Ein Wiedersehen mit Kuba

Es ist gut zehn Jahre her, dass wir zum letzten Mal in Kuba waren. Seit gestern halten wir uns wieder in der Karibik auf. Vieles hat sich seither verändert, manches auch nicht. Die Liebenswürdigkeit der Menschen ist noch da. Ihr Improvisationstalent, mit dem sie den Alltag meistern, auch. Das Internet schwächelt. Deshalb hier nur wenige erste Impressionen:

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Opernkino: Peter, Carmen und ich

IMG_1276Nein, es war nicht Liebe auf den ersten Blick. Ganz im Gegenteil: Siebzig Jahre hat es gedauert, bis ich die erste Oper meines Lebens wirklich genossen habe – diesmal nicht im Konzertsaal, sondern im Kino: Live-Übertragung aus der Metropolitan Opera in New York. Auch wenn ich vor „Carmen“ schon ein paar andere Opern-Aufführungen besucht habe: Dies war ein Erlebnis der besonderen Art.

Es war mein Freund Peter, der mir seit 30 Jahren vorschwärmt, wie zauberhaft so ein Opernbesuch sein kann. Peter kennt die großen Opernhäuser der Welt und dirigiert auch mal eine Arie am Stehpult seines Wohnzimmer-Konzertsaals mit. Jetzt hat er es geschafft: Wir haben’s nicht nur getan. Wir waren begeistert.

Ich werde einen Teufel tun, mich zu einer Opernkritik aufzuschwingen. Deshalb einfach ein paar Impressionen:

Erster Eindruck: So viele Rollatoren und andere Gehhilfen wie bei „Carmen“ habe ich noch bei keiner anderen Kinovorstellung gesehen.

Zweiter Eindruck: Dass es im Kino auch ohne Chipstüten-Geraschel und Popcorn-Geknalle geht, war eine völlig neue Erfahrung.

Dritter Eindruck: Operndiven in Nahaufnahme auf einer Riesenleinwand beim Singen zuzusehen, ist nicht immer eine körperästhetische Delikatesse. Kein Mensch ist so schön, dass man seinen zehn Kubikmeter großen Rachen minutenlang in High Definition betrachten möchte.

Und dann noch eine Frage: Wie sieht es eigentlich mit #metoo in der Oper aus?

Während „Baby It’s Cold Outside“ von vielen Radiosendern plötzlich nicht mehr gespielt wird (der Gastgeber im Lied übt sanfte Gewalt aus, um die Dame am Gehen zu hindern), dürfen Frauen in der Oper noch immer nach Herzenslust begrabscht, geschüttelt, sexistisch betitelt und an Stellen berührt werden, die im richtigen Leben einen #aufschrei verursachen würden.

Ich finde, Klassiker sollten so präsentiert werden, wie sie geschrieben worden sind. Herrn Bizet kannte ich nicht, als er 1875 „Carmen“ komponierte. Aber ich denke mal, er war kein Frauenschänder.

Wenn wir schon beim Thema political correctness sind: „Carmen“ ist in der Oper nichtIMG_1279 etwa ein „Sinti-und-Roma“-Mädchen, wie es politisch korrekt heißen müsste, sondern eine „Zigeunerin“. Rassismus? Ganz und gar nicht. Man wird in einem Klassiker die Dinge doch wohl noch beim Namen nennen dürfen.

Die Welt der Oper ist mir alles andere als vertraut. Deshalb sei mir meine Verwunderung über manches, was mir dort präsentiert wurde, nachzusehen.

Zum Beispiel die Rollenbesetzung. Eine nicht mehr ganz junge, aber bestimmt wunderbare Mezzo-Sopranistin namens Clémentine Margaine spielte in der gestrigen Met-Aufführung die Titelrolle des sehr jungen, sehr wilden Zigeunermädchens. Doch sie war weder jung und wild kam sie mir auch nicht vor. Sie hat einfach nur gut gesungen. Reicht das?

Für einen passionierten Kinobesucher, der mehr Filmschauspieler beim Namen kennt als Operntitel, ist dies zumindest gewöhnungsbedürftig.

Mal so gefragt: Würde etwa die Rolle von James Bond von einem Teenager oder, um bei Extremen zu bleiben, einem Schauspieler im Greisenalter besetzt werden, nur weil er gut spielt? Undenkbar. Aber bei der Oper scheinen andere Gesetze zu gelten, stimmliche und auch andere. Wieder etwas dazu gelernt.

