Über Herbert Bopp

Deutscher Journalist bloggt aus Kanada. Lebt in Montréal, auf Mallorca und im Internet. Mag Kommentare am liebsten per Mail: bloghausmail@herbertbopp.com

Hitzewelle im coolen Kanada

Es gab Zeiten, da habe ich mindestens zweimal pro Jahr im ARD-Hörfunk über Kältewellen in Kanada berichtet. Zum Beispiel darüber, wie man sich bei minus 40 Grad am besten kleidet und auch, was Inuit-Mütter tun, um ihre Kinder vor dem Erfrieren zu bewahren. Von einer Hitzewelle, wie sie schon sei Tagen in Montreal herrscht, konnte ich nie berichten. Bietet sich also an, es hier zu tun.

Fangen wir mit der Frage an: Wie heiß ist es eigentlich? Antwort: Sehr heiß. Nein: Brütend heiß. Brüllend heiß sogar. Konkret: In diesem Moment steht das Thermometer auf 36 Grad. Macht eine gefühlte Temperatur von 42 Grad. Ganz schön glühend heiß, oder?

Aber wie verhält man sich nun, wenn die Stadt zum Brutkasten wird? Meinen Kumpel Julian zum Beispiel zieht es an so einem Tag wie heute in die Bibliothek. „Dort haben sie wenigstens Air Condition“, textet er eben. Seine Frau Meriem geht, obwohl heute in Kanada Feiertag ist, freiwillig zur Arbeit. Im Institut haben sie Klimaanlage.

Mein Freund Mike, damals noch BBC-Korrespondent in Montreal, hatte eine andere Methode auf Lager. Nennen wir sie, ganz Mike, „die britische Methode“. In seiner Wohnung standen an mehreren Stellen 6-Liter-Behälter mit gefrorenem Wasser. Die hausgemachte Klimaanlage verfehlte ihre Wirkung nicht. Ich kann das nach mehreren Besuchen in seiner damaligen Bleibe im „Plateau Montréal“ bezeugen.

Und sonst so? Wunder bewirkt auch ein eisgekühltes Handtuch um den Hals. Oder, warum nicht?, ein T-Shirt direkt aus dem Gefrierschrank. Eisbeutel im Baseballkäppi? Eher nicht.

Die schönste Erlösung bringt die Natur selbst. So wie in diesem Moment, da ein satter Regenguss auf Mensch und Natur herabprasselt.

So viel Kühlwasser auf einmal! Umweltfreundlich. Kostenlos. Wirksam. Und total entspannend.

Vielleicht haben Sie ja noch andere Tipps auf Lager.

 


Hier sind einige Tipps aus dem Mallorca Forum, wo über das Thema „Affenhitze“ diskutiert wird.

Paradiesvogel: Hier auf Mallorca ist das bei Hitze ja recht einfach: ins Meer hüpfen und Gott einen guten Mann sein lassen. In Montreal fehlt euch natürlich das Mittelmeer. Da bleiben wohl nur Pool und Klimaanlage.

Philbehr: Morgens durchlüften und die Fenster schließen, wenn die Außentemperatur höher ist, als die gewünschte (/aktuelle) Innentemperatur. Bei hoher Außentempertur nur kurz lüften (niemals gekippte Fenster). Bewegte Luft bei geöffnetem Fenster gibt einem nur das Gefühl der Abkühlung – in Wirklichkeit erhöht sie die Raumtemperatur. Für Außenbeschattung sorgen, also die direkte Sonnenbestrahlung nicht durch die Scheiben lassen (Innenjalousien sind nur eine Notlösung).

Herbstzeit: Markisen ausfahren, exponierte Fenster mit Isoliervorhängen schützen, nachts die Schlagläden zu und Fenster auf, morgens Fenster zu, Klima im Schlafzimmer 1 Std. vorm zu Bett gehen einschalten….., lauwarm – kühl duschen, Kopf unter den Wasserhahn halten….., kühle, ungezuckerte Drinks oder Tees, bzw. Wasser trinken, Wassermelone würfeln und in den Kühlschrank stellen…… und möglichst nicht viel tun.

