2019 wird das Beste aller Zeiten!

NewYear2019herzlichice3Allen Leserinnen und Lesern der BLOGHAUSGESCHICHTEN wünsche ich einen wunderbaren Start ins neue Jahr! 2019 wird ein ganz besonderes Jahr für uns. Warum? Das erfahren Sie rechtzeitig an dieser Stelle. Bis dahin: Bleiben Sie mir gewogen und DANKE fürs Stöbern im Blog!

Abschlepp-Drama in der Wildnis

IMG_0912Wer im kanadischen Winter unachtsam ist, den bestraft das Leben. Eine bittere Erfahrung, die ich heute Abend machen musste. Was so schön mit einem Familien-Spaziergang über den zugefrorenen Lac Dufresne begonnen hatte, endete mit einem zähen Abschleppmanöver im Busch.

Nebel und gefrierender Regen sind der Kälte der letzten Tage gewichen. Statt blauem Himmel nichts als graue Suppe. Die spiegelglatte Eisschicht, die noch gestern den Lac Dufresne überzogen hatte, verwandelte sich über Nacht in eine Masse aus hart gebackenem Schnee. Winterwonderland ist anders.

Irgendwie müssen die im Blockhaus steif gewordenen Knochen ja bewegt werden. Dann eben ein Spaziergang über den See. Eineinhalb Kilometer lang, genau so breit. Umfang: 7 Kilometer. Die Strecke bis zur Bootsanlegestelle, an der unser Allwheeler geparkt ist, schafft man zu Fuß mühelos in weniger als einer halben Stunde.

Die Idee, dem Auto kurz Hallo zu sagen, war gut gemeint. Aber sie ging mächtig in die Hose. Was eigentlich eine kurze Runde werden sollte, um die Batterie geschmeidig zu halten, endet nur Zentimeter von einem Graben, hinter dem sich im Sommer ein schmaler, aber tiefer Bach auftut.

Schieben, drücken, Fußmatten unterlegen – es half nichts. Drei Leute, die ihr Leben in Kanada verbracht haben, kennen sich aus mit Winter. Heute nützt die zusammen mehr als hundertjährige Wintererfahrung der Drei Im Schnee genau: gar nichts.

Ein Glück, dass es den CAA-Automobilclub gibt. Ein Glück auch, dass es seit ein paar Jahren Handysignal am See gibt. Nicht jedes Abschlepp-Unternehmen fährt am Freitagabend in den Busch, um einen gestrandeten Allwheeler aus dem Graben zu ziehen.

„Eine Stunde. Höchstens!“, beruhigt mich der Mann vom CAA. Immerhin. Nach eineinhalb Stunden Warten im gestrandeten Wagen ein erneuter Anruf: Der Funkkontakt zum zuständigen Abschlepper sei abgerissen. Das Abschleppauto vom Monitor verschwunden. Verschollen. Nicht mehr auffindbar. Passiert schon mal im Busch, 16 Kilometer vom nächsten Dorf entfernt.

Ein neuer Schlepper muss gefunden werden. Das dauert. Inzwischen sind fast drei Stunden vergangen. Der Rest der Familie ist längst wieder zurück ins Blockhaus spaziert. „Wenn das hier alles erledigt ist, wartet ein leckeres Essen auf dich“, versucht SIE, die gute Laune nicht einfrieren zu lassen.

Pierre kommt. Mit einem brandneuen Spielzeug-Abschlepptruck für Erwachsene. Warnlichter blinken. Gleissendes Scheinwerferlicht. Pierre kurbelt und stöhnt und macht und tut und schleppt. Und irgendwann hat der Profi den Amateur vom Eise befreit. Die bunten Lämpchen vom Spielzeuglaster verschwinden wieder im Nebel. Und ich: allein in der Wildnis.

In der Zwischenzeit ist es stockdunkel. Die Nebelschwaden legen sich wie dicke Stoffgardinen vor dein Gesicht. Keine Lichtquelle weit und breit. Die Konturen des Sees sind nur noch schwer auszumachen. Aber du musst da rauf.