Menschen beim Ausleben ihrer Talente zusehen zu dürfen, ist ein Geschenk. Eine so wunderbare Aufführung wie „Carmen“ zusammen mit Hunderttausenden Menschen in aller Welt zeitgleich live auf einer Montrealer Kino-Leinwand zu erleben, war ein unvergessliches Erlebnis.

Danke, Peter! Merci, Monsieur Bizet! Graçias Carmen!

Der erste Winter ohne Mallorca

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Gestern bei mir vor der Wohnung: Winterspaß ist anders.

Achtung, Erste-Welt-Sorgen: Dieser Winter nervt. Zum erstenmal seit zehn Jahren sind wir um diese Zeit nicht auf Mallorca sondern im heimischen Montreal. Zwar nur auf Zeit, denn die großen Reisen stehen noch bevor. Aber das, was uns Old Man Winter bisher geboten hat, erinnert uns jeden Tag aufs Neue daran, warum wir jahrelang kurz nach Neujahr das Weite gesucht haben.

Mal ertrinkt der Allwheeler in Eis und Schnee und es ist so kalt, dass die Spucke friert. Dann regnet es wieder in Strömen und macht aus dem Winterwonderland eine Matschwiese so groß wie ganz Montreal. Im Moment schneit es, was ja ganz schön sein kann. Nur wenn der Schnee dann zu gefrierendem Regen verkommt, ist es aus mit dem Spaß.

Mehr als 50 cm Schnee sind in den letzten Tagen gefallen, außerdem 30 cm Regen. Alsimg_1221 der Regen dann zu Eis gefror, brachen bei den lokalen Einsatzkommandos die Notrufleitungen zusammen. Pro Stunde gingen mehrere hundert Anrufe von Leuten ein, die sich bei Stürzen auf vereisten Straßen verletzt hatten. Die städtischen Räumkommandos mussten wegen Erschöpfung Zwangspausen einlegen.

Dass das Land, das ich mir zum Leben ausgesucht habe, kein Land ist, sondern ein nicht enden wollender Winter, hat schon Gilles Vigneault in „Mon pays, ce  n’est pas un pays, c’est l’hiver“ besungen.

Aber auch in Liedform taugt der beste Winter nichts. Dabei sind es nicht einmal die Minusgrade (35 Celsius waren es neulich mal), die nerven. Es ist vor allem die eingeschränkte Mobilität, die einem mit der Zeit auf den Senkel geht. Der Gang zur Markthalle wird zur Zirkusnummer. Wo ist Palma, wenn man es braucht?

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Neulich auf der Automobilausstellung: Fit für den kanadischen Winter.

Vorhin bei mir um die Ecke: Ein Mann, mein Alter, ist mit seinem Rollstuhl im Tiefschnee stecken geblieben. Ich befreie ihn aus seiner misslichen Lage und schiebe ihn bis vor seine Haustür. „Man sollte einfach in den Süden fliegen können“, sagt er zum Abschied.

Natürlich kann der arme Kerl nicht wissen, dass wir das große Glück hatten, die vergangenen zehn Winter im Süden verbringen zu dürfen.

Deshalb: Schluss mit dem Gejammer. Weil man uns im Zauberkurs nie beigebracht hat, wie man den Winter spurlos verschwinden lassen kann, nehmen wir das Schicksal eben selbst in die Hand.

In ein paar Tagen geht’s nach Kuba.

Gilles Vigneault: „Mon pays, ce n’est pas un pays, c’est l’hiver“

 

 

 

Death of a Family Man

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Sand and shells from Scott’s beloved Saint-Martin Island in the Caribbean were displayed at his Celebration of Life this afternoon in Senneville near Montreal.

Scott is dead. He didn’t even turn 65. No whining about the pain that must have plagued him in the end, no lamenting about what fate had demanded of him. „Courageously and peacefully“ he died, Liane texted us at dawn. Courageous and peaceful. That’s exactly what my friend Scott Ashford was during his lifetime.

Scott was never one of those to put the blame on others. He, who at a young age flew adventurous helicopter missions with the Canadian Air Force, endured his fate as one who had already known where his place was.

