Sehnsucht nach der Postkarte

Screen Shot 2019-10-23 at 12.02.04Texten Sie schon oder suchen Sie noch? WhatsApp, SMS, Facebook-Messenger, Google Chat, Instagram-Messenger … Nicht zu vergessen das gute, alte Email-Programm. War da noch was? Achja, die Postkarte und der Brief. Aber die sind ja längst im Museum.

Das Abrufen aller Nachrichten auf den diversen Kanälen im Internet ist nicht nur zeitaufwändig. Es nervt auch. Außerdem fällt schon mal eine Nachricht durch das Textsieb und man wundert sich, dass auf die Einladung keine Antwort gekommen ist.

Wäre ich IT-Spezialist, würde ich ein längst überfälliges Programm entwickeln, das alle Kommunikationswege in einer App bündelt.

Eine Zeitlang dachte ich: WhatsApp ist das ultimative Chat-Programm. Vor allem unter meinen deutschen Freunden ist es sehr beliebt, hier in Kanada übrigens weitaus weniger. Es ist schnell, nutzerfreundlich und übersichtlich in der Navigation.

Zu den Vorteilen von WhatsApp zählten für mich immer die Häkchen. Ist der Haken blau, hatte der Empfänger der Nachricht den Text gelesen. Ein graues Häkchen bedeutet: Geduld! Der Leser lässt sich mit der Lektüre noch Zeit.

Doch auf die Häkchenfarbe ist neuerdings auch kein Verlass mehr. Unter den Whatsapp-Einstellungen kann jeder selbst entscheiden, ob er als „gelesen“ oder „ungelesen“ gesehen werden möchte.

Ach, übrigens: Wussten Sie, dass Sie mit einem kleinen Trick auch bei Whatsapp Texte in kursiv oder fett schreiben können? So geht’s:

  • Kursiv: Unterstrich _vor dem ersten und letzten Zeichen_
  • Fett: Ein Sternchen *zu Beginn und am Ende des Satzes*

Am nervigsten finde ich Nachrichten, die mich auf Instagram erreichen. Die Antwort, vor allem wenn sie länger ausfällt, muss ich bei Instagram dann mühsam ins Handy tippen. Eine Computerversion von Instagram-Nachrichten gibt es meines Wissens nicht. (Falls ich mich täuschen sollte: bitte melden!)

Da wiederum finde ich Whatsapp toll. Hier gibt es nicht nur eine Smartphone-Variante sondern auch die Whatsapp-Version für den Computer (leider jedoch nicht fürs Tablet). Ich kann mir also mit der Antwort Zeit lassen und sie später via Keyboard tippen. Ähnlich bei der herkömmlichen SMS. Auch Facebook-Nachrichten können geschmeidig am Rechner verfasst werden.

Wie schön wäre da also ein schlankes Programm, das ich so konfigurieren könnte, dass alles, was ich verschicke und empfange über einen einzigen Kanal läuft, den ich wahlweise vom Computer, dem Smartphone oder dem Tablet aus bedienen kann.

Am besten mit blauen Häkchen, Sternchen und Unterstrichen. Und natürlich mit ganz vielen Emojis. (Den oben, im Banner, habe ich übrgens mit dem Apple-Programm selbst gebastelt.)

Manchmal bekomme ich Sehnsucht nach der guten, alten Postkarte. Doch selbst in diesem Punkt musste ich neulich eine Illusion begraben.

Kurz bevor wir uns auf den Jakobsweg machten, bat uns eine alte Dame, ihr doch eine Postkarte vom Camino zu schicken. Vesprochen ist versprochen.

Also suchten wir  in einem Dorf ohne Namen nach dem einzigen Papiergeschäft, wählten eine besonders schöne Bildpostkarte aus, machten uns auf die Suche nach einer Briefmarke auf den Weg zum Postamt, das natürlich – wir sind in Spanien – um diese Zeit geschlossen war. Beim 2. Versuch klappte es dann. Kuli gezückt, Text geschrieben, ab die Post. Adieu Karte.

Genau sechs Monate später ist die Postkarte immer noch nicht bei der alten Dame in Montreal gelandet.