Das Wasser unter der Schicht aus Eis und Schnee gibt unheimliche Gurgelgeräusche von sich. Oder rülpst der See? Nein, er furzt. Gänsehaut. Deine Fantasie läuft jetzt Amok. Hitchcock. Titanic. Bären. Wölfe. Räuber. Genau: Seeräuber!

Es gibt wilde Tiere in den dichten Wäldern, die den See umzingeln. Sie sind hungrig um diese Jahreszeit, fressen sich den Bauch voll für den Winterschlaf. Haben sie vielleicht Appetit auf einen fast 70jährigen Schwabokanadier? Heute nicht. Ein Glück, dass sie dich nicht riechen können. Nicht riechen wollen?

Stampfenden Schrittes geht es zurück in Richtung Blockhaus. Es ist spät geworden, aber SIE hat Wort gehalten.

Es gibt Linsen mit Spätzle.

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Ton an! So hört sich der Marsch über den zugefrorenen See an:

Der See beschwert sich: So hört es sich an

Aus Männern werden Weicheier

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Irgendwann, als die bleiche Wintersonne sich langsam hinter den Bergen verabschiedet und der Körper sich unter dem Daunen-Parka, der gefütterten Holzfäller-Weste, dem Merino-Unterhemd und dem Baumwoll-T-Shirt noch immer anfühlt, als müsse da noch etwas kommen, das die Kälte vertreibt, besteht kein Zweifel mehr: Das mit der kanadischen Wintertauglichkeit ist auch nicht mehr das, was es einmal war.

Man könnte auch sagen: Aus dem Mann, der am 8. Dezember 1973 bei minus 40 Grad klaglos nach Winnipeg/Manitoba ausgewandert war, ist ein Weichei geworden. Zur Ehrenrettung sollte erwähnt werden, dass der Mann im Jahr 1973 gerade mal 24 Jahre alt war. Das Weichei wird in sieben Wochen 70.

Der Mann in mir sagt: Es hat gerade mal minus 20 Grad am Lac Dufresne, wo ist dasIMG_0310 Problem? Brrrhhh, bibbert das Weichei, wer soll denn diese Affenkälte lebend überstehen! Fakt ist: Mit zunehmendem Alter lässt die Kälte-Resistenz nach. Warum das so ist, verrät uns Frau Google:

„Die Blutgefäße in der Haut verengen sich, der Strom warmen Blutes beschränkt sich auf das Innere des Körpers; dadurch wird weniger Wärme nach außen abgegeben. Zudem kurbeln bestimmte Hormone, wenn es kalt wird, die Wärmeerzeugung des Körpers an. Reicht diese innere Wärmeregulation nicht aus, beginnt der Frierende zu zittern; durch diese rhythmischen Muskelkontraktionen wird zusätzliche Körperwärme produziert. Von einer weiteren Schutzvorrichtung allerdings, dem Sträuben der Pelzhaare, blieb dem Menschen nur der fast unwirksam gewordene Reflex: die Gänsehaut.“

Jetzt wissen wir’s also: Es ist die Gänsehaut, die uns frieren lässt, nicht der kanadische Winter. Oder so ähnlich.

Drei Stunden nach Sonnenuntergang dampft der zu Teewasser geschmolzene Schnee auf dem Holzofen und das Thermometer in der Blockhütte zeigt 21 Grad. Doch das Frösteln ist noch immer da.

Die Alpacca-Mütze sitzt stramm über den Ohren, kniehohe Trapper-Stiefel mit Thermo-Einlage schützen die Beine vor Frostbeulen. Die Handschuhe, die nur mal kurz zum Tippen ausgezogen werden, geben die Sicht auf ganz viel Gänsehaut frei – so ungefähr muss man sich das Making-Of dieses Blogposts vorstellen.

Inzwischen ist es mollig warm in der Hütte und gemütlich ist es sowieso. Und dann diese Ruhe über dem zugeforenen See! Nicht einmal die bibbernde Gänsehaut stört die Idylle im Blockhaus. Irgendwann ertönt zum Takt der klirrenden Zähne dann das Abendlied:

„Stille Nacht, eisige Nacht. Weichei friert, keiner lacht.“

Hier darf jeder Mozart sein

Es gibt in Montreal diesen Buchladen an der Rue-Ste. Catherine, der sich Indigo nennt und noch vor wenigen Jahren ein riesiges Angebot von Buchtiteln führte. Heute, da sich immer mehr Bücherwürmer im Internet eBooks (oder wie in meinem Fall Hörbücher) runterladen, ist die Auswahl von gedruckten Büchern eher bescheiden. Dafür gibt es Musik.