Soon that place would have been in the country, somewhere in the nearby Ottawa Valley.img_0891 (1) That was his dream. The land had been bought, the house had been ordered. Their home in Hudson had become too big for him and Liane. The girls – Katina, Cristal and Tiffany – were grown up. The grillmaster was looking forward to evenings at the barbecue.

Every year, after our return from Mallorca, we met for dinner. But this time it was different. We sat at a lovely Italian restaurant in Lachine, along the banks of the mighty St.Lawrence River. But this time Scott wasn’t the Scott we knew. He had no appetite, he talked little. „I’ll be all right,“ he said. Nothing was all right.

After dinner, he insisted on telling us his story. He took us to the Pointe-St.-Charles neighbourhood of Montreal, showed us his school, his church, his birthplace. You could call it a premonition.

When we visited him three weeks ago in the clinic, this wonderful soul of man wasn’t worrying about himself and his illness. He mainly talked about his wife, Liane, and their children.

The last true Family Man I know.

img_0867I remember my 50th birthday – exactly 20 years ago – where we celebrated with a few dozen people in the middle of the Canadian winter in a maple sugar shack somewhere in the Canadian bush. We all have experienced those moments after eating together. Everyone is full, pretty much everything has been said and most of us had already more than enough to drink. Actually one could think now slowly of going home.

But then this Teddy bear of a man stands up, wine glass in hand, and begins to talk … and talk … and talk. He spoke softly about the day we suddenly appeared as the new neighbours. “The Germans” from the big city – what should he think of them? His three girls were roughly the same age as our son, Cassian. Would they understand each other? Yes, they got on well right away.

When Scott had finished his little speech, one after another in the crowd stood, offered some anecdotes and toasted yours truly, the celebrant.

We lived house to house for a quarter of a century. He, the old hare [fox?], we the German Canadian greenhorns. When in autumn the leaves of the red maple trees gathered knee-high on our property and we could barely manage to dispose of the sea of crispy fall colour without someone’s help, Scott was there. He sat on his small tractor and ploughed through the leafy mountains with his mulcher – often a tall drink in his hand.

His neighbourly help, which soon grew into a friendship, knew no bounds. Whether in the house, in the garden or in front of the computer, Scott knew his stuff.

When, many years ago, after shooting a documentary film in Canada, I was sitting at a TV editing station near Düsseldorf, Germany, and noticed with horror that we were missing the background music, Scott sat for one whole night at my computer in Hudson to send the missing sounds to Germany via snail transmission with an analog 56-K modem.

For me, Scott Ashford was the epitome of the good Canadian: He didn’t complain, always found the time when he was needed. And he was often needed. For years, the risk manager of an IT company, he jetted around the world as an expert. Once he told me that he had accumulated so many airline miles that he and Liane would be able to spend the rest of their lives on bonus flights. But that didn’t work out, either.

When Scott lost his job because of outsourcing, he didn’t retire to his snail shell and sulk. He acted. Instead of pin stripes, he was now wearing working clothes and started servicing swimming pools. He cleaned the pools for the people in the village, repaired the pumps and found out what chemistry had to be in the water to get the right pH value.

When he was already clearly marked by cancer in the late autumn of last year, he was still chugging to his pool customers with his pickup truck. After all, he had promised them to make their swimming pools properly winterproof.

For his own swimming pool in Hudson, there was simply not enough time. The Family Man was simply too busy, and cancer can be a demanding master. Scott became weaker and weaker. But he never complained. In the early hours of January 15, 2019, he left this world, a world diminished by his passing. R.I.P. Scott Ashford.

THANKS to Doug Sweet who helped me with the English version of the original blogpost.

Tod eines Familien-Menschen

img_0891 (1)Scott ist tot. Nicht einmal 65 ist er geworden. Kein Jammern über die Schmerzen, die ihn zum Schluss geplagt haben müssen, kein Wehklagen über das, was das Schicksal ihm abverlangt hatte. „Courageously and peacefully“ sei er gestorben, textete uns Liane im Morgengrauen. Mutig und friedlich. Genau das war mein Freund Scott Ashford schon zu Lebzeiten.

Einer von denen, die die Schuld bei anderen suchen, war Scott nie. Er, der in jungen Jahren beim kanadischen Militär abenteuerliche Hubschrauber-Missionen mitflog, ertrug sein Schicksal wie einer, der immer wusste, wo sein Platz ist.

