Über Herbert Bopp

Deutscher Journalist bloggt aus Kanada. Lebt in Montréal, auf Mallorca und im Internet. Mag Kommentare am liebsten per Mail: bloghausmail@herbertbopp.com

Der Ozean vor meiner Tür

IMG_1555Meine Bucketlist? Ein Bagel-Frühstück mit Leonard Cohen. Gitarrenunterricht bei Eric Clapton. Und irgendwann mal am Meer wohnen. Für das Frühstück ist es jetzt ja leider zu spät. Clapton kann ich mir vermutlich auch abschminken. Bliebe noch das Meer.

Strandurlaub war häufig. Auf Kuba, in Australien, am Golf von Mexiko und auf Hawaii. Doch nach ein, zwei Wochen war immer Schluss mit Meeresrauschen und Salz auf den Lippen.

Seit gestern kann ich nun endlich Punkt drei meiner persönlichen Wunschliste abhaken: Ich lebe am Meer.

Sonnenuntergänge statt Schneeberge. Wellensingsang statt brüllende Räumfahrzeuge. Sandbänke statt Schlaglöcher. Auf meiner ganz privaten Fototapete sind neuerdings Windsurfer und Kitekids zu sehen, Komorane, Möven und Stehpaddler.

Nach neun Mallorca-Wintern in Palma wurde es Zeit für einen Wechsel. Traumhaft, die Jahre an der Plaza de la Reina. Herrlich, die Zeit am Prachtboulevard Borne. Nicht so berauschend waren  allerdings die letzten beiden Winter auf Mallorca.

Der Lärm der Innenstadt, die Krachmacher, die sich Straßenmusiker schimpfen, der Dreck und die Millionen von Urlaubern, die Palmas Altstadt genau so wunderschön finden wie wir. Nur: Sie gingen wieder, wir blieben. Und haben uns nach dem letzten Palma-Winter geschworen: Nie wieder Innenstadt.

Schon klar: Erste-Welt-Sorgen, die nicht nach Mitleid rufen.

Unser jetziges Domizil liegt weit genug von Palma entfernt, um der akustischen Dauerberieselung zu entgehen. Aber nahe genug, um spontan mal eine 15minütige Busfahrt in die geliebte „Bar Bosch“ im Zentrum dieser herrlichen Stadt zu unternehmen.

Ganz ohne Krach geht es natürlich auch am Meer nicht, denn der Ozean ist sein eigener Lautsprecher: Es bellt und zischt und blubbert und brodelt. Es wimmert und säuselt und brummt, knallt und flüstert. Und tatsächlich rauscht das Meer auch manchmal.

Das Meer ist auch seine eigene Duftkammer: Mal wabert es fischig und algig vor sich hin. Ein andermal dringt der Geruch von Tang zu uns herauf. Und natürlich riecht das Meer salzig, eigentlich fast immer.

Und dann die Farben des Meeres: Es ist grau und blau und braun und türkis. Wird das Wasser dann von einem Sturm durcheinander gerüttelt wie in der vergangenen Nacht, kokettieren die Krönchen der Wellen am nächsten Morgen in einem giftig-gelblichen Möchtegernweiss.

Das Meer ist seine eigene Wundertüte und immer gut für Überraschungen. Kommen Sie wieder, wenn Sie wissen möchten, was der Ozean vor meiner Tür während der kommenden Monate sonst noch so alles auf Lager hat.

Ich werde es ihnen flüstern.

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David Letterman ist wieder da!

collViel zu feiern gibt es nicht, in diesen tristen Trump-Tagen in Amerika. Bis vor ein paar Stunden. Da zauberte mir ein Fernseh-Event ein Lächeln ins Gesicht. David Letterman ist wieder da! Der legendäre Talkmaster, der im Sommer 2015 nach mehr als 30 Jahren seine „Late Show“ geschmissen hatte, ist ins Fernsehen zurück gekehrt.

Auf NETFLIX konnte man ihn jetzt zum ersten mal wieder sehen. Der Titel seiner Show ist denn auch Programm: „My next Guest needs no Introduction“. Lettermans erster Gast war Barack Obama.

Ernster ist „Dave“ geworden, wie ihn seine Fans nennen, älter natürlich auch. Ein biblischer Bart verdeckt das Gesicht. Die lustige Zahnlücke, sein Markenzeichen, ist nur schwer hinter dem grauen Gestrüpp ausfindig zu machen ist. Eine Stunde reden der ehemalige Latenight-König und der Ex-Präsident über Ehefrauen, Urlaubsorte und Kinder. Aber auch ganz viel über Politik.