Str-Omi: Tunlichst vermeiden sollte man bei solchen Temperaturen, viel bergauf und durch schattenlose Weinberge zu wandern, wie wir kürzlich bei ähnlichen Temperaturen. Das ist keine grenzenlose Freude und nicht sonderlich bekömmlich. – In Waschbecken, Schüssel o.dgl. kaltes (nicht zu kalt, eher in Richtung lau, sonst muss der Körper wieder Wärme produzieren um das auszugleichen oder gibt gar einen Schock) Wasser einlaufen lassen und dann die gesamten Unterarme mit Puls und Armbeuge für eine Weile eintauchen. Kann man von Zeit zu Zeit wiederholen. Die Schnellmethode davon wäre: über Puls und Armbeuge Wasser laufen lassen. Danach nicht abtrocknen = ergibt Verdunstungskälte.

chico: Versuche im Auto wenig die Klimaanlage einzuschalten, damit man nicht zu große Temperaturunterschiede hat. Meine Freundin, Kräuterhexe, empfiehlt Salbeitee, Zimmertemperatur. Leiche Baumwoll- oder Leinenkleidung. Viel Trinken, nur leichte Speisen.

 

 

30.000 Fotos sind nicht genug

Screen Shot 2018-06-21 at 20.47.12.pngIch weiß nicht, wie es auf ihrem Rechner, ihrem Tablet oder Smartphone aussieht. Ich weiß nur: So langsam ertrinke ich in einer Flut von Bildern. Genau 30.000 sind es in diesem Moment. Dazu ein paar Dutzend Videos – macht zusammen ein Bildermeer, das kaum mehr zu navigieren ist.

Früher … nein, Opa erzählt jetzt nicht vom Krieg. Aber früher war das wirklich eine klare Sache. Fotografiert wurde an Weihnachten, beim Ostereiersuchen, an der Erstkommunion und am 1. Schultag. In den Wochen und Monaten dazwischen durfte sich die Kamera in Vaters Schreibtisch ausruhen, oberste Schublade links. Papierfotos waren teuer und deshalb rar. Außerdem gab es, mal unter uns, in Ummendorf nicht so wahnsinnig viel, das unbedingt im Bild festgehalten werden musste.

Auch später, während der Journalistenausbildung, wurde nur im überschaubaren Rahmen fotografiert. Die Polaroid-Kamera lag immer im Dienstwagen, um notfalls kurzerhand ein Sofortbild schießen zu können. So auch, als mir völlig aus dem Nichts eine damals

Mein erstes Selfie (1973)

ziemlich bekannte Showgröße namens Gus Backus in einer Kneipe begegnete. Also kurz die Polairoid gezückt und draufgehalten. „Blitzen könn’se“, sagte der Deutsch-Amerikanische Schlagerstar, „aber donnern nicht“. Fragen Sie mich nicht, warum ich mir diesen dämlichen Satz gemerkt habe. Jedenfalls ist er genau so gefallen. Das muss anno 1968 gewesen sein.

Die richtig guten Fotos schossen in der Zeitungsredaktion ohnehin nicht die schreibenden Journalisten. Dafür hatten wir Fotoreporter wie den später überaus erfolgreichen Gründer der Reportagen-Agentur Zeitenspiegel, Uli Reinhardt. Mit ihm, der noch heute weltweit unterwegs ist, verbindet mich auch 50 Jahre später noch ein freundschaftliches Verhältnis.

Als Hörfunkjournalist hatte die Kamera dann ihren Reiz etwas verloren. Jetzt waren Töne angesagt. Also konzentrierten sich meine überschaubaren technischen Kenntnisse auf Mikrofone, Aufnahmegeräte und Schnittprogramme.

Dann kam das Internet. 2001 schickte mich der WDR von Montreal nach New York, um für die Onlineredaktion über die Terroranschläge vom 11. September zu berichten. Ich hatte vieles – nur keine geeignete Kamera. Also besorgte ich mir das Einstiegsmodell einer Luminex-Digicam. Die Bedienungsanleitung dazu studierte ich im Zug auf dem Weg nach New York. Gleichzeitig machte ich mich mit meinem ersten richtigen Laptop vertraut, den ich ebenfalls kurz vor New York im „Future Shop“ besorgt hatte.

Bei der Ankunft im Manhattan hatte ich beides im Griff. Meine erste Fotoreportage fürs Internet war auch gleichzeitig die erschütterndste meiner langen Journalistenlaufbahn. New York war eine verwundete Stadt. Und ich musste darüber berichten.

