Freitagabend in Hochelaga: Zu Gast bei Julian, Meriem und Bob Marley

Der Barbier von Hochelaga. © Alle Fotos: Bopp

Wer einen Freitagabend im Montrealer Stadtteil Hochelaga verbringt, braucht schon einen Grund. Preise für geglückte Städteplanung wird das „Quartier“ tief im Osten der Stadt wohl genau so wenig einheimsen wie Sterne für kulinarische Höchstleistungen der Restaurants. Von ihnen scheint es in Hochelaga noch weniger zu geben als Papierkörbe. Und das will etwas heißen.

Warum dann die zehn U-Bahn-Stationen von St. Henri nach Hochelaga auf sich nehmen? Zum Beispiel, weil dort Julian und Meriem wohnen. Zwei Zugezogene die noch dabei sind, in Montreal richtig Fuß zu fassen.

Meriem stammt aus Tunis und forscht als Wissenschaftlerin an der Früherkennung von Gehirntumoren. Julian kommt aus Saarbrücken. Als freier Journalist beliefert er deutschsprachige Medien mit Korrespondenten-Beiträgen.

Beide sind um die 30. Montreal haben sie sich ausgesucht, weil es sich hier gut forschen, leben und arbeiten lässt. In den Stadtteil Hochelaga hat es sie eher zufällig verschlagen. Vielleicht haben auch die vergleichsweise niedrigen Mietpreise eine Rolle gespielt.

Wer in Hochelaga lebt, spielt zwar nicht in der Porsche-Liga. Doch die Gegend hat auch ihren Reiz. Die Mischung aus geerdeten Quebecern und  hippen Zugezogenen verleiht Hochelaga eine urbane Coolness. Vor allem unter der U40-Generation ist Hochelaga wegen der Nähe zur Innenstadt eine gefragte Location. Nicht ohne Folgen: Die demografische Zusammensetzung schafft, wie in einigen anderen Montrealer Stadtteilen auch, Konflikte. Der Begriff „Gentrification“ ist zum Reizwort für alles geworden, was man sich gerne leisten würde, aber nicht kann.

Wenn man erst einmal die Eingeweide der Stadt hinter sich gelassen hat, um die Metro-Station Frontenac mit der Rolltreppe zu verlassen, sieht man als erstes „einen Polen“. Ich meine das nicht despektierlich, aber ich weiss nicht, wie ich es sonst formulieren könnte. Es ist kein Restaurant und auch keine Backstube. Für einen Feinkostladen fehlt ihm der Schliff. Die Perogies, die „der Pole“ an der Ecke anbietet, sind lecker. Ich kenne sie von früheren Besuchen.

Überhaupt ist mir Hochelaga ziemlich vertraut. Als unsere Freundin Marjolaine im Herbst 2011 Wahlkampf für die links-soziale NDP machte, klebten wir nächtelang Plakate für sie. Ihr Wahlbezirk ist Hochelaga. Nicht nur hat sie damals den Einzug ins Bundesparlament geschafft. Sie ist vier Jahre später auch mit Glanz und Gloria wiedergewählt worden. Bodenständigkeit und Fleiß werden in Hochelaga belohnt.

Hat man „den Polen“ beim U-Bahnhof erst einmal hinter sich gelassen, geht es zu Fuß in Richtung Westen. Während in der Montrealer Innenstadt um diese Zeit der Bär tanzt, scheint er in Hochelaga in einen verfrühten Winterschlaf verfallen zu sein. Tote Hose so weit das Auge reicht.

Doch dann plärrt dir plötzlich Reggaemusik entgegen. Klar, dass dich in diesem Augenblick nichts brennender interessiert als die Frage: Wo steckt Bob Marley?

Er steckt nicht, er hängt. Und zwar ziemlich genau eine Kopflänge über dem Schädel, den ein Kerl im Reggaelook gerade barbiert als gelte es Udo Walz Konkurrenz zu machen.

„Darf ich reinkommen“? Man will ja nicht stören. „Have a seat, man“, sagt der Kerl.

