Der Vagabund in meinem Vater

Unser Sohn Cassian mit meinem Vater im Sommer 1993

In Kanada ist heute Vatertag. Kinder beglücken ihre Väter mit Einladungen und Geschenken. Ich erinnere mich an meinen Vater. Er wurde am 3. Februar 1914 geboren und starb 80 Jahre später.

Es ist nicht schwer, ein guter Vater zu sein. Alles, was dazugehört, ist Liebe. Mit der Liebe kommt die Verantwortung. Mit der Verantwortung das Umsorgen. Und jemanden zu umsorgen, sich um ihn oder sie zu kümmern, ist nichts anderes als diesen Menschen zu lieben.

„Wenn ich alt bin“, sagte mir neulich ein Bekannter, „wäre ich gerne ein guter, gütiger und weiser Vater gewesen“.

Bin ich das? Ich weiss es nicht. Ich weiss aber, dass ich das unverschämte Glück hatte, einen tollen Vater gehabt zu haben. War er ohne Fehl und Tadel? Sicher nicht. So wenig wie die meisten von uns.

Mein Vater Anton Bopp, ca. 1965

Um nicht in die Huldigungswelle der „besten Väter der Welt“ zu verfallen, die an diesem Tag vor allem die Sozialen Medien überschwemmt, sei mir erlaubt, das letzte Kapitel aus meinem Roman Das gibt sich bis 1970 zu posten.

Vater, der nie Vagabund sein durfte

Valentina Esmeralda Alcántara-Cardeñosa hat mein Leben in so mannigfacher Weise geprägt, verändert und durcheinander gebracht. Mit ihr und wegen ihr habe ich all die Höhen und Tiefen erlebt, die so ein Menschenleben ausmacht.

Manchmal können Schmerzen, die man anderen zugefügt hat, ein Leben bereichern. Meine leidgeprüften Eltern haben ihrem ungehorsamen Jüngsten nicht nur verziehen, sie waren mit zunehmendem Alter sogar mächtig stolz auf ihn.

Vor allem Vater ließ keine Gelegenheit aus, den Vagabunden von damals immer wieder ins Gespräch zu bringen, oder, zu meinem Leidwesen, auch regelrecht vorzuführen. Wenn Kunden, Pinselverkäufer, Farbenvertreter oder auch der Pfarrer Dannecker bei uns zu Gast waren, wurde ich auf Geheiss des Vaters zum Plappermaul.

Ich erzählte dann von Tapas und Tipis und Valentina, aber auch von einer gestohlenen Gitarre und einem guten Menschen namens Jesus. „Komm, sag mal dem Herrn Diplumingeniör, wie ihr damals in der Telefonzelle eingeschlafen seid“. Oder: „Wie war das nochmal, als du mit Herrn Nimetz im Obstlastwagen nach Berlin gefahren bist und die Vopos dich an der Zonengrenze aus der Schlafkabine rausgeholt haben?“

Ein Glück, dass ich Vater die Episode mit Manon aus Marseille nie erzählt habe. Sonst wüsste heute das ganze Dorf über meine Französischkenntnisse Bescheid.

Häufig blitzte aus Vaters blauen Augen unverhohlene Bewunderung für seinen Sohn, der ihm ein Leben vorgelebt hat, das eigentlich für ihn bestimmt war. Es hätte gut zu ihm gepasst, sich mit der Gitarre in der Hand in die Herzen von Menschen zu spielen, die bis dahin noch nie einen langhaarigen Tramper aus Alemania gesehen hatten.

Vaters Pech war, dass er in einer Zeit groß geworden ist, als Orte wie Salceda de Caselas noch weiter von Ummendorf entfernt waren als Neptun von der Erde. Und Frauen mit Namen wie Valentina Esmeralda Alcántara-Cardeñosa nicht einmal in Groschenromanen vorkamen, die selbst noch im Bahnhofskiosk zu Ladenhütern wurden.

Und Valentina? Natürlich hat sie bei dem etwas zu blauäugigen Jungen, der ich damals war, tiefe Wunden hinterlassen. Aber für den Schmerz, den sie mir zugefügt hat, bin ich ihr heute unendlich dankbar. Sie weiss es nicht und wird es vermutlich nie erfahren. Aber es war gar nicht die Lust auf Liebe, die mich zu ihr geführt hatte.

