Über Herbert Bopp

Deutscher Journalist bloggt aus Kanada. Lebt in Montréal, auf Mallorca und im Internet. Mag Kommentare am liebsten per Mail: bloghausmail@herbertbopp.com

Tod eines Straßenmusikers

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Mein Kumpel Steve ist tot. Steve Petitpas war die tragende Säule der Montrealer Straßenmusikerszene. Ein begnadeter Gitarrist mit einer wuchtigen Stimme und einem Repertoire, das in seiner Größe nur noch von seinem guten Herzen übertroffen wurde.

Dass ihn am vorigen Sonntag ausgerechnet dieses große Herz von einer Sekunde auf die andere im Stich gelassen hat, ist eine Tragödie nicht nur für Steves Angehörige, dich ich gestern Abend bei einer „Celebration of Life“ kennenlernen durfte. Die Montrealer „Busker“-Szene verliert mit Steve Petitpas einen ihrer besten Musiker. Der Mann mit Hut wurde nur 56 Jahre alt.

Der Straßenmusiker starb nicht auf der Straße. Ein Herzinfarkt riss ihn nachts beim Teekochen in seiner bescheidenen Wohnung im Stadtteil St. Henri aus dem Leben.

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Steve in der Rue St.-Paul.

Es muss der Sommer des Jahres 1990 gewesen sein, als mir Steve Petitpas zum ersten mal aufgefallen ist. Da wippte einer von einem Fuß auf den anderen und rockte, damals noch mit einem Sidekick namens Mick, den Place Jacques-Cartier, drunten am Alten Hafen. Ein langer Kerl mit langer Mähne und dem breiten Lächeln des unbekümmerten Sunnyboy. Einer, der immer, je nach Lebenssituation, entweder ein paar Pfund zu wenig oder aber zu viel auf den Rippen hatte.

Er rockte wie Elvis und schnulzte wie Paul Anka. Und wenn jemand Lady Gaga von ihm hören wollte, war auch das kein Problem für ihn. Kein Beatles-Song, den er nicht kannte, kein Stones-Lied, das er nicht virtuos vortrug. Manchmal machte er sich einen Spaß daraus, wunderbare Harmonien während des Vortrags mit schrägen Tönen zu verschandeln, einfach so.

Warum er das mache, wollte ich einmal von ihm wissen, zum Beispiel bei „Yesterday“, das ja von Haus aus so schön ist, dass es keinen schrägen Ton verträgt. „Just for the hell of it“, sagte Steve dann.

Ein Free Spirit, dem vieles egal war und doch nicht alles wurscht.

Er hasste Ungerechtigkeit, Bürokratie und vor allem verabscheute er Donald Trump. Alle drei hätten seiner Meinung nach in einen Sack gehört – und dann draufhauen mit dem Knüppel. Warum ihm die Stadtverwaltung plötzlich ein genau vorgeschriebenes Zeitfenster aufbrummte, in dem er zu spielen hatte, konnte er nie nachvollziehen. Keiner der anderen Montrealer Street Performer übrigens auch nicht.

Als jemand, der sich als Teenager selbst seine Roadtrips mit Straßenmusik

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Busker Bopp, Stuttgart, 1970

finanzierte, hatte ich von Anfang an einen guten Draht zu Steve. Ich erzählte ihm von meinen Gigs in Paris und Bologna und Marseille und Madrid und wie ich damals mit meiner Wandergitarre oft einen Instrumentenkoffer voller Münzen und Scheine erspielte.

Steve wiederum brachte mir seine Welt nahe, die Welt des Montrealer Buskers. Es war nicht immer ein leichtes Leben, gerade in einer Stadt wie Montreal, wo der Sommer manchmal erst anfängt, wenn der Kalender schon hurtig dem Winter entgegen geht.

Als ich gestern Abend mit Peter Snow, einem befreundeten Straßenzauberer, zur Steves „Celebration of Life“ zum Südufer des St.-Lorenz-Stroms gefahren bin und wir stundenlang in der rush hour steckten, gedachten wir eines Mannes, der mit seinem Wortwitz, auch mit seiner Mimik, nie erwachsen werden wollte.

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Eintrag ins Kondolenzbuch: Der Magier Peter Snow.

Dass Steve Petitpas viel mehr war als ein Straßenmusiker (der übrigens einen perfekten Uni-Abschluss hatte), erzählte mir gestern Abend sein Bruder Randy. Steve habe Tausende Manuskriptseiten an Essays, Prosa und Gedichten hinterlassen.

Nichts davon ist je veröffentlicht worden. Auch das war Steve Petitpas.

Ein Showman, dessen Bescheidenheit ihn möglicherweise von einer großen Künstlerkarriere abgehalten hat.

Einen früheren Blogpost über die Busker-Szene in Montreal gibt’s   >> HIER <<

Die vielen Bars meines Herzens

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Im Sommer mit Terrassen-Bewirtung: “ La Drinkerie“ in St. Henri.

Jeder hat ja so seine Stammkneipe. Oder zumindest ein Lokal, in dem er abhängt und den lieben Gott einen guten Mann sein lässt. Heute: Von Biberach bis Montreal – ein Besuch in den Kneipen meines Herzens.

Biberach: „Der Stecken“

Die erste meiner Stammkneipen, die diese Bezeichnung verdient, war die Biberacher Weinstube zum goldenen Rebstock. Wir nannten das Lokal immer nur „den Stecken“. Ich erinnere mich an mit dunklem Holz getäfelte Wände und an zwei Schwestern mittleren Alters, die immer schlecht gelaunt waren, aber ihr Herz trotzdem auf dem rechten Fleck trugen. Ich erinnere mich auch an Nächte, in denen uns nach einem harten Rockn’n-Roll-Gig unserer Band im nahe gelegenen Keller der „Outlaws“ noch lange nach Mitternacht Bier und Käsebrötchen „im Stecken“ serviert wurden.

