Isoliert und doch nicht allein

cassian_Flowers

Der Sohn kündigt seinen Besuch per Handy an: „Ich komme gleich“, textet er – und ist auch schon da. Die Tüten mit Lebensmitteln, die er nach Einkaufsliste für uns besorgt hat, stellt er auf der Terrasse ab. Gestern gab’s aus besonderem Anlass noch einen wunderschönen Blumenstrauß dazu. Umarmen durften wir Cassian bisher nicht. Wir befinden uns in „Self Isolation“, wie die Behörden das so schön uncharmant nennen.

Zwei Wochen „Self Isolation“ waren uns am Montrealer Flughafen auferlegt worden, nachdem wir vor drei Tagen dort ankamen.

Die tagelange Flucht vor dem Virus hatte uns von Mallorca mit einem der letzten Flieger nach Stuttgart geführt. Von dort ging es weiter mit der Bahn nach Frankfurt. Zwei Tage später ging dann die Maschine mit dem Ahornblatt in Richtung Kanada.

Von Lore stammt das Zitat: „Wir sind Flüchtlinge mit Kreditkarte“.

Der Flug selbst war unspektakulär. Mitten in der Corona-Krise acht Stunden eingepfercht mit ein paar hundert weiteren Passagieren in einer Maschine zu sitzen, ist sicher nicht das, was der Immunologe empfiehlt. Aber wie sonst soll ein Transatlantikflug in Zeiten wie diesen funktionieren?

Bei der Ankunft in Montreal ging alles ganz schnell. Die Einwanderungsbediensteten waren freundlich und effizient: Woher? Mit wem? Irgendwelche Kontakte mit Infizierten?

Spanien, speziell Madrid, klingt in unserer Reise-Historie nicht sehr vertrauenserweckend. Aber nicht nur deshalb wurde uns ein Dokument mit Quarantäne-Bedingungen ausgehändigt, die wir zu befolgen haben.

Das Wichtigste: Für zwei Wochen herrscht Ausgangsverbot, auch die zweistündige Fahrt zum Blockhaus am See ist nicht erlaubt.

So eine Ausgangssperre mag in einem geräumigen Haus mit Garten noch einigermaßen erträglich sein. In einem offenen Loft, das Teil einer ehemaligen Fabrik ist, sieht das anders aus.

Aber wir sind geübte Aufeinanderhocker. Die beiden Caminos, die Jahre im Homeoffice – das alles hat uns gut vorbereitet auf die Zeit in der Selbstisolation. Wenn die Ansage dann „Jeder für sich“ lautet, ist klar: Bitte stör‘ jetzt meine Kreise nicht! Das funktioniert bisher wunderbar.

Gestern, nur für ein paar Minuten, traf man sich zufällig vor unserer Terrasse. die im Innenhof der ehemaligen Zigarettenfabrik liegt. In gebührendem Abstand (auch der wurde in den Anweisungen am Flughafen festgelegt, nämlich mindestens zwei Meter) trafen sich zufällig befreundete Mitbewohner, um uns willkommen zu heißen.

Den Verlauf unserer Reise kannten sie schon aus den Sozialen Medien. Deshalb beschränkte man sich bei diesem Gespräch auf ein paar sehr private Dinge. Wer braucht was? Wie kann ich dieses und jenes organisieren? Keine Küsschen zum glücklichen Wiedersehen, dafür ein paar Kekse.

Wir haben das große Glück, dass Cassian nur 500 Meter von unserer Wohnung lebt. Der beste Sohn von allen, bekommt hin und wieder eine Einkaufsliste von uns. Die arbeitet er peinlichst genau ab. Dass er als Selbständiger im Home Office arbeitet und über seine eigene Freizeit verfügen kann, kommt uns zugute.

Uns fehlt es bisher an wenig, lediglich an körperlicher Zuneigung. Nach unserer sechswöchigen Europareise durften wir unseren Sohn nicht einmal in den Arm nehmen.

Hier in der Wohnanlage wird „Sellf Isolation“ ernst genommen – nicht nur die für uns verordnete Quarantäne, sondern auch die freiwillige Isolation. Viele der meist jungen Leute, die hier leben, verbringen ihre Tage und Nächte in ihren Lofts.

Wir haben unsere eigene Facebook-Gruppe, über die wir kommunizieren. Da postet dann auch eine Nachbarin, die vier Türen von uns entfernt wohnt, einen virtuellen Lichtblick wie diesen: „Heute gibt’s backfrische Focaccia. Wer möchte?“ Als professionelle Fernsehköchin kennt sie die Regeln. Corona-Gefahr gebannt.

Und wie vertreibt man sich die Tage so in Selbst-Quarantäne? Man liest viel, hört Hörbücher, schreibt gelegentlich Texte, die vielleicht irgendwann veröffentlicht werden. Man chattet mit Freunden, räumt Regale und Schubladen um und tauscht sich per Whatsapp mit Camino-Pilgern aus Holland, Brasilien und Australien aus.

Vor allem aber freut man sich, dass man bisher ohne jeglichen Symptome in der neuen Wirklichkeit gelandet ist.

6 Gedanken zu „Isoliert und doch nicht allein

  1. Hallo Herbert, herzliche Grüsse aus Dänemark, Wie ich lese seit ihr gut versorgt . Schön einen Sohn zu haben der für einen einkaufen gehen kann.Ich wünsche euch alles Gute u. bleibt gesund

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  2. ein schöner text. danke fürs (mit-)-uns-teilen. die zeit der umarmungen wird wieder kommen, ganz bestimmt. schön, dass euer sohn so nahe bei euch ist und euch auch unterstützen kann. habt eine gute auszeit daheim, bald sind alle schubladen aufgeräumt, dann könnt ihr euch an den keller machen *lach* :-) haltet die ohren steif. alles liebe und liebe grüße aus berlin.

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  3. Schoen, dass Ihr wieder zuhause seid und gut, dass Ihr Abstand haltet. Leider tun das ja noch immer zu Viele nicht. Und gut, dass Euer Sohn Euch mit Allem Noetigen versorgen kann – auch wenn Ihr ihm noch nicht einmal die Hand schuetteln duerft, geschweige denn ihn in den Arm nehmen nach Eurer langen Abwesenheit und Odyssee.
    Wir haben uebrigens den Service unseres oertlichen Supermarkts in Anspruch genommen und online bestellt. Die Sachen werden dann geliefert und – ohne jeglichen Personenkontakt – vor der Haustuere abgestellt.
    Liebe Gruesse, und bleibt gesund,
    Pit

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