Es war die Lust auf das Abenteuer.  

 

 

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Montréal – ein teures Vergnügen

Baukegel als Schlüsselanhänger: Montreals neuestes Wahrzeichen. Foto: Bopp

Entschuldigung, aber ich muss hier mal den Spielverderber spielen. Die Preise in Montreal sind einfach abartig. Das fällt einem natürlich besonders auf, wenn man zwischendurch mal für fünf Monate weg war wie wir.

Schon klar: Man kann Äpfel nicht mit Birnen vergleichen und spanische Oliven nicht mit Weintrauben aus Québec. Aber was mir seit unserer Rückkehr aus Mallorca an Preisen für ganz alltägliche Dinge wie Haushaltsgegenstände, aber auch Lebensmittel begegnet, macht mich sprachlos und irgendwo auch wütend.

Neulich vor dem Kino: Ein Glas Pino Grigio für SIE, ein stinknormales Bier für mich. Macht zusammen FÜNFUNDZWANZIG Dollar! Vorgestern: Zwei mittelmäßige Tassen Cappuccino mit Selbstbedienung in einem Café mit Schmuddeltoilette: NEUN Dollar! Gestern für einen dieser gelben Stroh-Kehrbesen made in China: SIEBZEHN Dollar. Eine Grapefruit in der Markthalle: ZWEI Dollar.

“Sündensteuer” für Alkohol und Zigaretten

Alkohol und Zigaretten waren in Kanada schon immer mit der „Sündensteuer“ belegt (heißt im Volksmund tatsächlich „sin tax“). Aber was inzwischen als Ausgangspreis für eine ganz normale Flasche Prosecco verlangt wird, ist keine Sünde, sondern müsste bestraft werden: ACHTZEHN Dollar.

Nur: Wen soll man denn bestrafen? Die Wirte, die den Hals nicht voll bekommen? Die Regierung, die hier bei jedem Kauf gleich mit zwei Steuerforderungen hinlangt – Staat und Bundesland? Die Kunden, die das alles einfach so hinnehmen? Alle zusammen?

Gefängnisgitter statt Blumenkübel

Ganz ehrlich? Viele Gastronomen tun mir leid. In meinem Stadtteil ist seit Monaten die wichtigste Durchgangsstraße aufgerissen. Meterhohe Bauzäune ragen bedrohlich wie Gefängnisgitter in die Höhe. Statt Blumenkübel vor den Fenstern reihen sich Hunderte von „orange cones“ aneinander. Die Straßenmarkierungskegel gelten als das neue Wahrzeichen Montreals. Sie werden inzwischen – „Souvenir de Montréal“ – als Schlüsselanhänger angeboten. Aus Plastik. Made in China. Zum Stückpreis von VIER Dollar.

Keine Angst, Opa erzählt jetzt nicht vom Krieg. Aber interessant ist es trotzdem:

Als ich vor 35 Jahren nach Kanada ausgewandert bin, fielen mir als Erstes an den Tankstellen die „24“-Schilder auf. Ich dachte zunächst, es handle sich dabei um die „24 hours“-Schilder, denn von den irren Ladenöffnungszeiten hatte ich schon gehört. Aber nein. Die „24“ bezogen sich auf den Benzinpreis. Nicht für einen Liter. Für EINE GALLONE. Das sind ca. viereinhalb Liter. Die Preise hielten sich übrigens ziemlich konstant bis zur Ölkrise, dann kletterten sie langsam hoch, fielen aber später wieder stark zurück.

Noch vor wenigen Jahren konnte ich beim Inder meines Herzens ein dreigängiges Menü für unter zehn Dollar bestellen. Mit Vor- und Nachspeise, Kaffee inklusive.

Dann, fast über Nacht, kletterten die Preise für fast alles, was es hier zu kaufen gibt, ins Unermessliche. Das ist keine Übertreibung. Was nicht oder kaum gestiegen ist, sind Löhne und Gehälter. Und natürlich freut sich der Durchschnitts-Kanadier in seiner Bescheidenheit noch immer über seine zwei bis drei Wochen Jahresurlaub. Und meckert nicht, weil er es nicht anders kennt.