Vielleicht sind ein paar Chat-Programme im Handy ja doch nicht so schlecht.

Müde Männer im Silberhaar

tv.jpgGestern wurde in Kanada gewählt. Justin Trudeau hat es wieder geschafft – zwar mit einer Minderheitsregierung, aber immerhin. Nach langer Zeit habe ich wieder ferngesehen. Was ich sah, war nicht schön: Es war eine Altmännerrunde, die das Fernsehen nicht braucht.

Da wurden Männer – und es waren ausschließlich Männer – aus der Versenkung geholt, die irgendwann mal hip waren im kanadischen Fernsehen. Hochkarätige Journalisten, denen zu ihren besten Zeiten Millionen von Kanadiern an den Lippen hingen.

Heute lassen sie müde ihre Lippen hängen, gähnen verschämt hinter der hohlen Hand und wollen nur noch heim ins Bett. Sie kommen träge rüber, verbraucht und irgendwo auch nicht sonderlich inspirierend. Es sind Yesterday Men.

Wer mit 70 oder noch älter in einer Wahlnacht morgens um zwei noch im Studio sitzt und meint, zu allem seinen Senf geben zu müssen, tut mir leid. Gerade beim kanadischen Fernsehen gibt es ganz viele junge, unglaublich talentierte, frische Moderatorinnen und Moderatoren. Diese gehören in die Bütt und nicht Männer mit einer großartigen Vergangenheit, die nach vielen Jahren im Scheinwerferlicht ihre Zukunft hinter sich haben.

Ja, sie bringen viel Erfahrung mit in die Sendung. Dafür kommen Männer wie Andrew Chang, 34, und Frauen wie Rosemary Barton, 41, mit einem frischen Blick in die Sendung, der selbst angestaubten Themen wieder etwas Exotisches verleiht. Außerdem handelt es sich, zumindest bei Chang, um „digital natives“, die im Internetzeitalter groß geworden snd. Dies kommt ihnen jetzt bei der Studioarbeit zugute.

Sie denken schnell, agieren zielgruppengenau und schaffen es so, eine Sendung zu machen, die trotz Gadgets und Hightech als sympathisch und angenehm empfunden wird. Sie senden nicht mehr nur in die „Wohnzimmer der Nation“, wie es früher hieß, sondern auch auf Tablets und Smartphones. Orts- und zeitunabhängiger Fernsehkonsum ist das, was heute gefragt ist.

Bis ein älterer Kollege seinen Finger im „Adler-Suchsystem“ – kennt das eigentlich noch jemand? – aufs iPad legt, hat der junge Andrew Chang dank virtuoser Haptik längst die Hochrechnung für die nächste Szene auf dem Schirm.

Loslassen können ist eine Kunst, die nicht jeder beherrscht. Als ich vor etwa zehn Jahren beschloss, meine Karriere als freier ARD-Korrespondent zu beenden, meine Seminare an jüngere Kollegen abzugeben und das Mikrofon endgültig einzumotten, war das ein harter Schritt. Aber es war gut so und ich habe im Frieden mit meinem Berufsleben abgeschlossen.

Vor ein paar Tagen rief ein Schweizer Sender an und wollte meine Einschätzung zu den Wahlen. Zunächst zögerte ich, sagte dann aber doch zu. Zum ersten mal nach vielen Jahren war ich wieder im Radio zu hören.

Als ich mir den Beitrag hinterher im Internet anhörte, fühlte es sich komisch an. Die Stimme wird brüchiger im Alter, die Gedankenblitze blitzen langsamer als früher. Der Korrespondent kommt bei einer Frage der Moderatorin ins Plappern, wo doch nur seine kurze Einschätzung gefragt ist.

Opa erzählt zwar noch nicht vom Krieg, aber in diese Richtung geht es.

Zwar waren die Kollegen – und hoffentlich auch die Zuhörer am anderen Ende der Leitung – zufrieden. Ich war es nicht. Es fühlte sich nicht mehr richtig an, mit fast 71 Jahren einer ganz offensichtlich viel jüngeren Zielgruppe die Welt erklären zu müssen.