Auch wenn der Name des trotteligen Trump nicht ein einziges Mal fiel, war doch permanent von ihm die Rede. Von seiner Gemeinheit, seiner Dummheit und auch davon, wie es ein einziger Mensch schaffen kann, eine ehemals stolze Nation wie Amerika der Lächerlichkeit preiszugeben.

Für mich war die gestrige Sendung ein Wiedersehen mit einem Mann, der mir nach meiner Ankunft in Kanada zahllose Fernsehabende verschönt hatte.

Anders als der große Johnny Carson, der sich in seiner „Tonight Show“ gerne selbst zelebrierte, ging Letterman Dingen auf den Grund, die man einfach wissen musste, um mitreden zu können, wenn man in Nordamerika lebte.

So war nie zuvor einer auf die Idee gekommen, vor einem Millionenpublikum zu testen, ob ein Sixpack Cola-Light tatsächlich leichter sei als eine Sechserpackung Cola-Classic. Was lag da näher als zu später Stunde eine Kiste Coladosen vom Empire State Buildung auf die Strasse knallen zu lassen? Surprise, surprise: Die Light-Version brauchte auch nicht länger als die klassische.

Dann kam der 11. September 2001.

„Dave“ war der erste unter den amerikanischen Comedians, der sich nach den Teroranschlägen wieder ins Fernsehen wagte. „Warum nicht?“, sagte er sieben Tage nach 9/11. „Amerika hat das Lachen doch nicht etwa verlernt“?

letterman

September 2001: Der Autor am Ed Sullivan Theatre zur ersten Letterman-Show nach 9/11

Von der ersten Reihe des Ed Sullivan Theatre aus, in dem viele Jahre zuvor der Grundstein für den Siegeszug der Beatles durch Amerika gelegt worden war, wurde ich am Abend des 18. Septembers 2001 Zeuge des vielleicht schwierigsten Auftritts David Lettermans.

„Tun Sie uns einen Gefallen“, hatte die Platzanweiserin vor der Show in die wartende Menge gerufen, „klatschen Sie heute besonders heftig. Dave braucht das zur Zeit.“

Faszinierend der erste Studiogast: ABC-Korrespondent John Miller. Er ist der letzte Journalist – und einer der ganz wenigen überhaupt – der Osama Bin Laden fürs Fernsehen interviewt hat. Auf dem Weg zu Bin Ladens verstecktem Camp sei ihm aufgefallen, in welch schlechtem Zustand die Zufahrt zum Haus des mutmaßlichen Drahtziehers der jüngsten Terroranschläge gewesen sei.

Umso erstaunlicher, als Bin Ladens Familie ihr Vermögen doch im Baugeschäft gemacht hat“. Letterman zu Miller: „Haben sie noch Kontakt mit dem Mann?“. Miller: „Nein“. Letterman: „Sie meinen, er hat Ihnen nicht seine Visitenkarte zugesteckt?“

Als NETFLIX gestern die Neuauflage der legendären Letterman-Show ins Fernsehen hievte, gab es keine Tränen. Da saßen zwei ältere Herren auf der Bühne, die irgendwann plötzlich keinen Job mehr hatten. Es wurde gefeixt und geplappert und munter drauf los erzählt. Und schon bald herrschte eine Fröhlichkeit im Studio, wie man sie schon lange nicht mehr erlebt hatte, in diesem politisch tristen Amerika.

Ein Ex-Präsident, der komplette Sätze reden konnte und mit einer rhetorischen Leichtigkeit für Tiefgang sorgte, wie man ihn aus Washington nicht mehr gewöhnt ist. Und ein Ex-Talkshow-Host, der trotz seiner 70 Jahre diese frische Brise durch den Bildschirm schickt, für die wir ihn alle so liebten.

Das Schönste: Weit und breit kein rassistischer Tölpel, der Amerikas guten Ruf auf dem Gewissen hat.

Felix – eine schöne Geschichte

GALLERY

Es gibt da diese Geschichte von Cassian und Felix: Als unser Sohn in die Montrealer Waldorfschule kam und sich unter all denen, die da ihren Namen tanzen konnten, etwas verloren fühlte, stand plötzlich dieser kleine Junge mit stahlblauen Augen und pechschwarzem Haar neben ihm und nahm ihn bei der Hand. Es war Felix Bujold. Heute, 20 Jahre später, gehört er zu den erfolgreichsten Fotomodellen der Welt.