110 Dollar für den Osterbrunch – pro Person

Mein Freund Marc, kein schlechter Verdiener, lud seine komplette Familie, einschließlich Schwiegereltern, zum Oster-Brunch in einem – zugegeben – sehr ordentlichen Hotel ein. Die Rechnung: EINHUNDERTZEHN Dollar. Pro Person. Dass sich seine 83jährige Mutter für die 110 Dollar am Büffet mit einem Glas Orangensaft und einer Portion Rührei begnügte, ist zugegebenermaßen nicht dem Restaurant anzulasten.

Woher die Kohle für all die Anschaffungen kommt, erklärte mir neulich meine Nachbarin Vivi. Sie ist Bankerin und hat Preisentwicklungen im Blick. „Schulden“, sagt sie. „Die meisten Leute, die ich kenne, sind hoch verschuldet“. Für Immobilien sowieso, aber auch für Autos, Rasenmäher, E-Bikes und selbst Urlaubsreisen werden Kredite aufgenommen. Sie kenne Leute, bei denen sich bis zu zehn verschiedene Kreditkarten im Portemonnaie stapeln.

Jeder Kanadier steckt mit 30.000 Dollar in der Kreide

Was die Überschuldung angeht: Vivi hat Recht. Zufälligerweise las ich am Morgen nach unserem Gespräch auf der Webseite der CBC: Im Schnitt ist jeder Kanadier mit 21,696 Dollar verschuldet. In dieser irrsinnigen Summe sind nicht einmal Hypotheken für Immobilien mit eingerechnet.

In Wirtschaftsfragen kenne ich mich über den Bierpreis hinaus nicht besonders gut aus. Aber das alles hört sich für mich nicht gesund an.

Man könnte es auch so formulieren wie mein Steuerberater: „Würde ich angesichts der abartigen Preise jedes Mal den Kopf schütteln, hätte ich permanent Nackenprobleme“.

Montréal: Wir sind angekommen!

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An Tagen wie diesen fällt es nicht schwer, sich nach fünf Monaten Mallorca wieder in Montréal heimisch zu fühlen.

Mallorca hat das Meer und die Berge. Aber Montréal immerhin den Sankt-Lorenz-Strom und den Mont-Royal.

Beim Blick von der 50 Meter hohen Jacques-Cartier-Brücke in die Tiefe des Flusses fühlt es sich an, als würde Old Man River an diesem Formel-Eins-Wochenende eigens für die angereisten Touristen aus aller Welt noch einen Zahn zulegen.

Hochsommerliche Temperaturen. Freundliche Menschen. Schrille Charaktere. Eine begnadete Skyline. Und immer dabei dieses berühmte Montrealer Je ne sais quoi.

“Ich hatte keine Ahnung”, sagt der erst vor drei Monaten zugewanderte Belgier bei einer zufälligen Begegnung auf der Casino-Brücke, “dass Montréal dieses internationale Flair einer Weltstadt-Metropole hat”. Jetzt weiss er es.

Wenn dann am Ende der 16 Kilometer langen Stadtwanderung noch ein zauberhaftes Essen bei der Stamm-Vietnamesin auf einen wartet, darf der Tag getrost unter der Rubrik „angekommen!“ abgehakt werden.

Ein paar Takte “Montréal zu Fuß” finden Sie beim Anklicken der Bildergalerie.

Tag drei nach dem Aufprall

IMG_6814Dritter Tag nach der Rückkehr aus dem Winterdomizil auf Mallorca: Geht so. Keiner hat sich gemeldet, der die Wolken wegschieben möchte. Und die Batterie im Türöffner des Autos hat auch schlapp gemacht.

Dafür meldet sich die Alarmanlage. Sie glaubt im Ernst, es hätte einer den Versuch gemacht, den Wagen zu klauen. Meinen Wagen! Lassen sich eigentlich heutzutage keine Autotüren mehr mit dem Schlüssel öffnen, ohne gleich ein Heulen und Zetern auf dem Parkplatz beim Supermarkt zu entfachen? Wie peinlich!

Peinlich ist es auch, anschließend im Drogeriemarkt aufzutauchen, vermeintlich mit der Musterbatterie für den Türöffner in der Hand. Nur um an der Kasse festzustellen: Die Hand ist leer. Die Batterie hat irgendwo auf dem Parkplatz ihre letzte Ruhe gefunden.

