Búger: Mallorcas kleinstes Dorf

rathaus

Große Wanderung, kleiner Ort: Das Bergdorf Búger war unser heutiges Ziel. Búger liegt im Insel-Inneren ziemlich genau zwischen Campanet und Sa Pobla. Mit gerade mal acht Quadratkilometer Fläche gilt das 1000-Einwohner-Dorf als die kleinste eigenständige Gemeinde Mallorcas.

Mit der Bahn geht es zunächst von Palma nach Inca. Dort beginnt unsere heutige Wanderung.

Es ist ein herrliches Stück Mallorca, das wir zu Fuß durchqueren. Schafherden unter blühenden Mandelbäumen. Orangen, Zitronen, Feigen, Johannisbrotbäume, und Oliven. Und zwischendurch immer mal wieder kleine Steineichenwälder.

Die etwa 15 Kilometer lange Strecke ist selbst für ungeübte Wanderer keine Herausforderung. Nur ganz selten sind kleine Steigungen zu bewältigen. Da es sich um keinen ausgeschilderten Wanderweg handelt, ist eine Karte hilfreich.

In Búger angekommen, bietet dieses winzige Bergdorf einen herrlichen Blick auf die Albufera, die Bucht von Alcúdia, die Berge von Artà im Nordosten sowie auf das Tramuntana-Gebirge im Westen.

Hier scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. In der einzigen Bar, die während unseres Besuchs geöffnet hatte, treffen sich ein paar ältere Männer schon am frühen Nachmittag zum Kartenspiel.

Die Terrasse der Kneipe geht nahtlos in den Kirchplatz über. Wer an diesem fast hochsommerlich temperierten Tag Schatten sucht, findet ihn unter mehreren Olivenbäumen. Dort werden, wie in der Kirche selbst, Wasser und Wein gereicht. Statt Hostien gibt es Tapas, Bocadillos und andere Leckereien.

Der Ort selbst ist schnell erkundet. Es gibt eine kleine Bankfiliale, eine Schreinerei, eine Wäscherei und eine Schmiedewerkstätte. Auch ein Tante-Emma-Laden soll in Búger zum Kauf einladen.

Ob Laden und Werkstätten jemals geöffnet sind, ist schwer zu sagen. Vermutlich werden die „Cerrado“-Schilder nach Ende der Siesta wieder abgehängt.

Über die Herkunft des Namens Búger gibt es dagegen kaum Zweifel. Auf dem Rondell am Rathaus steht ein Brunnen, von dem aus eine riesige Kerze – auf arabisch „Bujar“ – in den Himmel ragt. Die phonetische Verbindung zum Ortsnamen ist offensichtlich.

Mit einem ramponierten Mini-Überlandbus geht es von Búger wieder zurück nach Inca und von dort mit der Bahn nach Palma. Die letzte Etappe nach Can Pastilla, wo wir unseren zehnten Winter auf Mallorca verbringen, ist dann wirklich nur noch ein Katzensprung.


 

Sonnenuntergang in Can Pastilla

IMG_1670Wenn die Sonne untergeht in Can Pastilla, dann zückt ganz oft einer von uns das Handy oder das iPad, um dieses Spektakel im Bild festzuhalten. Manchmal stehen wir auch beide gleichzeitig auf dem Balkon und richten unsere Objektive in Richtung Meer.

Kein Sonnenuntergang ist wie der der andere. Innerhalb von wenigen Minuten kann sich aus einem einzigen gelben Streifen ein Feuerwerk aus Blutrot, Orange, Violett und Purpur entzünden.

Red sky at night, sailor’s delight, wissen meine kanadischen Freunde den blutroten Abendhimmel zu interpretieren. Umgekehrt warnen sie bei einem rötlichen Morgenhimmel: Red sky at morning, sailors take warning.

