Live aus dem etwas anderen Café

Man nennt es Arbeit, aber es macht einfach nur Spass. Texte schreiben, Mails beantworten, Fotos sortieren – das alles in einem Café, in dem der Name Programm ist: Second Cup. Von dort, an meiner Montrealer Lieblingsstraße gelegen, kommt dieser Blog. Der Boulevard St. Laurent lässt grüßen. Und Frank O’Dea auch.

Second Cup ist, anders als Starbucks, das ich tunlichst meide, eine rein kanadische Café-Kette. Gegründet von einem Mann namens Frank O’Dea – einem ehemaligen Wohnsitzlosen.

Second Cup-Gründer Frank O’Dea © CBC

Als Dreizehnjähriger war er dem Alkohol verfallen und lebte jahrelang auf der Straße. Als ihm ein Gönner 1000 Dollar schenkte, beschloss er, sein Leben umzukrempeln. Zusammen mit einem Kumpel, der wie er durch schlechte Zeiten gegangen war, eröffnete Frank O’Dea in Toronto eine kleine Kaffeetheke.

Der Laden lief. Schon bald hatte die Kundschaft die beiden Männer in ihr Herz geschlossen. Ein Café nach dem anderen wurde eröffnet. Immer schön kanadisch. Und immer nach demselben Prinzip: Wir nehmen nicht nur, wir geben auch. An Suppenküchen, an Behinderten-Organisationen, auch an Opfer von Landminen-Anschlägen.

Das Erfolgsmodell von Second Cup machte Schule. Heute gibt es in Kanada rund 300 Second Cup-Filialen. Frank O’Dea, inzwischen im Rentenalter, kümmert sich noch immer um die Franchises, hält Motivationsseminare ab. Obwohl längst vermögend, reist er bescheiden in der Holzklasse und besucht die Suppenküchen und Obdachlosen-Unterkünfte der Städte, in denen es Second Cup-Cafés gibt. Also überall.

Für sein karitatives Engagement wurde Frank O’Dea mit dem “Order of Canada” ausgezeichnet, vergleichbar mit dem Bundesverdienstkreuz.

Frank O’Dea hat nicht nur ein Herz für Wohnsitzlose. Er denkt auch an all die Studenten und Freelancer, die ab und zu mal statt von zuhause aus dem Café arbeiten wollen. Jedes Second Cup verfügt über kostenloses High-Speed-Internet. An jedem Tisch gibt es Steckdosen für Rechner und Ladegeräte.

Und bleibt ein Kunde sechs Stunden und mehr bei einer einzigen Tasse Kaffee sitzen, wird ihn keine der unverschämt freundlichen Angestellten zur nächsten Bestellung animieren. Anordnung vom Chef persönlich! Erfolgsgeheimnis? Die Menge macht’s. Und auch der Coffee-to-go-Verkauf.

Falls also dieser Blogpost besonders gutherzig klingt, hat es einen Grund: Er wurde in einem Second Cup geschrieben. Dem Home-away-from-Home nicht nur für Wohnsitzlose.

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