„Komm mit“, sagte der Bub auf Französisch „ich stell’ dir meine Freunde vor“. Wenn Cassian heute die Zeit an der Montrealer „École Rudolf Steiner“ als „die schönste meines Lebens“ bezeichnet, hat das viel mit dem kleinen Jungen von damals zu tun. Mit Felix Bujold.

Cassian und Felix: Einmal Freunde – Immer Freunde

So unterschiedlich ihre beiden Leben auch verlaufen sind – der Kontakt zwischen Felix und Cassian ist nie abgerissen. Heute, ausgerechnet am kältesten Tag des Jahres, stattete uns der Bub von damals, der inzwischen in der ganzen Welt zuhause ist, einen Besuch ab.

Circa 2000; Felix (links) und Cassian. Foto: Privat

Die Haut vom letzten Fotoshooting in Bora Bora ist noch leicht gebräunt. Viel Zeit kann Felix diesmal nicht in Montreal verbringen. Er muss zum Shooting nach New York. Dort hat er seinen Lebensmittelpunkt.

Seine Wohnung in Montreal sieht er nur selten. Das Apartment in Los Angeles hat er kürzlich aufgegeben. Dafür verbringt er jetzt mehr Zeit in den Catskill-Mountains, nördlich von New York City. Dort besitzt er ein großes Grundstück, hackt Feuerholz, geht wandern und lässt den lieben Gott einen guten Mann sein. Bis vor kurzem verbrachte er dort noch viel Zeit mit seiner Partnerin, einem brasilianischen Model, und ihrem Sohn. Eine Zweierbeziehung zwischen zwei globetrottenden Fotomodellen ist nicht immer ganz einfach.

Heute kommt Felix zur Tür rein, bewundert mit seinen immer noch strahlenden blauen Augen Lores Aquarelle an der großen Wand, kann sich noch an jedes einzelne von ihnen erinnern, damals in Hudson, als wir noch auf dem Land wohnten und Felix ein gern gesehener Gast bei uns war. An noch etwas erinnert sich Felix: „Cassian, Felix – Frühstück!“, hätten wir immer gerufen, sagt er. Damals, als er noch häufig die Wochenenden bei uns verbrachte.

Felix im O-Ton: „Guten Morgen, Frühstück ist fertig!“

Aber wie um Himmels Willen wird ein Waldorfschüler zum Model?

Angefangen hatte alles auf einem Parkplatz in Salt Lake City/Utah. Felix war damals mit seiner Patchwork-Familie auf einem Roadtrip quer durch Amerika unterwegs. „Auf einem Parkplatz kam eine Frau auf uns zu, die sich als Model-Agentin ausgab“, erinnert sich Felix. Ob er sie morgen in ihrem Büro aufsuchen könne, habe die Agentin seine Muter gefragt. Nein, konnte er nicht. Die Familie wollte weiter, nach Kalifornien. Aber eine Visitenkarte ließ sich Felix’ Mutter von der Frau auf dem Parkplatz dann doch geben.

„Irgendwie waren wir da angefixt“, erzählt mir Felix heute Nachmittag. Wenn er lacht – und er lacht oft -, strahlen seine Zähne so weiß wie die fetten Schneeflocken, die sanft vom Himmel fallen.

Als die Familie Wochen spaäter von ihrem Roadtrip wieder zu Hause ankam, in Montreal,  habe die Schwester eine befreundete Hobbyfotografin eingeladen. Und gleich eine Kosmetikerin dazu. Die drei Mädels bearbeiteten den jungen Felix so lange, bis ein paar passable Fotos dabei herauskamen.

Mit vierzehn fing alles an

Felix war 14. Und der Rest ist Geschichte. Die Fotos gingen an verschiedene Model-Agenturen. Schon kurze Zeit später klingelte das Telefon. Casting hier, Casting dort. Und schon bald kamen die ersten Aufträge. Nichts Großes. Da ein Katalog-Foto, dort eine Modenschau.

Den ersten fetten Modelling-Job landete Felix, als er 17 war. „Um 15 Uhr war ich mit meiner Abschlussprüfung am College fertig. Um 17 Uhr musste ich zu einem Casting. Um 21 Uhr saß ich im Flieger nach Mailand“. Mutter Céline war dabei. „Sie wollte wissen, worauf ich mich da eingelassen hatte“.

