Anmutende Schönheit am Meer

Es ist nicht schwer, Maine lieb zu gewinnen. Der US-Bundesstaat, sieben Autostunden von Montreal, gehört zu den liberalsten des Landes. Und zu den schönsten.

Es ist nicht die spektakuläre Schönheit der Rocky Mountains, die den Besucher erwartet. Hier werden keine Rekorde gebrochen. Weder der höchste Berg, noch der längste Strand des Landes werden Maine zugeordnet.

Aber die durchgehende Ästhetik, die sich von Nord nach Süd und von Ost nach West wie ein Alleinstellungsmerkmal für einen gelungenen Landstrich treu bleibt, wirkt auf den Besucher wie ein Verwöhnprogramm für die Sinne.

Das fängt an bei der für die Neuenglandstaaten typischen Architektur. Schlicht, unprätentiös, klare Farben. Und immer aus Holz, meistens weiss und in der Schindeltechnik erbaut.

Da ist der herbe Geruch des Atlantiks, der einen nicht nur in einem der vielen „Lobster Shacks“ in seinen Bann zieht, sondern auf Schritt und Tritt verfolgt.

Da sind malerische Städtchen wie Kennebunkport, die den Besucher – wieder einmal – an der stupiden Agenda des Präsidenten zweifeln lassen. Was, bitteschön, soll eigentlich angesichts einer so zauberhaften Gegend die Phrase „Let’s make America great again„? Wie viel schöner kann ein Landstrich denn noch aussehen?

Da sind die erlesenen Meeresfrüchte, die es in dieser Qualität wohl in wenig anderen US-Bundesstaaten gibt, allein voran der weltbekannte Hummer aus Maine.

Aber Schönheit und Qualität haben ihren Preis. Eine „lobster roll“, ein mit Hummerfleisch belegtes Brötchen, kostet auf die Hand satte 18 Dollar, das sind mehr als 15 Euro.

Die Freundlichkeit der Menschen, die zauberhaften Strände, die klare Luft, die die ohne schon spektakulären Sonnenuntergänge an der Küste erst richtig zum Glühen bringt – all das verlangt nach mehr.

Mehr Meer. Mehr Maine. Und irgendwo auch mehr Amerika.

 

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Das etwas andere Amerika

Okay, ich bin meinem Vorsatz untreu geworden. Seit Monaten erzähle ich Freunden und Verwandten, dass ich keinen amerikanischen Boden mehr betreten werde, solange der böse Mensch aus Washington regiert. Und wo bin ich heute? Im amerikanischen Bundesstaat Maine. Und fühle mich dabei kein bisschen schlecht.

Der erste Tag in den USA nach vielen Jahren war ein guter Tag. Keiner, der seine Waffe auf mich gerichtet hätte. Kein Zollbeamter, der mich in den Senkel gestellt hat. Niemand, der mir eine amerikanische Flagge verkaufen oder mich für die Republicans anwerben wollte.

Ganz ohne Politik geht es trotzdem mich. Gleich das erste Tischgespräch mit einer Gruppe von US-Amerikanern mittleren Alters verlief erfreulich harmonisch und endete mit einem Appell: „Sag deinen kanadischen Landsleuten und auch allen Deutschen, dass uns dieser Präsident nur peinlich ist“!

Maine ist nicht Amerika und Amerika ist nicht Maine. Hier, an der Ostküste der USA, sieben Autostunden von Montreal, ist fast alles anders als im Rest der Vereinigten Staaten.

Es ist der einzige Bundesstaat mit zwei offiziellen Landessprachen, Englisch und Französisch. Hier werden traditionsgemäß Demokraten gewählt und die gleichgeschlechtliche Ehe ist schon seit fünf Jahren legal. Seit November 2016 sind sogar der Anbau und Verkauf von Marihuana in kleinen Mengen erlaubt.

Rednecks“, wie der Proll hier heißt, sind in Maine seltener zu finden als in vielen anderen Teilen des Kontinents. Trumpisten muss man mit der Lupe suchen.

Dass mich mein erster USA-Trip seit vielen Jahren ausgerechnet nach Maine geführt hat, ist also kein Zufall. Er hat auch Familiengeschichte. Gut ein Dutzend Mal waren wir hier campen, als der Bub noch klein war. Ferien in Bar Harbor, mit Zelt, Schlafsack und gerösteten Marshmellows überm offenen Feuer, waren ein Teil von Cassians Kindheit.

Wie schön, dass der Bub, der inzwischen ein Mann ist, seine Eltern zu diesem fast historischen Amerika-Urlaub eingeladen hat.

So schreibe ich diese Zeilen in einem verwunschenen Holzhäuschen am Meer, ganz in der Nähe von Kennebunkport, das den meisten Amerikanern als Sommersitz der ehemaligen Präsidenten-Familie Bush bekannt ist.

„Lobster Rolls“ sind mit Hummerfleisch belegte Brötchen

Die Morgensonne scheint hier nicht, sie streichelt dich. Das Meer rauscht hier nicht, es flüstert. Die Vögel zwitschern nicht, sie singen. Und „lobster rolls“, mit Hummerfleisch belegte Brötchen, sind hier so populär wie andernorts Hot Dogs und Hamburger.

