Der traurige Mann in Santa Maria

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Er ist vielleicht Mitte 70, feingliedrig, sehr schlank und mit traurigen Schlafaugen, die etwas verschämt unter seiner karierten Schildmütze hervorlugen. Ein höflicher, stiller Mann, der so gar nicht in das Tohuwabohu eines Wochenmarkts in einem mallorquinischen Dorf passt.

Wer an einem der kleinen Bistrotische einen Sitz ergattert, hat Glück gehabt – speziell an so einem sonnigen Tag wie heute. Plappernde Teenager, genervte Väter, mallorquinische Omas und Opas mit Hunden, die besser zu Fuß sind als ihre Herrchen und Frauchen. Es geht zu wie auf dem Jahrmarkt. Es IST ein Jahrmarkt. Naja, ein Wochenmarkt.

Kaum einen Meter von mir entfernt gestikuliert eine Frau mit der sich überschlagenden Stimme der Marktschreierin, die doch nur ihr gefaktes Markenparfum verkaufen will. Ein Dutzend Fläschchen liegen vor ihr auf dem asphaltierten Boden. Die Parfümverkäuferin scheint keinen guten Tag zu haben. Gut eine Stunde sitze ich neben ihr. Kein einziges Parfumfläschchen hat während dieser Zeit den Besitzer gewechselt.

Der Mann mit der karierten Schiebermütze, der sich höflich fragend neben mich gesetzt hatte, meint jetzt: „Die arme Frau. Sie wird auch heute wieder nichts verkaufen“. „Sie kennen Sie?“ „Ja“, sagt der Mann mit den traurigen Augen. Er komme schon seit vielen Jahren auf den Sonntagsmarkt in Santa Maria. Und noch nie habe er gesehen, wie sie auch nur eine einzige Flasche Parfum verkauft habe.

Man spricht Deutsch. Er komme aus Frankfurt, erzählt er mir. Wie das Wetter bei seinem Abflug gewesen sei, frage ich ihn. Er weiss es nicht mehr. Er ist schon vor 30 Jahren aus Frankfurt abgereist. Zwei-, dreimal kamen er und seine Frau auf Urlaub nach Mallorca. Dann entschieden sie sich zur Auswanderung.

In Frankfurt hätten sie ein kleines Varieté-Theater mit Jazzclub betrieben, erzählt mir der Mann. Sie konnten davon leben. Leicht sei es nie gewesen, aber es reichte. Vor der Auswanderung nach Mallorca habe es im Club noch eine richtige Sause gegeben. Dann war Schluss mit lustig. Das Varieté-Theater wechselte den Besitzer.

Der Mann, der mit mir unter der spanischen Sonne Cortado trinkt und Serano-Brötchen isst, kommt jetzt ins Plappern. Kleines Bauernhäuschen gekauft, Tiere auf der Finca großgezogen, biologisch gepflanzt, geerntet, gelebt und gegessen. „Wir hatten ein gutes Leben“, sagt er, „meine Frau und ich“.

Hatten? „Ja, hatten“, sagt er. Seine Frau sei tot. Vor knapp fünf Monaten ist sie gestorben. Chemo, Blutwäsche, Knochenmark-Transplantation – es habe alles nichts genützt. Leukämie.

„Man stirbt doch nicht einfach mit 68 Jahren!“, sagt er. Er sagt es, als erwarte er eine Antwort von mir. Nein, mit 68 Jahren stirbt man wirklich nicht einfach, da gebe ich ihm Recht.

Aber sie ist nun mal gestorben, seine Frau. Als sie ging, war sie ein Jahr jünger als ich.

„Seitdem sie tot ist“, sagt der freundliche Herr mit der leisen Stimme, „ist nichts mehr, wie es war“. Er versorge noch die Tiere auf dem Hof, das schon. Aber den Anbau und die Ernte der Biokost im eigenen Garten – die wolle er jetzt aufgeben. Die Bio-Lebensmittel kaufe er jetzt hier in Santa Maria, auf dem Wochenmarkt.

„Wir haben doch immer so gesund gelebt!“, sagt er jetzt so laut, dass sich das mallorquinische Pärchen neben uns umdreht. Vermutlich ohne die Verzweiflung des traurigen alten Mannes zu verstehen, wendet sich das Paar wieder seiner Tischgesellschaft zu.

Ob er noch Musik mache, will ich von ihm wissen. Nein, sein Saxophon hat er seinem besten Kumpel vermacht. Der könne zwar nicht spielen, aber er habe große Freude an dem Instrument.

„Kanada“, sagt der Mann, „Sie kommen aus Kanada“? „Ja. Montreal“. Das müsse ja eine tolle Stadt sein, mit einem riesigen Jazzfestival. Da wollten sie immer mal hin, er und seine Frau. „Aber das hat sich jetzt ja erledigt“, sagt er dann noch.

Und dann: „Mit 68 stirbt man doch nicht einfach so“.


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