Waiblingen: „Der Stadl“

Die nächste Stammkneipe war die Diskothek „Heustadel“ in Waiblingen bei Stuttgart. Ich war damals als rasender Reporter oft bis spät in die Nacht unterwegs. Der Heustadel – „dr Stadl“, wie wir ihn nannten -, schien immer geöffnet zu haben. So jedenfalls kommt es mir im Nachhinein vor. Die Wirtsleute waren jung und brauchten nicht nur das Geld, sondern auch die Streicheleinheiten. Lobte man dann wieder einmal die coole Musik, das freundliche Ambiente oder auch nur die Getränkeauswahl, gab es schon mal ein paar Freibier. Ich lobte schon immer gern.

Winnipeg: Bei „Gisèle“

Dann kam Winnipeg/Manitoba, wo die Kneipenszene eher dürftig war. In der Nähe de Redaktion, für die ich damals schrieb, gab es ein schreckliches Hotel ohne Namen, zu dem auch ein Bier-Pub gehörte. Dieses Etablissement zeichnete sich vor allem dadurch aus, dass dort bereits zur Mittagspause eine etwas füllige Dame namens „Gisèle“ auf einer provisorischen Bühne ein Schaumbad nahm. Die meisten der fast durchweg männlichen Kneipenbesucher – die meisten davon Indianer – warteten darauf, bis Gisèle endlich dem Schaumbad entstieg und so den einen oder anderen Blick auf besonders begehrenswerte Körperteile freigab, während wir, die Gäste, Bier tranken und Fish-and-Chips verschlangen. Irgendwie muss man sich ja in der kanadischen Präre die Zeit vertreiben.

Leutkirch: Der „Mohren“

Wieder zurück im Allgäu, gab es dann eine Fülle von Stammkneipen. Eine davon ist der „Mohren“ in Leutkirch, der erst vor einigen Monaten den Besitzer wechselte. Manfred und Christine Pferdt haben es jahrzehntelang verstanden, nicht nur das Beste aus Küche und Keller auf den (Stamm-)tisch zu zaubern, sondern auch bestens ihre Gäste zu unterhalten, so dass sie gerne wiederkamen. Die meisten jedenfalls.

Ulm: Die Kneipe im Fischerviertel

In Ulm, wo ich nur für kurze Zeit lebte, hatte ich eine entsprechend kurzlebige Stammkneipe, deren Namen ich vergessen habe. Sie befand sich im „Fischerviertel“, in einem wunderschönen Fachwerkhaus. Nicht vergessen habe ich: Es herrschte dort Abend für Abend ein Frauenüberschuss, der mir zu jener Zeit sehr gelegen kam. Denn als Polizei- und Gerichtsreporter (und Junggeselle!) blieb mir oft nur wenig Zeit für tiefere Bekanntschaften.

Hudson: „Château du Lac“

Eine wunderschöne Bar war (ist?) auch das Château du Lac in dem Dorf Hudson, in dem wir 25 Jahre gewohnt haben. Sie befand sich ganz in der Nähe des Lac du Deux Montagnes und erinnerte an gute, alte Zeiten, als Montrealer Sommerfrischler am Wochenende gerne mal aufs Land fuhren. Irgendwann wechselte das Château du Lac den Besitzer. Es gehörte jetzt plötzlich einem skurrilen, freundlichen älteren Mann, den ich schon as Gast kennengelernt hatte. Der Mann war Flugkapitän bei Air Canada und wohnte in Hudson. Nach seinen Langstreckenflügen kam er regelmäßig „ins Chât“ und erklärte als Stammgast der Dorfjugend die Welt. Als der Käpt’n dann in den Ruhestand ging, kaufte der den Laden einfach auf und stand jetzt als Kneipenbesitzer hinter der Theke. Dass im Château du Lac auch die Sänger-Karriere unseres Freundes Matt Holubowski begann, muss an dieser Stelle auch erwähnt werden.

Montreal: „Bar Courcelle“ und „La Drinkerie“

Und jetzt also Montreal. Es gibt ein paar Bars, in denen ich zwar nicht Stammgast im

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„La Drinkerie“: Cool – nicht nur an Sommerabenden.

klassischen Sinn bin. Aber man kennt dort mein Gesicht und weiss, wenn der Rosé warm serviert wird und nicht kalt, gibt’s Ärger. Die „Bar Courcelle“ ist eine dieser Kneipen, nur einen Steinwurf von meiner Wohnung entfernt. Spätabends geht dort die Post ab. Lokale Rocker und Chansonniers geben sich dort die Klinke. Fällt mir gerade ein: Morgen ist dort Bobby Dove zu Gast. Man sieht sich also.

„La Drinkerie“ ist die hippste aller Bars, die ich so frequentiere. Sie liegt im Montrealer Szenenviertel St. Henri, gleich bei mir um die Ecke. Das Bier ist hausgebraut und heißt wie die Frisur des Barmanns, nämlich „Clean Cut“. Gemütlich ist zwar anders, aber als Hippsterbar ist „La Drinkerie“ eine feine Alternative zu den vom Aussterben bedrohten Tavernen von Montreal. Die riechen nach kaltem Rauch und manchmal auch nach Armut, fast immer jedoch nach Insekten-Vertilgungsmitteln.

Palma de Mallorca: „Bar Borne“

Die schönste, feinste, liebenswerteste Bar von allen, die ich in meinem Leben frequentiert habe, gibt es leider nicht mehr. Es war die „Bar Borne“ an der Plaza de la Reina in Palma de Mallorca. Dort ging ich während meiner zehn Winter auf Mallorca aus und ein. Alfonso war nicht nur Besitzer der Bar, er ist heute auch unser Freund.

Mehr zu Alfonso und der Bar meines Herzens gibt’s  >> hier <<.

