Zum Mauerfall kurz nach Berlin

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Die kanadische Tageszeitung THE GLOBE AND MAIL über den Fall der Mauer.

Als die Welt am 9. November 1989 den Fall der Berliner Mauer bejubelte, ging es bei mir um meine Existenz als Korrespondent. Mir war sofort klar, dass ich von jetzt an in deutschen Medien für lange Zeit nicht mehr mit kanadischen Themen punkten konnte. Welcher Sender würde sich angesichts dieser Weltsensation noch für kanadische Waschbären interessieren, wo doch in Berlin Geschichte geschrieben wurde? Ich brauchte einen Plan B. Und der hieß: Berlin.

Kaum hatte das SED-Politbüromitglied Schabowski an diesem trüben Herbsttag vor 30 Jahren mit einem peinlichen Versprecher die Maueröffnung bestätigt, befiel auch mich eine unbändige Freude. Aber es krochen auch Existenzängste in mir hoch.

Jahrelang hatte ich meine berufliche Karriere auf Reportagen aufgebaut, die sich mit Kanada und Alaska befassten. Ich hatte für deutsche, österreichische und Schweizer Sender über Indianeraufstände und Umweltkatastrophen berichtet, aber auch über menschliche Abgründe, über Politik und Mord, über Sex and Crime.

Mitten in die vielleicht erfolgreichste Phase meiner Reporter-Laufbahn platzte die Nachricht vom Fall der Berliner Mauer. Kein kanadisches Thema, auch noch so ein Außergewöhnliches, würde es auf absehbare Zeit mehr in die Sendungen der deutschen Funkhäuser schaffen, für die ich damals als Freiberufler arbeitete.

Der Fall der Mauer mag ein politischer Triumph gewesen sein. Für mich drohte er zur wirtschaftlichen Katastrophe zu werden. Doch schlaflose Nächte und Däumchendrehen brachten mich nicht weiter.

Es war die Frau an meiner Seite, die mal wieder die zündende Idee hatte. „Wenn deine kanadischen Geschichten nicht mehr gefragt sind, dann geh’ doch dort hin, wo gerade Geschichte geschrieben wird!“

Ich packte die Koffer und flog nach Berlin.

Jetzt berichtete der Korrespondent plötzlich nicht mehr aus Kanada, sondern für Kanada. Radio Canada International war ein dankbarer Abnehmer meiner Berichterstattung über den Mauerfall. Ich berichtete auf Englisch und Deutsch. Und ich war vor Ort.

Nur noch einmal, viele Jahre später, hatte ich als Reporter das Gefühl, Geschichte so hautnah zu erleben. Das war bei den Terrorattacken des 11. September 2001 in New York.

Wenige Tage nach der Maueröffnung stand ich am Checkpoint Charly und sah, wie sich jubelnde Ost-Berliner mit Verwandten, Freunden oder auch ihnen völlig unbekannten Menschen vor Freude in den Armen lagen.

Nein, ich habe nicht gesehen, wie West-Berliner den Ost-Berlinern Bananen zuwarfen. Aber ich wurde Zeuge des nicht enden wollenden Trabi-Konvois und auch, wie ein Berliner Busfahrer Menschen, die wenige Tage zuvor noch hinter Mauer und Stacheldraht gelebt hatten, kostenlos zusteigen ließ.

Und ich bekam hautnah mit, wie nicht alle West-Berliner diese Geste damals für gut befanden.

Es entstand ein Protest-Gemurmel im Bus, das mir im Laufe der nächsten Jahre immer mal wieder durch den Kopf gegangen ist. Besonders in den letzten Tagen und Wochen, wo erschreckend viele Thüringer per Wahlzettel demonstrierten, wie wenig sie noch immer mit westlichen Werten anfangen können, hat sich das Gemurmel vom November 1989 wieder in meinem Kopf breit gemacht.

Und dann eine schicksalhafte Wende. Ich war nach dem Mauerfall noch zu lange in Deutschland, um aus Kanada über eine Sensationsmeldung berichten zu können:

Am 6. Dezember 1989 erschoss ein verwirrter Frauenhasser 14 Studentinnen an einer Montrealer Hochschule.

Das Schicksal spielt manchmal bizarre Spiele.

Von dem bedeutendsten politischen Ereignis der deutschen Nachkriegsgeschichte hatte ich in Montreal in den Nachrichten erfahren.

Vom schlimmsten Massaker der jüngeren Geschichte Kanadas hörte ich ausgerechnet in Berlin.

Es war Zeit, nach Hause zu kommen.