Klicken Sie sich durch meine ganz persönliche Sonnenparade. Und freuen Sie sich mit uns, dass wir es in unserem zehnten Winter auf Mallorca ganz besonders gut getroffen haben.                                                                                       (Alle Fotos © Bopp)


 

Mallorca: Rentnertag im Regen

IMG_1990

Man glaubt es kaum, aber es kann tatsächlich auch regnen auf Mallorca. Heute ist so ein Regentag – der zweite erst seit unserer Ankunft vor zwölf Tagen. Es ist ein typischer Winterregen. Überm Meer, wo gestern noch blutrot die Sonne unterging, haben sich heute schwabbelige, graue Wolken gebildet, die nicht ganz dicht sind.

Zwischen Oktober und März gibt es auf Mallorca im Schnitt acht Regentage im Monat. Heute ist so ein „Im-Schnitt-Tag“. Und es ist überhaupt nicht schlimm.

Man versucht natürlich, auch aus so einem Regentag das Beste zu machen. Also führt der Weg schon morgens in die Markthalle in Palma, bestellt einen Cava und vespert Fischhäppchen dazu. Ein guter Einstieg.

Und weil der „Mercat Olivar“ nur einen Steinwurf vom Busbahnhof an der Plaza España liegt, stattet man auch dem einen Besuch ab. Dort gibt es eine Stelle, die ein Herz für Rentner hat.

Das Ein-Herz-für-Rentner-Büro ist samstags nur schwach besucht, also nichts wie rein. Einen Seniorenpass, bitte!“, höre ich mich noch sagen. Dann versinke ich in ein tiefes Loch. Habe ich das eben wirklich so gesagt? Ich möchte bitte einen SENIORENPASS?

Hilfe, ich werde alt!

Der Seniorenpass hat den Vorteil, dass er nur drei Euro kostet, dafür aber dem Señor Senior jede Menge Geld spart. Von jetzt an kostet jede Fahrt mit dem Überlandbus auf ganz Mallorca nur noch die Hälfte. Rentner können rechnen.

„Ihren Ausweis, bitte“, sagt die freundliche Senioren-Betreuerin. Den habe ich nun leider nicht dabei. Ob’s denn der kanadische Führerschein auch tue? Eigentlich nicht, sagt die Frau. Aber da ich schon mal hier sei. Die Dame hat wirklich ein Herz für Rentner.

Während sie mit der rechten Hand Namen, Geburtsdatum und Füherscheinnummer in den Computer eingibt, zückt sie mit der Linken unvermittelt eine digitale Stabkamera und schießt darauf los.IMG_1991

„Entschuldigung“, sage ich zu der Seniorenpass-Bearbeiterin, „ich habe versehentlich gelächelt“. Das sei doch gut so, sagt sie. Ich: “Bei uns in Kanada ist Lächeln auf offiziellen Fotos nicht erlaubt“. Ein Glück, dass ich heute nicht in Kanada sei, meint die Dame. „Bei uns dürfen Sie lächeln so viel Sie möchten“.

Dass bei der Aktion „Ein Herz für Senioren“ hinterher doch nur ein Griesgram-Passbild herauskam, ist eine andere Geschichte.

Was macht ein Rentner mit druckfrischem Seniorenpass in der Tasche an so einem Regentag sonst noch so? Er sucht zum Beispiel die kleine Plaza auf, an der seine frühere Wohnung liegt, gleich neben der ältesten Kirche von Palma. Und ist gottfroh, dass er dort nicht mehr wohnt.

Es ist nämlich dort alles wie gehabt: Das Katastrophen-Orchester turnt wild auf der Plaza umher und gibt vor, Musik zu machen. Nicht weit davon trällert die Weißrussin, die mich vorigen Winter mit ihrem „Ave Maria“ um Jahre altern ließ, ihr „Ave Maria“.

Die Bettlerin am Kircheneingang tut mir nicht weniger leid als im vorigen Jahr. Sie habe mich ja „seit Jahren“ nicht mehr gesehen, schwindelt sie mich in ihrer violetten Strickweste an. Jahre seien es wohl nicht, sage ich und schiebe ihr meine Taler zu, aber ein paar Monate schon.

Der Regen hat nachgelassen. Ich beschließe, eine Gedenkminute auf dem Bänkchen gegenüber unserer früheren Wohnung einzulegen. Aus der Minute wird eine Stunde. Ein älteres Paar aus Belgien hat mich in seinen Bann gezogen.

