Hollywood, wir kommen!

IMG_9921Samstagnachmittag im Montrealer Stadtteil St. Henri. Draußen fegt ein Schneesturm über die Rue Notre-Dame, der selbst noch den Lärm der Räumfahrzeuge übertönt. Aus einem zweistöckigen Backsteinhaus ist ein Schuss zu hören. Und noch einer. Und noch einer.

„Ein Cowboy mit deutschem Akzent? Dass ich nicht lache!“ brüllt mich ein Junge mit Dreadlocks verächtlich an.

Ich so: „Ein Sherriff im Bob-Marley-T-Shirt ist mir bisher auch nicht begegnet“.

In unserem Kopfkino spielen wir also Sheriff und Cowboy in der Prärie. In Wirklichkeit stehen wir uns irgendwo in einem Saal im Erdgeschoß eines unscheinbaren Gebäudes gegenüber. In der Nachbarschaft ein Bioladen, ein kleines Café und ein Barbershop.

Der gut gelaunte Kerl, der uns an diesem Samstag die Kunst der Schauspielerei beibringen will, hat lediglich den äußeren Rahmen abgesteckt. Den Dialog, die Gestik, das Timing – das alles liegt jetzt an uns.

„Der mit dem Bob-Marley-T-Shirt war gut“, sagt unser Schauspiellehrer.

Die Zuschauer, auch Schauspielschüler wie wir, spenden höflich Applaus. Manche lachen lauthals.

Es sind gut zwei Dutzend von ihnen. Junge Mädchen mit großen Ambitionen, Frauen mittleren Alters mit etwas Freizeit und viel Interesse an der Schauspielerei.

Die meisten Männer in der Runde sind zwischen 20 und 30. Sie sehen sich als Tänzer, Musical-Performer oder Filmschauspieler.

Und dann bin da noch ich. Einfach so, aus Spaß an der Freude.

Die nächste Szene geht so:

Handwerker kommt in den Baumarkt. Das Teil, das er vorhin gekauft hat, sei defekt, brüllt er den Ladenbesitzer an. Der bin ich.

Überhaupt muss ich an diesem Nachmittag ziemlich viel einstecken. Egal. Das bringen die Rollen halt so mit sich.

Wer ein erfülltes Berufsleben hinter sich hat, kann es sich leisten, mit fast 71 seine Bucketlist abzuarbeiten, die mit zunehmendem Alter nicht kürzer, sondern eher länger wird. Bei mir kam jetzt dazu: Schauspielunterricht nehmen.

Abgehakt.

Zumindest habe ich jetzt einen Schnupperkurs hinter mir. An diesem

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Schauspielunterricht: Hauptsache Spaß.

Samstagnachmittag in St. Henri habe ich gelernt, wie man eine Regie-Idee in eine Western-Szene umsetzt und wie man rückwärts in gebückter Haltung von einem Fußboden-Quadrat zum anderen schleicht, um so eine mysteriöse Spannung in eine eigentlich banale Bewegung zu bringen.

Ich habe auch gelernt, wie man ein Kanu über einen imaginären See paddelt, ohne in einem Boot zu sitzen und ohne ein Paddel in der Hand zu halten.

„Lass das Paddel nicht aus den Augen“, sagt der Schauspiellehrer, „das ergibt eine dramatische Dynamik“.

Stimmt: Ein Paddelschlag, einfach so, sieht tatsächlich langweilig aus im Vergleich zu einem Paddelschlag, den du vom Anfang bis zum Schluss aufmerksam mit deinen Augen verfolgst.

Singen sollen wir jetzt. Und tanzen. Und einen Werbespot sprechen.

Der Werbespot ist kein Problem für den Radiomann.

Tanzen? Sagen wir mal so: Jemand, der an seiner eigenen Hochzeit nicht getanzt hat, weil er zwei linke Füße hat, lernt auch an einem Samstagnachmittag in der Schauspielschule keinen Walzer.

Und singen? Das amerikanische Kinderlied, das die Gesangslehrerin von uns verlangt, kenne ich nicht. Damit ist auch dieses Thema gegessen.

„Hat einer von euch schon mal eine Filmrolle gehabt?“ Ich melde mich als einziger zaghaft und erzähle von kleineren Auftritten in irgendwelchen Filmen.

„Wer von euch hat schon mal gemodelt?“, will er jetzt wissen. Ein paar Hände gehen hoch. Meine auch. Immerhin bin ich zurzeit der Poster Boy der Club-Klasse von AirTransat.

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Der Cowboy, der in einem Western einen Sheriff im Bob-Marley-Look niederknallt, geht mir nicht mehr aus dem Sinn. Die Rolle würde ich gerne spielen. Fehlt nur noch der Western-Regisseur, der mich dafür engagiert.

Hallo, Hollywod?

3 Gedanken zu „Hollywood, wir kommen!

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