Ich bin froh und glücklich, dass ich Amerika wieder eine Chance gegeben habe. Bei den meisten der Menschen hier käme man nicht einmal auf die Idee, dass sie sich von einem Mann regieren lassen müssen, über den der Rest der Welt lacht, weil es zum Weinen nicht ganz reicht.

Mehr Text und Fotos dazu gibt’s  >> HIER <<

Seien Sie doch keine Pappnase!

Eine befreundete Kollegin von mir, Anita Horn, bat mich neulich, doch einen Gastbeitrag für ihren Blog zu schreiben. Es sollte um das Thema „Pappnasen“ gehen. Sagt Ihnen nichts? Dann überlegen Sie doch bitte mal, wann Sie zum letztenmal ihren Starbucks-Kaffee im Einwegbecher getrunken haben. Ertappt? Na also. Auch so eine Pappnase.

Das erste Mal, dass ich mit dem Pappnasen-Syndrom konfrontiert wurde, war vor 27 Jahren. DIE ZEIT hatte mich damals für eine Reportage in die Subarktis geschickt. In einem Indianerreservat namens Waskaganish sollte ich recherchieren, was die dort lebenden Cree-Indianer so alles mit 225 Millionen Dollar anstellen. Für diese astronomische Summe hatten die Ureinwohner gerade ihre Land- und Wasserrechte an die Regierung der Provinz Québec verkauft – bis heute ein umstrittener Deal.

In dem abgelegenen Dorf Waskaganish, mehr als tausend Kilometer nördlich von Montréal, war Umweltschutz ein Fremdwort. Es gibt bis heute keine Straße, die dort hinführt. Das Indianerreservat ist nur mit dem Buschflugzeug zu erreichen. Dass sich ausgerechnet im Norden Kanadas knöchelhohe  Müllberge ansammeln können, hat mich erschüttert. Coladosen, Chipstüten, Zigarettenschachteln. Und, ja, auch damals schon Kaffeebecher aus Plastik und Pappe.

Eine junge Indianerin hatte das Coffee-to-go-Konzept nach einem Besuch in Montréal übernommen und sich dabei den großen Reibach erhofft. Im Norden Kanadas herrschte nach dem Millionendeal mit der Regierung von Québec so etwas wie Goldgräberstimmung.

„Wie kommt’s“?, wollte ich von dem mit Umweltfragen betrauten Cree-Indianer Wayne River wissen, „dass sich bei euch der Müll türmt, wo doch die Natur um euch herum vom Feinsten ist“? Wayne River hob zu einer Erklärung an, die ich hier nur in Kurzform wiedergeben möchte.

Zum einen liegt es am arktischen Klima. Wo Permafrost herrscht, erfüllen herkömmliche Mülldeponien nicht mehr ihren Zweck. Wo die Erde niemals auftaut, kann der Abfall nicht verbuddelt werden. Das leuchtete mir ein.

Aber dann sagte Wayne River etwas, über das ich bis dahin nie nachgedacht hatte: Wenn es um die Müllbeseitigung geht, verfährt der Indianer nach dem Prinzip aller Ureinwohner: „Was du der Natur genommen hast, musst du ihr wieder zurück geben“.

Eine edle Philosophie. Das Fleisch des erlegten Bären wird gegessen. Der Pelz schützt vor der arktischen Kälte. Das Geweih des erlegten Elches wird zu Backpulver gemahlen. Leider funktioniert diese Art von Recycling heute nicht mehr. Dagegen sprechen die Halbwertzeiten von Plastik und Pappbecher, von Chipstüten und Stanniolpapier.

Doch die meisten Indianer haben die Uralt-Philosophie so verinnerlicht, dass sie nicht von ihr loslassen wollen. Sie werfen ihre Kaffeebecher weg, als gäbe es kein Morgen. Das mag im Süden Kanadas etwas zivilisierter vonstatten gehen als im Norden. Aber auch hier ist die Entsorgung von Einwegbechern ein Riesenproblem.

In einer mittleren Großstadt wie Calgary werden täglich zwischen 800-tausend und einer Million Kaffeebecher weggeworfen. Rund 20 Prozent des gesamten Müllaufkommens setzt sich aus Kaffee- und Cola-Bechern zusammen. Im Zug, in der U-Bahn, bei Sportveranstaltungen und Open-Air-Events – Einwegbecher sind noch immer die Regel, mitgebrachte Trinkflaschen die Ausnahme.

Kanadier umzustimmen, ist kein leichtes Unterfangen. Es wird hier mehr Kaffee getrunken als in den meisten Ländern der Welt. Unter 80 von „Euromonitor“ untersuchten Nationen steht Kanada mit jährlich 152 Liter Kaffee pro Personen erster Stelle.

Egal, wie umweltfreundlich sich das zweitgrößte Land der Erde gibt: Die Pappnasen sind noch lange nicht ausgestorben.