Nicht in Form von CDs oder Vinyl-Platten. Die Musik ist vielmehr hausgemacht, kostenlos und vor allem: spontan.

Im 1. Stock, gleich neben dem zum Buchladen gehörenden Café, steht ein Flügel, der allen zur Verfügung steht, denen nach Klavierspielen zumute ist. Dort habe ich schon prächtige Sonaten vernommen, liebliche Duette von Mutter und Kind. Oder auch, wie neulich, feurige Flamenco-Musik, präsentiert von einem Mexikaner auf Steroid.

Der Mann mag um die 60 gewesen sein und ist, wie er mir sagte, Autodidakt. Noten kann er keine lesen, aber er hat ein gutes Gehör. Immer wenn er in Montreal zu tun habe, verbringe er seine Mittagspause am Indigo-Klavier.

Auch heute, am 2. Weihnachtsfeiertag, versammelte sich wieder ein bunt gemischtes Publikum am Flügel. Ein Junge mit Knoten im Haar spielte mit Hingabe alles, was ihm gerade einfiel. Zwei Mädchen asiatischer Herkunft zelebrierten fernöstliche Melodien. Ein Mutter-und-Tochter-Duett versuchte einen guten Eindruck zu machen, brachte aber sonst nichts Bedeutendes zuwege.

Wenn Sie sich ein paar der heute gespielten Stücke anhören möchten, klicken Sie einfach auf das Video im Banner. Bild- und Tonqualität sind leider nicht herausragend. Viellicht haben Sie ja trotzdem Spaß am Zuhören.

Es ist nicht die Qualität der dort gespielten Stücke, die mich immer wieder in ihren Bann zieht. Ich bin vielmehr fasziniert von der nicht vorhandenen Scheu, mit der dort vor allem junge Menschen ihre Talente zur Schau stellen. Motto: Was habe ich denn zu verlieren, wenn ich nicht den richtigen Ton erwische?

Der Andrang der Hobby-Pianisten ist groß und die Pausen zwischen den einzelnen Darbietungen entsprechend kurz, nicht länger als zwei, drei Minuten.

Damit das Klavierspiel im Buchladen nicht zur Katzenmusik verkommt, hat Indigo einen Klavierstimmer angestellt, der sein Finetuning mit großen Gesten und sehr öffentlich zelebriert.

Bücher und Musik, hausgemacht und kostenlos – wer könnte da widerstehen?

Frohes Fest aus dem Bloghaus!

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Mit einem clickfrischen Szenenfoto aus der „Nutcracker“-Vorstellung im Montrealer Place-des-Arts wünsche ich allen Leserinnen und Lesern der BLOGHAUSGESCHICHTEN frohe Weihnachten. Danke, dass Sie diesem Blog seit mehr als sieben Jahren und nach fast 700 Beiträgen noch immer die Treue halten. Bleiben Sie mir gewogen und lassen Sie sich überraschen. Es erwartet Sie einiges im neuen Jahr.

 

 

Kurzbesuch bei Madame Kitsch

Leidend liegt der geschundene Herr Jesus in einem Bett von Lilienblättern unterm Ladentisch. Wie mit letzter Kraft hält er noch eine Visitenkarte in der linken Hand – so, als wolle er sagen: „Schaut her, Jüngerinnen und Jünger, hier gibt’s was zu kaufen!“

Zu kaufen gibt’s bei Kitsch’nSwell jede Menge. Die Heiligenfigur selbst ist allerdings unverkäuflich. Da ist Boutiqen-Besitzerin Karine Gauthier eigen.

Jesus unterm Ladentisch. Das geht Karines Mutter dann doch zu weit.

Karine ist in den Siebzigern geboren, aber ihr Herz schlägt für die Fifties. Ob Samthüte oder Perlmutt-Aschenbecher, bunte Glasketten, ausgestopfte Tiere oder Kirschmund-Broschen – ihr Retro-Laden am Montrealer Boulevard St. Laurent ist wie ein Museum, nur lustiger.

