So fing damals alles an in Kanada

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Eine der letzten Begegnungen mit meinem Kanada-Mentor, Chef und Freund Bernd Laengin (l). und seiner Frau Christa an deren Cottage am Lake Winnipeg. (Sonnenbrille: Leihgabe).

Heute ist „Canada Day“, der kanadische Nationalfeiertag. Ein willkommener Anlass, auf meine Ankunft in diesem wunderbaren Land zurück zu blicken. Weil es in Kanada so schön ist, bin ich übrgens gleich zweimal ausgewandert. Die ersten drei Jahre, von 1973 bis 1976, habe ich in Winnipeg/Manitoba verbracht. Danach ging es wieder für vier Jahre nach Deutschland zurück. Im Spätsommer 1980 packte mich das Kanada-Fieber erneut. Seither lebe ich – mit kurzen Intermezzi in Winnipeg/Manitoba und Calgary/Alberta – in Montreal.

Hier ein Rückblick auf das Jahr 1973, als alles anfing:

Ich war 24 Jahre alt und arbeitete damals als Redakteur bei einer Lokalzeitung in Waiblingen bei Stuttgart. Es war eine wunderbare, spannende und vor allem lehrreiche Zeit. Doch im Winter 1973 herrschte bei mir Aufbruchstimmung. Eine neue Herausforderung im Job und ein Abenteuer lockten – nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Die Auswanderung nach Kanada.

Der Flug nach Kanada war zwar nicht mein erster, aber mein weitester. Der Geruch von Fußschweiß, abgestandenem Kaffee und Plastikbechern vermischt sich mit dem Gestank von Kerosin und Tabakrauch. Jinglebells bimmeln aus dem Bordlautsprecher. Vom Kragen der Stewardessen-Uniform lächelt verschmitzt ein Plastik-Santa. Die Flugzeugwände sind mit Weihnachtskränzchen “Made in Taiwan” geschmückt.

In zwei Wochen ist Heiligabend und auch neun Stunden nach dem Abflug in Frankfurt kann ich mich nur schwer an das Innendekor gewöhnen, mit dem ein Flugzeugtapeten-Designer ungestraft Passagiere belästigen darf. Guter Geschmack war gestern. Willkommen bei Air Canada! Willkommen in der neuen Welt!

Der Kapitän meint es gut mit uns. Er dreht jetzt den Jinglebells-Knopf auf leise, dimmt die Innenbeleuchtung und verspricht, ehe er zur Landung ansetzt, den Passagieren eine klare Nachtsicht auf Winnipeg.

Es ist der 8. Dezember 1973.

Winnipeg: Hauptstadt der westkanadischen Prärieprovinz Manitoba, 600.000 Einwohner, die meisten davon ukrainischer und deutscher Abstammung. Neben Wladiwostok in Sibirien eine der kältesten Großstädte der Welt. Hierher hat es mich also verschlagen. Ummendorf war gestern. Ab heute ist Kanada angesagt. Und morgen? Who knows.

Wie ein beleuchtetes Schachbrett sieht die Stadt von hier oben aus. Bunte, blinkende Lämpchen, flinke Autos, Schneegestöber im Scheinwerferkegel der DC 8. Imposante Brücken führen über einen zugefrorenen Fluss, der Assiniboine River heißt. Je mehr wir uns dem Rollfeld des Flughafens von Winnipeg nähern, desto weniger erinnert das Ganze an eine richtige Stadt. Bunt zusammengewürfelte Häuser, ja. Aber eine Stadt?

Vor dem Airport tobt ein Schneesturm. Der Wind treibt die Flocken in einem atemberaubenden Tempo vor sich her. Das Flughafen-Thermometer zeigt eine Außentemperatur von minus 40 Grad an. Ob Celsius oder Fahrenheit spielt in diesem Moment keine Rolle. 40 Grad F. sind 40 Grad C. Eiszeit ist Eiszeit. Wie können Menschen bei diesen Temperaturen überleben?, frage ich mich genau in dem Augenblick, in dem Gigs mich an der Felljacke zieht und losbrüllt: “Lange halte ich das hier nicht aus, das kann ich dir jetzt schon sagen.” Sie brüllt, denn der Fluglärm sitzt uns noch in den Ohren.

Sind es menschliche Lebewesen, die an uns vorbeiziehen? Oder vermummte Statuen, die sich auf Kufen bewegen? Und überhaupt: Wo sind die hübschen Frauen, die ich auf dem Poster der kanadischen Botschaft gesehen hatte, als ich mein Visum abholte? Bei minus 40 Grad verlieren Menschen ihre Konturen. Die Inuit, so hatte ich in einem Kanada-Reiseführer gelesen, schmieren ihren Babys Walfischtran ins Gesicht. Dadurch wird die Haut vor Erfrierungen geschützt.