Aber ich will nicht sitzen und ohnehin eignet sich mein Haupthaar nicht für Dreadlocks. „Darf ich fotografieren“?, frage ich den Reggaeman. „Shoot!“, sagt der. Und richtet die linke Hand in Pistolenposition auf mich, während die Rechte weiterhin Udo Walz spielt. Ich zücke mein Handy und schieße zurück.

Was macht man, wenn man eine halbe Stunde zu früh für die Essenseinladung vor dem Haus der Gastgeber steht? Man geht einfach weiter. Durch Wohnstraßen, in denen die Fenster verbarrikadiert sind, vorbei an zugenagelten Geschäftsräumen, in denen das „à louer“-Schild an bessere Zeiten erinnert. Gute Nacht, Hochelaga.

„Bistro sur la Rivière“ – auch ohne Bach ein hübscher Platz.

Und dann, als es schon fast Zeit für den Dinnerbesuch ist, baut sich vor dir ein herrlich verträumtes Bistro auf, mit dem wunderschönen Namen „Bistro sur la Rivière“. Wen stört’s, dass es an dieser Ecke weit und breit keinen Bach gibt, der den Namensgeber inspiriert haben könnte.

Die Speisekarte liest sich lecker. Jetzt meldet sich auch schon der 19-Uhr-Hunger. Gleich wird Julian eine herrliche Gemüsesuppe servieren, deren Namen ich vergessen habe. Und Meriem, die Vegetarierin, kredenzt ein Couscous ähnliches tunesisches Pasta-Gericht mit Gemüse, dazu selbst gebackenes Brot und Hühnchenbrust für die beiden Fleischesser am Tisch.

Nwasser: Lecker – ob mit oder ohne Fleisch.

Man isst und redet, trinkt Kombucha und Wein, isst weiter und hätte an diesem Abend vermutlich sämtliche Probleme der Welt durch reden aus der Welt geschaffen, wäre da nicht die letzte U-Bahn, die einen zurück nach St. Henri bringt.

Übrigens wurde Hochelaga von den Irokesen gegründet. Als der Entdecker Kanadas, der Franzose Jacques Cartier, 1535 dort anlegte, um den Indianern als erster Europäer einen Besuch abzustatten, schüttelte er die Hände der Ureinwohner. Das fanden sie lustig und nannten sich künftig Hochelaga.

Es bedeutet „Menschen, die Hände schütteln“.

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Alter Hase oder junger Hüpfer?

© MONTREAL GAZETTE

Montreal wählt am 5. November einen neuen Oberbürgermeister. Es könnte aber auch eine Oberbürgermeisterin werden. Neben dem mit allen Wassern gewaschenen Amtsinhaber Denis Coderre kandidiert auch eine junge Frau namens Valérie Plante. Was nun: Mann oder Frau? Alter Hase oder junger Hüpfer? Leider brachte auch die gestrige Debatte der beiden Kandidaten nicht die erhoffte Eingebung.

Ich werde das Gefühl nicht los, als wolle das Jahr 2017 meine Entscheidungsfähigkeit testen. Schon bei der Bundestagswahl im September kam ich bei der Ausübung meines (Brief-)Wahlprivilegs an meine Grenzen. Und jetzt, kurz vor der OB-Wahl in eineinhalb Wochen, übermannt mich erneut dieses Gefühl einer demokratischen Ohnmacht.

Mag das Rampenlicht: Denis Coderre.

Denis Coderre ist ein sympathischer Typ. Ein kompakt geratener Mann, der mit seinen 54 Jahren mit allen politischen Wassern gewaschen ist. Er gilt als unermüdlicher Macher und fleißiger Networker. Als einer, der nicht müde wird, auch Ministerpräsidenten und Staatschefs in die Pflicht zu nehmen, wenn es darum geht, Subventionskohle in seine Stadt zu scheffeln.

Seit vier Jahren ist er im Amt. Offiziell parteilos, aber bis zu seiner kommunalpolitischen Karriere saß er für die Liberalen als Bundesminister in Ottawa. Er ist der Mann, der polarisiert.

Man liebt ihn, weil er die zweitgrößte Stadt Kanadas in genialer Weise als Metropolis vermarktet.