Hier geht’s zu Anitas Blog ahornzeit.de

Das Pappnasen-Syndrom bekämpft sie unter dem Hashtag #seikeinepappnase

 

Spannender geht Fernsehen nicht

Wer das Glück hat, eine ganze Anzahl von erfolgreichen Autorinnen und Autoren in seinem Freundeskreis zu haben, wird entsprechend oft mit frischer Lektüre eingedeckt. Jetzt kommt ein neues Buch hinzu: Mein befreundeter Kollege Torsten Engel, im Hauptberuf richtig wichtig beim NDR, hat einen Thriller geschrieben. Ein Muss.

Lange hat mich ein Krimi nicht mehr so gefesselt wie „Primetime“. Der Plot, das Tempo, die Protagonisten, das Lokalkolorit, die Schreibe, das Tempo – selten so mitgefiebert.

Während der Gameshow „Eine Million Cash“, die live aus den Drachenhöhlen auf Mallorca in deutsche Wohnzimmer übertragen wird, nimmt ein Verbrecher das komplette Publikum in der Höhle Geisel.

Jetzt überschlagen sich die Ereignisse: Während der Moderator auf der Bühne gute Miene zum bösen Spiel macht, wird im Kontrollzentrum der Macht – im Bundeskanzleramt – um die Freilassung der Geiseln gekämpft.

Es geht um Geld und Macht, um Karriere und Eitelkeiten. Vor allem aber geht es um Fernsehen, wie es sich vermutlich nicht nur hinter den Kulissen abspielt. Immer wieder blitzt ein Stück realityTV auf, das den Leser in Hochspannung versetzt.

Schwer zu glauben, dass es sich bei Torsten Engels „Primetime“ um einen Erstling handeln soll. Wer so viele Schauplätze mit so einer komplizierten Handlung so mühelos geschmeidig und gleichzeitig atemberaubend spannend zu einem Roman verarbeitet, hat das Zeug zum Bestseller-Autor.

Bei der Lektüre kommen nicht nur Krimifans auf ihre Kosten, sondern auch Medienschaffende, Politikjunkies und Mallorca-Liebhaber.

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Eine äußerst kreative Facebook-Seite zu „Primtime“ gibt’s  >> HIER <<

Ganz schön cool, die alte Dame

CANADA DAY PARADE in Montreal. Alle Fotos © Bopp

Nein, das Land, in dem ich lebe, ist nicht perfekt. Kein Land ist perfekt. Aber ein Blick über den Tellerrand genügt und mir wird in diesen Tagen wieder einmal klar: Mit Kanada habe ich mir ein verdammt gutes Land ausgesucht. Am Wochenende feierte die coole alte Dame ihren 150. Geburtstag.

Als in Deutschland vor einigen Tagen ein regelrechter Hype ausbrach, nachdem die Legalisierung der Ehe für alle beschlossen wurde, fühlte sich das irgendwie ein bisschen schal an. Gab es tatsächlich noch Länder, in denen die gleichgeschlechtliche Ehe verboten war? Und Deutschland war eines davon?

In Kanada war dieses Gesetz bereits vor zwölf Jahren erlassen worden. Wenn ich mich richtig erinnere, hielt sich der Hype darüber in Grenzen. Die liberale Regierung unter dem damaligen Premierminister Paul Martin fand, dass es höchste Zeit war für dieses Stück Freiheit.

Als Justin Trudeau, der jetzige Regierungschef, kurz nach seiner Wahl gefragt wurde, warum sich sein Kabinett genau zur Hälfte aus Frauen und Männern zusammensetzt, meinte er fast etwas kurz angebunden: „Warum? Weil wir das Jahr 2015 schreiben“.

So sieht eine Gesellschaft aus, die in mein Weltverständnis passt.

Kanada mag in manchen Dingen kranken, das Gesundheitssystem ist eines davon. Doch wenn es um Menschenrechte und Minderheiten geht, ist Ottawa ganz weit vorne.

Als bei der „Canada Day Parade“ am vergangenen Samstag Sikhs, Muslime, Christen und Vertreter der jüdischen Gemeinde in friedlicher Eintracht nebeneinander her marschierten, sah ich um mich herum viele feuchte Augen – und nicht alle waren dem strömenden Regen geschuldet.

Kanadas offene Arme für geflüchtete Menschen sind inzwischen legendär.

„When others build walls, you open doors“!, rief U2-Frontman Bono am „Canada Day“ in Ottawa in die Menge – ein Seitenhieb auf den US-Präsidenten und seine fremdenfeindliche Politik. An einem narzisstischen Selbstdarsteller wie D. T. dürfte die Schmach jedoch abgeblättert sein wie die Goldbeschichtung seiner Insignien.

Ein Grund mehr auf das Land anzustoßen, das seit 35 Jahren so etwas wie Heimat für mich ist.

HAPPY BIRTHDAY, CANADA 🇨🇦

Wer hat den Sauerzeh gestohlen?

Schau(der)platz „River Rat Bar“ Der Autor mit dem Original-Sauerzeh.