So tragisch der Anlass für meine erste Bildstory war, so sehr war ich jetzt von der Technik der Digitalfotografie angefixt. Es gab nichts mehr, das ich nicht auf meine SD-Karte speicherte, um die Bilder danach im Rechner hochzuladen. Blumenwiesen und Meeresrauschen. Menschen mit und ohne Geschichten. Stadt und Land, Himmel und Erde. Und natürlich jede Menge Katzenfotos.

Mit dem ersten iPhone wurde die Sammlung immer größer. Als der Rechner schließlich überquoll, musste eine externe Festplatte her. Als auch diese angesichts der Datenflut schlapp machte, wurde eine Cloud angemietet. Jetzt bin ich bei 30.000 Fotos – und kein Ende in Sicht.

Die größte Herausforderung beim Fotografieren ist inzwischen nicht mehr die Aufnahme selbst, sondern die Frage: Welche Fotos lösche ich, wie viele behalte ich. Und vor allem: Wer soll die eigentlich alle anschauen?

Weil ich den Bilderschwall weder Freunden noch Verwandten zumuten möchte, bin ich selbst zum größten Fan meiner Fotosammlung geworden. Kein Tag, an dem ich nicht im Datenarchiv krame, um mir Urlaubsfotos und Kinderbilder zu Gemüte führe.

Und natürlich auch das eine oder andere Katzenfoto.

Fanclub für Musik und Umwelt

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MENSCHEN MIT WÜNSCHEN: Der Liedermacher Matt Holubowski (2. v. l), der Kandidat der „Grünen“, Chad Walcott (4. v. l) der Blogger vom Dienst (3. v. l.) und andere Leute, denen zwei Dinge am Herzen liegen: Eine gesunde Umwelt und gute Musik.             Foto © Marie Balaguy

Ein Abend voller Überraschungen: Erst meldete sich Cassian zusammen mit seinem Uraltfreund Matt zum Schnitzel-Essen an. Und während aus den Desserttellern noch Lores hausgemachte Clafoutis lachte, fiel die Entscheidung: Matt geht mit mir ins „Brutopia“ zu einer Veranstaltung der „Green Party“.

Chad, ein anderer Freund aus Cassians Kindheit, hatte sich in dem Montrealer Pub mit Freunden versammelt, um die Strategie für den Wahlkampf zu besprechen. Am 1. Oktober wird in der Provinz Quebec ein neuer Landtag gewählt. Chad kandidiert für die „Parti Vert“ in Notre-Dame-de-Grâce (NDG).

Chad Walcott passt wunderbar in diesen Multikulti-Wahlkreis: Der Vater stammt aus Barbados, die Mutter aus Slowenien. Ein Bruder spielt professionell Eishockey, der andere ist Schauspieler. Und mittendrin Chad, dessen bisheriges Leben um Dinge wie „Fundraising für caritative Zwecke“ und „Gutes tun“ kreiste.

Das größte Entrée des Abends hatte jedoch unser gemeinsamer Freund Matt Holubowski, ein veritabler Star in Quebec, der gerade von einer Europatournee zurückgekommen war, bei der er sein Publikum unter anderem in der vollbesetzten Elbphilharmonie in Hamburg begeisterte.

Entsprechend euphorisch war der Empfang gestern Abend in der Bierkneipe an der Rue Crescent. Als Matt an meiner Seite das „Brutopia“ betrat, fing ein Tisch voller weiblicher Fans an zu kreischen. Mich erinnerte die Szene ein bisschen an Matts Auftritt im Corona-Theatre vor zwei Jahren. Dort hielt ein Teenager ein Plakat hoch mit der Aufschrift: „I want your baby, Matt!“.

Im „Brutiopia“ gestern Abend wurden zwar auch Plakate hochgehalten. Aber es waren keine Fanposters sondern Wahlplakate der Grünen. Die Partei hat sich vorgenommen, meinen Freund Chad Walcott am 1. Oktober ins Parlament nach Quebec-City zu schicken.

Meine Unterstützung hat er. Bald geht’s ans Plakate kleben. Auch Matt Holubowksi, der mit seiner genialen Musik seit einiger Zeit nicht nur kanadische Teenager in Ekstase bringt, will seinem und Cassians Kindheitskumpel unter die Arme greifen, so gut es geht.