Und die Museums-Leiterin, sprich: Boutiquen-Besitzerin, ist das Coolste, Abgedrehteste, Schrägste, das mir seit langer Zeit begegnet ist. Ein, zwei vergnügliche Stunden mit diesem bunten Vogel zu verbringen ist wie Kino.

Die Retro-Boutique liegt am Boulevard St. Laurent, meiner Lieblingsstraße in Montréal.

Wer in einer Hippsterstadt wie Montréal auffallen möchte, muss sich schon etwas Besonderes einfallen lassen. Als Kitsch’nSwell vor ein paar Jahren zu verkaufen war, schlug Karine Gauthier zu. Dabei hatte sie als Taxidermistin zwar Erfahrung mit ausgestopften Wildtieren. Aber ein Geschäft hatte sie bis dahin noch nie geleitet. Gleich gar nicht so einen abgedrehten Laden wie diesen.

In die Wiege gelegt worden ist Karine Gauthier der Hang zum Schrägen allerdings nicht. Sie stammt aus der tiefsten Provinz. Die Saguenay-Region liegt 600 Kilometer nordöstlich von Montréal und ist vor allem durch seine Walbeobachtungs-Touren auf dem St. Lorenz-Strom bekannt.

Vor der Blockhütte im Busch, wo sie aufgewachsen ist, sagen sich nicht nur Fuchs und Hase gute Nacht, sondern auch Bären, Elche und Wölfe. Das mit der Taxidermie habe sich einfach so ergeben, sagt Karine. Tiere – lebendige und tote – gab es in der Wildnis schließlich en masse.

Von verrückten Sachen habe sie schon als Kind geträumt, erzählte mir Karine heute Nachmittag. Klamotten, Spielzeuge, Designerkram, Lampen. Dass sie mit Mitte vierzig allerdings einen Straßenkreuzer fährt und regelmäßig zu der größten Retro-Kitsch-Messe der Welt nach Las Vegas reist, war ihr nun wirklich nicht in die Wiege gelegt worden.

Ganz selten bekommt Karine Besuch von ihrer Mutter, die noch immer in der Wildnis lebt. „Sie findet mich ziemlich crazy“. Aber wie das halt so mit Müttern ist, man nimmt die Kinder wie sie sind.

Nur das mit dem Jesus Christus in der Glasvitrine unterm Ladentisch gefalle ihr gar nicht.

Das Sortiment von Kitsch’nSwell finden Sie  >> hier im Online-Shop <<  Von dort aus sind auch die INSTAGRAM– und FACEBOOK-Accounts mit Fotos und Videos zu erreichen.

Mehr Text und Fotos zu meiner Lieblingsstraße in Montréal gibt’s  >> HIER  <<

Schmankerln aus dem „Heustadl“

Man kommt um diese Jahreszeit ja gerne mal ins Grübeln. Vor allem, wenn nicht nur Weihnachten vor der Tür steht, sondern in wenigen Wochen auch der Siebzigste droht.

Mit Lausbubengeschichten will ich Sie heute nicht langweilen – die gibt’s an anderer Stelle in diesem Blog. Aber wenn Sie mir gestatten, dann nehme ich Sie mit auf eine kleine Erinnerungstour nach Waiblingen im Remstal. Dort begann im Mai 1968 meine journalistische Laufbahn.

Als Redaktionsvolontär bei der Waiblinger Kreiszeitung hatte man ein tolles Leben. Man genoss viele Freiheiten, durfte lokale Models interviewen und über die „Hausfrau des Jahres“ schreiben (ja, die gab’s damals wirklich). Und man konnte sich mit ein bisschen Ruhm bekleckern, wenn man „gute Geschichten“ an Land zog, wie das der damalige Chefredakteur Richard Retter nannte.

Eine dieser Geschichten ging so:

Im „Heustadl“, der Diskothek meines Vertrauens, spielte sich meistens gegen Mitternacht das richtige Leben ab. Einmal stand ein streitbarer Kollege im Mttelpunkt des Geschehens, der sich öffentlich mit dem Ehemann einer Frau zoffte, der gegenüber der Kollege seine Ritterlichkeit demonstrieren wollte.