Ich bin froh und dankbar, dass ich fast drei Jahrzehnte lang in Tausenden von Hörfunkbeiträgen, Filmen und Zeitungsartikeln der Welt Kanada und Alaska verklickern durfte. Aber irgendwann ist auch mal gut.

Schön, dass die Wunderkiste, die sich Leben nennt, für unsereins noch andere Überraschungen enthält. Noch schöner, dass man sich in unserem Alter nichts mehr beweisen muss – weder sich selbst noch anderen.

Ah, hier ist sie wieder, die Gnade des Alters …

Als Fanboy ganz nah bei Justin

IMG_8830Achtung, Spoiler: Ich bin ein Fan von Justin Trudeau. Ich war dabei, als er beim Staatsbegräbnis seines Vaters vor 19 Jahren die bewegendste Trauerrede hielt, die ich je gehört habe. Ich freute mich wie ein Kind, als er 2015 zum kanadischen Premierminister ernannt wurde. Und ich hoffe inbrünstig, dass er am kommenden Montag erneut gewählt wird.

Eben komme ich von einer Wahlveranstaltung mit Justin Trudeau im Osten von Montreal zurück. Es war „Trudeaumania“ pur.

„Presse?“, fragte der Ordner meinen Kumpel und mich. Der Mann muss ein Auge für

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Gleich kommt Justin: Mit Julian (r) in den Angus-Hallen.

Journalisten gehabt haben. Julian und ich hatten nämlich gar nicht vor, an Justin Trudeaus Wahlveranstaltung als Pressevertreter teilzunehmen. Keiner von uns hatte einen Presseausweis dabei. Wir wollten doch nur ein bisschen Trudeaumania spüren.

Aber wir würden einen Teufel tun, die Gelegenheit verstreichen zu lassen, Justin ganz, ganz nahe zu kommen.

„Klar, Presse“, beschieden wir dem Ordner und ließen uns die Hundemarke aushändigen, die alle Pressevertreter um den Hals tragen müssen, wenn sie Justin Trudeaus Wahlveranstaltungen covern.

Problemloser bin ich in meinem ganzen Korrespondentenleben noch keinem Promi nahe gekommen.

Der Reporterpulk wurde zunächst in einen Lagerraum mit dem Charme einer Stehbierhalle gesperrt. Es waren bekannte Gesichter darunter.

Das hinderte die Polizei freilich nicht daran, jeden einzelnen Rucksack, jede Kamera, jedes Stativ zu untersuchen. Mein Glück: Ausser dem Handy war bei mir nichts. Julians Digicam war sauber.

Als eifrige Polizistinnen ihre Detektivarbeit beendet hatten, wurde ein Spürhund auf dieIMG_8771.jpg wartenden Journalisten losgelassen. Hundi war brav und roch an jedem Kabel, jedem Blitzgerät, jeder Kamera.

Was Hundi nicht riechen konnte: Julian und ich waren genau genommen illegal hier. Denn mit Pressepass ausweisen konnte sich ja keiner von uns. Bei mir genügte das Kärtchen der Krankenkasse. Julian zeigte immerhin seinen deutschen Personalausweis.

Nur mal so: Vor ein paar Tagen trat Justin Trudeau noch mit schussicherer Westen unterm Jacket auf.

Das Event selbst war Showbusiness as usual. Trudeau-Handler baten die Plakatwedler, die vor den Fernsehkameras wedelten, bitte nicht zu wedeln, denn sonst sei Justin ja nicht von den Kameras zu erfassen.

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Sophie Grégoire Trudeau

Zwei Einheizer, eine Einheizerin. Dann kommt Sophie Grégoire Trudeau auf die Bühne und sagt, was alle Anwesenden ohnehin schon wissen: Justin sei ein toller Mann – ihr Mann – und müsse unbedingt wiedergewählt werden.

Klar doch und Jubel.

Dann kommt Justin, wie man ihn kennt und liebt: Weißes Hemd, die Ärmel bis unterhalb des Bizeps hochgekrempelt, dunkelblaue Hose. Und jede Menge Muskeln unterm Shirt und, ja, neidfrei auch in der Hose. Boxer eben.