Monsieur Philippe und seine Gattin sind um die 70. Und richtig munter unterwegs. Man tauscht sich aus über Mallorca, Belgien und Québec und stellt fest, dass der Separatismus in Kanada auch nicht viel weiter gediehen ist als die Unabhängigkeits-Bestrebungen der belgischen Minderheiten.

Was er denn gemacht habe, ehe er in Rente ging, frage ich den freundlichen Herrn. „Wir waren in der Gastronomie tätig“, sagt er etwas schüchtern. Seine Frau, eine resolute, aber liebenswerte Seniorin mit wachen Augen unterm Baseballkäppi, sieht sich jetzt veranlasst, unser Gespräch zu moderieren.

„Also, ich muss Philippe da korrigieren“, sagt sie, „wir waren nicht einfach so in der Gastronomie tätig“. Ein Schlosshotel hätten sie betrieben, mit herausragender französischer Küche und einem Ruf weit über Belgien hinaus. „Naja“, sagt der Mann, „sagen wir mal so: Es war ein Schlösschen und wir konnten gut davon leben“.

Man sieht den Beiden an, dass sie nicht darben müssen.

Was aus dem Schloss oder Schlösschen geworden sei, will ich wissen. Eine Schönheits-Chirurgin habe es gekauft. Sie wollte ein Wellnes-Centre daraus machen, „so eine Art Spa für reiche Leute“, sagt mein neuer Bekannter. Aber das mit dem Geschäftsmodell habe nicht so richtig hingehauen. Seine Frau, die ja jetzt unsere Moderatorin ist, drückt sich da deutlicher aus. „Ich will mal so sagen“, sagt sie, „das Hotel ist jetzt am Arsch“.

Ein Regentag im winterlichen Mallorca kann so schön sein. Man muss nur die richtigen Speisen und Getränke zu sich nehmen und die richtigen Menschen in sein Leben lassen.

Morgen soll es übrigens wieder regnen.


 

Mandelbaumblüte auf Mallorca

Ist es wirklich Januar? Während daheim, in Kanada, wieder mal ein Schneesturm angesagt ist, blühen auf Mallorca die Mandelbäume. Unfassbar, was wir heute bei der ersten Wanderung dieser Saison alles sahen, rochen, hörten, erlebten. Der Cami de Morella führt von Andratx nach Port Andratx. Eigentlich ist es mehr ein Spaziergang als eine Wanderung. Nur knapp zwei Stunden dauert diese Sinnesorgie, von der man möchte, dass sie nie aufhöre. Klicken Sie sich durch – und Sie wissen, was ich meine.


 

Der traurige Mann in Santa Maria

IMG_1754

Er ist vielleicht Mitte 70, feingliedrig, sehr schlank und mit traurigen Schlafaugen, die etwas verschämt unter seiner karierten Schildmütze hervorlugen. Ein höflicher, stiller Mann, der so gar nicht in das Tohuwabohu eines Wochenmarkts in einem mallorquinischen Dorf passt.

Wer an einem der kleinen Bistrotische einen Sitz ergattert, hat Glück gehabt – speziell an so einem sonnigen Tag wie heute. Plappernde Teenager, genervte Väter, mallorquinische Omas und Opas mit Hunden, die besser zu Fuß sind als ihre Herrchen und Frauchen. Es geht zu wie auf dem Jahrmarkt. Es IST ein Jahrmarkt. Naja, ein Wochenmarkt.

Kaum einen Meter von mir entfernt gestikuliert eine Frau mit der sich überschlagenden Stimme der Marktschreierin, die doch nur ihr gefaktes Markenparfum verkaufen will. Ein Dutzend Fläschchen liegen vor ihr auf dem asphaltierten Boden. Die Parfümverkäuferin scheint keinen guten Tag zu haben. Gut eine Stunde sitze ich neben ihr. Kein einziges Parfumfläschchen hat während dieser Zeit den Besitzer gewechselt.