Der begossene Pudel will unverrichteter Dinge wieder abziehen, doch die junge Verkäuferin hat ein Herz für vergessliche Snowbirds. „Atmen Sie jetzt einfach mal ganz tief durch … sooooo …“, sagt sie, und atmet ganz tief durch. „Dann werden wir die richtige Batterie schon finden“.

Und hat sie auch prompt gefunden. Nur um am nächsten Tag beim Kleenex-Kauf frech-süffisant zu fragen, ob heute alles in Ordnung sei. Die Gnade der Jugend.

Und sonst? Waren Behördengänge angesagt, bei denen natürlich das wichtigste Dokument fehlte. Wurde unmittelbar vor mir ein nagelneuer Lexus von einem Lkw zerlegt. War die Waschanlage meines Herzens geschlossen, weil kurz zuvor ein Kompressor explodiert war.

Und Allan von der Autowerkstatt um die Ecke freute sich wie ein Schneekönig, dass ich über einen Autodiebstahl Bescheid weiss, der sich im Februar auf seinem Hof ereignet hatte.

Der Schaden? „Nicht der Rede wert, zahlt die Versicherung“. Aber: „Hey Boys, Herby hier hat in Spanien davon gelesen. IN SPANIEN!!! Wie cool ist das denn?“ Und, ja, Allan weiss, dass es das Internet gibt. Er hatte es in der Aufregung um dieses globale Event einfach vergessen.

Und jetzt: Steuersachen erledigen. Vorher aber noch Batterien und Papierrolle in der Rechenmaschine austauschen.

Und in drei Stunden gibt’s ein Wiedersehen mit einem alten Freund. Nach fünf Monaten! Im Museums-Café.

Der Nachmittag ist auch schon gebongt: Fernseh-Fußball mit dem Nachbar. Mit Wein und Fisch in der Salzkruste. Madrid wird’s schon richten.

 

Glücklich im alten Leben zurück

Was für ein Geschenk! Die vergangenen fünf Monate durften wir die Leichtigkeit des Mittelmeers verspüren, während hier in Montréal Eis, Schnee und Hochwasser das Leben lähmten. Jetzt ist aber auch gut: Wir sind wieder da!

Fünf Monate sind eine lange Zeit. In fünf Monaten sterben gute Freunde, trennen sich liebe Menschen, werden Brücken gesprengt und Hochhäuser gebaut, wechseln Leute Job, Haarfarbe, Wohnung und Auto. Fünf Monate Abwesenheit sind zu lange, um hinterher zu tun, als sei alles beim Alten geblieben.

„Fremdelst du noch“?, fragte SIE gerade mal eine Stunde nach der Rückkehr von Mallorca nach Montréal. „Ja“, musste ich kleinlaut zugeben. „Wo ist eigentlich die Butterdose“.

Die Butterdose zu finden, stellte sich als die kleinere Aufgabe heraus. Die großen Fische waren: Kein Internetanschluss, neue Hausverwaltung, kein Handyplan mehr und der Akku beim drahtlosen Telefon ist auch leer. Wie also den Internetprovider anrufen? Wie gut, dass der Sohn ein geladenes Handy hat.

Muss eigentlich die Hausärztin ausgerechnet jetzt in Pension gehen, während wir nicht da sind? Und überhaupt: Warum geht dieses verdammte Kofferschloss nicht auf?

Reisen bildet, stimmt. Aber es nervt auch. Und der Weg ist schon lange nicht mehr das Ziel. Ich kann mich an Zeiten erinnern, da war ich so angefixt vom Kerosingestank, dass ich die ersten Minuten im Flugzeug regelrecht zelebrierte. Das Privileg, einer der wenigen Vielflieger in meinem Freundes- und Bekanntenkreis zu sein, musste gefeiert werden. Das war vor 40 Jahren.

Heute? Fliegt doch jeder irgendwie von Flensburg nach Timbuktu und lässt seinen Koffer längst nicht mehr nur in Berlin stehen, sondern auch in Barcelona oder Anchorage. Oder dort, wo All-Inklusive-Vacations angeboten werden.