Besuch bei den Bopps: Felix heute Nachmittag auf der Dachterrasse. Foto: Bopp

Von da an flossen die Aufträge. Immer aufwendiger, immer weiter, immer größer. Auch immer mehr Geld. Kosmetik-Werbung in Südafrika, Herrenbekleidung in Tokio, Schuhe in Italien. Schokolade in Frankreich. So ging es rund um die Welt. Er jettete jetzt von New York nach Hongkong und von da nach Neuseeland, London, Paris, Hamburg, Berlin. Und immer wieder Mailand. Jahr für Jahr. Für „4711“ stand er in Kapstadt vor der Kamera. Das Produkt sollte „Wunderwasser“ heißen. Felix weiß nicht, ob etwas daraus geworden ist.

Als sehr junges Model hatte er seine größten Erfolge in Europa. „Damals waren da große, feingliedrige Männer gefragt“. In Nordamerika sei es genau umgekehrt gewesen. „Die wollten eher den Holzfällertypen“.

Heute ist Felix Bujold beides. Der trotz seiner 30 Jahre immer noch jugendlich wirkende, hoch gewachsene Sunnyboy. Und im richtigen Leben der Lumberjack, der so viel Zeit wie möglich auf seinem Stück Land in den Catskill-Mountains verbringt.

New York – Tokio – Kapstadt – Paris …

Er modelt noch immer gerne, auch 16 Jahre nach seinem ersten Shooting. Die Welt ist inzwischen seine Auster. Er kennt sich in Paris so gut aus wie in New York, Tokio oder Kapstadt. Er verdient viel Geld. Aber er bringt auch die eiserne Disziplin des Erfolgsmenschen auf, trainiert seine Sixpacks, achtet auf gesunde Ernährung.

Wer für das „Men’s Health“–Cover posiert, darf kein Fett ansetzen. In Kuba hatte er neulich ein Fotoshoting für GQ. In Italien lichtete ihn VOGUE ab. ELLE, Esquire, Equinox – Felix Bujold wurde schon von allen großen Magazinen gedruckt. Sein Gänsehaut-Moment? „Das war, als ich mich riesengroß auf einem Leuchtreklame-Billboard am Times Square entdeckte“.

Erfolg verpflichtet. Alkohol trinkt er in Maßen. „Wenn bei einem Shooting am anderen Ende der Welt 20 Leute stehen, die nur wegen dir hierher geflogen sind – Fotografen, Beleuchter, Kosmetikerinnen, Stylisten -, dann kommst du nicht verkatert zur Arbeit“, sagt Felix. Das gebiete schon der Respekt, den er für all die anderen Profis in seinem Job habe.

Den „Plan B“ gibt’s auch schon: Felix will aufs Land

Felix weiß, das Modelling ein Job auf Abruf ist. Klar gibt es auch ältere Fotomodelle. Aber will er das? „Eher nicht“, sagt er. Irgendwann sei genug. Zum richtigen Zeitpunkt den Absprung schaffen, das sei wichtig. Nur: Wann ist der richtige Zeitpunkt?

Einen Plan B für die Zeit danach hat er jedenfalls schon. Er hat ja dieses Stück Land bei New York. Und ein noch schönerer Flecken Erde gehört ihm am Lago Maggiore. „Cabins“ will er darauf bauen, einfache Cottages aus Holz. Die will er später vermieten. An Leute, die in der Hektik des Alltags zwischendurch mal tief durchatmen wollen.

So wie er. Felix, der Bub von der Waldorfschule, der es zum weltberühmten Fotomodell gebracht hat.

Felix Bujolds Facebook-Profil: Die Welt ist seine Auster.

Im Bloghaus weihnachtet es sehr

Allen Abonnenten, Leserinnen und Lesern der BLOGHAUSGESCHICHTEN, allen Freunden, Bekannten und Weggenossen auf diesem Kontinent und anderswo wünsche ich ein frohes, friedliches und trotzdem spannendes Weihnachtsfest. Und sollten Sie während der Feiertage mal über die Stränge schlagen, machen Sie es wie ich: Versuchen’s Sie’s am Morgen danach einfach mit einem herzhaften Bloghaus-Frühstück. Das hat mir Lore neulich  nach einer harten Nacht serviert – und schon sah die Welt wieder manierlich aus.

MERRY CHRISTMAS – FROHE WEIHNACHTEN – JOYEUX NOËL – FELIZ NAVIDAD

 

 

Ein Wiedersehen mit Miami

Ein bisschen verrückt und ganz schön schräg: Miami, wie ich es in den vergangenen vier Tagen erlebt habe.

Oft waren wir in den 80er- und 90er-Jahren in Florida. Fast überall, von Sanibel Island über Fort Lauderdale bis hinunter nach Key West. Auch Miami haben wir immer mal wieder besucht. Doch jene Seite dieser tropischen Inselstadt, die ich diesmal zu sehen bekam, war für mich neu.