Mein Kumpel, der edle Ritter, musste sich schließlich geschlagen geben – und zwar im Wortsinn, denn es kam zu einer faustdicken Keilerei. Ob die Ritterlichkeit des Kollegen von der Frau später belohnt wurde, soll hier keine Rolle spielen. Eine gute Geschichte gab es allemal.

Da es in der Redaktion nur wenige Geheimnisse gab, erfuhr auch der Chefredakteur davon. Prompt setzte er mich daraufhin auf das Thema an: „Wie sicher sind Waiblingens Lokale?“. Die Antwort wusste ich schon, noch ehe ich mit meinen Recherchen begann: Eigentlich sind Waiblingens Lokale sehr sicher. Es sei denn, man macht sich an die Ehefrau eines stadtbekannten Schlägers heran.

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Eine andere Geschichte, die in der Waiblinger Unterwelt spielte, ging so:

Man schrieb das Jahr 1968 und hörte immer nur von Sex, Drugs und Rock’n Roll. Vor allem das Thema Drogen hatte in einer Kleinstadt wie Waiblingen etwas Mystisches, Verruchtes. California Dreaming war weit weg und ich kannte bis dahin keinen, der direkt mit Drogen in Kontakt gekommen war.

Das änderte sich in einer Nacht im – Sie haben es erraten – „Heustadl“:

Zwei Typen, Mitte 20, fingen im Gespräch mit mir an, mit ihren Drogenerfahrungen zu prahlen. Endlich Informationen aus erster Hand! Sie wären durchaus bereit, mir ihre Halluzinationen im LSD-Rausch zu schildern. Auch würden sie über ihre Kontakte mit Drogendealern berichten, anonym versteht sich. Das Ganze habe allerdings seinen Preis: 50 D-Mark Info-Honorar für jeden und die Jungs würden mir alles Wissenswerte aus der Waiblinger Drogenszene berichten.

Kurz vor Mitternacht also ein Anruf beim Chefredakteur: Kann ich? Soll ich? Darf Ich? Und vor allem: Wer soll das bezahlen?

„Lass anschreiben bei Peter.“ Peter war der Diskothekenwirt und ein Bekannter meines Chefredakteurs. Also rückte Peter zwei Fünfziger heraus, denn als Volontär bei der Lokalzeitung war man zu jenen Zeiten mit einem Monatssalär von knapp 400 D-Mark nicht immer liquide.

Für insgesamt hundert Mark  führten mich also die beiden Kerle in jener denkwürdigen Nacht im „Heustadl“ in die dunkle Welt der Drogen ein. Die Geschichte in der Zeitung las sich flott. Ob alles stimmte, was mir die Jungs erzählten, wage ich heute zu bezweifeln.

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Drogen waren trotz – oder vielleicht gerade wegen – der frühzeitig erworbenen intimen Kenntnis der Szene nie so mein Ding. Bier, Wein und Schnaps schon eher. Und weil der „Heustadl“-Wirt, siehe oben, mit dem Zeitungs-Chef bekannt war, floss das Freibier oft in Strömen.

Es war Winter in Waiblingen und der Löschweiher am Stadtrand war erstmals seit langem wieder zugefroren. Was also lag da näher, als mit anderen Disco-Eseln um Mitternacht aufs Eis zu fahren, um nach dem Rhythmus aus dem Autoradio mit dem Döschwo den Wiener Walzer zu schlittern. Der 2 CV hat es überlebt, ich auch.

Wie so oft monierte meine Zimmervermieterin, eine resolute Witwe namens Herb, am nächsten Morgen, dass meine Ente mal wieder mit zwei Rädern auf dem Trottoir stehe. In verkehrsrechtlicher Hinsicht kümmerte mich der Vorwurf wenig. Dass sich, wie Witwe Herb mir aber versicherte, schon einige Passanten darüber beschwert hätten, dass „der junge Herr von der Zeitung“ wohl glaube, Sonderrechte genießen zu dürfen, ließ mich alles andere als kalt. Ich gelobte Besserung.