Bei dieser Gelegenheit ein Buchtipp: Ein Reporter der New York Times hat „Tender Bar“ geschrieben. Es ist eine wunderbare Reminiszenz an eine Kneipe, in der J.R. Moehringer als Sohn der Barbesitzerin mehr oder weniger aufgewachsen ist. Dort, schreibt er in „Tender Bar“, habe er schon als Kind die Menschen kennengelernt und das richtige Leben.

Mit dem Radl in die Kneipe: „Bar Courcelle“ in St. Henri.

Uli Herzog: „Endstation Biberach“

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Mein Freund Uli Herzog lässt wieder morden. Nach MORD AM SCHÜTZENSAMSTAG und FRAUENDUFT hat mein Uralt-Kumpel aus Altshausen einen neuen Schwabenkrimi geschrieben. ENDSTATION BIBERACH heisst er. Und er verspricht ein Renner zu werden.

Worum es diesmal geht? Lassen wir doch einfach den Klappentext für sich sprechen:

Ein brutaler Gewalttäter, ein argloses Opfer – und mittendrin mal wieder Ludwig Hirschberger. Wer dachte, der pensionierte Profiler habe seine Zukunft bereits hinter sich, muss umdenken: Das sonst so liebenswerte Wiener Schlitzohr zeigt sich in diesem Krimi von einer anderen, perfiden Seite: Um die Frau aus den Fängen des skrupellosen Verbrechers zu befreien, wird Hirschberger zum Psychoterroristen und gräbt tief in der Vergangenheit des Mannes. Dabei gelangen grausame Details ans Licht. Das beschauliche Oberschwaben wird zur Spielwiese eines teuflischen Gangsterdramas.

Uli und ich kennen uns seit mehr als 50 Jahren. Unsere Freundschaft geht auf die

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Der Autor Uli Herzog. Auf dem Foto mit seinem ersten Krimi „Mord am Schützensamstag“.

Zeit zurück, da „Sir Henry and his Outlaws“ noch zu den härtesten Rockbands östlich von Liverpool zählte. Uli war so etwas wie unser Road-Manager, ich einer der Gitarristen.

Jeden von uns hat es später ins Ausland verschlagen. Uli hat jahrzehntelang bei einer bedeutenden Werbeagentur in Wien gearbeitet. Meine Vita ist BlogleserInnen ja hinlänglich bekannt.

Noch ein weiterer Kreis hat sich nach einem halben Jahrhundert wieder geschlossen: Wenn Uli Herzog bei öffentlichen Veranstaltungen aus seinen Krimis liest, wird er musikalisch von Werner Krug begleitet. Werner („Vinzenz“) Krug war Sänger der „Outlaws“. Jetzt begleitet er die Schwabenkrimis mit der Gitarre.

Lore und ich durften das Rohmanuskript von ENDSTATION BIBERACH sichten. Deshalb die Danksagung im Buch.

Wiener Schmäh meets Biberacher Lokalkolorit. Unbedingt lesen!

 

Ein Blog und seine Geschichte

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Der Pilger macht Pause, der Blogger bloggt weiter.

Entschuldigung, aber das Thema Jakobsweg ist noch immer nicht abgehakt. Wie könnte es auch. So ein Abenteuer legt man nicht einfach zu den Akten wie eine bezahlte Rechnung. Was mich anfangs gewundert, im Laufe der Zeit aber regelrecht gerührt hat, ist die Resonanz auf meinen Blog. Noch immer gehen Mails, Whatsapp-Nachrichten und Kommentare dazu auf allen Kanälen ein.

So schreibt eine (mir persönlich nicht bekannte) Userin im MALLORCA FORUM: „Beim gemütlichen Beisammensein haben wir (ca.10 Freunde) Euch auf dem Jakobsweg begleitet. Jeden Tag haben wir auf die neuen Blogpostings gewartet. Und dann kamen die Entzugserscheinungen“.

Da sitzen zehn Leute am Tisch und beschäftigen sich mit unserer Pilgerwanderung? Ich finde das unfassbar schön.

Mein guter Freund Philipp schreibt mir über Whatsapp: „Yvonne hat beim gemeinsamen Abendessen deinen neuesten Beitrag vorgelesen. Die Kids haben Bauklötze gestaunt bei der Passage mit Deinem Trip als 15-Jähriger nach Spanien. Toll, wie sich dieser Kreis schließt“.

Unsere Camino-Abenteuer als Tischgespräch mit Frau und Kindern? Wie cool ist das denn?

„Allergrössten Respekt und herzlichen Glückwunsch! Schade, dass es vorbei ist“, schreibt der Freund aus Köln, der sich jetzt als „Leser auf Entzug“ bezeichnet.

Ich könnte weiter zitieren. Mehr als 100 solcher Kommentare sind bei uns eingegangen.

Erst gestern Abend erreichte mich noch eine Message von einer jungen  Montrealerin, die ich persönlich kaum kenne. Sie schrieb, sie habe über unsere Pilgerwanderung per Instagram erfahren und ihren Eltern, die etwa in unserem Alter seien, davon erzählt. Ihre Eltern seien jetzt total angefixt und würden uns, wenn’s recht ist, gelegentlich kontaktieren, weil sie ein paar Fragen dazu hätten.

Mit anderen Worten: Man hat sich vom Camino-Fieber anstecken lassen.

Ganz ehrlich? Mit dieser Resonanz hatte ich nicht gerechnet. Mir war klar, dass das Feedback auf ein Blog-Tagebuch über den Jakobsweg größer sein würde als ein Posting über Montrealer Schlaglöcher. Aber so viel? Das finde ich noch immer verrückt.

Ich vermute mal, dass es neben dem Thema auch die Regelmäßigkeit war, mit der ich gebloggt hatte. Schließlich gab es während der kompletten Wanderung keinen einzigen blogfreien Tag. „Besser als eine Reality-Show im Internet“ sei das gewesen, schrieb jemand.