Sich mit dem Bord-Entertainment im Flieger vertraut zu machen, ist inzwischen ein Kinderspiel, auch wenn das bei jeder Airline anders funktioniert. Sich dann aber als alter Digitalhase von dem jungen Spund auf dem Vordersitz sagen zu lassen: „Das ist ein Touch-Screen und kein Push-Screen!“, nur weil der sich beim Kanalwechsel zu heftig gedrückt fühlt, tut weh.

Achtung, Opa erzählt dir gleich was vom Krieg: „Danke, ich bin schon mal geflogen“. Die Reise kann ja heiter werden.

Wurde sie zwar nicht so richtig, aber angekommen sind wir trotzdem. Vor allem weitgehend gesund, diesmal auch ohne bleibende Hörschäden.

Und mit der Erkenntnis, dass fünf Monate Abwesenheit zu lang sind, um so zu tun, als bliebe immer alles beim Alten.

 

Zum Abschied geht’s in die Luft

Unser neunter Mallorca-Winter ist Geschichte. Nach fünf Monaten am Mittelmeer geht es zurück ins heimische Kanada. Mit einem Abschied, wie Sie ihn vermutlich noch nie erlebt haben.

Ein Freund hat von unserer Dachterrasse in der Calle San Miguel aus seine Drohne in den strahlenden Mallorca-Himmel geschickt. Herausgekommen ist dieses spektakuläre Video, das Palma noch einmal in seiner ganzen Schönheit zeigt. Lehnen Sie sich zurück und heben Sie mit uns ab.

Mallorca17 fing mit einer Schlechtwetterphase im Januar an, die viel Regen, Wind und Temperaturschwankungen brachte. Zur Belohnung wurde uns eine selten schöne Mandelblüte geschenkt, die sich wochenlang wie ein Teppich über die Hügel und Täler legte.

Und natürlich gab es auch diesmal wieder traumhafte Wanderungen, die uns in fast jeden Winkel der Insel führten. Fünf Monate ohne Auto, nur mit Bus, Bahn und zu Fuß. Geht doch!

Und dann: Wunderbare Begegnungen mit Menschen, die mir neu in mein Leben gespült wurden, oder die ich schon seit Jahren und Jahrzehnten kenne. Zwei Kurzbesuche in Deutschland waren dabei, jeder von ihnen mit der Erkenntnis: Es geht doch nichts über Familie und Freunde.

Palma im Frühling war dann laut, zum Bersten voll mit Touristen und zum Schluss noch heiß, wie wir die Insel nie zuvor erlebt hatten. Was uns nicht davon abhalten wird, wieder zu kommen. Eine bessere Alternative zu diesem herrlichen Flecken Erde muss mir erst einmal jemand zeigen.

Adios Mallorca. Bonjour Montréal. Life is beautiful 💚

Und hier noch eine kleine “Best-of-Mallorca”-Diashow:

 

Palma: Das große Bar-Sterben

Bar Cristal innen

Bald Vergangenheit: Die “Bar Cristal” an der Plaça España.    Foto: Martin Mueller

Mit Alfonso fing es an. Damals, vor drei Jahren, schob ich die Schließung seiner „Bar Borne“ einfach noch auf doofes Timing. Dass unsere Stammbar an der Plaça de la Reina dicht machte, war blöd. Aber so was passiert halt mal. Inzwischen bin ich ein bisschen weiser, wenn es um Mallorca geht: In Palma hat ein Barsterben eingesetzt. Und ich mittendrin.

Nach der Schließung der „Bar Borne“ ging ich dorthin, wo auch tausend andere jeden Tag hingehen, in die „Bar Bosch“, nur einen Steinwurf von Alfonso entfernt. Aber „zum Bosch“ gehen viele – und ich brauchte wieder eine Bar für mich.

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Die “Bar 1916”, ebenfalls an der Plaça España

Ich hatte Glück. Die „Bar 1916“ war genau das Richtige. Ein alteingesessenesEtablissement an der Plaça España, mittiger geht nicht in Palma. Der Cortado schmeckt auch dort vorzüglich und ist mir einmal mehr nach Bier, Wein oder einem Bocadillo, servieren die fixen Jungs und Mädels vom „1916“ immer genau das Richtige. Nie ohne ein paar Oliven dazu oder ein Häufchen Nüsse. Und immer ein herzliches “Hola!“, ein Händedruck und ein ¿qué tal?’ Meistens alles zusammen.