Witzig, wie sich der Kreis wieder schließt: Bei einigen Bieren und Gin Tonics verriet mir Matt, dass ausgerechnet ich es gewesen sei, der ihm die ersten Griffe auf der Gitarre beigebracht hatte. Bei „The House of the Rising Sun“ hatten wir die A-Moll, C-Dur und F-Dur-Akkorde bis zur Schmerzgrenze geübt. Daran konnte ich mich noch erinnern.

Was ich bis gestern Abend nicht wusste: Während eines mehrwöchigen Aufenthalts in unserem Haus in Hudson hatte Matt seinen ersten eigenen Song geschrieben. Er heißt „Bopp-Room Number 3“.

Wer Matt live erleben möchte, sollte nächste Woche nach Paris und London reisen. Dort hat er mehrere Auftritte.

Wer Chads politische Karriere verfolgen will, muss einfach ab und zu in den BLOGHAUSGESCHICHTEN stöbern. Ich halte Sie auf dem Laufenden. Versprochen.

Montréal: Kunst am Bauarbeiter

Oft kommt es nicht vor, dass ich mich in eine Kunstgalerie verirre. Gestern konnte ich einfach nicht anders. Die „GALERIE STATION 16“ am Montrealer Boulevard St. Laurent stellt zurzeit Bilder aus, die nicht nur ausgesprochen schräg sind, sondern gleichzeitig so realitätsnah.

The Orange Cone Festival“, nennt sich die Show eines belgischen Künstlers namens „Jaune“ (Gelb).

„Orange cones“ werden die orange-weiß gestreiften Plastikkegel genannt, die zur Absperrung von Baustellen verwendet werden – und davon gibt es in Montréal jede Menge.

Was sich „Jaune“ alles einfallen ließ, um die Montrealer Baustellenszene künstlerisch zu karikieren, sehen Sie  >> HIER <<

Hier geht’s zur Homepage der GALERIE STATION 16

Cowpunk in der Stadt mit Warzen

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Besuch aus der oberschwäbischen Heimat: Liebenswerte, rechtschaffene Häuslebauer, die das Leben noch vor sich haben. Kennengelernt haben wir uns irgendwann einmal auf dem Flug von Memmingen nach Mallorca. Zurzeit sind sie auf Tour durch den Osten Kanadas und der USA.

Man geht zusammen zum Vietnamesen, schickt sie auf einen Stadtspaziergang und auf die Formel-Eins-Strecke und auch zum Casino und in die Markthalle. Und trifft sich abends im tiefsten Osten von Montréal in einer Bar wieder.

Dort tritt „Bobby Dove“ mit ihrer Truppe auf, eine gute Bekannte, die eigentlich Cecile heißt. Sie spielt Country & Western und etwas, das sich Cowpunk nennt – ein Genre, das so gar nicht in die Hipster-Metropole Montréal passt. Mit am Tisch sitzt Bobbys Vater Mark, ein erfolgreicher Geschäftsmann mit einem halben Dutzend Firmen.

Sitzt da einfach und trinkt Bier mit uns und pfeift durch die Zähne, wenn seine TochterIMG_5117 Cecile, die sich jetzt Bobby nennt, wieder einen Song gut zu Ende gebracht hat. Klatscht sich vor Freude die Hände wund, wenn sie beim Gitarrenstimmen kalauert „We tune, because we care“. Das Ganze in einer Bierkneipe, in der die riesigen Wasserflecken an der Decke die Dimension von Marks Swimmingpool haben dürften und das Graffiti im Klo schwindelerregend ist.

Das alles passt irgendwie nicht so richtig zusammen und ist dann doch wieder stimmig. Denn was passt schon in so eine Stadt, in der sich Hunderte von Nationen versammeln, die Dutzende von Sprachen sprechen.

Flüchtlinge? Die gab’s hier schon immer. Und sie waren schon immer willkommen in dieser Stadt, diesem Land, dieser Gesellschaft. Turban? Burka? Kippa? Wo ist das Problem? Montreal ist offen für alles. Und genau deshalb lieben Besucher wie die oberschwäbischen Freunde diese Stadt – meine Stadt – so sehr. Und die Stadt liebt sie.