Der Bauboom hat Miami in einem atemberaubenden Tempo erwischt. Die Folge: Schwindelerregende Immobilienpreise. Diese wiederum befeuern den Glamour-Faktor dieser Stadt, der schlechter Verdienende alt aussehen lässt. Immer weniger können es sich heute noch leisten, in ordentlichen Wohnverhältnissen im Innenstadtbereich von Miami zu leben.

Natürlich reicht ein langes Wochenende bei Freunden nicht einmal annähernd aus, um diese bizarre Stadt im Süden von Florida zu erkunden. Ein Versuch ist es allemal wert.

Einige der Aufnahmen sind in Miami Beach entstanden, manche auf einer privaten Insel. Ein paar Fotos habe ich im super-chicen Design District geschossen, wieder andere in den unmittelbar daneben liegenden Wynwood Walls, einem ehemaligen Lagerhallen-Areal, das heute als Graffiti-Eldorado gilt.

Nicht zu kurz kommen soll in diesem Foto-Blog auch die kulinarische Seite von Miami. Diese wurde in allerfeinster Qualität nicht nur von meinen Gastgebern Kirsten und Uli Petzold abgedeckt. Auch mehrere Restaurant-Besuche sorgten für geschmackliche Vulkanausbrüche im Gaumenbereich. Weltberühmt: Die Florida stone crabs, die gerade jetzt Saison haben.

Viel Spaß und bon appétit!

Kurzes Video: „Lunch mit Schiffen“

Schön und reich in Miami Beach

Spätestens in dem Moment, als der Hausherr gedämpfte Lachsschnittchen auf Hummersößchen serviert, das Ganze an einem Bett von Reiswürfeln, die mit hausgemachter Pesto marmoriert sind, die diesem kulinarischen Gesamtkunstwerk etwas Spielerisches verleihen, wird mir klar: Ich bin hier nicht im IKEA-Haushalt gelandet. Das hier ist für Erwachsene.

Mein Gastgeber ist nicht nur einer der besten Hobbyköche, die mir je begegnet sind. Er ist auch einer der gefragtesten Designer, die es auf diesem Planeten gibt. Uli Petzld ist ein Lichtdesigner von Weltruf.

Powerteam: Kirsten und Uli Petzold.

Willkommen bei den Schönen und Reichen. Willkommen in Miami Beach!

Stille Nacht unter Palmen: Auf dem Anwesen des Gastgebers.

Dass schön und reich auch eine Herzensangelegenheit sein kann, die von innen strahlt, stellen meine Gastgeber jeden Tag aufs Neue unter Beweis. Die Liebenswürdigkeit, die mir diese Menschen in jeder Phase meines viertägigen Besuches entgegen bringen, ist schwer zu toppen.

Dabei ist es in erster Linie ein Arbeitsbesuch, der mich auf diese prächtige Privatinsel geführt hat, deren Bewohner dem Who-is-Who der Promi-Weltrangliste entstammen.

Um die Ecke residiert Phil Collins, ein paar Villen weiter die Enkeltochter der Getty-Dynastie. Schräg gegenüber von hier hatte bis vor kurzem Anna Kournikova ihr Domizil, die mit ihrem Tennis jahrelang die Massen begeisterte, insbesondere aber den Latino-Schnulzeur Enrique Iglesias.

Entschuldigung, aber ein bisschen Namedropping muss sein. Ohne Namen wäre diese Geschichte nur halb so schön.

So sieht’s aus, wenn der Designer kocht: Lachs, Hummer-Reduktion und Reis-Pesto-Würfel.

Deshalb soll an dieser Stelle auch nicht unerwähnt bleiben, dass der Mann, der den Aufkleber „Baby on Board“ kreiert hat, in einer der teuersten Villen von Miami überhaupt lebt.

Diese drei Wörter brachten ihm ein mehrfaches Hundert-Millionen-Vermögen ein. Da darf der Wert des Eigenheims dann auch gerne im mittleren zweistelligen Millionen-Bereich liegen.

Details wie diese kennt mein Gastgeber. Er hat die Villa des „Baby-on-Board“-Erfinders ins rechte Licht getaucht. Das ist sein Job. Dafür jettet er atemlos durch die Welt.

Einfahrt zur Privatinsel. Hier wohnen die Schönen und Reichen von Miami Beach.

Derweil sorgt Ehefrau Kirsten, in früheren Jahren ein angesagtes Model, dafür, dass der fliegende Gatte nicht die Bodenhaftung verliert. Wie denn auch, bei drei gut geratenen Söhnen, von denen jeder auf seine Art die Genialität für sich gepachtet hat?