Für mich war das allabendliche Bloggen mit zwei Daumen auf dem iPhone weit mehr als nur eine Form der Kommunikation. Es war auch eine Antriebsfeder für den nächsten Morgen, bei Wind und Wetter auf die Piste zu gehen, anstatt den Bus oder das Taxi zu nehmen.

Ich erinnere mich an einen gruseligen Regentag. Zwei Französinnen, die mit uns die Nacht in einer Herberge verbracht hatten, fragten uns nach dem Frühstück, ob sie uns im Taxi zum nächsten Dorf mitnehmen könnten. Bei so einem Wetter jage man schließlich keinen Hund vor die Tür.

Lore und ich mussten keine Sekunde lang überlegen. Natürlich haben wir das freundliche Angebot ausgeschlagen. Wie hätte ich denn meinen Blog-LesererInnen erklären sollen, dass wir gekniffen haben?

So viel zum Thema Eigenmotivation.

Eine norwegische Pilgerin, der ich von meinem Blog erzählt hatte, meinte: Sie würde niemal so einen Blog veröffentlichen. Würden nämlich die von ihr angepeilten Klickzahlen nicht erreicht werden, wäre ihre Eitelkeit erheblich gekränkt. Das wiederum würde ihr die gute Laune verderben.

Das Schöne ist: Ich hatte nie besondere Erwartungen an die Abrufzahlen des Camino-Blogs. Fnanzielle Interessen sind damit ohnehin nicht verbunden. Dass die Klickzahlen das Zehnfache, manchmal das Zwanzigfache eines normalen Blogpostings erreichten, machte mich allerdings dann doch sprachlos.

Aber auch wenn es nicht so viele gewesen wären, hätte mir das Bloggen nicht weniger Spaß gemacht. Schließlich sind die  insgesamt um die 50 Postings ein wunderbares digitales Tagebuch für uns geworden, das uns keiner mehr nehmen kann.

Versprochen: Demnächst geht’s in den BLOGHAUSGESCHICHTEN mit anderen Themen weiter.

Wobei: Warum eigentlich? Ich stelle gerade fest, wie viel Spaß es macht, den Camino noch einmal vom Sofa aus zu wandern. Was stört es mich da, wenn es draußen regnet und stürmt?

Und weil’s so schön war: Hier gibt’s den Camino-Blog als Sammel-Seite.

Irgendwann kommen wir an …

Rückflug von Lissabon nach Montreal: Eis, so weit das Auge reicht

Es sagt sich so leicht: Wir sind wieder da. Ja, wir sind seit ein paar Tagen wieder in Montreal. Aber sind wir wirklich angekommen? Nicht so richtig. Die sechs Wochen auf dem Camino sind noch überall gegenwärtig.

Dabei sind wir nicht allein. Ji hyun, die junge Koreanerin, die eine Zeitlang mit uns gepilgert ist und die wir aus aussprachetechnischen Gründen „Mitsou“ nennen dürfen, schreibt: „Ich bringe es nicht übers Herz, meine Camino-Apps von meinem Handy zu löschen. Wir werden für immer Pilger sein!“ Und überhaupt: „I will love you guys forever!“

So ähnlich fühlen auch wir. Auch Lore und ich haben noch keine der Apps von unseren Smartphones gelöscht, die uns auf dem Camino stets den richtigen Weg gezeigt haben. Vielleicht trifft es ja zu, was eine Camino-erfahrene Blogleserin geschrieben hat: „Nach dem Camino ist vor dem Camino“.

Der Winter in Montreal muss gnadenlos gewesen sein. Härter als sonst und länger als gewöhnlich. Das Gras ist spärlich grün und längst nicht alle Bäume haben ausgeschlagen. Blühende Blumen muss man mit der Lupe suchen.

Lac Dufresne als Facebook-Post: Der Frühling lässt auf sich warten.

So ist das eben, wenn man sich ein nordisches Land zum Leben ausgesucht hat. Noch setzt beim Blick auf den Kalender keine Panik ein. Aber ganz im Ernst: In dreieinhalb Monaten ist der Sommer hier schon wieder vorbei. Das gibt zu denken.

Auf dem Lac Dufresne, so wird uns berichtet, liegt noch Eis, das nur sehr langsam auftaut. Das Blockhaus muss also noch warten.

Nach und nach beantworte ich noch immer Mails, die uns nach unserer Pilgerreise durch Spanien erreicht haben. Auch mit ein paar Freunden habe ich mich bereits getroffen. Dabei ist mir klar geworden, dass ich mit meiner Erzählkunst jedes Mal an meine Grenzen komme.

Als Storyteller, so müsste man meinen, findet man für alles Worte. Diesmal muss ich passen. Unser Camino-Abenteuer in treffsichere Sätze zu packen, ist schlicht nicht möglich. Man muss es erlebt, gespürt, gerochen und auch erlitten haben, um zu verstehen, was so eine Pilgerwanderung über fast 900 Kilometer bedeutet.

Wir schlafen schlecht und träumen viel. Von Menschen, die uns auf dem Jakobsweg begegnet sind. Von Herbergen, die plötzlich nicht mehr da sind, nachdem wir sie nach einem kräftezehrenden Tag endlich erreicht hatten. Von brennenden Füßen, die im Schlamm stecken und von Störchen, die so tief fliegen, dass man glaubt, sie mit Händen fassen zu können.

Das Abenteuer Camino zu verarbeiten, das wurde uns auch von anderen Pilgern bestätigt, dauert. Geduld ist etwas, das sich auf dem Jakobsweg wunderbar antrainieren lässt. Also üben wir uns darin.

Irgendwann wird das mit dem Ankommen schon klappen. Bis dahin sage ich – nein, nicht Buen Camino – sondern einfach nur Tschüss!

PS: Sämtliche Camino-Blogposts sind jetzt gebündelt auf einer Unterseite nachzulesen. Die Seite heißt JAKOBSWEG 2019 und ist unter dem Bannerfoto oben zu finden.