Javi, der Kellner, versteht viel von Fußball, Megan, die Barfrau, von der Welt. Menschen mit gelebten Leben. Hier war ich richtig.

Kaum ein Tag, an dem ich mich nicht über Javis „Barcos“ unterhielt oder mit Megan über ihre Heimat Bolivien plapperte. Life is good im 1916.

Und jetzt der Hammer: Die „Bar 1916“ macht dicht. Nach genau 91 Jahren. Elf davon stand Megan hinterm Tresen. Eine Katastrophe! ich hatte wieder einmal aufs falsche Pferd gesetzt.

Die Antwort auf die Frage: „Wie kann eine über 90 Jahre alte, gut gehende Bar einfach zumachen“?  erinnert mich an das, was mir damals schon Alfonso erzählt hatte:

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Alfonsos “Bar Borne” an der Plaça de la Reina

Die Pachtverträge waren noch während der Franco-Zeit geschlossen worden, alle einheitlich und zu ganz zivilen Preisen. Jetzt laufen die Fristen ab und kein Barbesitzer in Palma oder sonst wo ist bereit, das Zehnfache dessen zu bezahlen, was noch unter Franco galt. So viele Cortados kann eine noch so gut gehende Bar an der Plaça España nicht verkaufen, dass sich der Betrieb noch lohnen würde.

Also sterben die schönen Cafés und Bars in Palma nach und nach den langsamen Bartod. Das traditonsreiche „Café Lirico“ genauso wie das „1916“ und die unmittelbar daneben operierende Traditionsbar „Cristal“. Und auch die wohl älteste Café-Bar in Palma, das Forn des Teatre” hat neulich die letzte Ensaïmada serviert.

Schlimm genug, dass die wunderschönen Bars mit ihren Messing-Türgriffen und den Jugendstil-Kronleuchtern nach und nach schließen. Der eigentliche Skandal ist das, was aus ihnen wird.

Das „Lirico“ steht leer und wartet noch auf seine neue Bestimmung. Alfonsos „Bar Borne“ ist jetzt, zusammen mit der unmittelbar daneben liegenden Kneipe, eine edle Tapasbar.

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Geschlossen: “Café Lirico” © Alle Fotos: Bopp

Und das „1916“ und die Nachbarbar „Cristal“? Aus der einen wird ein Klamottenladen, den anderen hat ein Handy-Anbieter im Visier.

Und Megan, die vor elf Jahren aus Bolivien gekommen war und nie einen anderen Job hatte als Barfrau im „1916“, wird künftig in irgendeinem Büro arbeiten. Die Aufnahmeprüfung für einen „International Business“-Kurs hat sie heute bestanden.

Alfonso, der erste Barkeeper, mit dem wir uns vor vielen Mallorca-Jahren angefreundet hatten, arbeitet heute in einer leckeren Konditorei.

Der Besitzer der “Bar Bosch” dagegen macht keinerlei Anstalten, seinen Laden dicht zu machen. Warum auch? Sie gilt als die populärste Bar auf der gesamten Insel.

Köln: Wie Palma ohne Palmen

Dort, wo ich Dutzende Male beruflich zu tun hatte, war ich am Wochenende zur Abwechslung mal ganz privat. Bilanz eines Blitzbesuchs: Köln hat seinen Zauber nicht verloren.

Alles war diesmal anders als sonst. Ich flog nicht aus Montréal ein, sondern aus Mallorca. Das Hotel lag nicht am Dom, sondern im Szenenviertel.

Viel Zeit blieb nicht, um die Stadt zu genießen, die für viele Jahre so etwas wie ein „home away from home“ für mich war. Gerade mal 30 Stunden hatte der Logistikregisseur für meine Blitzvisite vorgesehen. Genug, um ein Stück Köln kennen zu lernen, das ich so noch nicht kannte.

Da war es wieder, das Geh-Gen. Schon kurz nach dem Frühstück meldete es sich und wollte wieder Forrest Gump spielen, so weit die Füße tragen. Sie trugen uns genau 17 Kilometer weit, vom Dom bis nach Rodenkirchen und zurück – immer am Rhein entlang. Die Nacht war kurz gewesen, der Fußmarsch dafür umso länger.