40 Grad Celsius. So etwas kannte ich bis dahin allenfalls aus dem Fernsehen. “So weit die Füße tragen” flimmerte in den 60er Jahren über deutsche Schwarzweiß-Bildschirme. Im Fernsehen kämpfte sich Sonntag nachmittags zur besten und fast einzigen Sendezeit ein deutscher Soldat durch Sibirien – soweit die Füße tragen. Irgendwann verliert der Russlandheimkehrer in der Eiseskälte den Verstand.

Unser Empfangskomitee am Winnipeg-Airport hat einen blonden Vollbart, blondes, lockiges Haar, wache, blaue Augen und einen Dialekt, der nach Schwarzwälder Schinken und Spätzle klingt. “Herzlisch willkomma in Winterpeg!” ruft er uns fröhlich zu. Und dann, als hätten wir den ersten Witz nicht verstanden: „Winterpeg, oh verreck.“ Karlsruhe wie es singt und lacht.

Bernd, Chefredakteur der deutschsprachigen Wochenzeitung “Kanada Kurier”, ist der Mann, dem ich meinen ersten Reporterjob im Ausland zu verdanken habe. Als Lokalredakteur hatte ich mich auf eine Anzeige im “journalist” beworben. Die Zeit war reif für einen Tapetenwechsel.

Fünf Jahre Kleintierzüchter- und Angelverein, hin und wieder ein Prozess vor dem Amtsgericht und als Highlights feuchtfröhliche Besuche in der französischen und englischen Partnerstadt im Bus der Freiwilligen Feuerwehr – schön war’s. Aber irgendwann auch genug.

“Mach das!”, hatte mir mein damaliger Chefredakteur Richard Retter geraten. Der hatte schon immer eine Nase für gute Geschichten. Und eine gute Geschichte wurde Kanada für mich allemal. Mehr als hundert Bewerber hatten sich auf das Inserat im “journalist” gemeldet. Dass sich mein künftiger Chefredakteur ausgerechnet für mich entschied, hatte mehrere Gründe.

Zum einen, so erzählte mir Bernd später, habe ihm die “landsmannschaftliche Verbundenheit” mit mir gefallen (wobei Badener und Schwaben ob ihrer Geschichte bis heute noch alles andere als ein “dream team” sind). Zum anderen war mein künftiger Arbeitgeber wohl von meiner Kanada-Tauglichkeit überzeugt, nachdem ich ihn wochenlang mit Briefen bombardiert hatte, die statt eines Briefkopfs ein Ahornblatt als Logo trugen, daneben ein äußerst schmeichelhaftes Foto von mir in Felljacke, darunter mit Schreibmaschine getippt: “Ihr Mann für Manitoba”. Wer konnte bei so viel textlicher Originalität widerstehen?

Dass dann Monate später beim persönlichen Kennenlernen in unserer WG bei Stuttgart ein großer Topf Käsespätzle mit Röstzwiebeln auf dem Tisch stand, muss meinen künftigen kanadischen Boss vollends beeindruckt haben. “Und kochen kann der auch noch!”, hatte er mir nach dem ersten Bissen geschmeichelt. Dass die Spätzle nicht ich, sondern in Wahrheit mein WG-Mitbewohner, ein später namhafter ZDF-Reporter, gekocht hatte, gehört zu den kleinen Lügen, die erlaubt sein müssen, wenn es um etwas so Großes wie Kanada geht.

Drei Monate nach dem Spätzlestreff dann also die lang ersehnte Ankunft in Winnipeg/Manitoba.

“Wo habbeder des Gebäck?”, will Bernd wissen. “Verdammt”, zischt mir Gigs ins Ohr. “Wir hätten ihm ein Päckchen mit Weihnachtsplätzchen mitbringen sollen.” Das gehöre sich so, wenn man Deutsche im Ausland besuche, tat sie altklug. Quatsch. Als Süddeutscher, der im schwäbisch-badischen Grenzgebiet aufgewachsen ist, war mir klar: Mit „Gebäck“ meint unser Ein-Mann-Empfangskomitee das Gepäck. Viel ist es nicht, was wir mitgebracht haben. Je ein verwaschener Seesack und eine naturgegerbte Lammfelljacke sowie zwei Gitarren.

Gigs und ich waren zu dieser Zeit sechseinhalb Jahre zusammen. Dass es nicht viel mehr werden sollten, lag nur indirekt an der kleinen Affäre mit dem braun gebrannten Barpianisten im irischen Schlosshotel, wo sie sich sprachtechnisch auf den Kanada-Aufenthalt vorbereitet hatte.

Dichtes Schneetreiben, 40 Grad minus – so hatte ich mir den Winter in Kanada schon immer vorgestellt. Schick sahen sie an uns aus, die Lammfelljacken. Nur leider gaben sie nicht warm genug. Der quirlige, freundliche Mann mit badischem Singsang führt uns zu seinem Wagen: ein knallroter Ford Mustang. Rundum uns herum das, was man als Straßenkreuzer aus dem Kino kannte. Monsterschlitten mit viel Chrom, aber wenig Charme.