Nichts ist perfekt, auch Montreal nicht. Montreal ist eine zauberhafte Stadt, aber es ist eine Stadt mit Warzen: Umleitungen, die ins Nirvana führen. Schlaglöcher, in die Fußbälle passen. Müll, verursacht von Menschen, die das Wort „Recycling“ nicht kennen.

Aber es ist eine Stadt mit einer Willkommenskultur, wie ich sie nirgendwo in der Welt erlebt habe. Und meine schwäbischen Freunde mittendrin.

 

Mutiger Freund: Julian Bernstein

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Wenn Kollegen mit ihrer Arbeit Erfolg haben, ist das für mich immer ein Grund zur Freude. Besonders groß ist die Freude jetzt über die Auszeichnung, die mein befreundeter Kollege Julian Bernstein zuteil wurde. Gestern Abend wurde ihm in Nürnberg der “Alternative Medienpreis” in der Rubrik “Geschichte” verliehen.

Julian (36), hat seine Wurzeln in Saarbrücken und lebt seit März 2017 zusammen mit seiner aus Tunesien stammenden Frau Meriem in Montréal. Von dort arbeitet er freiberuflich für eine Reihe von Zeitungen und Radiosendern.

Es ist ein politisch und historisch hochbrisantes Thema, für das Julian Bernstein jetzt ausgezeichnet wurde. Es geht um den langjährigen saarländischen Ministerprsäident Franz Josef Röder (1909 bis 1979). Der damalige CDU-Politiker wird bis heute als “Landesvater” verehrt. Seine Nazi-Vergangenheit, so Julian Bernstein in dem jetzt preisgekrönten Beitrag für die “Saarbrücker Hefte”, hätten Archivare und Historiker über Jahrzehnte verschleiert.

Durch kluge Recherche sei es Julian Bernstein gelungen, das Thema “gut belegt und für den Leser immer nachvollziehbar“ aufzuarbeiten. Mit anderen Worten: preiswürdig.

Den Alternativen Medienpreis gibt es seit 19 Jahren. Er geht  an Medienschaffende, die, wie es auf der Homepage des Preisverleihers heißt, “unsere Welt kritisch und aus einer ungewohnten Perspektive betrachten”. Es brauche Mut, die Welt mit anderen Augen zu sehen, Missstände aufzudecken und über Unrecht zu berichten. “Alternativer Journalismus wird in unserer Gesellschaft Veränderungen bewirken”.

Gesponsert wird der mit 500 Euro dotierte Preis unter anderem von der Friedrich-Ebert-Stiftung und den Gewerkschaften ver.di und dju.

„Sorgfältig und auch mit persönlichem Risiko verbunden“ –  Laudatio auf Julian Bernstein

 

 

Museumsreif mit „The Outlaws“

„The Outlaws“ Mitte der 60er-Jahre in unserem Übungskeller am Weberberg in Biberach. Von links nach rechts: Fritz Angele, Werner Krug, Uli Sourisseau, Herbert Bopp und der leider viel zu früh verstorbene Wolfgang Moser.

Wenn man auf die 70 zugeht und sein bisheriges Leben Revue passieren lässt, fragt man sich ja schon mal, ob man eigentlich so etwas wie Spuren hinterlassen hat. Bisher war ich mir, mal abgesehen von meinen veröffentlichten Zeitungsartikeln, nicht so ganz sicher. Seit gestern weiss ich: Ja, das mit den Spuren geht in Ordnung.

Der Krimi-Autor Uli Herzog („Mord am Schützensamstag“, „Frauenduft“), ein loyaler Freund aus Biberacher Zeiten, schickte mir in der vergangenen Nacht ein schwer leserliches, aber trotzdem aussagekräftiges Dokument. Es zeigt die Band „The Outlaws, in der ich als Teenager Gitarre gespielt und gesungen habe. Und es beschreibt die Stimmung im Biberach der 68-er-Jahre.

Bei dem Dokument handelt es sich um den Katalog zu einer Ausstellung, die seit Freitag im Biberach Braith-Mali-Museum gezeigt wird. Dass „The Outlaws“ darin vorkommen, finde ich großartig, wenn ich das mal so unbescheiden sagen darf.

Wir und die anderen Biberacher Bands der 60er-Jahre, hätten, so heißt es in dem Prospekt „einem neuen Lebensgefühl und dem Bedürfnis nach Spaß, Freiheit und Ungebundenheit“ Ausdruck verliehen.