Leben nach dem Camino

Wir waren gewarnt worden: „Der Camino wird Euer Leben verändern“, hieß es von Menschen, die es wissen müssen.

Schon möglich. So richtig ist nichts mehr wie vorher. Die Erschöpfung nach sechs Wochen Pilgern setzt erst jetzt so richtig ein. Fast 900 Kilometer zu Fuß hinterlassen Spuren bei Menschen um die 70.

Im Moment sitzen wir im Zug von Porto nach Lissabon. Von dort geht unser Flieger zurück nach Montréal. Schön, einfach mal dem Lokführer die Navigation zu überlassen und nicht ständig nach der Jakobsmuschel mit dem gelben Pfeil Ausschau halten zu müssen.

Aber dann: „Ich wäre bereit, jetzt weiter zu wandern“, meinte Lore heute früh beim Packen. Ich auch.

In Santiago hatten wir uns nach der Ankunft ein feines Hotel in einem ehemaligen Kloster gegönnt. Den Pool konnten wir leider nicht nutzen. Im Pilger-Rucksack war kein Platz für die Badehose.

Santiago selbst war schnell abgehakt. Die berühmte Kathedrale war wegen Bauarbeiten geschlossen. Der Rest? Touristenprogramm, das so gar nicht in den Pilgermodus passte, in dem wir uns noch immer befanden.

Und noch immer befinden.

Während der Busfahrt von Santiago über Muxía nach Finisterre schauten wir etwas wehmütig den Pilgern hinterher, die den 80 Kilometer weiten Weg bis ans Ende der Welt zu Fuß zurück gelegt hatten.

Bei uns wäre dafür die Zeit knapp geworden. Ich wollte unbedingt noch Porto sehen. (Lore kannte es von früheren Reisen).

Was für eine zauberhafte Stadt! Die Architektur, die zahlreichen historischen Stätten, das Lebensgefühl – das alles war schon sehr beeindruckend. Und das Ganze noch bei hochsommerlichen Temperaturen – Herz, was willst du mehr?

Nichts willst du mehr. Eher weniger.

Die drückende Schwüle, zusammen mit Massen an Touristen, wie ich sie nicht einmal aus Palma kenne – das alles hatte fast etwas Bedrohliches an sich.

Wer sechs Wochen in der Natur unterwegs war, braucht Zeit, die neue Wirklichkeit einsacken zu lassen.

Und jetzt? Arbeiten wir daran, dass das nicht einsetzt, wovor uns viele „Caministen“ gewarnt haben.

„Passt auf, dass Ihr nicht in ein tiefes Loch fallt!“, schreibt erst heute wieder ein Blogleser aus Aachen in einem Kommentar, den ich eben freigeschaltet habe.

Überhaupt: Die Kommentare!

Gut hundert sind im Laufe der Zeit bei uns eingegangen. Von Freunden, aber auch von wildfremden Menschen aus aller Welt. Wir haben jeden von ihnen gelesen. Nach und nach werde ich versuchen, sie alle zu beantworten. Danke für jeden von ihnen!

Übrigens: Danke auch für die vielen besorgten Nachfragen wegen des Unwetters in Montréal. Aber dort, wo wir wohnen, sind wir nicht vom Hochwasser bedroht.

Die Zeit fliegt. Vor dem Zugfenster rast halb Portugal an uns vorbei. Die iberische Halbinsel haben wir jetzt auf alle möglichen Arten durchquert:

Mit dem Flieger von Lissabon nach Bilbao. Mit dem Bus von Bilbao nach Pamplona und dann wieder von Santiago nach Porto. Und jetzt eben mit der Bahn von Porto nach Lissabon.

Doch nichts hat uns so berührt, ja fürs Leben geprägt, wie die Wanderung auf dem Jakobsweg.

Irgendwie habe ich das Gefühl, das Abenteuer könnte nächsten Winter weitergehen. Es gibt schließlich viele Caminos, nicht nur den Jakobsweg.

Und Mallorca läuft uns nicht davon.

 

S A N T I A G O:

 

MUXÍA, NEGREIRA und  FINISTERRE:

 

P O R T O:

L I S S A B O N 

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Nach 41 Tagen am Ziel

JAKOBSWEG, Tag 41 – 23 Kilometer von O Pedrouzo nach Santiago de Compostela.

FÜR MARGA ❤️

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.


Wir sind am Ziel – und es fühlt sich seltsam an. War’s das wirklich? Die Füße sagen: Es reicht! Und auch der Rucksack verlangt nach 41 Tagen Schwerstarbeit nach einer Pause.

Nur wir sind hin- und hergerissen, weil wir uns im Moment gar nicht so richtig vorstellen können, wie ein Leben ohne Pilgern aussieht.

Können wir morgen früh wirklich ausschlafen bis in die Puppen? Wollen wir das überhaupt? Oder zieht es uns mit dem ersten Singen der Amsel wieder auf den Camino?

Eben kommen wir von der Pilgermesse zurück. Sie fand wegen Bauarbeiten leider nicht in der berühmten Kathedrale von Santiago de Compostela statt, sondern in der Kirche Santa Maria in einer Seitenstraße, abseits vom Touristenrummel, der uns hier empfangen hat.

Und ja: Wir haben alle Kerzenwünsche erfüllt. Ihr wisst, wer gemeint ist. Ihr könnt euch darauf verlassen, wir haben niemanden vergessen.

Die Ankunft heute Nachmittag in Santiago de Compostela verlief erstaunlich emotionslos. Vielleicht lag es daran, dass wir unendlich lange durch die nicht sonderlich charmante Vorstadt wandern mussten, ehe wir den Stadtkern erreichten.