Schon bald wäre sein Platz auf dem Land gewesen, irgendwo im „Ottawa Valley“, das war sein Traum. Das Grundstück war bereits gekauft, das Haus schon bestellt. Das Heim in Hudson war zu groß für ihn und Liane geworden. Die Kinder waren längst flügge. Der Grillmaster freute sich wie ein Schneekönig auf die Abende beim Barbecue.

Jedes Jahr nach unserer Rückkehr aus Mallorca traf man sich zum Essen. Diesmal war alles anders. Man saß zwar beim Italiener in Lachine, am Ufer des St.Lorenz-Stroms. Aber Scott war nicht mehr Scott. Er hatte keinen Appetit, redete wenig. „Wird schon wieder“, sagt er. Nichts wurde wieder.

Nach dem Essen bestand er darauf, uns seine Geschichte zu erzählen. Er fuhr mit uns nach Pointe-St.-Charles, zeigte uns seine Schule, seine Kirche, sein Geburtshaus. Man könnte es Vorahnung nennen.

Als wir ihn vor drei Wochen in der Klinik besuchten, machte sich diese Seele von Mensch nicht etwa um sich und seine Krankheit Gedanken. Er redete vor allem über Liane und die Kinder.

Der letzte wahre Family Man, den ich kenne.

Es gab da vor ziemlich genau 20 Jahren meinen 50. Geburtstag, den wir mit ein paar Dutzend Leuten mitten im kanadischen Winter in einer Ahornzuckerfarm irgendwo im kanadischen Busch feierten. Man kennt diese Momente nach dem gemeinsamen Essen. Jeder ist satt, gesagt ist auch fast alles, getrunken schon jetzt mehr als genug. Eigentlich könnte man jetzt langsam ans Heimgehen denken.

Doch dann steht dieser Teddybär von Mann auf, ein Weinglas in der Hand, und fängt an zu erzählen. Wie wir plötzlich als die neuen Nachbarn bei ihm aufgetaucht seien. The Germans aus der großen Stadt – was sollte man von ihnen halten? Seine drei Mädels waren in Cassians Spielalter. Würden sie sich verstehen? Ja, man verstand sich auf Anhieb gut.

Als Scott seine kleine Rede beendet hatte, stand einer nach dem anderen auf, gab Anekdoten zum Besten und stieß auf den Jubilar an.

Ein Vierteljahrhundert wohnten wir Haus an Haus. Er, der alte Hase, wir die deutschkanadischen img_0867 Greenhorns. Wenn sich im Herbst das Laub der Ahornbäume auf unserem Grundstück kniehoch ansammelte und wir es kaum schafften, das Blättermeer ohne fremde Hilfe zu entsorgen, war Scott da. Saß auf seinem kleinen Trecker und pflügte mit dem Häcksler durch die Blätterberge – nicht selten einen Longdrink in der Hand.

Seine Nachbarschaftshilfe, aus der schon bald eine Freundschaft wurde, kannte keine Grenzen. Ob im Haus, im Garten oder vor dem Computer – Scott kannte sich aus.

Als ich vor vielen Jahren nach einem Filmdreh in Kanada an einem TV-Schnittplatz in der Nähe von Düsseldorf saß und mit Schrecken feststellte, dass uns die Hintergrundmusik fehlte, setzte sich Scott eine Nacht lang an meinen Rechner in Hudson, um von dort aus die fehlenden Töne per Schneckenübertragung mit analogem 56-K-Modem nach Deutschland zu senden.

Für mich war Scott Ashford der Inbegriff des guten Kanadiers: Er war sich für nichts zu schade, jammerte nicht rum, hatte immer Zeit, wenn er gebraucht wurde. Und er wurde oft gebraucht. Jahrelang jettete der Risiko-Manager einer IT-Firma als Experte um die Welt. Einmal rechnete er mir vor, er habe so viele Flugmeilen angesammelt, dass er und Liane ihren Lebensabend mit Bonusflügen bestreiten könnten. Aber auch daraus wurde nichts.

Als Scott irgendwann seinen Job verlor, weil outgesourct wurde, zog er sich nicht etwa in sein Schneckenhaus zurück und schmollte. Er handelte. Statt dem Nadelgestreiften streifte er sich eben jetzt den Blaumann über und fing an, Swimmingpools zu warten. Er putzte für die Leute im Dorf die Becken, reparierte die Umwälzpumpen und informierte sich, wie viel Chemie ins Wasser muss, damit der PH-Wert stimmt.