Man hasst ihn, weil er sich ein Denkmal nach dem anderen setzt und die Stadt durch irrsinnig viele Baumaßnahmen in ein nie dagewesenes Verkehrschaos stürzte.

Eine 40 Millionen Dollar teure Beleuchtung für die eigentlich sanierungsbedürftige Jacques-Cartier-Brücke? No problem! Oder 3,5 Millionen Dollar teure Baumstümpfe aus Marmor, die so spektakulär unauffällig in eine Waldlandschaft geworfen wurden, dass man sie mit der Lupe suchen muss? Pourquoi pas?

Ob Kunst am Bau oder Kunst am Baum – bei Denis Coderre darf’s gerne ein bisschen teurer sein.

Frisch und fröhlich: Valérie Plante.

Anders bei Valérie Plante. Sie ist mit ihren 43 Jahren zumindest in politischer Hinsicht ein junger Hüpfer. Als Nachrückerin kam sie erst vor einem Jahr völlig überraschend ins Stadtparlament. Dort leistete sie bisher eine fabelhafte Arbeit in der Opposition. Ihr Ding waren bis vor kurzem noch unterprivilegierte Kinder, obdachlose Ureinwohner und geschlagene Frauen. Kein Zweifel: Valérie Plante ist ein guter Mensch. Und kein bisschen weniger sympathisch als ihr Gegenspieler. Aber hat sie das Zeug zur Oberbürgermeisterin einer kunterbunt-chaotischen Millionenstadt wie Montreal? .

Die Debatte gestern Abend war unerwartet spannend. Weniger wegen der angesprochenen Themen. (Die meisten von ihnen waren durchgekaut worden, noch ehe der Wahlkampf eröffnet wurde). Was mich verblüfft hat, war die – für kanadische Verhältnisse – ungewöhnliche Streitkultur, die Coderre und Plante an den Tag legten. In der voll besetzten Oscar Peterson Concert Hall der Concordia University flogen eineinhalb Stunden lang die Fetzen.

Braucht ein Oberbürgermeister wirklich drei Chauffeure, die ihn Tag und Nacht durch das von ihm verursachte Baustellen-Labyrinth der Stadt jonglieren? Oder tut es auch ein Elektroauto, das Valérie Plante für wenig Geld notfalls selbst steuern würde? „Be careful what you wish for“, strapazierte der gewiefte Amtsinhaber eine Metapher, die nichts anderes bedeutet als: „Leider blickst du gar nichts“.

Dass trotz der hitzigen Debatte ein fast liebenswürdiger Umgang miteinander herrschte, mag auch an der Sprache liegen. Gestern wurde ausschlieslich Englisch gesprochen. Sowohl Denis Coderre als auch Valérie Plante sind jedoch Frankokanadier. Die auf Französisch geführte Debatte vor einer Woche verlief vielleicht allein schon deshalb ziemlich unspektakulär.

Vor einem Konzertsaal voll mit Anglokanadiern gelten andere Spielregeln mit anderen sprachlichen Herausforderungen. Beide Kandidaten haben sie mit Bravour gemeistert.

Mir scheint: Egal, wer am 5. November das Rennen macht – die Stadt meines Herzens wird von einem feinen Menschen regiert.

Übrigens: Am Rande der Debatte kam gestern ein Videojournalist der Montreal Gazette auf mich zu. Er fragte mich nach meinen Eindrücken. Den Clip dazu gibt’s  >> HIER <<

Mit Mike und Kate durch Montreal

Montreal Memories: Mike Fox mit seiner Frau Kate Rew.

Als ich Michael Fox im Herbst 2001 kennenlernte, fielen mir zunächst seine riesigen Schuhe auf. Größe 49. Manchmal, sagte er, nehme er auch Größe 50. Ich kannte bis dahin keinen, der auf so großem Fuß lebte. Einen körperlich so imposanten Menschen wie ihn vergisst man nicht mehr. Erst recht nicht, wenn einen ein Terroranschlag in New York zusammenschweißt. Jetzt besuchte uns Mike Fox zusammen mit seiner Frau Kate Rew in Montreal.