Der Sportflitzer passt in diese groteske Winterlandschaft wie ein Schneepflug an den Strand von Malibu. “Friendly Manitoba”, steht auf dem Nummernschild. Das Land gefällt mir, dachte ich. Hatte ich jemals auf einem deutschen Kfz-Kennzeichen “Freundliches Baden-Württemberg” gelesen? Oder „Glückliches Hessen?“

Aus dem Autoradio tönt Heino, die Metzgerei Rosenkranz bietet “Weihnachtsgänse wie daheim in Deutschland” an, der Bäcker Lange wirbt für Marzipanstollen. “Das ist unser deutscher Radiosender”, sagt der Zeitungsredakteur Bernd fast ehrfurchtsvoll. “Ist aber keine Konkurrenz für uns.” Hoffentlich nicht. Wäre der Kanada Kurier so schlecht wie die deutschsprachige Radiosendung, müsste die Medienkommission einschreiten.

Schwer zu glauben, dass dieser Mann von Welt massenweise Kassetten und Schallplatten mit Volksmusik im Regal stehen hat und Heino, Heintje und Toni Marschall nachsingt, als wären ihm die Texte und Melodien in die Wiege gelegt worden.

Aber ein toller Schreiber war er, dieser Bernd Längin. Und ein Kerl zum Verknuddeln.

Den Journalismus hat er in seiner Heimat Karlsruhe gelernt. Schriftsetzer war er zuerst gewesen, musste Todesanzeigen, Kinoplakate und Visitenkarten druckreif machen. Aber das Schreiben lag ihm mehr als das Setzen. Setzen konnte man im Sitzen. Fürs Schreiben musste man raus in die Welt. Und genau da wollte er hin.

Bernd war gerade mal Anfang 20. als er mit einem VW-Bus nach Indien reiste. Finanziert hatte er den Trip, indem er Testberichte für Fachzeitschriften schrieb. „Dabei hatte ich keine Ahnung, wie ein Kolben funktioniert oder warum manche Autos vier, manche sechs und wieder andere acht Zylinder brauchen“, erzählte er viel später einmal. Aber er wusste, wie man sich gegen Sensen schwingende Albaner verteidigte. Oder einem Rudel Wölfe in Kirgistan auswich. Oder Bettler in Bombay als Wachmänner anheuerte, während man sich einen erholsamen Schlaf gönnte.

Bernd wusste vor allem eins: Wie man als freier Journalist überlebt und dabei massenweise Spaß hat. Während viele seiner früheren Kollegen in ihren Redaktionsstuben Moos ansetzten, klopfte sich Bernd nach seinen Abenteuerreisen den Staub von den Schuhen.

“Musik mit Schwungk für Alt und Jungk”, höre ich den Moderator noch ins Mikrofon säuseln, dann fallen mir die Augen zu. Ich spüre noch, wie der Mann mit dem roten Mustang Gas gibt. Wir rauschen geradewegs in die kälteste Winternacht hinein, die wir bis dahin je erlebt hatten. Wir waren in Kanada. Die Eiszeit hatte gerade erst begonnen.


Dieser Text stammt aus meinem autobiografischen Roman „DAS GIBT SICH BIS 1970“ . Das Büchlein gibt’s übrigens noch immer als Download bei Amazon.


Vieles hat sich seit meiner Ankunft in Winnipeg verändert. „Gigs“, die mich damals nach Winnipeg begleitet hatte, lebte später in Mexiko und heute in München. Dafür hat später Lore, die Liebe meines Lebens, das „Abenteuer Kanada“ mit mir fortgesetzt. Bernd Laengin, der damalige Chefredakteur des KANADA KURIER, der mich als Reporter eingestellt hatte und später zu meinem besten Freund und Mentor wurde,  ist am 28. Juni 2008 verstorben. Er wurde nur 67 Jahre alt. Als Vermächtnis hinterließ er fast zwei Dutzend Sachbücher über ethnische und religöse Minderheiten, die er nach akribischer Recherche in aller Welt geschrieben hatte. Seine Frau Christa lebt noch immer in Winnipeg. Mit ihr – und ihrem zweiten Mann – verbindet mich bis heute eine tiefe Freundschaft.

HAPPY CANADA DAY ❤️

7 Gedanken zu „So fing damals alles an in Kanada

  1. Ja, der liebe Hebo war immer schon ein Abenteurer. Ich kann mich noch an einen Wandertag am legendären Wieland-Gymnasium in Biberach erinnern mit unserem Geographie-Lehrer, dem hölzenden Herrn Süsser. Wir mussten -etwas abenteuerlich- über einen Felsvorsprung einen ziemlich wilden Bach überwinden. Die meisten in unserer Klasse fürchteten sich -einschließlich mir- und meinten, das das gar nicht gehen würde. Da meldete sich Hebo zu Wort: „Was hoißt do, dees goht itt, wenn ma’s itt probiert hot, no woiß ma’s au itt, ob’s goht“ Für Nicht-Oberschwaben: Was soll das heißen, es geht nicht? Das kann man erst behaupten, wenn man es probiert hat. Sagte es und stieg über den rauschenden Bach. Und so ist er bis heute geblieben. Weiter so, lieber Hebo!

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