Der Yukon ist für vieles bekannt: Goldgräber, Abenteuer, Hundeschlittenrennen. Und auch für den berühmtesten großen Zeh der Welt: Den Sauerzeh. Jetzt ist der Sauerzeh gestohlen worden. Seither herrscht helle Aufregung in der „River Rat Bar“ in Daswon City. 

Vor ziemlich genau sechs Jahren war an dieser Stelle „DIE GESCHICHTE VOM SAUERZEH-COCKTAIL“ zu lesen. Hier ist sie aus aktuellem Anlass noch einmal:

Es gibt Geschichten, die sollte man sich nicht zum Frühstück erzählen. Auch nicht zum Mittagessen. Und gleich gar nicht zum Abendbrot, wenn sich alle auf Schweinebraten und Spätzle freuen und du fängst plötzlich an vom Sauerzehcocktail. Es gibt Geschichten, die sollte man sich eigentlich gar nicht erzählen. Dazu gehört die Geschichte vom Sauerzehcocktail.

Doch weil der Sauerzehcocktail im Laufe der Jahre viele unterhaltsame Tischgespräche geliefert und sogar für gute Einkünfte in der Korrespondenten-Kasse gesorgt hat, darf die Story hier noch einmal zu Ehren kommen.

Es begann an der Mündung des Klondike River

Die Geschichte des Sauerzehcocktails  ist eine jener Geschichten, die es nur in Kanada geben kann. Denn nur hier, wo die Winter lang und die Tage kurz sind, scheinen Menschen die Begabung zu besitzen, spielerisch mit einem menschlichen Körperteil umzugehen, das schon seit hundert Jahren tot ist.  Der Tatort ist eine kleine Bar in der Goldgräbersiedlung Dawson, nicht weit von der Mündung des Klondike Rivers in den Yukon. Dorthin waren während des größten Goldrausches (1896-1898) in Nordamerika Zigtausende von Abenteuersuchenden geströmt. Der Flusskapitän Dick Stevenson verdiente sein Geld damit, Männer, die bis von Kalifornien in den Norden Kanadas gereist waren, vom Ausgangspunkt Dawson City im Yukon aus zu den Goldminen am Klondike River zu schippern.

Der Goldrausch vom Klondike brachte das Beste im Menschen zum Vorschein, aber auch das Hässlichste, Gemeinste, Schrecklichste. Als die Schürfer dem Fels- und Sandgestein an der Grenze zu Alaska auch noch den allerletzten Nugget abgerungen hatten, waren sagenhafte 12,5 Millionen Unzen gehoben. Genug, um Dutzende von Lkw-Container mit purem Gold zu füllen.  Manche der Männer wurden als Goldgräber unbeschreiblich reich. Andere, wie zum Beispiel der Abenteuer-Schriftsteller Jack London, wurden weltberühmt. Wieder andere wurden körperlich krank oder einfach verrückt.  Käpt’n Stevenson passt in keine der oben genannten Kategorien. Ihm war schlicht und einfach langweilig geworden.

urkunde

Der Beweis: Meine Urkunde nach dem Genuss des Sauerzeh-Cocktails.

Nachdem er Tausende von Golddiggern durch das Flussgewirr des kanadischen Yukon-Territoriums geschifft hatte, gab es nach dem Ende des gold rush nicht mehr viel für ihn zu tun. Also baute er sich ein Blockhaus in dem Ort Dawson und vermietete die Zimmer im oberen Stockwerk an freizügige Damen, die sich von freigiebigen Herren für ihre Liebesdienste bezahlen ließen. „Whorehouses“ hießen diese Etablissements in Dawson ganz unverblümt. Bei den Damen, die in den Bordells arbeiteten, handelte es sich um meist junge Frauen, die den Abenteurern hinterher gereist waren, in der Hoffnung, auf ihre Art den Goldrausch ein wenig mitträumen zu dürfen. Die Rechnung ging auf. Viele der Huren wurden so reich wie die Goldgräber selbst. Seither hat der Begriff „golddigger“ in der englischen Sprache eine doppelsinnige Bedeutung. Mit „golddigger“ sind nicht nur die Schürfer selbst gemeint, sondern auch die Frauen, die sich am Reichtum älterer Männer laben, ohne eine Gegenleistung dafür zu erbringen. Sieht man einmal von gelegentlichen Leibesübungen ab.

Besuch in der „River Rat Bar“

Im Erdgeschoss des Holzhauses, das sich Kapitän Stevenson gebaut hatte, befindet sich heute wie damals die „River Rat Bar“. Weil ein Flusskapitän nicht nur gut navigieren können muss, sondern auch erste Hilfe leistet, wenn es die Situation erfordert, diente die Bar gelegentlich als Notfallstation. Manche der Hilfesuchenden hatten sich beim Goldschürfen verletzt, andere beim Trinken zu viel zugemutet, wieder andere Erfrierungen zugezogen. Im Yukon sinken die Temperaturen schon mal auf minus 45 Grad.