Justin sagt, dass er alle lieb habe, die an diesem verregneten Donnerstagabend in die zugige Halle gekommen seien, wo früher Lokomotiven gebaut wurden. Und er sagt, dass sie ihn doch bitte alle wählen sollen, weil keiner seiner Gegenkandidaten das Zeug habe, Kanada in eine umweltfreundliche, friedliche und freundliche Zukunft zu führen.

Justin sagt, er allein habe das Zeug dazu. Und genau deshalb bekommt er am 21. Oktober mein Kreuzchen.

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Der Bammel nach dem Casting

film3Nein, ich bin kein Schauspieler. Weder auf der Bühne, noch im Fernsehen und gleich gar nicht im Kino. Aber glückliche Umstände haben mir immer mal wieder Rollen in mein Leben gespült, die ich dann auch dankend angenommen habe.

So wie die Rolle des Professors in Le Cyclotron. Das Szenenfoto oben stammt aus diesem Film, der eine Zeitlang im Kino lief und hier erst neulich mal wieder im Fernsehen gezeigt wurde.

Es gab auch andere Gigs, vor allem Sprecherrollen. Neulich sogar einen tollen Job als Dialog-Coach für eine Serie, die noch dieses Jahr in die Welt gestreamt wird.

Auch als Seniorenmodel durfte ich wiederholt vor die Kamera. Das letzte Mal, als AirScreen Shot 2019-10-16 at 12.13.30 Transat mich für einen Tag in ein Fotostudio holte, um mit meinem Fake-Lächeln neben meiner Fake-Ehefrau Werbung für die Club-Class  zu machen.

Die Shootings machen einem Nichtschauspieler wie mir Spaß. Man lernt tolle Leute kennen, wird gepudert und eingekleidet und auch vom Catering-Service verwöhnt. Man wird vielleicht sogar ein klitzekleines bisschen berühmt und noch ein klitzekleineres bisschen reich.

Und weil alles so gut geklappt hat, schickt dich die Agentin, die dich ursprünglich einzig und allein wegen deiner Stimme als Synchronsprecher unter Vertrag genommen hatte,  jetzt immer häufiger auch zu Film-Castings.

Film-Castings sind für einen Nichtschauspieler die Hölle.

Du sitzt aufgedonnert und dressed to kill im Warteraum eines Filmstudios mit vielen Anderen, die noch aufgedonnerter sind als du und sich noch schärfer anziehen als du es je sein wirst.

Sie sind jünger und schöner, haben weniger Bauch, dafür aber viel, viel mehr Erfahrung als du.

Und sie sind heiß auf den Job, weil sie davon leben müssen. Du dagegen hast deine Karriere hinter dir und machst das alles nur zum Spaß. Und trotzdem willst du siegreich aus diesem Kampf um den besten Look, den besten Eindruck, die beste Stimme, den besten Dialog hervorgehen.

Denn auch du willst jetzt diese Rolle haben, sonst wärst du ja nicht hier.

Du sprichst also vor. Du mimst, wie von dir verlangt, den Papiermacher oder den Fassmacher oder auch den Koch, den Hobbygärtner. Manchmal mimst du auch gar nichts und schaust nur blöd in die Kamera. Dann sagst du, weil sie ja deine Stimme hören wollen, brav deinen Vor- und Nachnamen und verrätst ihnen, wer deine Agentin ist.

Dass dir das zu diesem Zeitpunkt jetzt alles schon viel zu lange dauert und du es blöd findest, als Siebzigjähriger wie ein Schulkind deinen Namen daher zu plappern, wo du ihn doch gerade erst, inklusive Hemdgröße und Körpergewicht, in die ausgelegte Liste im Casting-Wartezimmer eingetragen hast, das sagst du natürlich nicht. Denn du willst ja schließlich die Rolle.

Irgendwann verabschiedet sich der Casting-Direktor höflich von dir und sagt, du würdest wieder von ihm hören.

Oft war es das dann und du hörst nie wieder von ihm.

Anders beim letzten Casting. Ausgerechnet an einem Feiertag, dem Thanksgiving Day, ruft dich die Sekretärin des Casting-Direktors an und bittet dich, erneut ins Studio zu kommen. Man nennt das „Callback“.