Doch ich, der Bub aus Ummendorf, bin nicht von Montreal nach Miami gereist, um über Bankkonten und Barvermögen zu berichten. Dieser Besuch gilt in erster Linie einem Freund, der es geschafft hat, vom Kürschnerlehrling in die Championsleague des Lichtdesigns aufzusteigen.

Die sagenhafte Karriere dieses Mannes hat eine Biografie verdient. Daran arbeiten wir hier.

Schwabokanadier unter sich

Die Heimat im Ohr“. Dieser schöne Satz stammt von Lore. Sie gab ihn heute beim Frühstück von sich, nachdem sie am Abend zuvor in der ARD-Mediathek „Trash Detective“ gesehen hatte. Das ist einer dieser zauberhaften Filme, die vermutlich nur Schwaben verstehen.

Bei uns daheim wird Schwäbisch gesprochen. Nicht die Stuttgarter Akademiker-Variante, wie sie etwa die Herren „Häberle und Pfleiderer“ verwendeten, die in den 50er- und 60er-Jahren über süddeutsche Schwarz-Weiß-Bildschirme flimmerten. Aber auch nicht das krasse Ummendorfer Umlach-Schwäbisch.

Dort ist der Satz: „D’r Eberhard soll da Apprat na trah“ nicht etwa zu Chinesisch mutiert, sondern bedeutet nichts anderes als: „Der Eberhard soll den Apparat hinuntertragen“. Dienstag heißt bei uns nicht wie in Ummendorf „Zaischdig“, sondern „Dienschdag“.

So viel Zugeständnis an das Hochdeutsche muss sein.

Schwäbisch ist für uns kein politisches oder gar landsmannschaftliches Statement. Es ist einfach die Macht der Gewohnheit, die den Dialekt in unserem Hause am Laufen hält. Und das, obwohl wir seit 35 Jahren nicht mehr im schwäbischen Sprachraum leben, sondern in Kanada.

Würde es Ihnen etwas ausmachen, in ihren Korrespondenten-Beiträgen statt ‚Samstag’ ‚Sonnabend’ zu sagen?“, fragte mich der NDR-Redakteur schon ganz zu Beginn meiner Radio-Laufbahn höflich, aber bestimmt. Natürlich machte es mir nichts aus.

Umgekehrt haben es die KollegInnen vom SWR immer gerne gehört, wenn „das Schwäbische“ auch in meinen Rundfunkbeiträgen hörbar war. „Fanget Se jetzt bitte it damit a, aus’m Samstag en Sonnabend zu macha„, ist mir die Warnung eines Kollegen vom Sport noch in guter Erinnerung.

Hoscht scho a Görlfriend“?, wollte ein „Hutterer“ einmal von mir wissen. Für die Nachkömmlinge Südtiroler Sektierer, die in „Kommunen Gottes“ auf „Bruderhöfen“ in der kanadischen Prärie leben und nie Schriftdeutsch gelernt haben, ist es einfacher, auf Schwäbisch zu kommunizieren als auf Hochdeutsch oder gar Englisch.

Unser Sohn Cassian, gebürtiger Montrealer, hatte das große Glück, mit drei Muttersprachen aufzuwachsen. Deutsch wurde ihm in die Wiege gelegt. Englisch und Französisch musste er sich schulisch hart erarbeiten. Heute spricht und schreibt er alle drei Sprachen akzent- und fehlerfrei wie ein „native speaker“.

Beim Schwäbisch kommt er allerdings schon mal ins Schleudern. Da wird der Hochzeitstag dann zum „Heiratsdag“. Und dass er bei einem Wirtshausbesuch im Allgäu trotz fließender Kenntnisse der Landessprache nicht wusste, was ein „Spezi“ ist, empfand die Kellnerin fast als einen persönlichen Affront. „Aber du schwätscht doch sonscht so guat Schwäbisch“?, entfuhr es ihr.

Das Wort „Spezi“ war ihm trotzdem fremd. Woher sollte er es auch kennen? Den Getränkemix gibt es nun mal nicht in Kanada.

Video: „Häberle und Pfleiderer“ mit Willy Reichert und Oscar Heller

„Hoscht scho a Görlfriend“?  > Besuch auf einer Hutterer-Kolonie in Manitoba <

Und alle singen Leonard Cohen

Ein bisschen viel Leonard Cohen in letzter Zeit im Blog? Schon möglich. Aber es ist nun halt mein Blog. Und Sie sind halt mal beim Cohen-Fan-Hauptquartier in Montreal gelandet. Da müssen Sie jetzt durch. Heute Abend: Singalong mit Leonard Cohen.