Als er im Spätherbst vorigen Jahres schon deutlich vom Krebs gezeichnet war, tuckerte er noch immer mit seinem Pickup-Truck zu seinen Pool-Kunden. Schließlich hatte er ihnen versprochen, ihre Schwimmbäder ordnungsgemäß winterfest zu machen.

Für seinen eigenen Swimmingpool in Hudson hatte es nicht mehr gereicht. Der Family Man war einfach zu beschäftigt. Dann wurde er immer schwächer.

R.I.P. Scott Ashford

Mein erstes Interview mit Schumi

Michael Schumacher vor dem Interview. Foto: Bopp

Es ist in diesen Tagen wieder viel von Michael Schumacher die Rede. Der siebenfache Formel-Eins-Weltmeister wurde gestern 50. Nach dem tragischen Ski-Unfall vor sechs Jahren in den französischen Alpen wird Schumi von seiner Familie in deren Anwesen am Genfer See gepflegt und von der Öffentlichkeit abgeschirmt.

In meinem Reporterleben bin ich Schumi mehrfach begegnet. Rückblickend muss ich sagen, dass ihn diese kurzen Begegnungen auch ganz schön genervt haben müssen. Anders als die meisten anderen Journalisten, die Michael Schumacher vor oder nach seinen Rennen interviewten, hatte ich vom Rennsport nur wenig Ahnung.

Dass ich die Formel-Eins-Rennen auf der Montrealer Île Notre-Dame trotzdem gut 15 Mal für diverse Sender gecovert habe, lag an meinem Job. Ich war Kanada-Korrespondent und sah meine Aufgabe darin, über alles, das einen Kanada-Bezug und gleichzeitig Nachrichtenwert hatte, zu berichten.

Noch ehe die ARD damit anfing, hauptberufliche und hochprofessionelle Formel-Eins-Reporterteams um die Welt zu schicken, saß ich bereits an der Rennstrecke. Dabei war die Berichterstattung über das eigentliche Rennen lediglich Teil meines Reporterjobs.

Manche Sender interessierten sich vor allem für „Buntes“. Wie vertreibt sich Schumis Frau Corinna die freie Zeit in Montreal? (Sie ging reiten). In welchem Hotel steigt der Rennkönig ab? (u.a. im Loews Hôtel Vogue an der Rue de la Montagne). Und überhaupt: Wie kommt der F1-Star von Montreal wieder nach Hause? (Im Privatjet, der abseits der kommerziellen Airliner auf dem Flughafen Dorval geparkt war).

Als einer der Sender, die mich mit der Berichterstattung über den Großen Preis von

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Der Autor mit dem ARD-Reporter Volker Hirth (links).

Kanada beauftragt hatten, unbedingt in letzter Minute noch ein Interview mit Michael Schumacher anforderte, hätte ich eigentlich passen sollen. Erstens verstand ich zu wenig vom Rennsport selbst, um fundierte Fragen stellen zu können. Zweitens war es ohnehin kaum möglich, ohne Voranmeldung in die Nähe des Superstars zu kommen.

Da half nur die „landsmannschaftliche Schiene“, wie mein Mentor und erster Chefredakteur Richard Retter diese Methode der Kontaktaufnahme mit Prominenten nannte.

Freilich verband mit mich dem Rheinländer Michael Schumacher rein gar nichts – weder „landsmannschaftlich“ noch sonst. Dafür aber gab es Parallelen zu Schumis Manager Willi Weber. Der ist zwar gebürtiger Franke, hatte jedoch im Großraum Stuttgart, wo ich lange Zeit lebte, tiefe Wurzeln hinterlassen. Er schwäbelte wie ich und verlor trotz seines sagenhaften Vermögens nie die Bodenhaftung.

„Herr Weber“, sagte ich, als der Sender schon ein sekundengenaues Zeitfenster für das Interview eingeplant hatte, „Ich bräuchte dringend ein paar O-Töne von Michael.“

„Unmöglich“, versuchte mich Willi Weber abzuwimmeln, dem ich vorher noch nie begegnet war.

„Aber mein Sender wartet darauf“, glaubte ich in meiner Naivität bei dem berühmten Schumi-Vermarkter punkten zu können.