Einer von denen, die mit Erfrierungen Hilfe in der „River Rat Bar“ gesucht hatten, war ein namenloser Trunkenbold, der nicht einmal in der Lage war, den Whisky zu bezahlen, mit dem der Käpt’n den erfrorenen Zeh des Mannes desinfizierte. Ehe er ihn schließlich amputierte. Den Zeh legte Mister Stevenson in ein Marmeladeglas mit hochprozentigem Alkohol ein. Damit war die Konservierung des guten Stückes garantiert. Im Laufe der Jahre schrumpelte der Zeh zu einem hässlichen, sehnigen Fleischbrocken zusammen. Allenfalls der Nagel erinnert heute noch daran, dass es sich tatsächlich einmal um den großen Zeh eines männlichen Wesen gehandelt haben muss.

Ein verschrumpelter Zeh im Whiskyglas

Der in Whisky eingelegte Zeh wurde zur Legende. Für Männer, die sich im Yukon etwas beweisen wollten, gehörte es fortan zur verdammten Pflicht und Schuldigkeit, ein Glas Whisky zu trinken, in denen der verschrumpelte Zeh schwamm. Der Sauerzehcocktail war geboren. Die Idee mit dem eingelegten Zeh brachte dem Flusskapitän so viel Geld ein, dass er sich einen angenehmen Altersruhestand gönnen konnte.

Nach dem Tod von Mister Stevenson setzte ein entfernter Verwandter, ebenfalls Kapitän, den Brauch mit dem Sauerzehcocktail fort. Heute sind es fast nur noch Touristen (und gelegentlich auch Journalisten), die den Whisky nicht „on the rocks“ trinken, sondern „on the toe“.  Am Ritual selbst hat sich seit den Stevenson-Tagen nichts geändert: Nur wer es geschafft hat, sich ein Glas Whisky hinter die Binde zu kippen und den verdorrten Zeh mindestens fünf Sekunden im Mund zu belassen, ehe er ausgespuckt werden darf, bekommt als Beweis für diese zweifelhaften Mutprobe eine Urkunde ausgehändigt.

Meine Urkunde trägt das Datum vom 7. September 2004. An diesem Tag, übrigens dem 65. Geburtstag meiner Schwester Irmtraud, führt mich der Weg in die „River Rat Bar“ in Dawson. Es ist ein regnerischer Abend, die bissige Luft riecht nach frühem Winter. Der unbefestigte Schotterweg, der durch den 1200-Einwohner-Ort Dawson City führt, ist aufgeweicht. Die Bar ist brechend voll. Auf einer kleinen Holzbühne in der Ecke spielt eine Country & Western- Band. Auf dem Tresen steht ein großes Glas mit eingelegten Eiern, daneben ein Fass mit sauren Rollmöpsen. Um mich herum gut gelaunte Menschen: Einheimische, ausgelassene Touristen und ein paar kreischende Frauen, die sich allein schon beim Anblick des berühmten Marmeladeglases ekeln.

Ich bin hierher gekommen, um mir den Sauerzehcocktail anzutun. „Are you ready?“, will der Barmann wissen. Das Gekreische in der Kneipe wird lauter. „Are you ready?“, fragt der Brummbär jetzt noch einmal, diesmal mit erhobener Stimme. Klar doch. Hatte ich eine andere Wahl? Jetzt, da ich dem legendären Marmeladeglas mit dem abgestorbenen Zeh näher gekommen bin als die meister der Hörer und Leser, denen ich darüber berichtet hatte, gab es kein Zurück mehr.

Ex oder langsam? Ich entscheide mich für den schnellen Tod

„Her damit“, rufe ich dem Barkeeper zu. „Und hinterher gleich noch einen Extraschnaps, um den Ekel wegzuspülen.“ Der Barbesitzer setzt sich die Kapitänsmütze auf, die angeblich schon Dick Stevenson getragen haben soll. Dann greift er mit Mittelfinger und Daumen in den Marmeladetopf, holt vorsichtig, aber nicht sehr angeekelt die gelblich-bräunliche Zehe heraus und lässt sie in ein leeres Glas fallen. Ein Schuss Whisky drüber – und es kann losgehen. „Schluckweise oder ex?“, will der Barkeeper wissen.  Ich entscheide mich für den schnellen Tod.

Geschafft: Ex und hopp und eklig

Das Gefühl, fünf Sekunden lang den vergilbten, verschrumpelten Zeh eines Goldgräbers im Mund zu haben, den ich nicht einmal kannte, ist unbeschreiblich ekelhaft. Aber auch aufregend. Es schmeckt nach Essig und Salz, nach Zucker und Jod, nach Schnee und Eis. Und auch ein bisschen nach Menschenfleisch.  Oder bilde ich mir das nur ein?  Vor allem aber schmeckt der Sourtoe-Cocktail nach Abenteuer. Da fallen einem Schleppesel ein, die Zelte und Kochgeschirr der Goldgräber transportieren, Campfeuer und gebratene Grizzlytatzen, aber auch kalifornische Girls, die es allen Männern recht machen wollen. Und viel, viel Gold.  Weniger aufregend ist die Gewissheit, nicht der Erste gewesen zu sein, der dieses Stück Menschenfleisch in seinem Mund gehabt hat. Meine Urkunde trägt die Nummer 14 376

Den aktuellen Bericht über den jetzt gestohlenen Sauerzeh finden sie >> HIER <<

UPDATE: Der gestohlene Zeh ist wieder da!