Die „andere“ Biberacher Band dieser Zeit waren „The Shouters“. Für mich stand nie infrage, dass die Shouters die bessere Musik machten als wir. Ihre Gigs waren die, die wir gerne gehabt hätten. Sie verdienten richtig Kohle, während wir mit unserer Spaßband eher so dahindümpelten.

Dass wir, wie die Ausstellung jetzt zeigt, trotzdem als eine Band wahrgenommen wurden, die Biberach ein neues Lebensgefühl verliehen hat, macht mich stolz.

Vor ein paar Tagen bekam ich eine Mail von einem Mann namens Emil Morgenthaler. Er sei jetzt achtzig, schrieb er, da wollte er sich mal nach meinem Wohlergehen erkundigen. Ich kenne Emil kaum, habe ihn aber schon immer als genialen Drummer unserer Konkurrenzband, eben jener „Shouters“, verehrt. Dass er sich ausgerechnet jetzt, da unsere Bands in einer veritablen Museumsausstellung gewürdigt werden, bei mir meldet, freut mich ganz besonders.

Vielleicht haben wir ja doch so etwas wie Spuren hinterlassen in unserem beschaulichen Biberach.


Mehr über die Geschichte der „Outlaws“ gibt’s  > HIER <

Und hier noch der Museums-Prospekt zur Ausstellung (Screenshot):

 

Reise in den dritten Frühling

bannerWas für ein Geschenk: Erst durften wir drei Monate Frühling auf Mallorca miterleben. Dann wurden wir mit drei Wochen Frühjahr im Allgäu verwöhnt. Jetzt freuen wir auf „Springtime in Canada“. Fast vier Monate in Europa gehen zu Ende.

Noch nie seit meiner Auswanderung nach Kanada vor 38 Jahren war ich so lange am Stück in meiner alten Heimat. Es war eine wunderbare Erfahrung.

In oft atemberaubendem Tempo versuchten wir, so viel wie möglich unter einen Hut zu bringen. Manchmal war es fast zu viel. Wir besuchten Familie, Freunde, Verwandte und frühere Kollegen und nahmen uns die Zeit, alte Kontakte wieder zu reaktivieren.

Fast hätte ich vergessen, wie zauberhaft die Gegend ist, aus der ich stamme. Oberschwaben, das Allgäu, Bayern, der Bodensee, der Hegau an der Schweizer Grenze, das benachbarte Österreich und auch das Remstal bei Stuttgart.

Beim Abschied von Europa kommen gemischte Gefühle auf. Vieles ist mir so vertraut, dass es sich fast anfühlt, als hätte ich es nie hinter mir gelassen. Der tägliche Gang zum Bäcker, die Begegnungen mit Kollegen und Freunden, mit denen sich nicht nur wunderbar feiern, sondern auch vortrefflich diskutieren lässt.

Aber es gab auch Momente, die mich daran erinnerten, wie sehr ich doch die kanadische Freiheit lieben und schätzen gelernt habe. Das Schöne ist, dass es im Koffer der Erinnerungen Platz für alles gibt.

Von Januar bis April am Mittelmeer, dazwischen ein Kurzbesuch beim Freund in Marseille, danach drei Wochen Allgäu – vier Monate sind eine lange Zeit, um vom Sohn und von guten Freunden in Montréal getrennt zu sein. Und natürlich vermisse ich auch mein Montréal selbst. Es ist und bleibt die Stadt meines Herzens. Die Reise in den dritten Frühling kann kommen.

Die letzte Bildergalerie vor unserer Abreise besteht aus Aufnahmen von unserem gestrigen Ausflug nach Bayern. Beim Klick auf das Bannerfoto werden Sie sehen: Ganz zum Schluss wurden noch ein paar Klischees bedient.

Wie wär’s damit: Bratwurst mit Sauerkraut und Kartoffelpürree im Schatten von Schloss Neuschwanstein in den bayerischen Alpen.

Tschüss Europa! Hello Canada! Vielleicht bis zum nächsten Jahr.

 

Vor 50 Jahren begann mein Traum

VOR 50 JAHREN FING ALLES AN: Von links nach rechts: Oskar Beck, Uschi Entenmann, Uli Reinhardt, Herbert Bopp, Ingrid Eißele.