Der Mann mit der karierten Schiebermütze, der sich höflich fragend neben mich gesetzt hatte, meint jetzt: „Die arme Frau. Sie wird auch heute wieder nichts verkaufen“. „Sie kennen Sie?“ „Ja“, sagt der Mann mit den traurigen Augen. Er komme schon seit vielen Jahren auf den Sonntagsmarkt in Santa Maria. Und noch nie habe er gesehen, wie sie auch nur eine einzige Flasche Parfum verkauft habe.

Man spricht Deutsch. Er komme aus Frankfurt, erzählt er mir. Wie das Wetter bei seinem Abflug gewesen sei, frage ich ihn. Er weiss es nicht mehr. Er ist schon vor 30 Jahren aus Frankfurt abgereist. Zwei-, dreimal kamen er und seine Frau auf Urlaub nach Mallorca. Dann entschieden sie sich zur Auswanderung.

In Frankfurt hätten sie ein kleines Varieté-Theater mit Jazzclub betrieben, erzählt mir der Mann. Sie konnten davon leben. Leicht sei es nie gewesen, aber es reichte. Vor der Auswanderung nach Mallorca habe es im Club noch eine richtige Sause gegeben. Dann war Schluss mit lustig. Das Varieté-Theater wechselte den Besitzer.

Der Mann, der mit mir unter der spanischen Sonne Cortado trinkt und Serano-Brötchen isst, kommt jetzt ins Plappern. Kleines Bauernhäuschen gekauft, Tiere auf der Finca großgezogen, biologisch gepflanzt, geerntet, gelebt und gegessen. „Wir hatten ein gutes Leben“, sagt er, „meine Frau und ich“.

Hatten? „Ja, hatten“, sagt er. Seine Frau sei tot. Vor knapp fünf Monaten ist sie gestorben. Chemo, Blutwäsche, Knochenmark-Transplantation – es habe alles nichts genützt. Leukämie.

„Man stirbt doch nicht einfach mit 68 Jahren!“, sagt er. Er sagt es, als erwarte er eine Antwort von mir. Nein, mit 68 Jahren stirbt man wirklich nicht einfach, da gebe ich ihm Recht.

Aber sie ist nun mal gestorben, seine Frau. Als sie ging, war sie ein Jahr jünger als ich.

„Seitdem sie tot ist“, sagt der freundliche Herr mit der leisen Stimme, „ist nichts mehr, wie es war“. Er versorge noch die Tiere auf dem Hof, das schon. Aber den Anbau und die Ernte der Biokost im eigenen Garten – die wolle er jetzt aufgeben. Die Bio-Lebensmittel kaufe er jetzt hier in Santa Maria, auf dem Wochenmarkt.

„Wir haben doch immer so gesund gelebt!“, sagt er jetzt so laut, dass sich das mallorquinische Pärchen neben uns umdreht. Vermutlich ohne die Verzweiflung des traurigen alten Mannes zu verstehen, wendet sich das Paar wieder seiner Tischgesellschaft zu.

Ob er noch Musik mache, will ich von ihm wissen. Nein, sein Saxophon hat er seinem besten Kumpel vermacht. Der könne zwar nicht spielen, aber er habe große Freude an dem Instrument.

„Kanada“, sagt der Mann, „Sie kommen aus Kanada“? „Ja. Montreal“. Das müsse ja eine tolle Stadt sein, mit einem riesigen Jazzfestival. Da wollten sie immer mal hin, er und seine Frau. „Aber das hat sich jetzt ja erledigt“, sagt er dann noch.

Und dann: „Mit 68 stirbt man doch nicht einfach so“.


> Hier geht’s zur Bildergalerie vom Markt in Santa Maria <<


 

Wenn Fliegen zum Albtraum wird

IMG_9723„Nur fliegen ist schöner“, wollte uns die Werbung in den 60er-Jahren weismachen. Der Slogan war damals für den Opel-GT kreiert worden, ein Auto mit Schlafaugen und einer geschwungenen Silhouette, wie man es bis dahin nur aus Amerika kannte. Ein schönes Auto, zugegeben. Aber fliegen soll noch schöner sein? Ein Reklameversprechen, weiter nichts. Ich hasse fliegen.