Einer dieser Montreal-Momente:

Aus der U-Bahn-Station „Place des Arts„, direkt unter der Konzerthalle, erklingen „Hallellujah“ und „Bird on the Wire“ und noch ein Dutzend andere Cohen-Songs. Nicht aus der Konserve, sondern live. Gesungen von Männern und Frauen, die sich trauen, zwischen fünfzig, sechzig Leuten ein Mikro in die Hand zu nehmen und zu den Klängen einer ziemlich guten Amateurband Leonard-Cohen-Lieder zu singen.

Und schon stimmen alle in die Songs ein. Karaoke mitten im Feierabend-Verkehr.

Ein Typ, der sich als Belgier vorstellt, ein Kerl mit Baskenmütze und leicht britischem Akzent, eine junge Frau, die ein Hallelujah mit Gänsehaut-Effekt hinlegt. Und eine nicht mehr ganz so junge Frau, die hüftschonend mit den Schultern wippt und vorsichtshalber eine Familienpackung Papiertaschentücher mitgebracht hat.

Eine andere junge Frau verteilt die Playlist, die an diesem Spätnachmittag angesagt ist. Zwei, drei Fernsehteams sind auch gleich zur Stelle. Und plötzlich steigt die coolste Cohen-Party, die sich mein Held nur wünschen könnte.

Vor genau einem Jahr ist er gestorben. Und weil auch in einer Metropole wie Montreal die weltbekannten Künstler nicht an den Bäumen wachsen, wird Leonard Cohen in diesen trüben Novembertagen immer und immer bemüht. Und sei es nur zum Karaoke in der U-Bahn-Haltestelle.

Gut gemacht, Montreal. So long, Lenny!

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Ein Abend mit meinem Mann

Leonard Cohen hat viele Songs geschrieben, die mir ans Herz gegangen sind. „I’m your Man“ war einer von ihnen. Ohne ihn wäre mein Leben ärmer. Ohne Cohen und ohne den Song. Gestern Abend wurde ich reichlich beschenkt: Mit einem Konzert zu Ehren des vor einem Jahr verstorbenen Sängers. Mit einem Staraufgebot, wie man es nur selten erlebt.

Von Sting bis Elvis Costello, von k.d. lang über Feist bis zu dem Hollywood-Comedian Seth Rogen. Von Courtney Love, der Witwe von Curt Cobain, bis zu Céline Dion, die per Video-Botschaft einen Cohen-Song in die Menge hauchte, der selbst jenen den Atem verschlug, die sonst mit der Diva nur wenig anfangen können.

Ein Cohen-Fan war ich gefühlt schon immer und werde – echt jetzt – auch immer einer bleiben. Auch wenn „my man“ längst in anderen Sphären „Closing Time“ singt, kann ich noch immer nicht genug von ihm hören, sehen, lesen. So muss es wohl auch 15.000 anderen ergangen sein, die zum „Leonard Cohen Memorial Concert“ ins Montrealer “Bell Centre“ gekommen waren, um ihrem Helden noch einmal die Reverenz zu erweisen.

Als Leonard Cohen vor einem Jahr starb, bin ich zu seinem Haus am „Place du Portugal“ gepilgert, habe eine Kerze gezündet und so lange „So long Marianne“ mitgesungen, bis mir das Wasser in den Augen stand.

Adam Cohen war vom Vater kurz vor dessen Tod per Erb-Dekret auferlegt worden, das gestrige Memorial-Konzert zu organisieren. Der Sohn, selbst ein arrivierter Künstler, hat Großes geleistet. Ein mehr als dreistündiges Event zu gestalten, ohne auch nur eine Sekunde Langeweile aufkommen zu lassen, ist eine Meisterleistung.

Großartig auch, dass die Stars des Abends ohne Gage auftraten. Der Reinerlös floss in eine Stiftung für kanadische Nachwuchstalente.

Um an Tickets für dieses denkwürdige Event zu kommen, war Multitasking gefragt. Als an einem Samstag im vorigen Sommer die Karten im Internet verkauft wurden, fieberte ich mit Laptop, Handy und Kreditkarte dem Moment entgegen, der mir die Plätze im Bell Centre garantierte. Innerhalb weniger Minuten waren die Tickets ausverkauft. Viele von ihnen – nicht unsere – für tausend Dollar und mehr.