Beim Callback steigen deine Aktien. Die Chancen, dass du die Rolle bekommst, sind jetzt richtig gut. Also puderst du dich noch etwas mehr als beim letzten Mal, holst diesmal das frisch gebügelte Hemd aus dem Kleiderschrank, das du sonst nur für Hochzeiten und Beerdigungen anziehst. Dann machst du dich auf den Weg in Richtung Studio, den du ja schon kennst.

Im Wartezimmer ist es diesmal sehr leise. Nur ein paar Gesichter kennst du noch vom letztenmal. Sie schauen dich fies aus den Augenwinkeln heraus an. Du bist jetzt ja ihre Konkurrenz.

IMG_8720Du versuchst sie genauso fies aus dem Augenwinkel heraus zu ignorieren wie ein schlechter Schauspieler. Du weisst, dass auch die anderen, die hier sitzen, zum „Callback“ eingeladen wurden. Auch ihnen wurde ein Strich durch ihr Thanksgiving-Dinner gemacht. Denn was ist schließlich wichtiger als Kino? Ein hundsgewöhnlicher Turkey ganz bestimmt nicht.

Und wieder sagst du brav deinen Namen, guckst blöd in die Kamera und stellst plötzlich fest, dass hinter der Kamera diesmal nicht nur der Casting-Direktor steht, sondern ganz viele Menschen, die alle nur darauf warten, bis du dich doof genug anstellst, damit sie dich endlich von ihrer verdammten Liste streichen können.

Wie doof ich mich beim Callback angestellt habe, weiß ich noch nicht. Bisher hat sich die Casting-Agentur  nicht mehr gemeldet.

Heute sage ich 775 Mal Danke!

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In Kanada wird an diesem Wochenende Thanksgiving gefeiert. Meine frankokanadischen Freunde nennen das Erntedankfest Journée de l’Action de Grâce. Zeit, um mich bei Ihnen, den Tausenden von Bloglesern und -leserinnen, zu bedanken.

Als ich am 8. August 2011 meinen ersten Blogpost schrieb, war das eine Art Verzweiflungstat. Ich hatte mich über das kanadische Gesundheitssystem echauffiert und suchte ein Ventil. Das System krankt zwar auch acht Jahre später noch. Aber das ist ein anderes Thema.

Inzwischen sind hier genau 775 Blogposts erschienen, die insgesamt mit mehr als 1000 Kommentaren angereichert wurden.

Heute möchte ich mich bei Ihnen, den treuen Leserinnen und Lesern der BLOGHAUSGESCHICHTEN, bedanken:

  • Dass Sie mir in all den Jahren gefolgt sind.
  • Dass Sie mich oft kritisch mit Kommentaren begleitet haben.
  • Dass Sie mich mit Ihrem Input zu neuen Themen angeregt haben.
  • Dass Sie mir auch die Treue gehalten haben, wenn es mehr als eine Meinung gab.

Besonders zu schätzen wusste ich Ihre motivierenden Impulse im Frühjahr 2019, als ich täglich vom Camino de Santiago de Compostela gebloggt habe. Mehr als einmal waren Sie es, die uns ermutigt haben, am nächsten Tag auch bei Regen, Sturm, Schlamm, Eis und Schnee weiter zu marschieren, wo wir doch gerne mal im warmen Hostelbett geblieben wären.

Am häufigsten werden die BLOGHAUSGESCHICHTEN übrigens aus naheliegenden Gründen in Deutschland angeklickt. Etwas abgelegen dahinter kommt Kanada, gefolgt von Spanien, der Schweiz, Österreich und den USA.

Thanksgiving ist aber nicht nur eine Gelegenheit, mich bei den Leserinnen und Lesern dieses Blogs zu bedanken, sondern bei allen Menschen, die mein Leben bereichern. Allen voran meine kleine Familie hier in Kanada.

Danke sage ich aber auch allen meinen Freunden und Verwandten, egal wo sie auf diesem Planeten leben. Ohne Euch, Eure Gedanken, Eure Bücher, Eure Musik, Eure Bilder, Eure Geschichten … wäre mein Leben ärmer.