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Einer der „Heustadl“-Stammgäste war ein spillriger Kerl namens Ewald. Er besaß einen Opel-Kadett und war von Beruf Käsevertreter. Wie ich ihn um seinen Job beneidete! Morgens holte er bei seiner Firma wunderschöne Käseplatten ab, garniert mit Weintrauben und Schleifchen und immer ein gutes Fläschchen dazu. Damit ging er auf Tour.

In seinem missionarischen Eifer bot er mir an, mir an einem meiner freien Tage das Remstal und die weitere Umgebung von Stuttgart zu zeigen. An jedem Edeka-Laden machten wir Halt, um die neuen Käsesorten zu kredenzen. Interessanter als die Brie-, Chèvre- Sauermilch- und anderen Sorten waren die dazu gehörenden Weinproben. Ich liebte diese Käserundfahrten, auch wenn sie nicht immer gut endeten.

Und da wir nicht immer den gewünschten Gesprächspartner im Lädele antrafen, mussten wir so manche Käseplatte wieder einpacken und dem häuslichen Verzehr zuführen. Zusammen mit dem Fläschen, versteht sich, das der Leiter der Käseabteilung auch abgekriegt hätte, wäre er an diesem Tag bloß auffindbar gewesen.

Genug Käse geredet für heute. Mehr Schmankerln aus Waiblingen und sonst wo gibt’s ein andermal.

 

So geht Einwanderungs-Politik: Herzlich willkommen in Kanada!

Es gibt Themen, die lassen einen ein Leben lang nicht mehr los. Bei mir ist es das Thema Einwanderung. Meine erste Einwanderung nach Kanada erfolgte am 8. Dezember 1973, also vor ziemlich genau 45 Jahren. Nach einem mehrjährigen Aufenthalt in Europa bin ich im Oktober 1980 erneut nach Kanada ausgewandert. Seither lebe und arbeite ich hier.

Losgelassen hat mich das Thema Einwanderung nie mehr. Eigentlich auch klar, wenn man so direkt davon betroffen ist. So richtig hochgekocht ist es in meinem Kopf aber erst wieder in den letzten Jahren. Die Flüchtlings-Debatte in Deutschland hat in mir viele Emotionen geweckt.

Das fängt schon bei der Wortwahl an: Sind es nun „Flüchtlinge“, „Flüchtende“, „Immigranten“, „Einwanderer“ oder „Zuwanderer“?

Meine Meinung: Wenn man die richtige Einstellung zu einem Thema hat, dann ist die Terminologie ziemlich egal. Wichtig ist doch, wie man mit dem Thema selbst umgeht. Die kanadische Bevölkerung empfindet „Menschen von woanders“ nicht als Problem, sondern als Notwendigkeit. Es ist das Ergebnis einer geregelten Zuwanderungspolitik.

Das Punktesystem für Neueinwanderer in Kanada funktioniert. Es hat schon funktioniert, als ich damals eingewandert bin. Pluspunkte für Sprachkenntnisse und den Nachweis eines Arbeitgebers. Punkte auch für Sponsoren, die dem Staat versprechen: Wir passen auf, dass der Neueinwanderer, den ihr ins Land holt, nicht aus der Reihe tanzt!

Ich finde: In diesem Punkt ist Kanada einfach großartig. Hier wird nicht um den heißen Brei geredet. Man hält sich nicht an sprachlichen Feinheiten auf sondern hat nur ein Ziel:

Man möchte möglichst vielen Hilfesuchenden möglichst viel Hilfe zuteil werden lassen. Unbürokratisch, schnell und neidfrei. Zukunftsorientiert und nicht rückwärtsgerichtet.

Kanada sieht Neueinwanderer als Gewinn an und nicht als Bürde. Und genau so sollte es sein.

Mir ist unerklärlich, dass es in Deutschland zwar ein Bundesamt für Migration und Flüchtlinge gibt, aber noch immer kein vollwertiges Ministerium. Und das bei dem Thema, das wohl den meisten Deutschen mit am meisten auf den Nägeln brennt: Flüchtlinge und Einwanderer.