Der Vagabund in meinem Vater

Unser Sohn Cassian mit meinem Vater im Sommer 1993

In Kanada ist heute Vatertag. Kinder beglücken ihre Väter mit Einladungen und Geschenken. Ich erinnere mich an meinen Vater. Er wurde am 3. Februar 1914 geboren und starb 80 Jahre später.

Es ist nicht schwer, ein guter Vater zu sein. Alles, was dazugehört, ist Liebe. Mit der Liebe kommt die Verantwortung. Mit der Verantwortung das Umsorgen. Und jemanden zu umsorgen, sich um ihn oder sie zu kümmern, ist nichts anderes als diesen Menschen zu lieben.

„Wenn ich alt bin“, sagte mir neulich ein Bekannter, „wäre ich gerne ein guter, gütiger und weiser Vater gewesen“.

Bin ich das? Ich weiss es nicht. Ich weiss aber, dass ich das unverschämte Glück hatte, einen tollen Vater gehabt zu haben. War er ohne Fehl und Tadel? Sicher nicht. So wenig wie die meisten von uns.

Mein Vater Anton Bopp, ca. 1965

Um nicht in die Huldigungswelle der „besten Väter der Welt“ zu verfallen, die an diesem Tag vor allem die Sozialen Medien überschwemmt, sei mir erlaubt, das letzte Kapitel aus meinem Roman Das gibt sich bis 1970 zu posten.

Vater, der nie Vagabund sein durfte

Valentina Esmeralda Alcántara-Cardeñosa hat mein Leben in so mannigfacher Weise geprägt, verändert und durcheinander gebracht. Mit ihr und wegen ihr habe ich all die Höhen und Tiefen erlebt, die so ein Menschenleben ausmacht.

Manchmal können Schmerzen, die man anderen zugefügt hat, ein Leben bereichern. Meine leidgeprüften Eltern haben ihrem ungehorsamen Jüngsten nicht nur verziehen, sie waren mit zunehmendem Alter sogar mächtig stolz auf ihn.

Vor allem Vater ließ keine Gelegenheit aus, den Vagabunden von damals immer wieder ins Gespräch zu bringen, oder, zu meinem Leidwesen, auch regelrecht vorzuführen. Wenn Kunden, Pinselverkäufer, Farbenvertreter oder auch der Pfarrer Dannecker bei uns zu Gast waren, wurde ich auf Geheiss des Vaters zum Plappermaul.

Ich erzählte dann von Tapas und Tipis und Valentina, aber auch von einer gestohlenen Gitarre und einem guten Menschen namens Jesus. „Komm, sag mal dem Herrn Diplumingeniör, wie ihr damals in der Telefonzelle eingeschlafen seid“. Oder: „Wie war das nochmal, als du mit Herrn Nimetz im Obstlastwagen nach Berlin gefahren bist und die Vopos dich an der Zonengrenze aus der Schlafkabine rausgeholt haben?“

Ein Glück, dass ich Vater die Episode mit Manon aus Marseille nie erzählt habe. Sonst wüsste heute das ganze Dorf über meine Französischkenntnisse Bescheid.

Häufig blitzte aus Vaters blauen Augen unverhohlene Bewunderung für seinen Sohn, der ihm ein Leben vorgelebt hat, das eigentlich für ihn bestimmt war. Es hätte gut zu ihm gepasst, sich mit der Gitarre in der Hand in die Herzen von Menschen zu spielen, die bis dahin noch nie einen langhaarigen Tramper aus Alemania gesehen hatten.

Vaters Pech war, dass er in einer Zeit groß geworden ist, als Orte wie Salceda de Caselas noch weiter von Ummendorf entfernt waren als Neptun von der Erde. Und Frauen mit Namen wie Valentina Esmeralda Alcántara-Cardeñosa nicht einmal in Groschenromanen vorkamen, die selbst noch im Bahnhofskiosk zu Ladenhütern wurden.

Und Valentina? Natürlich hat sie bei dem etwas zu blauäugigen Jungen, der ich damals war, tiefe Wunden hinterlassen. Aber für den Schmerz, den sie mir zugefügt hat, bin ich ihr heute unendlich dankbar. Sie weiss es nicht und wird es vermutlich nie erfahren. Aber es war gar nicht die Lust auf Liebe, die mich zu ihr geführt hatte.

Es war die Lust auf das Abenteuer.  

 

 

Montréal – ein teures Vergnügen

Baukegel als Schlüsselanhänger: Montreals neuestes Wahrzeichen. Foto: Bopp

Entschuldigung, aber ich muss hier mal den Spielverderber spielen. Die Preise in Montreal sind einfach abartig. Das fällt einem natürlich besonders auf, wenn man zwischendurch mal für fünf Monate weg war wie wir.

