Petra: Der Zug nach Nirgendwo

Von Palma nach Petra zu kommen, ist ganz leicht. Man setzt sich in den Zug und steigt eine dreiviertel Stunde später wieder aus. Weniger als 50 Bahn-Kilometer und einmal umsteigen sind schließlich kein Hexenwerk, könnte man meinen. Für uns schon. Dabei wollten wir nur ein wenig wandern.

Mit dem Dorf Petra ist es ein bisschen wie mit Bielefeld: Es gibt es eigentlich gar nicht – und dann aber wieder doch. Ehe wir heute endlich in dem 2.700-Seelen-Ort ankamen, waren viele, viele Stunden vergangen. Und wir mussten öfter umsteigen als zwischen Montreal und Timbuktu.

Angefangen hatte der Schlamassel schon bei der Abfahrt in Palma. Hätten wir gleich den vom Kartenverkäufer vorgeschlagenen Zug genommen, wären wir zwar eine halbe Stunde später in Palma losgefahren, aber wir hätten uns viele Stunden des Wartens, Fahrens und erneuten Wartens erspart.

Weil wir aber zwei ganz Fixe sind, setzten wir uns in Palma in einen Zug, der jetzt, gleich und sofort in unsere Richtung fuhr. Oder sagen wir mal: in unsere grobe Richtung.

Dass dieser Zug ausgerechnet in einer Stadt Endstation hat, die außer fetten Kartoffeln rein gar nichts zu bieten hat, gehört zur Tragikomik unserer heutigen Odyssee. Sa Pobla um die Mittagszeit, das ist uns noch von einem früheren Besuch in Erinnerung, ist wie High Noon ohne Gary Cooper.

Zur Strafe für diesen uncharmanten Vergleich mussten wir eine Dreiviertelstunde in einem Bahnhof ausharren, der aus einem einzigen Betoncontainer besteht. Der freundliche Schaffner – wir kennen uns zwischenzeitlich von unserer Morgentour und duzen uns bereits – erlässt uns den Straftarif, der eigentlich jetzt fällig wäre. Seine Güte geht so weit, dass er kurz vor dem nächsten Umsteigen ins Abteil kommt, um den Hirnies aus Kanada die richtige Richtung zu weisen.

Nach dem Zug ist vor dem Zug. Jetzt geht es auf der ältesten Schienenstrecke Mallorcas (seit 1875) zwangsweise zurück nach Inca, nicht ohne einen notwendigen Umsteigehalt in einer Bahnstation im Nirgendwo einzulegen, deren Namen man nicht kennen muss.

Verdrehte Welt: Die Schafe, die vorhin noch zur Linken waren, sind jetzt plötzlich zur Rechten. Der Schnee auf den Gipfeln der Tramuntana ist im Laufe unserer Reise durch Mallorca sichtlich zusammengeschmolzen.

Unsere Stimmung auch. Denn schon jetzt steht fest: Das mit der Wanderung wird nichts mehr heute. Schließlich müssen wir nach einem weiteren Zwischenstopp zunächst wieder in die Gegenrichtung fahren, ehe uns der Zug auf einem anderen Schienennetz in Richtung Manacor befördert und uns endlich in Freiheit entlässt.

Und siehe da: Es gibt es, dieses Petra!

Ein hübsches Dorf, keine Frage. Aber es ist halt mal wieder Siesta, als wir dort ankommen. Wie gut, dass ein Gasthaus geöffnet hat, das so nett ist, uns das Ende unserer Odyssee kulinarisch feiern zu lassen: Mit einem in Zwiebeln geschmorten Kaninchen und einer Schweinslende in Mandelsauce.

Wir genießen den Luxus, endlich nicht mehr in fahrenden Zügen oder auf zugigen Bahnsteigen ausharren zu müssen. Wäre da nicht die schnatternde Radlergruppe, die sich in der Plaza zum Pausendrink trifft, würde hier Totenstille herrschen.

À propos Tod und Stille: Aus Petra stammt der Mönch Junípero Serra, der 1749 nach Amerika gesegelt war, um im heutigen Kalifornien mehrere Missionsstationen zu gründen. San Francisco ist eine davon.

Merke: Wer beim Einsteigen zu früh dran ist, den belohnt später das Leben. Mit Kaninchen und Schweinelendchen und der historischen Erkenntnis, dass der Gründer von San Francisco in dem Dorf geboren wurde, in dem du heute nach einer Unzahl von Umsteigaktionen dann doch noch gut gelaunt angekommen bist.

2 Gedanken zu „Petra: Der Zug nach Nirgendwo

  1. Da ich seit ein paar Wochen ohnehin schon den Seniorenrabatt auf Bus und Bahn in Anspruch nehme, wuerde ich bei weiteren Preisreduzierungen vermutlich noch fuer jede angetretene Fahrt Geld bekommen. Und das muss ja nun wirklich nicht sein. 😜

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