Was machen unsere Politiker eigentlich, wenn sie auf ihre berühmten „Fact Finding Missions“ gehen? Geben sich die vielen Abgeordneten, Minister, Staatssekretäre und auch Regierungschefs, die ich im Laufe der Jahrzehnte hier bei irgendwelchen Konsulats- und sonstigen Empfängen getroffen habe, wirklich damit zufrieden, lediglich Teil der Häppchenfraktion zu sein, für die solche Empfänge ausgerichtet werden? War’s das?

Alle Fotos © Bopp

Hören sie eigentlich zu, wenn ihnen von den Erfolgen der kanadischen Einwanderungspolitik erzählt wird? Von Flüchtlingen, die schon nach wenigen Wochen eine Wohnung oder gar eine Arbeitsstelle haben? Vor Kanadiern, die alles tun, um Menschen zu helfen, die Hilfe brauchen. Egal, ob sie eine Kopfbedeckung tragen oder nicht. Egal, mit welcher Hautfarbe sie geboren wurden und welcher Religon sie angehören.

Der Großteil der kanadischen Bevölkerung hat erkannt: Wir brauchen Menschen wie sie. Ohne sie blutet unser Land aus, ohne sie kann unsere Wirtschaft nicht blühen.

Weihnachten steht vor der Tür und Sie können mir eine große Freude machen, indem Sie sich den folgenden Hörfunkbeitrag anhören. Meine Kollegin Antje Passenheim hat ihn gerade für die WDR-Sendung „NEUGIER GENÜGT“ recherchiert und gesprochen. Nehmen Sie sich bitte die Zeit. Es lohnt sich:

Ein Selfie mit dem Christkind

Josef zückt das Handy zum Selfie. Maria formt das Victory-Zeichen. Die Heiligen Drei Könige beliefern das Jesuskindlein mit Amazon-Paketen auf dem Segway. Willkommen in der Montrealer Hipster-Krippe!

Zu sehen ist die schräge Hüttenszene zurzeit im Oratoire St.Joseph, einer riesigen Pilgerstätte im Norden der Stadt. Dort werden jedes Jahr zu Weihnachten 100 Krippen aus aller Welt ausgestellt. Aus Porzellan und Holz, aus Messing und Kork, aus Stoff, Stroh und Pappe.

Und jetzt eben ein Stall mit Photovoltaik-Dach, eine Maria mit einem Becher Starbucks-Kaffee in der Hand und einem Schaf, das glutenfreies Heu frisst. Versteht sich von selbst, dass die Kuh biofreundlich aufgewachsen ist.

Bethlehem digital – warum nicht? Jesus sei ja hoffentlich nicht nur für diesen einen Moment auf die Welt gekommen sondern auch für die nachfolgende Ewigkeit, sagte mir heute Nachmittag ein Junge, der mit seiner Schulklasse vor Ort war. Und zur Ewigkeit gehören eben auch Selfies und Amazon-Pakete.

Ganz unumstritten ist die Hipster-Krippe nicht. Es hagelt Proteste aus vielen Richtungen. Aber die Katholische Kirche, die das Pilgerzentrum unterhält, denkt bislang nicht daran, die Szene aus dem Ausstellungsangebot zu nehmen. Im Gegenteil: Die Hipster-Krippe ist zum Medienspektakel geworden, es wird mit einem Besucherrekord gerechnet.

 Die Kult-Krippe ist zwar die am meisten Beachtete, aber bei weitem nicht die Einzige, die zurzeit im Oratoire St. Joseph ausgestellt wird. Eine kleine Auswahl der anderen Krippen aus aller Welt finden Sie weiter unten.

Venezuela

Schweiz

Nepal

Bangladesch

Israel

Zambia

Lesoto

Burkina Faso

Nigeria

Ghana

Unbekannt

Ägypten

Brasilien

Costa Rica

Weissrussland

Malta

Unbekannt

Drei Millionen Pilger besuchen jährlich das Oratoire St. Joseph in Montréal. Die Aufnahme ist heute Nachmittag (12. Dezember 2018) entstanden.                             Fotos: © Bopp

Falls Ihnen das Foto vom Oratoire St. Joseph bekannt vorkommt: Richtig! Hier spielte sich auch die Story vom gestohlenen Herzen ab, von der hier vor langer Zeit mal die Rede war.