Als hätte der gestrige Abend nicht ohnehin schon genügend Highlights geboten, gab es irgendwann noch Besuch von Justin Trudeau und seiner Frau Sophie. Dabei plauderte der kanadische Premierminister ein wenig aus dem Nähkästchen.

Den ersten Tanz als Ehepaar tanzten Justin und Sophie bei ihrer Hochzeit zu einem Cohen-Lied: „I’m your Man“ – was sonst?

Das komplette Konzert wird ist am 3. Januar bei CBC-Fernsehen zu sehen. Ein Film von dem Memorial ist für Januar 2018 geplant.

Die Konzertkritik der Montreal Gazette gibt’s  >> HIER <<

Wandbemalung im Viertel „Plateau-Mont-Royal“. Als wäre er Everybody’s Man. Fotos: Bopp

 

Die Frau Oberbürgermeisterin

Manchmal gehen Wünsche ja doch in Erfüllung, wenn man brav ist: Meine Kandidatin für die Oberbürgermeisterwahl in Montreal hat gewonnen. Valérie Plante wird das erste weibliche Stadtoberhaupt in der Geschichte meiner Wahlheimat. Mit ihrer Charmeoffensive hat sie es geschafft, den bisherigen OB Denis Coderre aus dem Rennen zu werfen.

Dabei war Monsieur Coderre kein schlechter Oberbürgermeister. Er hat der Stadt einen Stempel aufgedrückt, den so schnell keiner mehr abwaschen kann. Manchen war dieser Stempel dann auch zu kostspielig und, sagen wir es ganz offen, zu großkotzig.

Warum eine Stadt wie Montreal mitten in einer riesigen Grünfläche noch dreieinhalb Millionen Dollar teure Baumstümpfe aus Marmor braucht, bleibt das Geheimnis der bisherigen Stadtverwaltung.

À propos Geheimnis: Davon hatte Denis Coderre wohl einige. So wollte er bis wenige Tage vor der Wahl partout nicht mit der Sprache herausrücken, wie viele bezahlte Tickets im vorigen Sommer für das erste Formel-Eins-Rennen für Elektroautos eigentlich verkauft wurden: Gerade mal 5.000. Verschenkt wurden dagegen mehr als 20.000. Es war ein blamables Zuschussgeschäft.

Das kam nicht gut an bei den Hunderttausenden Montrealern, die auf ihrem Weg zur Arbeit Tag für Tag ihre eigene Rennstrecke zu bewältigen haben. Die orangefarbenen Baustellenkegel sind zu einem Symbol für schlampige Koordination geworden – ein Thema, das den gesamten Wahlkampf beherrschte.

Titelseite der Montreal Gazette – Illustration © Aislin

Natürlich wird Valérie Plante alles anders, besser, preisgünstiger machen. Sagt sie. So ist eine neue U-Bahnstrecke vom Norden in den Südwesten der Stadt geplant. Dass die neue Métrolinie „Pink Line“ heißen soll, mag den Machos unter den Montrealern zwar nicht so richtig einleuchten. Aber nun denn, wenn sie in Rosa schneller in die Innenstadt kommen als in ihren Pickup-Trucks, dann soll’s auch recht sein.

Valérie Plante ist mit ihren 43 Jahren eine politische Newcomerin. Bislang war sie ausschließlich im sozialen Bereich tätig. Als Nachrückerin sitzt sie seit gerade mal elf Monaten im Stadtrat.

Aber schon bald gelang es ihr, die Menschen zu begeistern: Mit Tierschutz-Themen, mit Vorschlägen für mehr sozialen Wohnungsbau, mit Versprechungen, Wege für Fußgänger und Radfahrer sicherer zu machen. Und nicht zuletzt mit ihrem ansteckenden Lachen, das auch gestern wieder im Corona-Theatre bei mir um die Ecke zu hören war, wo sie mit ihrem Team „Projet Montréal“ ihren Erdrutschsieg feierte.

So ganz sicher war ich mir bis zum Schluss nicht, ob mir die Kombi aus Leistung, Anspruch und Lächeln genügt, mein Kreuzchen hinter ihren Namen zu machen. Noch vor wenigen Tagen konnte ich einem Videoreporter der Montreal Gazette keine klare Antwort auf die Frage geben, wem ich nun eigentlich meine Stimme geben würde.

Aber vor dem Hintergrund einer meist männlichen Politiker-Verdrossenheit geht man auch gerne mal ein Risiko ein. Deshalb also ist Valérie Plante „meine Oberbürgermeisterin“.

Ich hoffe, sie enttäuscht mich nicht.