Schon klar: Man kann Äpfel nicht mit Birnen vergleichen und spanische Oliven nicht mit Weintrauben aus Québec. Aber was mir seit unserer Rückkehr aus Mallorca an Preisen für ganz alltägliche Dinge wie Haushaltsgegenstände, aber auch Lebensmittel begegnet, macht mich sprachlos und irgendwo auch wütend.

Neulich vor dem Kino: Ein Glas Pino Grigio für SIE, ein stinknormales Bier für mich. Macht zusammen FÜNFUNDZWANZIG Dollar! Vorgestern: Zwei mittelmäßige Tassen Cappuccino mit Selbstbedienung in einem Café mit Schmuddeltoilette: NEUN Dollar! Gestern für einen dieser gelben Stroh-Kehrbesen made in China: SIEBZEHN Dollar. Eine Grapefruit in der Markthalle: ZWEI Dollar.

„Sündensteuer“ für Alkohol und Zigaretten

Alkohol und Zigaretten waren in Kanada schon immer mit der „Sündensteuer“ belegt (heißt im Volksmund tatsächlich „sin tax“). Aber was inzwischen als Ausgangspreis für eine ganz normale Flasche Prosecco verlangt wird, ist keine Sünde, sondern müsste bestraft werden: ACHTZEHN Dollar.

Nur: Wen soll man denn bestrafen? Die Wirte, die den Hals nicht voll bekommen? Die Regierung, die hier bei jedem Kauf gleich mit zwei Steuerforderungen hinlangt – Staat und Bundesland? Die Kunden, die das alles einfach so hinnehmen? Alle zusammen?

Gefängnisgitter statt Blumenkübel

Ganz ehrlich? Viele Gastronomen tun mir leid. In meinem Stadtteil ist seit Monaten die wichtigste Durchgangsstraße aufgerissen. Meterhohe Bauzäune ragen bedrohlich wie Gefängnisgitter in die Höhe. Statt Blumenkübel vor den Fenstern reihen sich Hunderte von „orange cones“ aneinander. Die Straßenmarkierungskegel gelten als das neue Wahrzeichen Montreals. Sie werden inzwischen – „Souvenir de Montréal“ – als Schlüsselanhänger angeboten. Aus Plastik. Made in China. Zum Stückpreis von VIER Dollar.

Keine Angst, Opa erzählt jetzt nicht vom Krieg. Aber interessant ist es trotzdem:

Als ich vor 35 Jahren nach Kanada ausgewandert bin, fielen mir als Erstes an den Tankstellen die „24“-Schilder auf. Ich dachte zunächst, es handle sich dabei um die „24 hours“-Schilder, denn von den irren Ladenöffnungszeiten hatte ich schon gehört. Aber nein. Die „24“ bezogen sich auf den Benzinpreis. Nicht für einen Liter. Für EINE GALLONE. Das sind ca. viereinhalb Liter. Die Preise hielten sich übrigens ziemlich konstant bis zur Ölkrise, dann kletterten sie langsam hoch, fielen aber später wieder stark zurück.

Noch vor wenigen Jahren konnte ich beim Inder meines Herzens ein dreigängiges Menü für unter zehn Dollar bestellen. Mit Vor- und Nachspeise, Kaffee inklusive.

Dann, fast über Nacht, kletterten die Preise für fast alles, was es hier zu kaufen gibt, ins Unermessliche. Das ist keine Übertreibung. Was nicht oder kaum gestiegen ist, sind Löhne und Gehälter. Und natürlich freut sich der Durchschnitts-Kanadier in seiner Bescheidenheit noch immer über seine zwei bis drei Wochen Jahresurlaub. Und meckert nicht, weil er es nicht anders kennt.

110 Dollar für den Osterbrunch – pro Person

Mein Freund Marc, kein schlechter Verdiener, lud seine komplette Familie, einschließlich Schwiegereltern, zum Oster-Brunch in einem – zugegeben – sehr ordentlichen Hotel ein. Die Rechnung: EINHUNDERTZEHN Dollar. Pro Person. Dass sich seine 83jährige Mutter für die 110 Dollar am Büffet mit einem Glas Orangensaft und einer Portion Rührei begnügte, ist zugegebenermaßen nicht dem Restaurant anzulasten.

Woher die Kohle für all die Anschaffungen kommt, erklärte mir neulich meine Nachbarin Vivi. Sie ist Bankerin und hat Preisentwicklungen im Blick. „Schulden“, sagt sie. „Die meisten Leute, die ich kenne, sind hoch verschuldet“. Für Immobilien sowieso, aber auch für Autos, Rasenmäher, E-Bikes und selbst Urlaubsreisen werden Kredite aufgenommen. Sie kenne Leute, bei denen sich bis zu zehn verschiedene Kreditkarten im Portemonnaie stapeln.