 

Als Model einmal um die Welt

Wo die Natur nicht gut zu dir war, hilft die Maske. 

Kurz vor der Landung in Tokio legt sie die Hand auf meinen Arm und flüstert mir ins Ohr: „Japan. Dass ich das noch erleben durfte!“ Über Curaçao meint sie, genau so habe sie sich das Karibische Meer immer vorgestellt. Ich will aber unbedingt noch kurz nach Buenos Aires. New-York wäre auch nicht schlecht. „Why not Hongkong?“, sagt die Frau neben mir.

„Machen wir alles“, sagt der Fotograf und schießt wie aus dem Maschinengewehr Hunderte von Bildern hintereinander. Seine Regieanweisungen sind überschaubar: „Immer schön den Flug genießen, zwischendurch aus dem Fenster schauen, lesen, im Bordmagazin blättern, lachen, plaudern. Sagte ich schon genießen?“ Nur essen ist verboten. „Die Speisen bitte nur mit der Gabel berühren“, lautet die Ansage.

Als Model für einen Tag gehört die Welt dir und deinen Träumen.

Ich sitze im komfortablen Erste-Klasse-Abteil eines Airbus 320, von dem Teile der Kabine in einem riesigen Montrealer Fotostudio stehen. Vor mir ein Tablett mit dem Feinsten, das die Bordküche heute zu bieten hat – alles echt, nichts hier ist fake. Als der Spinatsalat dann im Laufe der Fotosession etwas an Frische verliert, kommt die Foodstylistin mit der Sprühflasche.

Um mich herum wirbeln zwei Dutzend Männer und Frauen: Techniker, Fotografen, Maskenbildnerinnen und Friseure, zwei Ankleidefrauen und eine Food-Stylistin, Beleuchter, Bildabgleicher, Producer und andere Kreative. Auch eine Buchhalterin ist dabei. Sie ist für den Zeitplan verantwortlich – und damit für die Gage.

Ein kleines Problem gibt’s lediglich beim Ankleiden. Die coole Hose, die die Stylistin für mich ausgedacht hatte, platzt bei der Anprobe aus allen Nähten. Da kommt dann die Schneiderin ins Spiel. Sie erweitert kurzerhand den Bund, indem sie dem hinteren Teil der Hose zwei schnelle Schnitte verleiht – dort, wo auch die Kamera garantiert nicht hinsieht.

Was nicht passt, wird passend gemacht.

Die Schuhe? Zwei Nummern zu klein. Aber ein richtiges Model muss auch mal leiden können.

Die dunkelhäutige Dame neben mir heißt Elaine. Sie ist für heute meine Frau – Ehering inklusive. Elaine ist hauptberuflich Fotomodell und fliegt mit mir in vier Stunden um die Welt. Vier Stunden für ein paar Fotos, die in der neuen Werbekampagne der Airline verwendet werden. Auf Plakaten und Reiseprospekten, im Internet und auch im Bordmagazin.

Den Namen der Airline darf ich nicht nennen. Aber Sie, die Sie meinen Blog lesen, sind die Ersten, mit denen ich die Fotos nach Freigabe teilen werde.

Und wie kommt man zwei Monate vor seinem 70. Geburtstag zu so einem Model-Gig? Ganz einfach: Man ist sich selbst. Die Scouts waren bei der Suche nach einem „authentisch aussehenden älteren Mann“ bei meiner Agentin gelandet. Die hatte gerade so einen im Angebot. Auf dem Ablaufplan lese ich später: „Elaine and Herbert, International Couple“.

Modeln macht Spaß, aber es macht auch hungrig. Doch das Leben ist nicht immer fair. Während sich die Kreativen um dich herum mit Sandwiches, Salaten und Getränken vom Catering-Service eindecken, starren Elaine und ich noch immer auf einen Teller, der auch nach Stunden noch frisch wie aus dem Bordmagazin aussehen soll. 

Elaine hat nicht nur Erfahrung als Model. Sie hat auch Sinn für Humor. „Glaub ja nicht, es geht hier um uns.“, sagt sie. „Hier dreht sich alles um den Spinat“.

Ruhe vor dem Shooting: Gleich heben wir ab.