Eine „Whiskey-Nachtbar“, ein Tattooshop, jede Menge „China Bazaars“ und eine Zellstoff-Fabrik sind nicht unbedingt das, was der Pilger zuerst erwartet, nachdem er 41 Tage unterwegs war, um hier anzukommen.

Der Weg war das Ziel – und nicht das Ziel selbst, soviel steht fest.

Der Weg führte uns heute über oft eintönige Wiesen und Felder. Das, was die Landschaft an Charme vermissen ließ, machten die Gerüche wett, die wir den ganzen Tag einatmen durften. Wer noch nie stundenlang durch Eukalyptus-Wälder spaziert ist, weiss nicht, was er verpasst hat.

Wenn sich unser letzter Pilgertag allzu emotionslos anhört, dann ist das nur die halbe Wahrheit. Einen Gänsehaut-Moment gab es kurz vor Santiago:

Vor uns schleppte sich ein junger Pilger unter offensichtlich größten Schmerzen mühsam seinem Ziel entgegen. Er hatte sich vor ein paar Tagen eine üble Knöchelverletzung zugezogen. Man musste nicht einmal genau hinschauen, um zu sehen, wie der arme Kerl litt.

Als wir auf gleicher Höhe waren, kamen wir mit dem Jungen ins Gespräch. Jude heiße er, „wie der Beatles-Song“. Er komme aus North Carolina und sei den ganzen Weg von St. Jean bis hierher gelaufen, sagte er uns mit schmerzverzerrtem Gesicht.

Lore fackelte nicht lange und schenkte ihm ihre Wanderstöcke, die sie vor genau sechs Wochen in Pamplona neu gekauft hatte.

Jude war gerührt. Und er lief von diesem Moment an mit den Trekking Poles um Längen besser. Unsere Namen wollte er wissen und auch ein Selfie hätte er gerne mit uns für die Mama, daheim in North Carolina.

Die heißt übrigens Laurie. Wie Lore, nur amerikanisch.

Google sagt, dass wir seit dem 22. März genau 878 Kilometer gewandert sind. Durch endlos lange Täler und über mehr als 1300 Meter hohe Berge. Wir haben mit vollem Körpereinsatz gegen Stürme angekämpft und sind durch Schlammlawinen gestapft.

Wir waren bei Eisregen, Hitze, Hagel und Schnee unterwegs. Wir haben geschwitzt, als wir durch ein ausgetrocknetes Flussbett marschiert sind und gefroren, als uns der Regen in der Meseta stundenlang ins Gesicht peitschte.

Aber wir haben nie gelitten, denn es war einzig und allein unsere Wahl, den Camino zu gehen. Und: Wir haben uns nicht ein einiges Mal gestritten.

Man könnte sagen, dass es die schönste, aber auch intensivste Zeit unserer 35jährigen Ehe war.

Allen, die uns auf dieser einzigartigen Reise begleitet und unterstützt haben, möchten wir an dieser Stelle von Herzen danken.

Wir haben euren Rückenwind gespürt und konnten ihn oft gut gebrauchen.

Danke, dass ihr uns als Leserinnen und Leser treu geblieben seid. Auch wenn der Camino-Blog mit diesem Post sein Ende gefunden hat, würde ich mich freuen, wenn ihr auch künftig ab und zu bei den BLOGHAUSGESCHICHTEN anklopft.

In diesem Sinne schicken wir von einem wunderschönen Kloster-Hotel ausnahmsweise sehr luxuriöse Grüße in die weite Welt hinaus und sagen:

Buen Camino auf all euren Wegen aus Santiago de Compostela!

Santiago, wir kommen!

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JAKOBSWEG, Tag 40 – 20 Kilometer von Arzúa nach O Pedrouzo.

FÜR ERWIN

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.


Wie fühlt man sich so, wenn das Ziel, von dem man – wie in Lores Fall – ein Erwachsenen-Leben lang geträumt hat, in weniger als 20 Kilometer Entfernung vor einem liegt?

Unsere Gedanken schwirren in diesem Moment ziemlich unsortiert in unseren Köpfen herum. „Ich weiß nur“, sagt Lore, „dass es viel schöner war, als ich es mir vorgestellt hatte“. Zu einer tieferen Analyse fühle sie sich momentan außerstande.

Damit bestätigt sie das, was uns Robert aus Coburg vorhin erklärte. „Die volle Wucht des Camino-Effekts trifft dich erst, wenn du wieder daheim bist, in deinem eigenen Umfeld.“

Hier auf dem Camino liebe jeder jeden. Nach der Rückkehr ins richtige Leben erkenne man bald, dass sich dieses Lovefest nicht im Alltag aufrecht erhalten lassen könne  

Robert, Mitte 50, muss es wissen. Für ihn ist es schon der dritte Camino. Er ist heute in der Hitze Galiciens für einige Stunden mit uns gewandert. Jede seiner Pilgerwanderungen habe Spuren hinterlassen. Und jedesmal ganz unterschiedliche.

Zu einer tiefenpsychologischen Analyse bin auch ich nicht in der Lage, während ich an diesem Montagabend den zweitletzten Camino-Blog in einer sehr modernen Herberge am Stadtrand von O Pedrouzo ins Handy tippe.

Fest steht für mich schon jetzt: Es ist eine der wichtigsten Erfahrungen, die ich in meinen 70 Jahren machen durfte. Abenteuer habe ich vor allem in meinem Reporterleben genug erlebt. Aber die Erfahrungen, die man in sechs Wochen auf dem Camino macht, sind mit nichts zu vergleichen.

Die größte Erfahrung ist vielleicht die, dass man seinem Körper viel, sehr viel zumuten kann. Mehr als man je für möglich gehalten hätte.

Grenzen ausloten, auch physische, ist eine der vielen Erkenntnisse, die ich schon jetzt von dieser Reise mit nach Hause nehmen werde.

Aber auch der Kopf wurde während der vergangenen sechs Wochen einem intensiven Training ausgesetzt.