Unmittelbar nachdem Terroristen am 11. September 2001 in New York zwei Wolkenkratzer gefällt hatten, waren Mike und ich vor Ort. Er berichtete für die British Broadcasting Corporation (BBC) über 9/11, ich schrieb für die Internetredaktion des WDR das „NEW YORKER TAGEBUCH“ .

Beide arbeiteten wir zu jener Zeit von Montreal aus als Korrespondenten. Weil der Luftraum über Nordamerika jedoch kurz nach den Terrorangriffen für den Flugverkehr geschlossen wurde, machten wir uns auf dem Landweg von Montreal nach New York. Mike wählte den Mietwagen, ich die Bahn.

In Manhattan trafen wir uns wieder und bildeten während der kommenden zehn Tage ein Reporterteam. Im Tandem ließ sich das Leid besser ertragen, mit dem wir Tag für Tag, Nacht für Nacht konfrontiert wurden. Den achtstündigen Rückweg von NYC nach Montreal traten wir gemeinsam an. Diesmal im Auto. In stundenlangen Gesprächen versuchten wir das Unfassbare aufzuarbeiten, das wir gerade erlebt hatten.

Seit diesen denkwürdigen Tagen in New York haben wir uns immer wieder gesehen – auch dann noch als Michael Fox längst wieder im BBC-Mutterhaus arbeitete. Wir trafen uns in Kanada, in England und auf Mallorca. In London gab mir Mike unvergessliche Einblicke in seine Stadt, die nur einer geben kann, der in London geboren wurde.

Reporter unter sich: 2016 auf Mallorca.

Auf Mallorca dann die Rollenverteilung. Diesmal durften Lore und ich ihm „unsere“ Insel zeigen, die für uns seit neun Jahren Winterquartier ist. Doch auch auf Mallorca war Michael kein Tourist wie jeder andere. Er mietete sich ein Rennrad, trat mit seinen großen Füßen in die Pedale und erkundete die Insel bei Wind und Wetter.

Das jüngste Wiedersehen in Montreal fand unter den schönsten aller Voraussetzungen statt. Strahlender Sonnenschein, 24 Grad. Gute Laune und weit und breit kein Terroranschlag. Perfekt für eine rund 18 Kilometer lange Stadtwanderung, die wieder einmal bei der Vietnamesin unseres Herzens ein kulinarisches Ende fand.

Gestern auf der Jacques-Cartier-Brücke: Mike und Kate.

Lore und ich haben diese Strecke schon häufig zurück gelegt. Doch diesmal war nicht nur Michael dabei, sondern auch dessen Frau Kate Rew. Eine beeindruckende Persönlichkeit mit einer eigenen Geschichte, die diesen Blogpost sprengen würde. Nur so viel: Mit einem Pariser Sorbonne-Studium in der Tasche arbeitete sie für den British Council in Moskau. Der Präsident hieß damals Boris Jelzin.

Seit unserer ersten Begegnung vor 16 Jahren hat sich das Leben von Mike und Kate grundlegend geändert. Die beiden Jungs Oscar und Barney sind jetzt erwachsen. Kate und Mike haben sich, könnte man sagen, noch einmal neu erfunden.

Mike, ein brillanter Radioprofi in Festanstellung beim wohl renommiertesten Sender der Welt, hat sich mit Mitte 50 von der BBC und damit vom Journalismus verabschiedet. Zusammen mit Kate legte er sich in der englischen Kleinstadt Crewkerne/Somerset ein stillgelegtes Fabrikanwesen zu, eine Art Dorf im Dorf – mit Bäckerei, Klavier- und Orgellehrer und allem, was sonst noch zu so einem Dorfleben gehört. Die Beiden haben das Anwesen mithilfe von Handwerkern aus dem Ort in jahrelanger Arbeit selbst umgebaut.

Auf großem Fuß: Schuhgröße 49 bis 50.

Ein Leben so ganz ohne Journalismus für einen, der mit Leib und Seele Reporter war – geht das überhaupt? Doch, schon, sagt Mike. Aber der Wechsel vom Wortschmied zum Handwerker verlief nicht immer ganz geschmeidig. Es zieht ihn zurück zur Schreibe.