„Ein paar hundert andere Sender warten auch darauf“, beschied der große Macher und verwies auf den Pulk von Reportern aus aller Welt vor Schumis Fahrerlager.

„Für mich ist’s aber das erste Interview in der Formel Eins“, gab ich nicht auf. „Wenn ich das nicht hinkriege, wird’s gleichzeitig mein letztes sein“, rief ich Willi Weber ganz bewusst auf Schwäbisch hinterher.

Im O-Ton hörte sich das dann etwa so an: „Wenn I dees it nakriag, nocha war’s dees.

Willi Weber hatte ein Herz für den hilflosen Schwaben. Er drehte sich um, führte mich direkt zu Schumi und bat ihn, mir ausnahmsweise noch kurzfristig ein paar Fragen zu beantworten.

Michael Schumacher hat’s getan. Und ich hab’s geschafft. Erst als ich viel später in Begleitung der ARD-Profis bei Schumi-Interviews dabei war, merkte ich, was für einen lächerlichen Eindruck ich damals hinterlassen haben muss.

Da waren Leute wie Harry Kiner, Oliver Fritsch und Volker Hirth schon andere Kaliber – Kollegen, mit denen ich mich dann im Laufe der Jahre angefreundet habe. Sie kamen regelmäßig nach Renn-Ende zum Nachfeiern zu uns Nachhause. Erst durch sie habe ich die Faszination für die Formel Eins richtig verstanden. Aber da war meine Reporter-Karriere schon fast vorbei und ich stand kurz vor der Rente.

Übrigens entstand zwischen dem aufftraggebenden Sender und mir von meinem ersten Schumi-Interview an eine wunderbare Zusammenarbeit, die noch Jahrzehnte währte.

Und ich kann heute wahrheitsgemäß behaupten: „Ich habe Michael Schumacher interviewt“.

>> Harry Kiner hat zu Michael Schumachers 50. Geburtstag fûr den SWR eine wunderbare Webseite mit persönlichen Erinnerungen zusammengestellt. <<

2019 wird das Beste aller Zeiten!

NewYear2019herzlichice3Allen Leserinnen und Lesern der BLOGHAUSGESCHICHTEN wünsche ich einen wunderbaren Start ins neue Jahr! 2019 wird ein ganz besonderes Jahr für uns. Warum? Das erfahren Sie rechtzeitig an dieser Stelle. Bis dahin: Bleiben Sie mir gewogen und DANKE fürs Stöbern im Blog!

Abschlepp-Drama in der Wildnis

IMG_0912Wer im kanadischen Winter unachtsam ist, den bestraft das Leben. Eine bittere Erfahrung, die ich heute Abend machen musste. Was so schön mit einem Familien-Spaziergang über den zugefrorenen Lac Dufresne begonnen hatte, endete mit einem zähen Abschleppmanöver im Busch.

Nebel und gefrierender Regen sind der Kälte der letzten Tage gewichen. Statt blauem Himmel nichts als graue Suppe. Die spiegelglatte Eisschicht, die noch gestern den Lac Dufresne überzogen hatte, verwandelte sich über Nacht in eine Masse aus hart gebackenem Schnee. Winterwonderland ist anders.

Irgendwie müssen die im Blockhaus steif gewordenen Knochen ja bewegt werden. Dann eben ein Spaziergang über den See. Eineinhalb Kilometer lang, genau so breit. Umfang: 7 Kilometer. Die Strecke bis zur Bootsanlegestelle, an der unser Allwheeler geparkt ist, schafft man zu Fuß mühelos in weniger als einer halben Stunde.

Die Idee, dem Auto kurz Hallo zu sagen, war gut gemeint. Aber sie ging mächtig in die Hose. Was eigentlich eine kurze Runde werden sollte, um die Batterie geschmeidig zu halten, endet nur Zentimeter von einem Graben, hinter dem sich im Sommer ein schmaler, aber tiefer Bach auftut.

Schieben, drücken, Fußmatten unterlegen – es half nichts. Drei Leute, die ihr Leben in Kanada verbracht haben, kennen sich aus mit Winter. Heute nützt die zusammen mehr als hundertjährige Wintererfahrung der Drei Im Schnee genau: gar nichts.

Ein Glück, dass es den CAA-Automobilclub gibt. Ein Glück auch, dass es seit ein paar Jahren Handysignal am See gibt. Nicht jedes Abschlepp-Unternehmen fährt am Freitagabend in den Busch, um einen gestrandeten Allwheeler aus dem Graben zu ziehen.

