Fast wie Urlaub, zweiter Teil

IMG_2182Ein bisschen fühlt es sich an wie die Fortsetzung des Urlaubs, den wir im März wegen Corona abbrechen mussten. Wir dürfen wieder ohne schlechtes Gewissen spazieren gehen, ab Montag öffnen viele Geschäfte. Friseure und Zahnärzte kommen auch bald dran. Und seit heute ist es uns hier sogar erlaubt, sich mit bis zu zehn Leuten zu treffen, sofern sie aus nicht mehr als drei Familien stammen und zwischen den einzelnen Parteien jeweils zwei Meter liegen.

Das war die – mit Abstand – beste Nachricht seit Beginn der Pandemie vor mehr als zwei Monaten.

Abgesehen davon hat sich an der dramatischen Situation, zumindest zahlenmäßig, nicht wirklich viel geändert. Die Provinz Quebec ist nach wie vor das Covid-19-Epizentrum Kanadas. Und die Stadt Montreal gilt inzwischen auf der Corona-Skala als die siebt gefährlichste Stadt der Welt.

Die täglichen Pressekonferenzen von Justin Trudeau in Ottawa sind zu einem Ritual geworden, das viele aus bizarren Gründen vermissen werden – ich gehöre auch dazu.

Der kanadische Premierminister schafft es mit seiner sympathisch-empathischen Art, den von der Pandemie verunsicherten Menschen etwas in ihre Wohnstuben zu zaubern, was in turbulenten Zeiten wie diesen abhanden gekommen war: Beschaulichkeit, Ruhe, Stabilität, Hoffnung. Aber auch Seriösität und immer wieder finanzielle Hilfen in schwindelerregnder Höhe.

Die tägliche „Justin Show“ ist wie Balsam für die von Covid-19 geschundenen Seelen der Kanadier.

Dagegen wirken die – ebenfalls täglichen – Pressekonferenzen der Quebecker Regierung chaotisch. Es fehlt der rote Faden und es wird mit Zahlen operiert, die nicht selten geschönt sind, wie erst heute wieder ein Kolumnist der Montreal Gazette nachweisen konnte. Beständigkeit sieht anders aus, Vertrauen erst recht.

Der Quebecker Regierung, so scheint es, ist die Kontrolle über diese Pandemie längst entglitten.

Doch am heutigen Tag, an dem die Temperaturen an der 30-Grad-Marke gekratzt haben, ging ein fast hörbares Aufatmen durch die lange Zeit eingesperrte Bevölkerung.

Ein Spaziergang entlang des Lachine-Kanals, einer kilometerlangen grünen Lunge mitten in der Großstadt, ganz bei uns in der Nähe, fühlte sich fast an wie früher. Nur die Masken, die inzwischen viele der Spaziergänger, Radfahrer und Inlineskater tragen, erinnern daran, dass ein furchtbares Virus seinen Schrecken noch lange nicht verloren hat.

Die Disziplin der meist jungen Menschen, die sich tagtäglich entlang dieser beliebten Freizeitmeile versammeln, erstaunt mich immer wieder. Wo ist das Laissez-Faire-Verhalten, für das die Frankokanadier in „La Belle Province“ bekannt sind?

Ganz offensichtlich haben die meisten inzwischen den Schuss gehört. Nur wenn die Abstandsregeln auch weiterhin eingehalten werden, besteht für die arg gebeutelten Montrealer noch eine überschaubare Chance, es heil in die zweite Jahreshälfte zu schaffen.

An uns soll es nicht liegen.

 

2 Gedanken zu „Fast wie Urlaub, zweiter Teil

  1. Schön, daß Ihr jetzt such „normale“ Erfahrungen machen könnt. Hier war es ja nie verboten spazieren zu gehen. Bis zur Maskenpflicht, die im ÖPNV sicher sinnvoll ist, wurde staatlich ein Sicherheitsabstand von 2 m „empfohlen“. Der war logisch und wurde eingehalten. Dann kam die Maskenpflicht, und überall reduzierte sich der Abstand auf deutlich lesbare 1,50 m.
    Der übliche Sicherheitsabstand der Deutschen liegt bei 70 cm (Süddeutschland ab Frankfurt) und 1 m (Norddeutschland mit Ausnahme Rheinland = 50 cm). Du ahnst es: der optische und gefühlte Abstand von 1,50 m und 1 m verschwimmt zusehends.
    Bei allem aber ist anzumerken: Was auch immer wir fordern, wünschen, hoffen: es gilt für mindestens 2 Jahre, also Sommer-, Winter-Urlaub bis 2022 einschließlich, es gilt für Geburtstage, Weihnachten, Ostern, Weihnachten usw. Von Altenheimen und den Krampf in Schulen und Kindergärten schweigen wir mal.
    Wenn wir Glück haben, überwinden wir die Zeit bis zu einem sicheren Impfstoff mit einzelnen Hotspots. Wenn wir Pech haben, verdichten sich die Hotspots zu Zeiten von Stubenarrest, abgelöst von Zeiten der eingeschränkten Freizügigkeit. Das kann und wird wellenförmig verlaufen.
    Deshalb: Genießt die Freiheit, solange Ihr sie habt, und lauft so weit die Füße tragen. Wir tun das auch seit Beginn dieser vorerst einmaligen Zeit.

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  2. Disziplin ist das, was mir in Deutschland fehlt. Ja, es ist immer noch leerer als sonst auf den Straßen. Aber hier gibt es eine Lockerung und zack, scheinen viele zu vergessen dass Corona überhaupt existiert. Ich hoffe einfach nur, dass es keine 2. Welle gibt… trotzdem freue ich mich natürlich über jede Lockerung. Sofern die Menschen denn auch verantwortungsvoll damit umgehen.

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