Dabei war ich lange Zeit ein begeisterter Vielflieger. Damals, als nach dem Essen auch in der Holzklasse noch Cognac und manchmal auch Zigaretten gereicht wurden. Als fliegende Holländer noch lustige Lieder anstimmten, ohne besoffen gewesen zu sein. Einfach so, weil fliegen Spaß machte und sie, wie ich, von Amsterdam nach Toronto fliegen durften.

Toll war’s, als ein Billigflug von Deutschland über Kopenhagen nach Kanada für knapp 400 Dollar zu haben war und man dafür auch noch einen Zwischenstopp auf Island einlegen durfte. So ganz nebenbei konnte man sich vor dem Weiterflug in einer der Kneipen neben dem Flughafen von Reykjavík noch kurz einen Brennivin hinter die Binde kippen, ohne anschließend wieder in das lästige Wildgehege der Airport-Security gepfercht zu werden.

Ich kann mich erinnern, als Jungreporter Ende der 60er-Jahre in Stuttgart Echterdingen zum Interview mit Caterina Valente und Vico Torriani verabredet gewesen zu sein. Natürlich war ich aus Aufregung mal wieder zu früh zur Stelle. „Wartete Se oifach uff’m Rollfeld auf dia Boide“, bot mir der nette Flughafenbedienstete an. So spazierte ich seelenruhig über das Flughafengelände, um die beiden Schlagerstars an der Alitalia-Maschine abzuholen. Einfach so.

Ach, was konnte fliegen doch schön sein!

Lustige Szenen gab es auf meinen Flügen schon lange nicht mehr. Aber gegrölt wurde. Voriges Frühjahr zum Beispiel, auf dem Weg nach Palma. Aber es waren keine freundlichen Holländer, sondern Kölner Kotzbrocken, die da zu Saufliedern anhoben und die Boeing mit dem Ballermann verwechselten.

Ein Glück, dass es sich um einen Kurzflug handelte.

Am schlimmsten sind Überseeflüge. Die Sitze werden enger, die Passagiere breiter, das Essen schlechter. Über den Wolken soll die Freiheit grenzenlos sein? Dass ich nicht lache.

Wer einmal nach Australien geflogen ist, will nach dem 7. Frühstück, dem 5. Mittagessen und dem 13. Film nur noch an die frische Luft. Dabei ist es unerheblich, von wo aus man Australien anfliegt. Australien ist immer weit. Naja, fast immer.

Kann es sein, dass man im Flieger IMMER, aber auch wirklich IMMER derjenige ist, der hinter diesem Eumel sitzt, der seine LehneIMG_3845 bis zum Anschlag nach hinten versenkt? Oder hinter einem Oberlehrer, der glaubt, auch im Urlaub Nachhilfeunterreicht erteilen zu müssen? „Es heißt TOUCHSCREEN. nicht PUSHSCREEN“, maßregelte mich mein Vordermann neulich, als er sich von mir bei der haptischen Programmauswahl gestört fühlte.

Das schönste beim Fliegen ist für mich die Ankunft. Manchmal aber auch der Start. Wie vor ein paar Tagen in Montréal. Bei minus 27 Grad musste die Maschine enteist werden – ein überlebenswichtiges, wenn auch teures Spektakel. Eis auf den Tragflächen erhöht den aerodynamischen Widerstand und damit den Kraftstoffverbrauch. Deshalb ist die Enteisung nicht nur aus ökonomischen, sondern auch aus Sicherheitsgründen wichtig. Mensch, Maschine und Chemie bilden für 15 Minuten ein Team aus Dampf, athletischen Bewegungskünsten und ganz viel Druck. Und ich hatte einen Logenplatz (siehe Video am Ende dieses Beitrags).

Ich bewundere Leute wie meinen Kumpel Jörg. Der fliegt schon seit mehr als 30 Jahren um die Welt. Dafür wird er allerdings auch gut bezahlt. Der Mann ist Airbus-Kapitän bei der Lufthansa.