„Eine Stunde. Höchstens!“, beruhigt mich der Mann vom CAA. Immerhin. Nach eineinhalb Stunden Warten im gestrandeten Wagen ein erneuter Anruf: Der Funkkontakt zum zuständigen Abschlepper sei abgerissen. Das Abschleppauto vom Monitor verschwunden. Verschollen. Nicht mehr auffindbar. Passiert schon mal im Busch, 16 Kilometer vom nächsten Dorf entfernt.

Ein neuer Schlepper muss gefunden werden. Das dauert. Inzwischen sind fast drei Stunden vergangen. Der Rest der Familie ist längst wieder zurück ins Blockhaus spaziert. „Wenn das hier alles erledigt ist, wartet ein leckeres Essen auf dich“, versucht SIE, die gute Laune nicht einfrieren zu lassen.

Pierre kommt. Mit einem brandneuen Spielzeug-Abschlepptruck für Erwachsene. Warnlichter blinken. Gleissendes Scheinwerferlicht. Pierre kurbelt und stöhnt und macht und tut und schleppt. Und irgendwann hat der Profi den Amateur vom Eise befreit. Die bunten Lämpchen vom Spielzeuglaster verschwinden wieder im Nebel. Und ich: allein in der Wildnis.

In der Zwischenzeit ist es stockdunkel. Die Nebelschwaden legen sich wie dicke Stoffgardinen vor dein Gesicht. Keine Lichtquelle weit und breit. Die Konturen des Sees sind nur noch schwer auszumachen. Aber du musst da rauf.

Das Wasser unter der Schicht aus Eis und Schnee gibt unheimliche Gurgelgeräusche von sich. Oder rülpst der See? Nein, er furzt. Gänsehaut. Deine Fantasie läuft jetzt Amok. Hitchcock. Titanic. Bären. Wölfe. Räuber. Genau: Seeräuber!

Es gibt wilde Tiere in den dichten Wäldern, die den See umzingeln. Sie sind hungrig um diese Jahreszeit, fressen sich den Bauch voll für den Winterschlaf. Haben sie vielleicht Appetit auf einen fast 70jährigen Schwabokanadier? Heute nicht. Ein Glück, dass sie dich nicht riechen können. Nicht riechen wollen?

Stampfenden Schrittes geht es zurück in Richtung Blockhaus. Es ist spät geworden, aber SIE hat Wort gehalten.

Es gibt Linsen mit Spätzle.

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Ton an! So hört sich der Marsch über den zugefrorenen See an:

Der See beschwert sich: So hört es sich an

Aus Männern werden Weicheier

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Irgendwann, als die bleiche Wintersonne sich langsam hinter den Bergen verabschiedet und der Körper sich unter dem Daunen-Parka, der gefütterten Holzfäller-Weste, dem Merino-Unterhemd und dem Baumwoll-T-Shirt noch immer anfühlt, als müsse da noch etwas kommen, das die Kälte vertreibt, besteht kein Zweifel mehr: Das mit der kanadischen Wintertauglichkeit ist auch nicht mehr das, was es einmal war.

Man könnte auch sagen: Aus dem Mann, der am 8. Dezember 1973 bei minus 40 Grad klaglos nach Winnipeg/Manitoba ausgewandert war, ist ein Weichei geworden. Zur Ehrenrettung sollte erwähnt werden, dass der Mann im Jahr 1973 gerade mal 24 Jahre alt war. Das Weichei wird in sieben Wochen 70.

Der Mann in mir sagt: Es hat gerade mal minus 20 Grad am Lac Dufresne, wo ist dasIMG_0310 Problem? Brrrhhh, bibbert das Weichei, wer soll denn diese Affenkälte lebend überstehen! Fakt ist: Mit zunehmendem Alter lässt die Kälte-Resistenz nach. Warum das so ist, verrät uns Frau Google:

„Die Blutgefäße in der Haut verengen sich, der Strom warmen Blutes beschränkt sich auf das Innere des Körpers; dadurch wird weniger Wärme nach außen abgegeben. Zudem kurbeln bestimmte Hormone, wenn es kalt wird, die Wärmeerzeugung des Körpers an. Reicht diese innere Wärmeregulation nicht aus, beginnt der Frierende zu zittern; durch diese rhythmischen Muskelkontraktionen wird zusätzliche Körperwärme produziert. Von einer weiteren Schutzvorrichtung allerdings, dem Sträuben der Pelzhaare, blieb dem Menschen nur der fast unwirksam gewordene Reflex: die Gänsehaut.“

Jetzt wissen wir’s also: Es ist die Gänsehaut, die uns frieren lässt, nicht der kanadische Winter. Oder so ähnlich.