Der 1. Mai 1968 war ein Mittwoch. Über den Weinbergen des Remstals ging ein warmer Frühlingsregen nieder. Der Fußweg von meinem möblierten Zimmer zur Redaktion der Waiblinger Kreiszeitung dauerte eine halbe Stunde und führte an der Bahnhofswirtschaft vorbei.

Männer mit lustigen Hüten tranken auf nassen Holzbänken ihr Viertele. Ich tippte lässig mit der rechten Hand an meine karierte Schlägermütze. Die Männer grumselten irgend etwas von „Wo kommt der denn her?“ und ich ging meines Wegs, schnurstracks in die Zukunft.

So begann der Tag, an dem sich der Traum meines Lebens erfüllt hatte. Es war der Tag, an dem ich Journalist geworden bin. Das heißt: Noch war ich Redaktionsvolontär, damit fängt jede ordentliche journalistische Ausbildung an.

 Mein Volontariat begann am 1. Mai 1968 in Waiblingen im Remstal.

Das moderne Redaktions-, Druckerei- und Verlagsgebäude an der Siemensstraße 11 hatte ich nur einmal zuvor betreten. Es war der Tag, an dem ich mich bei meinem künftigen Chefredakteur vorgestellt hatte. Richard Retter blieb bis zu seinem Lebensende mein Freund.

An meinem ersten Arbeitstag in der Redaktion fielen mir zwei Dinge auf: Fast Jeder rauchte (ich auch). Und: Es standen unzählige Flaschen Wein und Bier auf den diversen Schreibtischen (auf meinem – noch – nicht).

Auch auf dem Arbeitsplatz, der mir zugeteilt worden war, saß ein schlacksiger Mann und rauchte. Er begrüßte mich zwischen zwei hektischen Zügen und breitete Dutzende von Papierfotos vor uns auf. „Welches würdest du nehmen“?, fragte er mich. „Das hier“, sagte ich und tippte mit dem Finger auf ein Bild, das mehrere Männer und Frauen zeigte, die Transparente zum „Tag der Arbeit“ vor sich hertrugen. Der Fotograf stimmte mir zu. Er hieß Dieter.  An seinen Nachnamen kann ich mich nicht mehr erinnern.

Unter Anleitung des diensthabendenden Sonntagsredakteurs tippte ich auf der schweren Schreibmaschine eine mehrzeilige Bildunterschrift unter das Foto und setzte dahinter in Klammern „heb“. Das war von jetzt an mein Autoren-Kürzel. Ich hatte „hebo“ vorgeschlagen, so hatten mich meine Kumpels in Biberach genannt. Aber „hebo“ ging nicht. Erlaubt waren höchstens drei Buchstaben. Dann also „heb“.

Fünf Jahre blieb ich bei der Waiblinger Kreiszeitung, die ihren Mantelteil von den Stuttgarter Nachrichten bezog. Dann verschlug es mich zum erstenmal nach Kanada. Fünf Jahre „heb“ waren genug, um den Journalismus von der Pike auf zu lernen. Ich musste über Mord und Totschlag berichten, über Sexualverbrechen und Oberbürgermeisterwahlen. Ich war bei Gemeinderatssitzungen eingenickt, bei denen es um Farbleitpläne für städtische Garagen ging. Und auch eine Reportage über die „Waiblinger Hausfrau des Jahres“ wurde von mir verlangt. Alice Schwarzer hätte mir den Kopf abgerissen.

Fünfzig Jahre später sitze ich mit zwei Frauen und zwei Männern an einem Wirtshaustisch in Weinstadt im Remstal. Es sind Kolleginnen und Kollegen aus alten Zeiten. Uschi und Ingrid kamen erst später zur Zeitung. Uli und Oskar waren fast von Anfang an dabei.

Uschi Entenmann leitet heute die Reportagenagentur „Zeitenspiegel“, schreibt für fast alle namhaften Publikationen, einschließlich GEO. In Havanna baute sie die kubanische Niederlassung der Agentur auf und lebte mehrere Jahre auf der Karibikinsel. Wenn sie nicht gerade schreibt, managed oder reist, spielt sie Saxophon in einer Jazzband.