VIDEO: Enteisungs-Zeremonie kurz vor dem Abflug in Montréal

Der Ozean vor meiner Tür

IMG_1555Meine Bucketlist? Ein Bagel-Frühstück mit Leonard Cohen. Gitarrenunterricht bei Eric Clapton. Und irgendwann mal am Meer wohnen. Für das Frühstück ist es jetzt ja leider zu spät. Clapton kann ich mir vermutlich auch abschminken. Bliebe noch das Meer.

Strandurlaub war häufig. Auf Kuba, in Australien, am Golf von Mexiko und auf Hawaii. Doch nach ein, zwei Wochen war immer Schluss mit Meeresrauschen und Salz auf den Lippen.

Seit gestern kann ich nun endlich Punkt drei meiner persönlichen Wunschliste abhaken: Ich lebe am Meer.

Sonnenuntergänge statt Schneeberge. Wellensingsang statt brüllende Räumfahrzeuge. Sandbänke statt Schlaglöcher. Auf meiner ganz privaten Fototapete sind neuerdings Windsurfer und Kitekids zu sehen, Komorane, Möven und Stehpaddler.

Nach neun Mallorca-Wintern in Palma wurde es Zeit für einen Wechsel. Traumhaft, die Jahre an der Plaza de la Reina. Herrlich, die Zeit am Prachtboulevard Borne. Nicht so berauschend waren  allerdings die letzten beiden Winter auf Mallorca.

Der Lärm der Innenstadt, die Krachmacher, die sich Straßenmusiker schimpfen, der Dreck und die Millionen von Urlaubern, die Palmas Altstadt genau so wunderschön finden wie wir. Nur: Sie gingen wieder, wir blieben. Und haben uns nach dem letzten Palma-Winter geschworen: Nie wieder Innenstadt.

Schon klar: Erste-Welt-Sorgen, die nicht nach Mitleid rufen.

Unser jetziges Domizil liegt weit genug von Palma entfernt, um der akustischen Dauerberieselung zu entgehen. Aber nahe genug, um spontan mal eine 15minütige Busfahrt in die geliebte „Bar Bosch“ im Zentrum dieser herrlichen Stadt zu unternehmen.

Ganz ohne Krach geht es natürlich auch am Meer nicht, denn der Ozean ist sein eigener Lautsprecher: Es bellt und zischt und blubbert und brodelt. Es wimmert und säuselt und brummt, knallt und flüstert. Und tatsächlich rauscht das Meer auch manchmal.

Das Meer ist auch seine eigene Duftkammer: Mal wabert es fischig und algig vor sich hin. Ein andermal dringt der Geruch von Tang zu uns herauf. Und natürlich riecht das Meer salzig, eigentlich fast immer.

Und dann die Farben des Meeres: Es ist grau und blau und braun und türkis. Wird das Wasser dann von einem Sturm durcheinander gerüttelt wie in der vergangenen Nacht, kokettieren die Krönchen der Wellen am nächsten Morgen in einem giftig-gelblichen Möchtegernweiss.

Das Meer ist seine eigene Wundertüte und immer gut für Überraschungen. Kommen Sie wieder, wenn Sie wissen möchten, was der Ozean vor meiner Tür während der kommenden Monate sonst noch so alles auf Lager hat.

Ich werde es ihnen flüstern.

David Letterman ist wieder da!

collViel zu feiern gibt es nicht, in diesen tristen Trump-Tagen in Amerika. Bis vor ein paar Stunden. Da zauberte mir ein Fernseh-Event ein Lächeln ins Gesicht. David Letterman ist wieder da! Der legendäre Talkmaster, der im Sommer 2015 nach mehr als 30 Jahren seine „Late Show“ geschmissen hatte, ist ins Fernsehen zurück gekehrt.

Auf NETFLIX konnte man ihn jetzt zum ersten mal wieder sehen. Der Titel seiner Show ist denn auch Programm: „My next Guest needs no Introduction“. Lettermans erster Gast war Barack Obama.

Ernster ist „Dave“ geworden, wie ihn seine Fans nennen, älter natürlich auch. Ein biblischer Bart verdeckt das Gesicht. Die lustige Zahnlücke, sein Markenzeichen, ist nur schwer hinter dem grauen Gestrüpp ausfindig zu machen ist. Eine Stunde reden der ehemalige Latenight-König und der Ex-Präsident über Ehefrauen, Urlaubsorte und Kinder. Aber auch ganz viel über Politik.

