Der Bammel nach dem Casting

film3Nein, ich bin kein Schauspieler. Weder auf der Bühne, noch im Fernsehen und gleich gar nicht im Kino. Aber glückliche Umstände haben mir immer mal wieder Rollen in mein Leben gespült, die ich dann auch dankend angenommen habe.

So wie die Rolle des Professors in Le Cyclotron. Das Szenenfoto oben stammt aus diesem Film, der eine Zeitlang im Kino lief und hier erst neulich mal wieder im Fernsehen gezeigt wurde.

Es gab auch andere Gigs, vor allem Sprecherrollen. Neulich sogar einen tollen Job als Dialog-Coach für eine Serie, die noch dieses Jahr in die Welt gestreamt wird.

Auch als Seniorenmodel durfte ich wiederholt vor die Kamera. Das letzte Mal, als AirScreen Shot 2019-10-16 at 12.13.30 Transat mich für einen Tag in ein Fotostudio holte, um mit meinem Fake-Lächeln neben meiner Fake-Ehefrau Werbung für die Club-Class  zu machen.

Die Shootings machen einem Nichtschauspieler wie mir Spaß. Man lernt tolle Leute kennen, wird gepudert und eingekleidet und auch vom Catering-Service verwöhnt. Man wird vielleicht sogar ein klitzekleines bisschen berühmt und noch ein klitzekleineres bisschen reich.

Und weil alles so gut geklappt hat, schickt dich die Agentin, die dich ursprünglich einzig und allein wegen deiner Stimme als Synchronsprecher unter Vertrag genommen hatte,  jetzt immer häufiger auch zu Film-Castings.

Film-Castings sind für einen Nichtschauspieler die Hölle.

Du sitzt aufgedonnert und dressed to kill im Warteraum eines Filmstudios mit vielen Anderen, die noch aufgedonnerter sind als du und sich noch schärfer anziehen als du es je sein wirst.

Sie sind jünger und schöner, haben weniger Bauch, dafür aber viel, viel mehr Erfahrung als du.

Und sie sind heiß auf den Job, weil sie davon leben müssen. Du dagegen hast deine Karriere hinter dir und machst das alles nur zum Spaß. Und trotzdem willst du siegreich aus diesem Kampf um den besten Look, den besten Eindruck, die beste Stimme, den besten Dialog hervorgehen.

Denn auch du willst jetzt diese Rolle haben, sonst wärst du ja nicht hier.

Du sprichst also vor. Du mimst, wie von dir verlangt, den Papiermacher oder den Fassmacher oder auch den Koch, den Hobbygärtner. Manchmal mimst du auch gar nichts und schaust nur blöd in die Kamera. Dann sagst du, weil sie ja deine Stimme hören wollen, brav deinen Vor- und Nachnamen und verrätst ihnen, wer deine Agentin ist.

Dass dir das zu diesem Zeitpunkt jetzt alles schon viel zu lange dauert und du es blöd findest, als Siebzigjähriger wie ein Schulkind deinen Namen daher zu plappern, wo du ihn doch gerade erst, inklusive Hemdgröße und Körpergewicht, in die ausgelegte Liste im Casting-Wartezimmer eingetragen hast, das sagst du natürlich nicht. Denn du willst ja schließlich die Rolle.

Irgendwann verabschiedet sich der Casting-Direktor höflich von dir und sagt, du würdest wieder von ihm hören.

Oft war es das dann und du hörst nie wieder von ihm.

Anders beim letzten Casting. Ausgerechnet an einem Feiertag, dem Thanksgiving Day, ruft dich die Sekretärin des Casting-Direktors an und bittet dich, erneut ins Studio zu kommen. Man nennt das „Callback“.

Beim Callback steigen deine Aktien. Die Chancen, dass du die Rolle bekommst, sind jetzt richtig gut. Also puderst du dich noch etwas mehr als beim letzten Mal, holst diesmal das frisch gebügelte Hemd aus dem Kleiderschrank, das du sonst nur für Hochzeiten und Beerdigungen anziehst. Dann machst du dich auf den Weg in Richtung Studio, den du ja schon kennst.

Im Wartezimmer ist es diesmal sehr leise. Nur ein paar Gesichter kennst du noch vom letztenmal. Sie schauen dich fies aus den Augenwinkeln heraus an. Du bist jetzt ja ihre Konkurrenz.

IMG_8720Du versuchst sie genauso fies aus dem Augenwinkel heraus zu ignorieren wie ein schlechter Schauspieler. Du weisst, dass auch die anderen, die hier sitzen, zum „Callback“ eingeladen wurden. Auch ihnen wurde ein Strich durch ihr Thanksgiving-Dinner gemacht. Denn was ist schließlich wichtiger als Kino? Ein hundsgewöhnlicher Turkey ganz bestimmt nicht.

Und wieder sagst du brav deinen Namen, guckst blöd in die Kamera und stellst plötzlich fest, dass hinter der Kamera diesmal nicht nur der Casting-Direktor steht, sondern ganz viele Menschen, die alle nur darauf warten, bis du dich doof genug anstellst, damit sie dich endlich von ihrer verdammten Liste streichen können.

Wie doof ich mich beim Callback angestellt habe, weiß ich noch nicht. Bisher hat sich die Casting-Agentur  nicht mehr gemeldet.

2 Gedanken zu „Der Bammel nach dem Casting

  1. Allein für diese Schilderung des ganz anderen Aspekts Deines Lebens war es das Casting wert! Danke, daß Du‘s gemacht und mir Deine Sicht hinter die Kleinrollen bei Film und FS eröffnet hast. Natürlich drücke ich Dir die Daumen, denn ich möchte zu gern wissen, wie es weiter geht.

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