Dankbar bin ich auch dafür, dass ich in einem Land leben darf, das noch genug politischen Anstand besitzt, um Andersdenkende nicht zu diffamieren. Ein Mann mit Turban hat am 21. Oktober gute Chancen, zusammen mit dem tollen Justin Trudeau eine Minderheitsregierung zu bilden.

Wenn das kein Grund zur Dankbarkeit ist.

Im Schweizer Internetadio habe ich eben beim Frühstück einer Frau zugehört, die vom Moderator gebeten wurde, den Begriff „arm und reich“ zu definieren. Die Frau sagte etwas sehr Kluges:

  • „Ich möchte reich genug sein, um mich nicht von den Reicheren kaufen lassen zu müssen. Ich möchte aber auch nicht so arm sein, dass ich käuflich werden kann“.

Ich weiss nicht, ob das Zitat wirklich von der Frau im Radio stammt. Vielleicht hat sie es auch nur wiedergegeben. Ich werde es mir jedenfalls merken.

Habe ich jemand in meiner Danksagung vergessen?

Achja: Wer immer da oben Regie führt – er, sie, es – soll wissen, dass ich dankbar bin, auch wenn ich nur ab und zu eine Kirche von innen sehe.

Meistens übrigens dann, wenn ich mich mit einer angezündeten Kerze für irgend etwas oder bei Irgendjemandem bedanke.

Happy Thanksgiving!

PS: Darf man an Thanksgiving auch um etwas bitten? Dann bitte ich inständig darum, dass sich die Kranken, von denen es derzeit im Freundes- und Familienkreis einige gibt, schnell und vollständig wieder berappeln.

Danke!

Allgäu-Seelen für die Seele

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Wer sich ein Leben in der kanadischen Diaspora ausgesucht hat, weit weg von Heim und Herd im Oberschwäbischen, muss kulinarisch schon mal Kompromisse machen.

Vor allem gute Backwaren waren zu Beginn meiner Kanada-Zeit schwer zu finden. Heute ist das alles kein Problem mehr. Die Bäckerei um die Ecke bietet so gut wie alles an, was auch deutsche Qualitätsbackstuben im Regal haben. Und was fehlt, wird eben selbst gebacken.

Von selbstgemachten Laugenbrezeln, knusprigem Bauernbrot und dem vor allem bei Trappern und Indianern beliebten Bannock war in diesem Blog schon öfter die Rede. (Links und Fotos dazu gibt’s am Ende dieses Blogposts).

Neu im Angebot der Bopp’schen Backstube sind Seelen aus dem Allgäu.

Obwohl wir aus der Ecke kommen, wo dieses leckere Gebäck seine Heimat hat, wäre es uns bisher nie in den Sinn gekommen, Allgäuer Seelen in Heimarbeit herzustellen.

Vielleicht deshalb, weil es in der Markthalle nebenan ein umfangreiches Brotangebot gibt, das auch Mohn- und Kümmelbaguettes enthält. Die kommen dem Allgäu-Gebäck ziemlich nahe.

Der Leidensdruck, „richtige“ Seelen zu backen, hielt sich also in Grenzen.

Doch dann kam „Str-Omi“ ins Spiel. „Str-Omi“ ist eine wunderbare Frau aus der Stuttgarter Gegend, die unter diesem Nicknamen häufig im Mallorca-Forum postet, in dem auch ich mich bewege. Und weil Str-Omi aus einer persönlichen Begegnung in Palma weiss, dass kulinarische Genüsse in unserem Leben hohe Priorität haben, schickte sie uns kürzlich ein Rezept für Allgäuer Seelen.

Es sei super einfach, schrieb sie. Und dazuhin unglaublich schmackhaft. Beides stimmt. Allgäuer Seelen haben inzwischen einen Stammplatz im Regionalteil unserer Küche. Sie schmecken mit oder ohne Belag, mit oder ohne Wein und Bier. Kalt oder warm. Sie schmecken einfach.

Danke für den Tipp, liebe Str-Omi.