Auch wenn der Name des trotteligen Trump nicht ein einziges Mal fiel, war doch permanent von ihm die Rede. Von seiner Gemeinheit, seiner Dummheit und auch davon, wie es ein einziger Mensch schaffen kann, eine ehemals stolze Nation wie Amerika der Lächerlichkeit preiszugeben.

Für mich war die gestrige Sendung ein Wiedersehen mit einem Mann, der mir nach meiner Ankunft in Kanada zahllose Fernsehabende verschönt hatte.

Anders als der große Johnny Carson, der sich in seiner „Tonight Show“ gerne selbst zelebrierte, ging Letterman Dingen auf den Grund, die man einfach wissen musste, um mitreden zu können, wenn man in Nordamerika lebte.

So war nie zuvor einer auf die Idee gekommen, vor einem Millionenpublikum zu testen, ob ein Sixpack Cola-Light tatsächlich leichter sei als eine Sechserpackung Cola-Classic. Was lag da näher als zu später Stunde eine Kiste Coladosen vom Empire State Buildung auf die Strasse knallen zu lassen? Surprise, surprise: Die Light-Version brauchte auch nicht länger als die klassische.

Dann kam der 11. September 2001.

„Dave“ war der erste unter den amerikanischen Comedians, der sich nach den Teroranschlägen wieder ins Fernsehen wagte. „Warum nicht?“, sagte er sieben Tage nach 9/11. „Amerika hat das Lachen doch nicht etwa verlernt“?

letterman

September 2001: Der Autor am Ed Sullivan Theatre zur ersten Letterman-Show nach 9/11

Von der ersten Reihe des Ed Sullivan Theatre aus, in dem viele Jahre zuvor der Grundstein für den Siegeszug der Beatles durch Amerika gelegt worden war, wurde ich am Abend des 18. Septembers 2001 Zeuge des vielleicht schwierigsten Auftritts David Lettermans.

„Tun Sie uns einen Gefallen“, hatte die Platzanweiserin vor der Show in die wartende Menge gerufen, „klatschen Sie heute besonders heftig. Dave braucht das zur Zeit.“

Faszinierend der erste Studiogast: ABC-Korrespondent John Miller. Er ist der letzte Journalist – und einer der ganz wenigen überhaupt – der Osama Bin Laden fürs Fernsehen interviewt hat. Auf dem Weg zu Bin Ladens verstecktem Camp sei ihm aufgefallen, in welch schlechtem Zustand die Zufahrt zum Haus des mutmaßlichen Drahtziehers der jüngsten Terroranschläge gewesen sei.

Umso erstaunlicher, als Bin Ladens Familie ihr Vermögen doch im Baugeschäft gemacht hat“. Letterman zu Miller: „Haben sie noch Kontakt mit dem Mann?“. Miller: „Nein“. Letterman: „Sie meinen, er hat Ihnen nicht seine Visitenkarte zugesteckt?“

Als NETFLIX gestern die Neuauflage der legendären Letterman-Show ins Fernsehen hievte, gab es keine Tränen. Da saßen zwei ältere Herren auf der Bühne, die irgendwann plötzlich keinen Job mehr hatten. Es wurde gefeixt und geplappert und munter drauf los erzählt. Und schon bald herrschte eine Fröhlichkeit im Studio, wie man sie schon lange nicht mehr erlebt hatte, in diesem politisch tristen Amerika.

Ein Ex-Präsident, der komplette Sätze reden konnte und mit einer rhetorischen Leichtigkeit für Tiefgang sorgte, wie man ihn aus Washington nicht mehr gewöhnt ist. Und ein Ex-Talkshow-Host, der trotz seiner 70 Jahre diese frische Brise durch den Bildschirm schickt, für die wir ihn alle so liebten.

Das Schönste: Weit und breit kein rassistischer Tölpel, der Amerikas guten Ruf auf dem Gewissen hat.