Ein eigener Blog, das wär’s. Oder ein Buchprojekt. Das Thema „Radfahren ohne Gangschaltung“ interessiert ihn sehr.

Ob mit oder ohne Gang – bei einem wie Michael Fox wäre das Lesevergnügen garantiert.

Die Stimme Kanadas im Radio

Radio Canada International, deutsche Abteilung. Von links nach rechts: Georges Lissoir, Margaret Schwaikowsky, Gunter Michelson, Erwin Potitt, Herbert Bopp, Maggy Akerblom

„Hier spricht Kanada“ – dieser Satz hat jahrzehntelang Menschen in aller Welt bewegt, berührt und neugierig gemacht. Denn was auf die Anmoderation folgte, war eine halbstündige Live-Sendung in deutscher Sprache. Übertragen wurde sie von Radio Canada International (RCI), dem Auslandsdienst der Canadian Broadcasting Corporation (CBC).

Zu Beginn der achtziger Jahre war ich Teil der deutschen Redaktion, moderierte die Sendung, produzierte Beiträge, ging auf Reportage. Als ich danach Freier Kanada-Korrespondent für die Sender der ARD wurde, blieb keine Zeit mehr für Radio Canada.

Eigentlich schade, denn die Jahre, die ich in den Studios am Boulevard René-Lévesque im Osten von Montréal verbrachte, gehören in beruflicher Hinsicht zu den spannendsten meiner Kanada-Zeit. Das Arbeitsumfeld glich einer Miniaturausgabe der UNO. Das Sprachengewirr, das internationale Flair, das uns damals umgab, beflügelte die Sinne und sorgte für Kreativität im Kopf.

Beim Open House der CBC vor ein paar Tagen gab es jetzt eine ernüchternde Bilanz.

Von den ursprünglich 21 Sprachabteilungen bei RCI sind gerade noch drei geblieben: Englisch, Spanisch und Mandarin. Die anderen wurden aus Kostengründen gestrichen. Und überhaupt war die Zeit für das Rauschen im Aether abgelaufen. Die Kurzwelle hatte ihre Zukunft hinter sich.

Beim „Tag der offenen Tür“ mit dem Leiter der lateinamerikanischen Abteilung, Dr. Pablo Gomez Barrios aus Kolumbien.

Bei der Gründung des staatlichen Auslandssenders im Jahre 1945 wurde noch in Sprachen wie Schwedisch, Norwegisch, Dänisch und Portugiesisch gesendet. Und natürlich war es Aufgabe des Senders, die Länder des Ostblocks mit unzensierten West-Nachrichten zu beliefern. Bis zu 16 Millionen Hörer schalteten sich pro Woche in die Sendungen ein.

Mit dem Ende des Kalten Krieges und der Einführung des Internets hatten Kurzwellen-Sendungen ihre Daseins-Berechtigung verloren. Geblieben ist noch ein Skelett von Englisch, Spanisch und Chinesisch.

Herrenrunde mit Geschichte(n): Dr. Klaus Fleck aus Berlin, ein langjähriger Hörer von Radio Canada International. Dr. Peter Bernath, früher Berlin, heute Sherbrooke/Québec, ehemaliger Moderator der deutschsprachigen Sendung, am vorigen Freitag (6-10-2017) mit dem Autor im Carré St. Louis in Montréal.

Meine Erinnerungen an Radio Canada International sind trotz des Spaßfaktors bittersüß. Ein gut aufgelegtes Team sorgte täglich für 30 Minuten Information und Unterhaltung. Doch von den Männern und Frauen, mit denen ich bei RCI zusammen arbeiten durfte, sind gerade noch zwei am Leben: Maggy Akerblom und Dr. Peter Bernath. Beide wohnen noch immer in Kanada. Mit beiden bin ich noch immer eng befreundet.

Nicht mehr am Leben sind Margret Schwaikowsky, Erwin Potitt, Gunther Michelson sowie der Leiter der Programmgruppe Westeuropa, der Belgier Georges Lissoir.

