Aus Männern werden Weicheier

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Irgendwann, als die bleiche Wintersonne sich langsam hinter den Bergen verabschiedet und der Körper sich unter dem Daunen-Parka, der gefütterten Holzfäller-Weste, dem Merino-Unterhemd und dem Baumwoll-T-Shirt noch immer anfühlt, als müsse da noch etwas kommen, das die Kälte vertreibt, besteht kein Zweifel mehr: Das mit der kanadischen Wintertauglichkeit ist auch nicht mehr das, was es einmal war.

Man könnte auch sagen: Aus dem Mann, der am 8. Dezember 1973 bei minus 40 Grad klaglos nach Winnipeg/Manitoba ausgewandert war, ist ein Weichei geworden. Zur Ehrenrettung sollte erwähnt werden, dass der Mann im Jahr 1973 gerade mal 24 Jahre alt war. Das Weichei wird in sieben Wochen 70.

Der Mann in mir sagt: Es hat gerade mal minus 20 Grad am Lac Dufresne, wo ist dasIMG_0310 Problem? Brrrhhh, bibbert das Weichei, wer soll denn diese Affenkälte lebend überstehen! Fakt ist: Mit zunehmendem Alter lässt die Kälte-Resistenz nach. Warum das so ist, verrät uns Frau Google:

„Die Blutgefäße in der Haut verengen sich, der Strom warmen Blutes beschränkt sich auf das Innere des Körpers; dadurch wird weniger Wärme nach außen abgegeben. Zudem kurbeln bestimmte Hormone, wenn es kalt wird, die Wärmeerzeugung des Körpers an. Reicht diese innere Wärmeregulation nicht aus, beginnt der Frierende zu zittern; durch diese rhythmischen Muskelkontraktionen wird zusätzliche Körperwärme produziert. Von einer weiteren Schutzvorrichtung allerdings, dem Sträuben der Pelzhaare, blieb dem Menschen nur der fast unwirksam gewordene Reflex: die Gänsehaut.“

Jetzt wissen wir’s also: Es ist die Gänsehaut, die uns frieren lässt, nicht der kanadische Winter. Oder so ähnlich.

Drei Stunden nach Sonnenuntergang dampft der zu Teewasser geschmolzene Schnee auf dem Holzofen und das Thermometer in der Blockhütte zeigt 21 Grad. Doch das Frösteln ist noch immer da.

Die Alpacca-Mütze sitzt stramm über den Ohren, kniehohe Trapper-Stiefel mit Thermo-Einlage schützen die Beine vor Frostbeulen. Die Handschuhe, die nur mal kurz zum Tippen ausgezogen werden, geben die Sicht auf ganz viel Gänsehaut frei – so ungefähr muss man sich das Making-Of dieses Blogposts vorstellen.

Inzwischen ist es mollig warm in der Hütte und gemütlich ist es sowieso. Und dann diese Ruhe über dem zugeforenen See! Nicht einmal die bibbernde Gänsehaut stört die Idylle im Blockhaus. Irgendwann ertönt zum Takt der klirrenden Zähne dann das Abendlied:

„Stille Nacht, eisige Nacht. Weichei friert, keiner lacht.“

4 Gedanken zu „Aus Männern werden Weicheier

  1. Ach du heiliges Kanonenrohr. Ich glaube fasst ,du möchtest nur meine kanadischen Wintererlebnisse ,in meinem Gedächtnis auffrischen ! Ich bin vollauf begeistert ❄️☃️Personenschaden gab es keinen,das ist doch schon mal die halbe Miete . Ich sehe ,du hast auch ausreichend Bewegung bekommen, auf eine unvorher gesehene Art und Weise !
    Für eine Linsensuppe hätte ich so ein Spektakel allerdings dann auch mitgemacht.
    (Grüße an die Küche 🥰 )
    Eigentlich wart ihr ja ganz gut gewappnet. Sieht fast aus wie ein 4×4 von Volvo ? Kann mir vorstellen ,wie der die Fußmatten durchsegeln‘ lässt . Beim nächsten Mal evtl. ca. 1 atü aus jedem Reifen raus lassen . Reissig u. Zweige sammeln = Traction. Die Zuschaltung und Wahlnutzung der Allradfunktionen erfordert dann auch noch mal einige Übung!?
    ( auch beim konstant 4-wheeler )
    Der Typ mit der ‚Bubble Gum Machine’ auf dem Dach hat euer Auto entführt !? Gab es denn Hindernisse am Bachrand ? Hat die Lenkgeometrie ,der Kühler oder die Ölwanne evtl. etwas abbekommen , gelitten ?
    Ja ,eine volle Batterie ist immer so eine begehrenswerte Sache ! Wenn im Zweifel, dann lieber mal den Motor für 10 Minuten mit leicht angehobener Drehzahl (1500rpm)
    Trudeln lassen (das verlängert zwar nicht gerade die Lebensdauer des Motors ,aber …)

