15 Jahre nach der Katastrophe

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Die “Tränenmauer” von Manhattan: “Kannst du mit mir zu den Trümmern gehen und noch einmal nach meinem Papa suchen”?  © Bopp

Der Tag, der mein Leben veränderte, begann wie jeder schöne Tag: Frühstück mit Frau und Kind. Cassian geht zur Schule. Lore fängt einen neuen Auftrag an: Eine Villenbesitzerin in Hudson lässt ihr Anwesen durch Deckenbemalungen verschönern. Ich mit der Kaffeetasse ins Büro, gleich neben der Küche. Frühstücksfernsehen an. Und dann das Unglaubliche: Ein Flugzeug zerschellt am World Trade Center. Es ist der 11. September 2001.

Wenig später ein Anruf der WDR-Internetredaktion: „Geh für uns nach New York“! Wie bitte? Ich bin  Hörfunk-Korrespondent. Wie schreibt man um Himmels Willen fürs Internet? Und überhaupt: Wie komme ich nach New York? Der Luftraum über Nordamerika ist inzwischen geschlossen. Aber es gibt von Montreal eine Zugverbindung nach Manhattan.

Zu viele Fragen, zu wenig Zeit. Mein nächster Weg führt mich zum „Future Shop“. Jetzt heißt es, Laptop und Digitalkamera kaufen. Keine Ahnung, wie das funktionieren soll. Irgendwie klappt immer alles.

Im Zug nach New York wird der Laptop ausgepackt. Keine Internetverbindung, kaum Software. Deshalb nur Trockenübungen. Dasselbe gilt für die Digitalkamera. Bedienungsanleitung lesen, Probefotos schießen. Alles wird gut.

Nach zehnstündiger Bahnfahrt, dazwischen zahlreiche Polizeikontrollen: Ankunft um Mitternacht im gespenstischen New York.

Was dann kommt, sind neun Tage und Nächte wie aus dem Horrorfilm. Fast schlafwandlerisch, ohne Vorkenntnisse im Onlinejournalismus, ist dabei eine Art Blog entstanden. Es ging mal wieder alles gut: Kurz darauf wurde das „New Yorker Tagebuch“ in Berlin mit dem New Media Award ausgezeichnet.

Mich haben diese neun Tage in New York als Journalist mehr geprägt als all die Jahre vorher – und hinterher. Nie vergessen werde ich die Begegnung mit einem kleinen Jungen vor der “Tränenwand” mit all den Fotos der Vermissten. Junge: “Kommst du mit deinem Presseausweis überall rein?” Ich: “Ja”. Junge, zieht mich am Arm: “Kannst du mit mir noch einmal zu den Trümmern gehen und nach meinem Papa suchen”? Heute noch: Gänsehaut!

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Kurz vor einer Reportage über die erste “Late Show mit David Letterman” nach den Terroranschlägen. © Bopp

Erst die Katastrophe, dann das Glück: Mein Einstieg in den Onlinejournalismus hat auch meine berufliche Zukunft verändert. Schnupperpraktikum bei CNN.com in Atlanta/Georgia, der größten Onlineredaktion der Welt. Danach zehn Jahre Seminartätigkeit für den WDR, die ARD/ZDF-Medienakademie, arte, die electronic media school, das Internationale Journalismus Zentrum bei Wien, um nur einige Auftraggeber zu nennen.

Mit dem 11. September 2001 sei der Onlinejournalismus in Deutschland erwachsen geworden, hieß es später in einem Buch zu diesem Thema. Der WDR, der den Mut aufgebracht hatte, mich nach New York zu schicken, war an dieser Entwicklung maßgeblich beteiligt.

Zu verdanken habe ich diesen Teil meiner Karriere vor allem zwei Menschen: Stefan Moll, dem Leiter der WDR-Internetredaktion. Und Lore, die mich damals trotz meiner Zweifel ermutigt hatte, den Einsatz in Manhattan zu wagen.

Hier geht’s zum „New Yorker Tagebuch“

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