Jeden Tag neue Menschen aus allen Ecken der Welt kennenlernen und sich auf Sprachen und Kulturen einstellen, die man bislang nur aus dem Fernsehen kannte.

42 Nächte hintereinander nie zweimal hintereinander im selben Bett schlafen.

Am Morgen nicht zu wissen, wo du die Nacht verbringen wirst und wo du welche Mahlzeiten zu Dir nimmst und was dich am nächsten Tag erwartet.

Das alles konditioniert Körper, Kopf und Magen in einem Maße, wie du es bisher nicht gekannt hast.

Für mich ist es der ultimative Survivaltest, dem man sich zwar nicht zwingend unterziehen muss, um glücklich älter zu werden. Aber hilfreich ist so ein Realitycheck allemal.

Ich musste während dieser Reise ganz oft an Hape Kerkeling denken, der ja bekanntlich Millionen Menschen für den Jakobsweg sensibilisiert hat. (Wir gehören übrigens nicht dazu. Lores Camino-Pläne gehen auf eine Zeit zurück, da war Kerkeling noch lange nicht weg).

Meine KerkelingMomente sind anders geartet. Sie haben etwas mit Bequemlichkeit zu tun.

Eine Journalistin, die Hape Kerkeling zum Interview traf, schlug vor, man könne das Gespräch ja während eines Spaziergangs machen. Schließlich laufe er ja gerne.

Kerkeling lehnte den Spaziergang entrüstet ab. Er laufe überhaupt nicht gerne, erklärte er der Journalistin. Aber er pilgere gerne.

Ich kann den kleinen Unterschied sehr gut nachvollziehen. 20 Kilometer am Tag auf dem Camino? Kein Problem. Aber vom Hostel aus anschließend noch 100 Meter bis zum Supermarkt laufen, das nervt.

Die mentalen Vorbereitungen für unseren letzten Camino-Tag laufen. Wir haben inzwischen von allen möglichen Menschen so viele Aufträge erhalten, nach der Ankunft in Santiago Kerzen für sie oder ihre Lieben anzuzünden, dass ich mir hätte Aktien in einer Wachsfabrik kaufen sollen.

Aber natürlich werden wir den Wünschen nachkommen. Nur mehr sollten es jetzt nicht mehr werden.

So schicken wir an diesem etwas melancholischen Abend zündende Grüße in die weite Internet-Welt hinaus und wünschen:

Buen Camino aus O Pedrouzo!

Spanien und die Liebe

JAKOBSWEG, Tag 39 – 17 Kilometer von Melide nach Arzúa.

FÜR GÜNTHER

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.


Spanien, das wir seit genau 39 Tagen zu Fuß durchqueren, hat in meinem Leben schon immer eine Rolle gespielt. Treue BlogleserInnen kennen die Geschichte natürlich: Als Fünfzehnjähriger bin ich von Ummendorf nach Spanien getrampt, um ein Au-pair-Mädchen wieder zu sehen, in das ich mich unsterblich verliebt hatte.

Die erste Liebe meines Lebens wohnte übrigens nicht weit von hier, in einem Dorf in Galicien.

Auch damals war ich wochenlang mit Rucksack und Schlafsack unterwegs – per Anhalter, aber auch zu Fuß. Immer mit dabei: Meine Gitarre. In vielen Dörfern und Städten spielte ich auf der Straße, um so meine Reise zu finanzieren.

Ein halbes Jahrhundert später habe ich mich vor fünf Jahren  in Spanien erneut verliebt – diesmal ins Wandern.

Die ersten Gehversuche in Wanderstiefeln machte der Montréaler Stadt-Boulevardier im Tramuntana-Gebirge auf Mallorca, wo wir zehn Winter hintereinander verbracht haben.

Dass ich als Siebzigjähriger dieser Leidenschaft erneut in Spanien nachgehen darf – diesmal mit der Liebe meines Lebens -, betrachte ich als großes Geschenk. Ich werde Lore für immer dankbar sein, dass sie mich ermutigt hat, mit ihr auf dem Jakobsweg zu pilgern.

Auch unser Sohn Cassian war in diesem Zusammenhang ein großartiger  Motivator. Er hatte uns so lange vom Camino vorgeschwärmt, bis wir vorigen Herbst mit der Planung begannen.

Cassian selbst war vor sechs Jahren genau dieselbe Strecke gewandert, die wir am Dienstag in Santiago abschließen werden.

Die hochsommerlichen Temperaturen heute waren genau das, was wir als Motivationsschub für die letzten Kilometer nach Santiago brauchen. Nach den kalten Regentagen fühlte sich die heiße Sonne an wie ein Booster für zwei müde Krieger.

Spanien zeigte sich heute von seiner Schokoladenseite. Kurz vor Schluss wurden wir noch mit einer traumhaft schönen Landschaft verwöhnt. Vor allem aber war es ein Genuss, sich endlich wieder die Sonne auf die Haut brennen zu lassen.

Und auch ein Wiedersehen gab es heute. Vicky aus Hamburg, Mitte 30, war uns vor etwa einer Woche in einem katastrophalen Zustand in einem Bergdorf begegnet. Ihre Füße wund, das Gesicht vom Schmerz gezeichnet. Vicky war in Flipflops unterwegs. Die Wanderschuhe konnte sie damals wegen der Wasserblasen nicht mehr tragen.

Und heute? Strahlte sie übers ganze Gesicht. Sie hatte sich zwischenzeitlich in den Bergen eine zweitägige Ruhepause gegönnt. Den Nagel des geschundenen kleinen Zehs hatte sie – selbst ist die Chirurgin – im Hauruckverfahren entfernt. Wundsalbe drauf, ausruhen. Und weiter ging’s.

Einen Wanderpartner hat Vicky in der Zwischenzeit auch gefunden, einen kernigen Kerl aus Bayern.

