Wo der Fluss zum Meer wird

IMG_6662TADOUSSAC – Dort, wo der gewaltige Sankt-Lorenz-Strom sich mit dem halbstarken  Bruder Saguenay-River verbündet und die Beiden sich einfach nicht mehr zähmen lassen und zum Meer werden, liegt Tadoussac. Von dort, an der Mündung dieser beiden gewaltigen Flüsse gelegen, kommt der heutige Blogpost.

Es ist eine grandiose Landschaft, die sich einem hier, sieben Autostunden von Montréal, im Nordosten von Québec auftut. Atemberaubend steile Fjorde, durch die sich die beiden Flüsse im Laufe von Millionen Jahren ihren Weg gebahnt haben. Pittoreske Dörfer, in denen noch ehrliche regionale Küche zu fairen Preisen serviert wird. Und die Möglichkeit, vom Ufer aus mit bloßem Auge Beluga- und Blauwalen beim Tanz durchs Wasser zuzuschauen – wo sonst wird einem dieses Schauspiel geboten?

Als Justin Trudeau im Frühsommer die sieben Regierungschefs der wichtigsten Nationen der Welt in die „Charlevoix“-Region eingeladen hatte, hatte sich mir die Faszination für diese Gegend zunächst  nicht richtig erschlossen.

Heute, wo ich diesen Blogpost unweit des Städtchens La Malbaie schreibe, wo der G7-Gipfel stattfand, weiß ich es besser: Es ist eine begnadete Gegend, die inzwischen Touristen aus aller Welt anzieht. Nur der wütende Trampel aus Washington hatte die Szenerie damals polternd verlassen. Diese prollige Respektlosigkeit hat diese fabelhafte Landschaft nicht verdient. Von den anderen Regierungsschefs ganz zu schweigen.

Hier, im „Hotel Tadoussac“, sind es zu 95 Prozent Franzosen, die ihren Brüdern und Schwestern der Provinz Québec einen Besuch abstatten. Man sieht sie beim Strandspaziergang entlang der Bucht von Tadoussac, hört sie an den Fjorden entlang des Saguenay-Rivers und trifft sie abends im Hotel-Restaurant, an der Bar oder in den Bierkneipen entlang der Bucht.

Eine Tagestour mit dem Auto von Tadoussac in den 130 Kilometer entfernten Ort Saguenay entlang des Sankt-Margaret-Flusses lässt den Besucher oft ratlos mit der Frage zurück: Wer wohnt hier eigentlich und wovon leben diese so sympathischen, gastfreundlichen Menschen?

Es sind Bauern, Fischer und Holzfäller, von denen manche ihre Scheune den Sommer über als Bed & Breakfast vermieten.

Abgelegene Farmen, umgeben von Kuhwiesen so schön wie im Allgäu, ein verrostetes Stahl-Beton-Konstrukt, das irgendwann einmal eine Tankstelle gewesen sein muss. Hin und wieder eine Brasserie, eine „Casse Croute“-Snackbar oder auch ein Fischerboot, das mitten im Getreidefeld seine letzte Ruhe gefunden hat. Berge, die an einen Kochtopf oder auch einen Zylinderhut erinnern. Und auch im noch so kleinsten Dorf eine weiße Holzkirche.

„La Belle Province“ heißt der Slogan von Québec. Nirgends in der Provinz wird einem der Wahrheitsgehalt dieses Marketingversprechens authentischer vorgeführt als hier im Charlevoix.

Bei Ebbe hatte heute früh unsere vierstündige Strandwanderung entlang der felsigen Bucht von Tadoussac begonnen. Als die Flut kam, war es Mittag. Am Nachmittag ging es dann am Sankt-Margarete-Fluss entlang bis kurz vor den Ort Saguenay, vorbei an wilden Fjorden, saftigen Wiesen und durch Wälder, die kein Ende zu nehmen schienen.

Am Abend hatte uns das „Hotel Tadoussac“ wieder. Wer Trivia mag, kommt hier auf seine Kosten: Hier wurde Anfang der 80er-Jahre der Roman „Hotel New Hampshire“ von John Irving mit hochkarätiger Besetzung verfilmt. Die Hauptrolle spielte damals Nastassja Kinski. Mit dabei: Beau Bridges, Rob Lowe und Jodie Foster.