Leben wie Gott in Leutkirch

IMG_4286 2Wer das Glück hat, in seinem Freundeskreis gleich zwei Profiköche zu haben, lebt vielleicht nicht länger, aber besser. Beide haben uns während unserer Allgäu-Tournee mit Köstlichkeiten aus Küche und Keller beglückt.

Rudolf hat sich im Allgäu schon früh einen Namen als ein äußerst innovativer Koch gemacht. Der „Adler“ in Adrazhofen servierte jahrzehntelang Feinstes aus der Region. Als der etwas müde gewordene Küchenchef schon ans Aufhören dachte, spülte ihm das Schicksal noch ein vakant gewordenes Lokal in dem Glasbläserdorf Schmidsfelden ins Leben.

Die „Remise“ wurde schnell zum Geheimtipp unter den Foodies der Gegend. Gehobene Küche für nur ein Dutzend Gäste auf einmal, das Ganze zu fairen Preisen – damit ist Rudolf gut gefahren. Jetzt, mit über 70, hat er die Kochschürze noch lange nicht an den Nagel gehängt. Das Feuer in ihm brennt noch immer, aber gekocht wird nur noch für Freunde, die seine kulinarischen Meisterwerke zu schätzen wissen.

IMG_3992.jpgAls wir neulich im Rudolfschen Privathaus zum mehrgängigen Dîner eingeladen waren, wurden wir mit einem Aufstrich begrüßt, den er aus der „Schwobabohna“ kreiert hatte. Die „Schwabenbohne“ gilt als aussterbene Spezie. Rudolf hatte sie am frühen Morgen auf dem Ravensburger Wochenmarkt ergattert. Es folgte ein Avocado-Mousse mit Staudensellerie. Artischocken und gegrillte Paprikaschoten, die wir auf Mallorca gerne als „Pimientos de Padrón“ essen, bildeten das Ende des Anfangs.

Dann ging es erst richtig los. Auch der weitere Gang war vegetarisch angehaucht: Ein Risotto ganz ohne Käse, das trotzdem cremig (auf schwäbisch: „schlonzig“) schmeckt. Die stundenlang geschmorten „Schweinsbäckle“ danach galten als Zugeständnis an die Fleichesser unter uns. Das Ganze wurde auf einem leckeren Spargelbett serviert.

Übrigens war es nicht das erste Mal, dass Rudolf uns mit einer privaten Koch-Session verwöhnte. Vor einigen Jahren gab es Mallorca-Küche vom Allgäu-Koch.

Unser Freund Manni vom „Brauereigasthof Mohren“ in Leutkirch hat erst neulich einmanni Gericht auf seine reichhaltige Speisekarte gesetzt, das wie für mich gemacht ist. Manfred, nicht nur in der Küche ein Schöngeist, nennt es „Schwäbische Trilogie“. Es besteht aus einem Krautwickel, einer kleinen Portion Kässpätzle mit gerösteten Zwiebeln und zwei Maultaschen, deren Hackfleischfüllung es in sich hat. Dazu ein paar Spritzer Bratensauce und einen Teller mit frischen Salaten.

Beim privaten Dinner, das Christine, die Frau an Mannis Seite, im niegelnagelneuen Haus für uns kreiert hatte, ging es kulinarisch nicht weniger kreativ zu. Ein raffinierter Gemüse-Fleisch-Auflauf, bei dem feinstes Entrecôte die Hauptrolle spielte, lachte mich gestern Abend dermaßen frech an, dass ich auch beim zweiten Anlauf nicht nein sagen konnte.

Dazu gab es von Sohn Ludwig ausgesuchte Weine. Ludwig, ein veritabler Winzer mit Hang zum Sommelier, wird demnächst im „Mohren“ eine Verköstigung seiner Weine anbieten. Tochter Milena serviert derweil im nahegelegenen „Rössle“, auch „Haselburg“ genannt, eine nicht weniger gute Küche.

Wer behauptet, bei den Schwaben werde nur Deftiges serviert, sollte sich einmal an den aufwändig und wunderschön gedeckten Tisch meiner Nichte Sabine setzen. Ein liebevoll zubereitetes Carpaccio an einem Bett von tiefschwarzem Linsenkaviar (oder waren es Kaviarlinsen?) belebte den Gaumen schon mal aufs Feinste, ehe es dann mit diversen Salätchen und Antipasto in Richtung Hauptspeise ging: Gebratene Hühnerkeulen in einer olivenlastigen Weinsauce, die angenehm an das „Mont Ventoux“ erinnerte, das Lore zu besonderen Anlässen kredenzt, dann allerdings mit Lammfleisch und Wildem Reis aus Kanada.

Auch unterwegs strecken wir gerne unsere kulinarischen Fühler aus. So ließen Vater und Sohn sich neulich im „Schwanen“ in Metzingen köstliche Kalbsmaultaschen schmecken. Dazu gab es einen raffiniert angerichteten gemischten Salat, dessen Kernstück, der Kartoffelsalat, erst dann sichtbar wurde, wenn die fein gehobelte, längliche Scheibe der Salatgurke entfernt wurde, die als Rundform diente, um den Salat zusammen zu halten.

Und sonst so? Die Schweinshaxe, mit der sich Cassian im bayerischen Nachbarort Kempten herumschlug, sollte an dieser Stelle auch nicht unerwähnt bleiben. Der Kampf endete mit einer Entschuldigung bei der Kellnerin, die das von Kraut und Sauce gezeichnete Tischtuch nach der Messer-und-Gabel-Schlacht vermutlich einem dreifachen Waschgang unterziehen musste.

5 Gedanken zu „Leben wie Gott in Leutkirch

  1. weiß aus ihrem letzten Kassel-Besuch, was heimatliche Küche als Seelenheilung bewirken kann. Und das mit dem derzeitigen Frühling! Wir freuen uns einfach mit und für Euch. Sollte es Euch mal wieder ins Rheinland verschlagen, so harrt neben einer Aahlen Wurscht im Keller auch immer eine Portion Weckewerk Euer in unserem Tiefkühlschrank.

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  2. Danke für diese kulinarische Reise in die Küchen eurer Freunde.
    Und soso, in Metzingen wart Ihr – wohl um nicht nur beim „Chef“ (oder dessen englischer Variante) zu stöbern. Wobei Metzingen an sich auch ein sehr hübscher Ort ist.
    Gemessen an der sonstigen Entfernung von hier bis Montreal, ist das ja so gut wie „bei uns um die Ecke“.
    Viele Grüße Carla

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  3. Ich weiss gar nicht, wo ich mein Wasser lassen soll, das mir beim Lesen deines kulinarischen Protokolls im Mund zusammen gelaufen ist. Wenn du freundlicherweise für nächstes Jahr in eurem Privatjet nach Leutkirch zwei Plätze für uns reservieren könntest, wäre ich dir sehr verbunden. Bei dieser Gelegenheit könnten wir uns dann auch einige Zeit in eurem romantischen Häusle mit einmieten, am besten all inclusive, damit wir keine pekuniären Verdauungsbeschwerden bekommen. Ich weiss, dass ihr grosszügige Gastgeber seid, also lasst euch nicht lumpen. Ihr könnt dann auch mal bei uns auf der Besuchsritze Platz nehmen, am besten in der Fastenzeit. Gruss, P + L

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