Augen-Drama in mehreren Akten

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Kurz vor der OP: Der Augen-Krimi kann beginnen.

Zwanzig Minuten, sagte mein Freund Peter, höchstens 25. Länger werde meine Katarakt-Operation nicht dauern. Auch andere Weg- und Leidensgefährten hatten schon Wochen vor der OP Entwarnung gegeben. Den „Grauen Star“ zu entfernen, sei ein Klacks. Und alle freuten sie sich darauf, dass der Patient schon bald wieder den Durchblick hat.

Ich muss euch enttäuschen: Den Durchblick hat der Kumpel aus Kanada auch eineinhalb Tage später noch immer nicht. Und statt 20 Minuten dauerte die OP eine glatte Stunde. „Ein Arzt, allenfalls noch eine Assistentin“, würden den Eingriff vornehmen, hatten mich die Freunde noch im Vorfeld beschwichtigt.

Kein Wort davon stimmt: Sechs Mann hoch waren sie an mir zugange, vom vorausgegangenen COVID-Test ganz zu schweigen.

Neben dem Chirurgen und einigen Assistenten war für die Patienten-Beschwichtigung noch ein Anästhesist dabei, der permanent größere Mengen Schmerzmittel und Entzündungshemmer ins wunde Auge kippte. Dass auch noch ein angehender Augenarzt vor Ort war, dem der operierende Chefchirurg den letzten Schliff beizubringen versuchte, sei der Vollständigkeit halber auch erwähnt.

Warum so lange, so kompliziert? VIP? Extrawurst? Risikopatient? Wichtigwichtig? Nichts von alledem.

Das heißt, ein bisschen Risikopatient schon.

Eine komplette Netzhautablösung mit Makula-Beschädigung hatte vor Jahren ein stark lädiertes Auge zurück gelassen. Deshalb also all die zeitraubenden Vorsichtsmaßnahmen. Jetzt noch ein OP-Fehler dazu – und die drei schwarzen Punkte auf gelbem Grund wären mir sicher gewesen.

Doch Dr. K., den manche für den besten Augenchirurg der Stadt halten und der mich schon damals nach meiner Netzhautablösung, inklusive Beschädigung des Sehzentrums, operiert hatte, führte auch diesmal wieder die Regie. Und das war gut so.

Die OP war atemberaubend spannend. Unter den Klängen klassischer Musik klappte der Chirurg mit dem Skalpell ein Stück Hornhaut auseinander und entnahm das, was man gemeinhin „die Pupille“ nennt, genauer: die Linse. Sie war alt, milchig und grau geworden. Klarer Blick war gestern.

Immer wenn die Musik im Augen-Krimi von einem schrillen Alarmton abgelöst wurde, war klar: „Jetzt nicht die allergeringste Bewegung!“ Diese Abmachung hatten Regisseur Dr. K. und Patient B. zuvor getroffen.

Wer zu viele Filme im Leben gesehen hat, kommt schon mal auf schräge Gedanken. In meinem Kopfkino hatte ich mir ein Horrorszenario ausgemalt: Was ist, wenn der Chirurg die neue Linse kurz vor dem Einsetzen fallen lässt und das ganze Team krabbelt auf der Suche nach dem verschwundenen Auge durch den OP-Saal und lässt mich derweil augenlos auf dem Tisch liegen?

Hallo, Stephen King? Nicht lustig, ich weiss.

Et hätt noch immer jot jejange, sagt nicht nur der Kölner, sondern auch der Schwabokanadier. Das erste Auge hätten wir hinter uns. Eine nagelneue Linse ziert jetzt mein rechtes Sehzentrum. Künftig, so die Ansage, dürfe ich wieder mit geschärftem Blick durchs Leben spazieren.

Noch ist es nicht soweit. Weil ein paar Dutzend Dioptrien das rechte, operierte Auge vom linken, noch unbehandelten, unterscheiden, steht meine Welt im Moment noch ziemlich Kopf. Aber die Aussichten sind gut:

Bis auch das andere Auge operiert sein wird, in genau einem Monat, ist an Autofahren nicht zu denken und auch der Drahtesel bleibt im Stall. Fernsehen wird auch bei noch so scharfen Filmen garantiert nicht vergnügungssteuerpflichtig sein. Und Computerarbeit fürs Erste nur in Ausnahmefällen.

Heute war so ein Ausnahmefall. Ich hoffe, Dr. K. sieht es mir nach.

10 Gedanken zu „Augen-Drama in mehreren Akten

  1. So eine Augen OP stelle ich mir irgendwie nicht so angenehm vor 🤔 um so besser das alles gut geklappt hat. Ich drücke die Daumen für den zweiten Eingriff!

    Gefällt 1 Person

  2. Ich wünsche Dir gute Besserung. 💐

    Du hast Glück, daß Deine Op mit der Netzhautablösung damals, so gut geklappt hat. Mein Freund und Seelenverwandter (nicht Partner), hat die drei Punkte. Er sieht unter 2 %. Bei ihm war die Netzhaut durchlöchert wie ein schweizer Käse, trotzdem sie sie wieder dran gekriegt haben. Zu spät, zu viel kaputt. Ich drücke Dir die Daumen, daß das mit dem zweiten Auge, genauso erfolgreich läuft, wie beim jetzigen. 👍

    Herzliche Grüße,

    Emily

    Gefällt 1 Person

  3. Herzlichen Glückwunsch! Den ersten Schritz hast Du gemeistert. Hier wird die OP vorzugsweise mit Propophol gemacht, also ohne jede Negativeindrücke. Aber mir scheint, für Deine Neugier war‘s eher spannend.
    Hier heißt es, drei Tage nur Ohren benutzen, also weder lesen noch FS. Nach drei Tagen Kontrolle, Verband weg, Weitsehen, also FS ja, PC/Handy no. Nach 10 Tagen alkes erlaubt bis aufs Autofahren, das erst wieder nach den 6 Wochen der ggf. 2. OP und der endgültigen Brillenversorgung. Dies die Anordnung, die zu unterschreiben ist. Die ersten 10 Tage sind sakrosankt, der Rest Eigenverantwortung.
    Bessere Dich, lieber Herbert, und freu‘ Dich an Deinen Hörbüchern.
    Ich hoffe, Lore hat Dir diesen Kommentar vorgelesen. In diesem Sinne: liebe Grüße an Euch beide von uns beiden

    Gefällt 1 Person

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