Ein bisschen Montréal, ein wenig Palma: Die Frachtschiffe auf dem Rhein erinnern an den Sankt-Lorenz-Strom. Die Kneipen und Straßencafés, die Masse an Touristen – das alles ähnelt schon sehr der Altstadt von Palma.

Achtung, Spaßbremse: Dass die meisten Straßenmusiker auch in Köln unterirdisch schlecht sind, soll hier nicht unerwähnt bleiben.

Köln werde auch das „Rom des Nordens“ genannt, hatte in der Nacht noch der Taxifahrer gesagt. Mich wundert diese Charakterisierung nicht. Ein gewisses mediterranes Flair ist diesem lebenslustigen Flecken Erde nicht abzusprechen. Millowitsch meets Mallorca.

Zwar wachsen in Köln, soweit ich weiss, keine Palmen. Dafür werden auf Marktständen Pfingstrosen und Spargel angeboten. Auch das noch: Vor einem loftigen Designerstudio gucken frech mit dunklen Augen ein gutes Dutzend Olivenbäume ins rheinische Land – so, als stünde ihre botanische Wiege am Rheinufer und nicht am Mittelmeer.

Feste feiern, Freunde sehen, gewohnte Wege mit neuen Augen begehen. Frische Perspektiven gewinnen, vor deren Hintergrund sich alte Ansichten relativieren. Menschen besuchen, deren Geschichte – und Geschichten – mit zunehmendem Alter wichtiger werden.

Erinnerungs-Optimismus, der vieles aus der Vergangenheit erklärt, manches aber auch verklärt, ist eine feine Sache.

Mallorca: Menschen am Meer

Ein typischer Tag an der Playa de Palma: Menschen gehen ihrer Arbeit nach. Die Straßenhändler verkaufen am Strand so ziemlich alles: Von der Sonnenbrille über den aufgesetzten Nasenpenis bis zum Kuschelaffen. Die Frauen, in landesüblicher Tracht, bieten Haarverlängerungen an. Es handelt sich fast ausschließlich um Menschen aus dem Senegal. Sie haben es nicht leicht auf Mallorca. Viele von ihnen haben keine Aufenthaltsgenehmigung. Polizeirazzien sind an der Tagesordnung. – Mehr zum Thema gab’s neulich hier im Blog: „Hundert Jahre Garantie auf die Rolex“.

 

 

Der Klassiker zum Schluss

Wie oft wir die Strecke von Sóller nach Deià schon gewandert sind? Ich weiss es nicht mehr. Sechsmal vielleicht? Vielleicht auch mehr. Egal. Für mich ist und bleibt es die perfekte Wanderung auf der Insel. So schön. So abwechslungsreich. So Mallorca.

Schon oft war im Blog von dieser Wanderung die Rede. Deshalb schenke ich mir heute Details. Nur so viel: Es war heiß. Und es war wunderschön!

Es hat schon Tradition: Die jeweils erste und letzte Wanderung unserer Mallorca-Winter führen immer von Sóller nach Deià. Oder auch umgekehrt, so wie heute. Egal welche Richtung: Die etwa 13 Kilometer lange Strecke ist zu jeder Jahreszeit ein Traum.

Im mallorquinischen Winter ist die Luft klar und frisch und man freut sich über jede Blüte. Im Frühjahr, wenn die Natur aus allen Nähten platzt, erahnt man bereits, was der Frühsommer bringen wird: Ein Feuerwerk von Blumen, Früchten, Wildgräsern und Vögeln.

Bei Temperaturen von um die 28 Grad war es heute fast schon zu heiß für diese Wanderung. Deshalb wird es für dieses Jahr wohl auch die letzte gewesen sein.

Wie schön: Der nächste (Wander-)Winter kommt bestimmt!

Damit die früheren Wanderungen nicht in Vergessenheit geraten – heir sind einige Links dazu:

Sóller: Berge, Meer und Piraten

Sóller-Deià: Steiniger Weg durchs Paradies

Kurz vor Kanada noch eine Memory-Tour

Der Klassiker: Von Deià nach Sóller