Ingrid Eißele, ebenfalls eine erfahrene Journalistin mit weltweiten Reporter-Einsätzen, leitet heute das „stern“-Büro für Baden-Württemberg. Eine wunderbare Kollegin mit einfühlsamen Texten und klugen Interviews, die in vielen renommierten Publikationen erschienen sind.

Oskar Beck ist eine der Edelfedern im deutschen Sportjournalismus. Seine Reisen haben ihn rund um den Globus geführt. Er hat über Olymische Spiele, Weltmeisterschaften und andere Events berichtet und lebt heute auf der Schwäbischen Alb und in Miami/Florida. Die nächste Fußball-WM in Russland wird ohne „Ocke“ stattfinden: „Wo Putin ist, gehe ich nicht hin“. Einmal Revoluzzer, immer Revoluzzer.

Uli Reinhardt hat nach seiner Zeit als Fotograf bei der Waiblinger Kreiszeitung zusammen mit anderen mutigen Kreativen die feine Reportage-Agentur Zeitenspiegel gegründet. Inzwischen gehört eine hauseigene Journalistenschule dazu.

Uli erwähnte bei unserem Wirtshaustreff in Wenstadt eher nebenbei, als müsste er kurz mal Brezeln holen, dass er morgen eine dreiwöchige Reporterreise durch Südafrika, Kenia und Nigeria antreten werde. Der Mann ist über 70, sein Energiepegel noch immer enorm. Auch ein Autounfall, bei dem er sich vor ein paar Monaten eine schwere Rückenverletzung zugezogen hatte, schaffte es nicht, ihn auszubremsen. Der Unfall passierte übrgens in Irland. Genau dort war ich mit Uli, kurz nach unserem Kennenlernen vor 50 Jahren, wochenlang unterwegs.

Gestandene Journalisten, die eines gemeinsam haben: Die Zeit bei der Waiblinger Kreiszeitung. Der Wichtigste fehlte leider in unserer Runde: Richard Retter, dem alle von uns so viel zu verdanken haben.

Sonntagsbummel in Bad Waldsee

Bei unseren Streifzügen durch den Wilden Süden sind wir gestern in Bad Waldsee gelandet. Das ist kein Zufall. In Bad Waldsee leben liebe Verwandte, die im Laufe der Jahre zu Freundinnen und Freunden geworden sind.

Aber Bad Waldsee hat für mich noch eine andere Bedeutung: Papa, der längst in höheren Sphären lebt, hatte uns als Kinder oft am Wochenende oder auch mal zum Feierabend-Vergnügen nach Bad Waldsee mitgenommen, um dort ein wenig „Bootle“ zu fahren.

Die „Bootle“ gibt es noch immer. Und noch immer kann man sie mieten, um über den idyllischen, kleinen See am Rande der Altstadt von Bad Waldsee zu rudern, zu paddeln oder zu treten.

Allerdings hatte der oberschwäbische Ort damals noch kein „Bad“ vor dem Namen. Ein „Bad“ ist wie ein Ritterschlag im Schwäbischen, fast wie ein Doktortitel. Dass Waldsee inzwischen Bad Waldsee heißt, ist den Moor-, Kneipp- und Thermalbädern des Städtchens geschuldet, das irgendwo zwischen Ulm und Bodensee liegt.

Aber es gibt auch ein dunkles Kapitel in der langen Stadtgeschichte von Waldsee. Die Hexenprozesse hatten zur Folge, dass zwischen 1490 und 1645 mehr als 50 Frauen und auch drei Männer auf dem Galgenbühl verbrannt wurden.

Doch davon war an diesem sommerlich-warmen Sonntag bei der Lieblingscousine und ihrer Familie nicht die Rede. Bei Kaffee und Kuchen und einem herrlichen Blick über den See wurde in verwandtschaftlichen Erinnerungen geschwelgt.

Die Fotos entstanden bei der Fahrt von Leutkirch nach Bad Waldsee und in Bad Waldsee selbst. Dass dort mehr Leben als sonst herrschte, lag am „verkaufsoffenen Sonntag“.

Das Bannerfoto stammt heute ausnahmsweise nicht von mir. Die Lieblingscousine hat es aufgenommen. Sie kennt sich nicht nur im Leben und in der Küche aus. Ihre Kreationen mit der Kamera sind in der Familie schon legendär.