    Es gibt heutzutage übrigens Batterie Booster ! ( so groß wie ein Kosmetik Koffer ) ca.€90.- Den würde ich in euren Breitengraden immer mitführen ! ( So ähnlich wie dein ‚backup‘ für das iPhone . So kann man auch seinen gestrandeten Mitmenschen ,besonders in der Wintersaison, schnell aushelfen ! Dann ergeben sich daraus wieder Dutzende Begegnungen und Blog Einträge ,wie dieser ! Oder ? Ich sehe, du hast eurer Missgeschick, in eine positive Berichterstattung verwandelt ! Die stapfenden Schritte über den See waren deutlich zu vernehmen , und der Angstschweiß wehte bis hierher ! Well done !
    Nun hoffe ich ,dass die Werkstatt euer Gefährt bald wieder bereitstellt ! Nicht das ihr in der Wildnis zurückbleibt ! Auf einen “guten Rutsch” ins neue Jahr !!! (no pun intended ) XXXR..🏝

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  2. Wow ! Beneidenswert diese Ausrüstung ! Dein Beitrag weckt Erinnerungen ohne Ende !!
    Dafür schon einmal danke.! Aber, es war ein Buch von Catherine Pinkerton Pinkerton. : “Das Einsame Blockhaus”, was den zehnjährigen Berliner Knirps damals faszinierte. Sicher trug es nicht unwesentlich dazu bei ,später selber ,in Canada ein Blockhaus zu erwerben. Alle deine winterlichen Erfahrungen erlebe ich gerade wieder am eigenen Körper ! (einschließlich „goosebumps“ ), wenn ich mich gedanklich so zurück versetze. Abenteuer pur – ganz toll !
    Im Rückblick beschwerlich , und doch soo schön, es erfüllt mich mit grosser Dankbarkeit ! Die kanadische Wildnis , die Freundschaften, ,die Jahreszeiten , die Erfahrungen !
    Ich würd‘ aber noch mal bei „HERRN Google“ nach fassen ,um herauszufinden ,wie man den Kreislauf = Wärme ,ankurbeln kann. Das magische Wort wird bestimmt ‚Bewegung‘ sein!
    ( bis der Kanonenofen übernimmt ) Genießt eure trockene Kälte. Ich bin von Wasser umgeben, (hohe Luftfeuchtigkeit ) ! Da fröstelt man bei 15 °C , ohne Sonne ,auch schon mal zwischen den Flügeln !
    Möge sich der Windchillfaktor bei euch im unteren Bereich bewegen ! Besonders auf dem Wege zum Outhouse ! Wenn ihr dann wieder in eurem komfortablen Heim in Montreal eintrefft ,wird das erlebte Kontrastprogramm, euch bestimmt mit unschätzbarer Einblicken belohnen ?! Variety is the spice of life ! Enjoy to the max ! Cheers, XR…🏝

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  3. Jedes Ei braucht seinen Eierwärmer, also nichts Besorgnis Erregendes. Es ist nicht das Alter, lieber Freund, es ist die ruhigere Gangart, der geringere Stress, die größere Gelassenheit, die unserem Körper signalisiert: Schlafenszeit für Winterschlaf. Kälte, die von innen kommt, kann man auch nur von innen bekämpfen, so meine Großmutter, nachdem sie das einzige echte Problem unserer Winter besiegt hatte: einen Kohleofen, der über Nacht durch Wind oder plötzlich stark einbrechende Kälte erloschen war. Und dann griff sie auch schon mal am frühen Morgen zur Weinbrandflasche und taufte den Kaffee mit 2 Teelöffeln „Lebenswasser“. Der abendliche Tee ab minus 5 Grad outdoor wurde ohnehin immer zum wärmenden Element. Ich bekam bis zum 12, Lebensjahr eine Kupferwärmflasche erst mit Handtuch, nach einer Stunde auch ohne zwischen die Füße und sorgte dadurch dafür, daß mich das Zittern des Bettes nicht am Einschlafen hinderte.

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