sehr viel Wert darauf gelegt, vom Anbeginn der Menschheit bis zur Zeitgeschichte auch wirklich alles zu thematisieren.Auf diesem schmalen historischen Brett steht dann die zukünftige “Elite” der Gesellschaft, die dann die weiteren Entscheidungen für deren Zukunft trifft. Denn in der Oberstufe muss das Fach “Geschichte” ja nicht gewählt werden.
    Das Unverständliche geht weiter: In diesem Geschichtsunterricht ist in der 6.Klasse Zeit für das Thema “Die 5 Säulen des Koran” vorgesehen. Ich habe in meinen Klassen zunehmend Agnostiker und dann zu gleichen Teilen Christen und Moslems aber auch Hindus. Ich erkundigte mich daraufhin bei den Religionslehrern, auf welche Voraussetzungen ich zurückgreifen kann. Auf gar keine! Bei denen ist ein Vergleich zwischen den Religionen überhaupt nicht im Programm vorgegeben.
    Ich könnte den Bogen jetzt weiter spannen, denn die mangelnde kulturelle Bildung zeigt sich überall. Da ist es dann auch nicht verwunderlich, dass es in Deutschland seit der Wiedervereinigung laut einer Studie 178 Tote (!) durch rechtsradikale Angriffe gab. Und diese Anzahl ist kaum bekannt. Warum? Darüber ließe sich viel spekulieren.
    Aber ich glaube auch, dass wir in der Öffentlichkeit die Ablehnung und den Widerstand gegen Rechtsradikalismus zu wenig wahrnehmen. Zum Einen wird zu wenig darüber berichtet und zum Anderen ist es nur natürlich, dass man Nachrichten über das Schlechte einen stärkeren Eindruck hinterlassen als das Gute.
    Trotzdem, die Sorge bleibt. Und auch ein bisschen Hilflosigkeit, denn man hat das Gefühl, dass man bei der Lösung dieses gesamtgesellschaftlichen Problems alleine dasteht. Dem ist aber nicht so, denn was Du in Kanada versuchst, versuche ich hier an meiner Schule in Deutschland. Und es gibt da draußen noch viel mehr Menschen. Nur Mut und nicht aufgeben!

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