  • Das Rezept für die Seelen gibt’s  >> HIER <<

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  • Zum wahrscheinlich besten Brotrezept der Welt geht’s  >> HIER <<

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  • Alles über Laugenbrezeln finden Sie  >> HIER <<

brezeln

  • Bannock, das Brot der Trapper und Indianer, gibt’s  >> HIER <<

bannok

 

Fernsehen war gestern

streamingEs war Mitte der 80er-Jahre, als mich hin und wieder ein freundlicher Belgier namens Georges Lissoir in meiner Wohnung im Stadtteil Notre-Dame-de-Grâce besuchte. Bei Kaffee, Calvados und Käseschnitten redeten wir dann stundenlang über dies und jenes, vor allem aber über Computer und Medien.

Monsieur Lissoir war mehr als nur mein Vorgesetzter bei Radio Canada International, dem staatlichen kanadischen Auslandssender. Er war ein Visionär.

So fand er es schon vor 35 Jahren im Hinblick auf die globale Entwicklung wichtiger, Mandarin und Hindi zu lernen als Italienisch oder Spanisch.

Er selbst beherrschte vier oder fünf Sprachen. In der Mittagspause hörte man ihn durch die halb geöffnete Bürotür oft chinesische Vokabeln nachsprechen.

Mein Chef beim Radio war schon damals davon überzeugt: Rundfunk und Fernsehen, wie wir es kennen, sind Auslaufmodelle.

An ein Gespräch mit ihm erinnere ich mich noch besonders gut. „Wäre es nicht großartig“, träumte ich laut vor mich hin, „wenn wir auf Knopfdruck jeden Song der Welt in unser Wohnzimmer beamen könnten, ohne einen Plattenladen zu betreten?“

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Das Team von Radio Canada International in den achtziger Jahren. Stehend von links nach rechts: Georges Lissoir, Margret Schwaikowsky, Erwin Potitt, Herbert Bopp. Vorne sitzend: Gunter Michelson und Maggy Akerblom. Nicht auf dem Bild: Dr. Peter Bernath.

„Wir werden es noch erleben“, prophezeite der weise Georges Lissoir und ging noch einen Schritt weiter. „Nicht nur Musik werden wir schon bald unabhängig von Zeit und Ort hören können. Auch Filme und Fernsehen können wir haben, wann und wo wir wollen“.

Das war zu einer Zeit, als das, was man später Internet nannte, noch nicht einmal laufen konnte. Es klang zu schön, um wahr zu sein.

Und doch ist es genau so gekommen. In unserem Haus gibt es zwar noch einen Flachbildschirm, aber schon seit Jahren keinen Fernsehanschluss mehr. Trotzdem verpasse ich keine wichtige Nachrichtensendung, sehe regelmäßig Böhmermann und Heute-Show. Und den „Tatort“ streame ich mir dank ARD-Mediathek dann ins Haus, wann es mir passt und nicht, weil gerade Sonntag ist.

Mein Privatkino heißt Netflix, mein privater Radiosender kommt aus Schweden und nennt sich Spotify. Kein Musiktitel, den ich nicht in Sekundenschnelle finde.

Als gestern Abend im Fernsehen die Debatte der Kandidaten für die Wahl am 21. Oktober lief, verpasste ich keine Sekunde davon. Auch ohne Fernseher war es mir möglich, die Diskussion aus dem Internet direkt auf meinen Flachbildschirm zu beamen. Und hätte ich jetzt, 20 Stunden nach der Ausstrahlung, Lust, mir die Sendung erneut anzuschauen, würde ein Mausklick auf den Streaming-Link genügen.

Ob Nachrichten-Sendungen oder Netflix-Serien, Oscar-Events, Kochshows oder Polit-Talks – es gibt fast nichts, das ich nicht sehen könnte, obwohl ich keinen Fernsehanschluss habe.

Nur beim Sport wird es gelegentlich eng. Live-Events werden häufig aus rechtlichen Gründen nicht gestreamt.

Da hilft dann eben der gute, alte Gang in die nächste Kneipe.

Georges Lissoir würde mich bestimmt liebend gerne dorthin begleiten. Leider ist er vor einigen Jahren verstorben.