Jeder Kanadier steckt mit 30.000 Dollar in der Kreide

Was die Überschuldung angeht: Vivi hat Recht. Zufälligerweise las ich am Morgen nach unserem Gespräch auf der Webseite der CBC: Im Schnitt ist jeder Kanadier mit 21,696 Dollar verschuldet. In dieser irrsinnigen Summe sind nicht einmal Hypotheken für Immobilien mit eingerechnet.

In Wirtschaftsfragen kenne ich mich über den Bierpreis hinaus nicht besonders gut aus. Aber das alles hört sich für mich nicht gesund an.

Man könnte es auch so formulieren wie mein Steuerberater: „Würde ich angesichts der abartigen Preise jedes Mal den Kopf schütteln, hätte ich permanent Nackenprobleme“.

Montréal: Wir sind angekommen!

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An Tagen wie diesen fällt es nicht schwer, sich nach fünf Monaten Mallorca wieder in Montréal heimisch zu fühlen.

Mallorca hat das Meer und die Berge. Aber Montréal immerhin den Sankt-Lorenz-Strom und den Mont-Royal.

Beim Blick von der 50 Meter hohen Jacques-Cartier-Brücke in die Tiefe des Flusses fühlt es sich an, als würde Old Man River an diesem Formel-Eins-Wochenende eigens für die angereisten Touristen aus aller Welt noch einen Zahn zulegen.

Hochsommerliche Temperaturen. Freundliche Menschen. Schrille Charaktere. Eine begnadete Skyline. Und immer dabei dieses berühmte Montrealer Je ne sais quoi.

„Ich hatte keine Ahnung“, sagt der erst vor drei Monaten zugewanderte Belgier bei einer zufälligen Begegnung auf der Casino-Brücke, „dass Montréal dieses internationale Flair einer Weltstadt-Metropole hat“. Jetzt weiss er es.

Wenn dann am Ende der 16 Kilometer langen Stadtwanderung noch ein zauberhaftes Essen bei der Stamm-Vietnamesin auf einen wartet, darf der Tag getrost unter der Rubrik „angekommen!“ abgehakt werden.

Ein paar Takte „Montréal zu Fuß“ finden Sie beim Anklicken der Bildergalerie.

Tag drei nach dem Aufprall

IMG_6814Dritter Tag nach der Rückkehr aus dem Winterdomizil auf Mallorca: Geht so. Keiner hat sich gemeldet, der die Wolken wegschieben möchte. Und die Batterie im Türöffner des Autos hat auch schlapp gemacht.

Dafür meldet sich die Alarmanlage. Sie glaubt im Ernst, es hätte einer den Versuch gemacht, den Wagen zu klauen. Meinen Wagen! Lassen sich eigentlich heutzutage keine Autotüren mehr mit dem Schlüssel öffnen, ohne gleich ein Heulen und Zetern auf dem Parkplatz beim Supermarkt zu entfachen? Wie peinlich!

Peinlich ist es auch, anschließend im Drogeriemarkt aufzutauchen, vermeintlich mit der Musterbatterie für den Türöffner in der Hand. Nur um an der Kasse festzustellen: Die Hand ist leer. Die Batterie hat irgendwo auf dem Parkplatz ihre letzte Ruhe gefunden.

Der begossene Pudel will unverrichteter Dinge wieder abziehen, doch die junge Verkäuferin hat ein Herz für vergessliche Snowbirds. „Atmen Sie jetzt einfach mal ganz tief durch … sooooo …“, sagt sie, und atmet ganz tief durch. „Dann werden wir die richtige Batterie schon finden“.

Und hat sie auch prompt gefunden. Nur um am nächsten Tag beim Kleenex-Kauf frech-süffisant zu fragen, ob heute alles in Ordnung sei. Die Gnade der Jugend.

Und sonst? Waren Behördengänge angesagt, bei denen natürlich das wichtigste Dokument fehlte. Wurde unmittelbar vor mir ein nagelneuer Lexus von einem Lkw zerlegt. War die Waschanlage meines Herzens geschlossen, weil kurz zuvor ein Kompressor explodiert war.

Und Allan von der Autowerkstatt um die Ecke freute sich wie ein Schneekönig, dass ich über einen Autodiebstahl Bescheid weiss, der sich im Februar auf seinem Hof ereignet hatte.

Der Schaden? „Nicht der Rede wert, zahlt die Versicherung“. Aber: „Hey Boys, Herby hier hat in Spanien davon gelesen. IN SPANIEN!!! Wie cool ist das denn?“ Und, ja, Allan weiss, dass es das Internet gibt. Er hatte es in der Aufregung um dieses globale Event einfach vergessen.

Und jetzt: Steuersachen erledigen. Vorher aber noch Batterien und Papierrolle in der Rechenmaschine austauschen.

Und in drei Stunden gibt’s ein Wiedersehen mit einem alten Freund. Nach fünf Monaten! Im Museums-Café.

Der Nachmittag ist auch schon gebongt: Fernseh-Fußball mit dem Nachbar. Mit Wein und Fisch in der Salzkruste. Madrid wird’s schon richten.