Wir saßen am Nachmittag zusammen in der Sonne bei Tonic und Bocadillos und talkten Camino-Talk. Irgendwann kamen wir auf das Thema „Jeder weint zumindest einmal auf dem Camino“ zu sprechen.

Er auch?, wollte ich von Vickys neuem Mitwanderer wissen. Hatte er auch schon seinen Wein-Moment?

„Klar“, sagte der. „Als der FC Bayern neulich verlor, flossen die Tränen“.

So beweint eben jeder den Camino auf seine Art

Noch zweimal schlafen und wir treffen in Santiago ein. Es wird ein bewegender Moment für uns werden. Ob’s Tränen gibt, erfährt meine Blogfamilie natürlich zuerst. Versprochen.

Bis dahin schicken wir trockenen Auges herzliche Pilgergrüße in die weite Welt hinaus und sagen:

Buen Camino aus Arzúa!

(Übrigens: Einen kleinen Roman über meine erste Spanien-Reise gibt’s als eBook bei Amazon: DAS GIBT SICH BIS 1970)

 

 

 

 

Märchenwald – und kein bisschen Regen

JAKOBSWEG, Tag 37 – 16 Kilometer von Palas de Rei nach Melide

FÜR RESE

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.


Manchmal dauern Wunder ein bisschen länger. Zum ersten Mal seit vier Tagen sind wir trockenen Fußes in unserer Herberge angekommen. Und haben dazuhin einen zauberhaften Wandertag durch Märchenwälder hinter uns.

Man wird echt bescheiden, wenn man seit mehr als fünf Wochen durch Spanien pilgert. In der Dorfkneipe von Melide, wo wir heute die Nacht verbringen, tat Lore mir eben fast ein bisschen leid.

Zwei schicke Engländerinnen, die den Camino mit Gepäck-Transfer und vorgebuchten Hotels absolvieren, saßen geschminkt, gepudert und sogar frisch massiert neben uns, während Lore Lippenstift, wenn überhaupt, seit Wochen allenfalls in homöopathischen Dosen aufträgt.

Jedes Gramm Gewicht zehrt an den Kräften. Außerdem fehlt morgens die Zeit zur großen Maske. Und überhaupt, sagt die Frau an meiner Seite, passe Schminken nicht wirklich zum Geist des Camino.

Ich lass‘ das jetzt einfach mal so stehen.

Am kommenden Dienstag werden wir voraussichtlich in Santiago de Compostela eintreffen. Eine Woche später landen wir in Montréal. Dann ist die kosmetische Fastenzeit vorbei.

Wie wir die Zeit zwischen Ende der Pilgerwanderung und Rückflug nach Kanada verbringen werden, wird sich zeigen. Ein bisschen Entspannung mit Verwöhnprogramm in einem hübschen Hotel irgendwo in Portugal wäre nicht schlecht.

Aber noch sind wir mit unseren Schneckenhäusern auf dem Rücken unterwegs und nicht wir, sondern der Camino bestimmt unseren Tagesablauf.

Der beginnt von jetzt an ein wenig später als bisher, so gegen zehn. Dann sind die Massen an Pilgern schon unterwegs und wir fühlen uns ein bisschen wie zu Beginn unserer Wanderung, als wir den Camino oft viele Stunden für uns allein hatten.

Fasziniert verfolgen wir seit einigen Tagen die veränderte Dynamik des Camino. An fast jeder Bar entlang des Jakobswegs stehen jetzt Taxis für Pilger bereit, die nicht mehr können, nicht mehr wollen oder einfach keinen Bock mehr auf das Leben on the road haben.

Ich muss sagen, dass wir während des nasskalten Wetters der letzten Tage mehr als einmal mit der Option geliebäugelt haben, in ein kuscheliges Taxi zu steigen anstatt uns eine weitere Schlammschlacht mit dem Camino zu liefern. Aber die Pilgerehre hat gesiegt und wir sind treu und brav unsere Kilometer abgelaufen.

Neben den Taxifahrern, deren Visitenkarten sich in jeder Bar, jeder Herberge und an jeder Ladenkasse stapeln, finden sich auch Hilfsmittel anderer Art für Pilger in Not.

Zum Beispiel Apotheken-Automaten mit Erste-Hilfe-Utensilien für verletzte Pilger. Das Sortiment, das in den Metallkästen mit Bezahlmechanismus angeboten wird, ist beeindruckend:

Von Wundsalben über Blasenpflaster bis hin zu Nagelscheren, Kniemanschetten und Kompressen für größere Verletzungen ist auf Knopfdruck alles zu haben.

Der Bedarf ist groß. Wir haben in den letzten Wochen Verletzungen bei Mitpilgern gesehen, für die der Automat nicht reicht.

Ein nicht mehr ganz junges Paar aus den USA verbrachte unabhängig voneinander sechs Tage im Krankenhaus. Sie wegen einer Knieverletzung, die sich entzündet hatte. Er wegen einer kaputten Schulter, die auf das Konto des zu schweren Rucksacks ging.

Wir sind bisher von schwerwiegenden Verletzungen dieser Art verschont geblieben. Die Füße sind das Kapital des Pilgers. Deshalb werden sie jeden Morgen sehr zeitaufwändig mit Vaseline eingesalbt und in zwei paar Spezialsocken gepackt.

Größter Risikofaktor vor Antritt der Pilgerwanderung waren bei mir zwei lädierte Knie. Erstaunlicherweise musste ich nur einmal auf Bandagen zurück greifen, als der Abstieg vom Gipfel unerträglich schmerzhaft wurde.

Als äußerst hilfreich erwiesen hat sich beim Wandern die Zickzack-Lauftechnik während des Abstiegs. Dadurch werden die Knie enorm entlastet.

Mit diesen Tipps aus dem Nähkästchen des Pilgers schicken wir hoffentlich schmerzfreie Grüße in die weite Welt hinaus und sagen:

Buen Camino aus Melide!

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