Anders schön: Leben als Rentner

IMG_6248.jpgRentner sein ist ganz einfach: Abends glüht das Internet bis zum Sendeschluss. Morgens lässt du dich von den Mittagsnachrichten wecken. Und weil du ja jetzt jede Menge Zeit hast, checkst du stündlich deinen Kontostand, ob die Rente schon eingegangen ist. Ganz so toll ist es nicht. Aber mal ehrlich: Rentner zu sein, hat schon was.

Der Anfang war nicht leicht. Auch wenn es deine eigene Entscheidung war, erstmals nach 40 Jahren nicht mehr auf Reportage zu gehen, keine Live-Beiträge mehr fürs Radio anzubieten und auch keine Fortbildungsseminare für JournalistInnen mehr zu geben, fehlte etwas. Nicht nur Anerkennung, sondern auch die Motivation, morgens aufzustehen, denn der Wecker hat jetzt ja ausgedient.

Wer sein Korrespondenten-Dasein gelebt und geliebt hat, definiert sich zwangsläufig über seinen Job. Ist der weg, fehlt auch ein elementarer Teil deiner Daseins-Bestimmung.

Jetzt heißt es aufpassen! Plötzlich ruft nicht mehr fünfmal am Tag ein Sender an, um einen Hörfunkbeitrag über Bären, Indianer oder eine Unterwasser-Eishockeymannschaft in Manitoba abzurufen. Wenn das Handy klingelt, heißt die Ansage jetzt allenfalls: „Milch mitbringen!“ oder auch: „Treffen wir uns zum Lunch beim Thailänder?“

Dass du ein paar tolle Kollegen in dein Rentnerleben hinüberretten konntest, die inzwischen zu Freunden geworden sind, gehört zu den positiven Dingen, die so ein Abschied vom Job mit sich bringt.

Nicht mehr „gebraucht“ zu werden, ist der weniger schöne Teil. Findest du dann noch eine Kanada-Reportage in irgend einer Mediathek, die du – was sonst? – selbstverständlich mit Sicherheit zehnmal besser gemacht hättest als der Kollege, der jetzt dein Gebiet abdeckt, musst du ganz stark sein. [Ironie aus].

Die Erkenntnis, dass der Abschied vom Berufsleben gleichzeitig der Einstieg in ein neues, nicht weniger, aber eben anders schönes Leben ist, kommt schleichend. Ist sie dann bei dir angekommen, dauert es ein wenig, bis du dein Leben, 2. Teil, schmerzfrei, neidlos und ohne Negativ-Nostalgie genießen kannst. Das ist dann die schönste Phase des Rentnerdaseins.

Dabei muss „vor dem Urlaub“ nicht immer gleich „nach dem Urlaub“ sein. Allein die Tatsache, dass man könnte, wenn man wollte, schafft wunderbare Freiräume im Kopf. Die wiederum bringen Energie, Motivation und Lebensfreude mit sich.

Aber was macht eigentlich so ein Rentner den ganzen Tag? Kommt darauf an. Man hat mehr Zeit, miteinander zu reden und hört wieder mehr Bücher und Musik. Man liest Fachzeitschriften, Nachrichtenseiten und Medienblogs nur noch dann, wenn die Themen dich auch wirklich interessieren und nicht, weil man von dir verlangt, immer „ganz weit vorne“ zu sein.

Hin und wieder ist deine Stimme noch für eine Sprecherrolle gefragt. Oder – ganz selten – schickt dich die Agentin zu einem Casting für einen Film. Ansonsten: Nichts als Kür, so weit das Rentnerauge reicht.

Man plant spontan und nutzt bei Kurztrips die Stausituation auf der Stadtautobahn immer schön nervenschonend zu seinen Gunsten. Zeit ist ja jetzt fast immer da. Es sei denn, du musst dir von irgendeinem Amt, das 22 Bushaltestellen entfernt liegt, eine „Lebensbescheinigung“ für die Rentenbehörde ausstellen lassen.

Du triffst Freunde, die genau so wenig mit ihrer Zeit haushalten müssen wie du, denn viele von ihnen sind ja auch Rentner oder Freiberufler.

Oder du gehst zur Blutabnahme ins Krankenhaus, weil sich mal wieder ein Zipperlein eingestellt hat.

Achja, die Zipperlein! Mit meinem Freund Peter habe ich eine Abmachung: Jeder darf fünf Minuten über seine Krankheiten reden, dann ist Schluss.

Und manchmal schreibst du: Mails, Texte, Bücher. Nicht mehr, weil du unbedingt Geld verdienen musst, sondern ganz einfach, weil du dir und anderen damit eine Freude machen willst.

So wie jetzt.