Drei Stunden nach Sonnenuntergang dampft der zu Teewasser geschmolzene Schnee auf dem Holzofen und das Thermometer in der Blockhütte zeigt 21 Grad. Doch das Frösteln ist noch immer da.

Die Alpacca-Mütze sitzt stramm über den Ohren, kniehohe Trapper-Stiefel mit Thermo-Einlage schützen die Beine vor Frostbeulen. Die Handschuhe, die nur mal kurz zum Tippen ausgezogen werden, geben die Sicht auf ganz viel Gänsehaut frei – so ungefähr muss man sich das Making-Of dieses Blogposts vorstellen.

Inzwischen ist es mollig warm in der Hütte und gemütlich ist es sowieso. Und dann diese Ruhe über dem zugeforenen See! Nicht einmal die bibbernde Gänsehaut stört die Idylle im Blockhaus. Irgendwann ertönt zum Takt der klirrenden Zähne dann das Abendlied:

„Stille Nacht, eisige Nacht. Weichei friert, keiner lacht.“

Hier darf jeder Mozart sein

Es gibt in Montreal diesen Buchladen an der Rue-Ste. Catherine, der sich Indigo nennt und noch vor wenigen Jahren ein riesiges Angebot von Buchtiteln führte. Heute, da sich immer mehr Bücherwürmer im Internet eBooks (oder wie in meinem Fall Hörbücher) runterladen, ist die Auswahl von gedruckten Büchern eher bescheiden. Dafür gibt es Musik.

Nicht in Form von CDs oder Vinyl-Platten. Die Musik ist vielmehr hausgemacht, kostenlos und vor allem: spontan.

Im 1. Stock, gleich neben dem zum Buchladen gehörenden Café, steht ein Flügel, der allen zur Verfügung steht, denen nach Klavierspielen zumute ist. Dort habe ich schon prächtige Sonaten vernommen, liebliche Duette von Mutter und Kind. Oder auch, wie neulich, feurige Flamenco-Musik, präsentiert von einem Mexikaner auf Steroid.

Der Mann mag um die 60 gewesen sein und ist, wie er mir sagte, Autodidakt. Noten kann er keine lesen, aber er hat ein gutes Gehör. Immer wenn er in Montreal zu tun habe, verbringe er seine Mittagspause am Indigo-Klavier.

Auch heute, am 2. Weihnachtsfeiertag, versammelte sich wieder ein bunt gemischtes Publikum am Flügel. Ein Junge mit Knoten im Haar spielte mit Hingabe alles, was ihm gerade einfiel. Zwei Mädchen asiatischer Herkunft zelebrierten fernöstliche Melodien. Ein Mutter-und-Tochter-Duett versuchte einen guten Eindruck zu machen, brachte aber sonst nichts Bedeutendes zuwege.

Wenn Sie sich ein paar der heute gespielten Stücke anhören möchten, klicken Sie einfach auf das Video im Banner. Bild- und Tonqualität sind leider nicht herausragend. Viellicht haben Sie ja trotzdem Spaß am Zuhören.

Es ist nicht die Qualität der dort gespielten Stücke, die mich immer wieder in ihren Bann zieht. Ich bin vielmehr fasziniert von der nicht vorhandenen Scheu, mit der dort vor allem junge Menschen ihre Talente zur Schau stellen. Motto: Was habe ich denn zu verlieren, wenn ich nicht den richtigen Ton erwische?

Der Andrang der Hobby-Pianisten ist groß und die Pausen zwischen den einzelnen Darbietungen entsprechend kurz, nicht länger als zwei, drei Minuten.

Damit das Klavierspiel im Buchladen nicht zur Katzenmusik verkommt, hat Indigo einen Klavierstimmer angestellt, der sein Finetuning mit großen Gesten und sehr öffentlich zelebriert.

Bücher und Musik, hausgemacht und kostenlos – wer könnte da widerstehen?