Ein ganz normaler Tag im Studio

dubbingVon den vielen Jobs, die ich in meinem Leben als Freelancer schon hatte, ist der, den ich zurzeit ausübe, einer der ungewöhnlichsten: Dialog-Coach einer neuen Fernseh-Serie für den weltweit wohl bekanntesten Streamingdienst. Die Serie wird voraussichtlich noch dieses Jahr gesendet.

Der Dialog-Coach achtet darauf, dass die muttersprachlich englisch- oder französischsprachigen Synchronsprecher deutsche Worte und Sätze nicht nur korrekt aussprechen. Es müssen auch die Mundbewegungen stimmen. Das ist nicht immer ganz einfach.

Der Tag im Studio sieht ungefähr so aus: Der Regisseur sitzt am Kommandopult und fährt auf einer riesigen Leinwand Szene für Szene des Originalfilms ab, der ursprünglich auf Französisch gedreht wurde. Über jeder Szene liegt ein dicht beschriebenes Textband, das jeden Satz, jedes Stöhnen, jedes Räuspern eines jeden Schauspielers enthält.

Die Synchronsprecher kennen die Symbole für Ein- oder Ausatmen, für hohe oder tiefe Stimm-Modulation, sie wissen, wann sie laut oder leise werden müssen und auch, wenn eine Sprechpause mitten im Satz notwendig ist, damit die Mundbewegungen mit dem Originalfilm übereinstimmen.

Nur eines wissen sie nicht: Wie man Sätze wie „Ich habe gestern Nacht an Selbstmord gedacht“ oder: „Willst Du wirklich mitten in der Nacht nach Hause fahren?“ auf Deutsch ausspricht. Denn tatsächlich gibt es in dieser Serie jede Menge deutsche Sätze zu sprechen. Da kommt dann der Dialog-Coach ins Spiel.

Im Film geht es um einen deutschen Austauschschüler, der einen Sommer bei einer Gastgeberfamilie in Frankreich verbringt und sich dort unsterblich verliebt.

Wenn dann der Regisseur mitten in den Aufnahmen feststellt, dass die Produktionsfirma dummerweise vergessen hat, für einen einzigen Satz im Film einen extra Sprecher anzuheuern, dann ist das nicht weiter schlimm. Da springt dann auch gerne der Dialog-Coach ein.

„Sam, möchtest du noch Tee haben?“, lautet dieser Satz.

Wenn Sie also diesen Satz irgendwann in einer Fernsehserie hören werden, dann wissen Sie, wer ihn gesprochen hat: Der Mann von den Bloghausgeschichten.

In einem Montrealer Aufnahmestudio tagelang mit hochprofessionellen Sprechern aus mehreren Ländern zusammen zu arbeiten, ist eine Herausforderung für alle Beteiligten:

Für die Sprecher, die in diesem Fall allesamt bekannte Schauspielerinnen und Schauspieler sind.

Für den Regisseur, der dem Dialog-Coach vertrauen muss, dass das Deutsch, das in der Serie gesprochen wird, hinterher nicht klingt wie Polnisch rückwärts.

Und natürlich für den Dialog-Coach, der eine Szene so lange wiederholen lassen muss, bis jeder Umlaut, jedes i-Tüpfchen, jeder noch so gutturale Laut in der korrekten Tonlage richtig ausgesprochen wird.

Ein paar Sätze Spanisch seien für sie kein Problem, sagte mir eine Schauspielerin aus Los Angeles in einer Pause. Auch Mandarin und Japanisch musste sie für einen Film schon sprechen. Aber Deutsch? Da komme sie an ihre Grenzen.

Sätze wie: „Hört die Krähe eigentlich irgendwann mal auf zu krächzen?“ oder: „Die Hochzeit war ursprünglich für den zweiten Weihnachtsfeiertag vorgesehen“ erinnern an Annegret Kramp-Karrenbauer, die mit ihrem Namen Radiosprecher immer wieder zur Verzweiflung bringt. Stichwort AKK.

Wem das alles zu kryptisch ist, muss sich gedulden. Aus naheliegenden Gründen ist es mir an dieser Stelle nicht gestattet, Einzelheiten über die neue Serie zu nennen. Auch keine Sprecher- und Schauspielernamen darf ich verraten.

Treue Blogleserinnen und –leser wissen jedoch: Irgendwann wird hier der Schleier gelüftet.

Dann wird Tacheles geredet.

4 Gedanken zu „Ein ganz normaler Tag im Studio

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