Der „Tag der offenen Tür“ bei meinem ersten und einzigen kanadischen Radiosender, für den ich je gearbeitet habe, brachte viele Erinnerungen zurück. Doch dabei blieb es. Persönliche Begegnungen mit früheren Kolleginnen und Kollegen waren mir leider nicht mehr vergönnt.

Hintergründe und Videos zu Radio Canada International gibt’s >> HIER <<

Kanada: Hitzewelle im Herbst

Lassen Sie uns ausnahmsweise mal übers Wetter reden. Es ist Ende September und es ist heiß und schwül und wir sind in Kanada. So extrem ist die Hitze, die hier schon seit Tagen herrscht, dass selbst der Marathonlauf für den kommenden Sonntag abgesetzt wurde. Voraussichtliche gefühlte Temperatur: Bis zu 38 Grad Celsius.

„Ich hasse es“, schreibt mein Kumpel Jean auf Facebook. Die Temperaturen seien in der Stadt schier unerträglich. „Ich habe nichts dagegen“, sagt die Frau an meiner Seite. Und ich? Ich liebe diesen Hochsommer, der sich Herbst nennt. Der nächste Winter kommt noch früh genug. Und der kennt in Kanada keine Gnade.

Wir haben das Glück, ein kleines Fleckchen Paradies in der Wildnis zu besitzen. Zwei Stunden nördlich von Montreal liegt der Lac Dufresne. Dort flimmert die Luft zwar an diesem Freitagnachmittag um halb vier auch. Aber die Hitze ist erträglich. Und überhaupt: Das Seewasser lädt zum Baden ein, wenn’s am Ufer dann doch zu heiß werden sollte.

Wer in Kanada lebt, muss mit Wetterextremen rechnen. In Miami haben sie den Hurrikan, in Montreal sind es Schneesturm oder Eisregen. Oder eben eine Hitzewelle im September.

Als ich während meines bewegten Kanada-Lebens mal für kurze Zeit in Calgary am Fusse der Rocky Mountains lebte, spielte Petrus auch dort verrückt. Ich erinnere mich an einen Hörfunk-Beitrag, den ich an einem Tag gemacht habe, an dem das Thermometer 32 Grad anzeigte. PLUS! Und es war Februar! „Petrus spinnt!“, moderierte der Kollege im ARD-Studio die Sendung an. Diesen Satz habe ich nie vergessen.

Die meisten Kanadier tragen die Wetterkapriolen mit Fassung. Ein Nachbar, dem ich einmal bei minus 30 Grad im Schneegestöber begegnet bin, murmelte unter seinem gefrorenen Vollbart hervor: „Wenigstens keine Moskitos heute.“

Kann man so sehen.

Auch das ein Vorteil des späten Sommers: Stechmücken gibt es so gut wie keine mehr. Die Nächte sind nicht mehr so schwül wie im Juli und August. Und der Holzofen ist zurzeit ein Dekorationsstück, das den Winter lediglich erahnen lässt.

Bis Mitte nächster Woche soll die Hitzewelle noch anhalten, eigentlich perfekt, um so lange am See auszuharren. Aber wie das so ist im Leben: Auch als Rentner hat man Termine in der Stadt. Also geht es noch heute zurück in den Glutofen Montreal.

Den Prosecco, vermute ich mal, hat mein Kumpel Jean schon auf Eis gestellt.

 

Der Tag, als Norbert von uns ging

norbert

Der SWR3-Moderator Norbert Diener ist tot. Copyright: SWR

Heute vor einem Jahr ist mein Freund und Kollege Norbert Diener gestorben. Er wurde gerade mal 61 Jahre alt. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht um diesen ausserordentlichen Menschen trauere.

Mit seiner Witwe Sandra bin ich sporadisch in Kontakt. Sie sagt, es gehe ihr langsam wieder besser. Die Lücke, die Norbert hinterlassen hat, wird freilich nie mehr zu füllen sein. Seine liebenswerte Art, gepaart mit hoher fachlicher Kompetenz, hat diesen Mann zu etwas ganz besonderem gemacht.

Kein Wunder, dass der Blogpost, den ich kurz nach seinem Tod geschrieben hatte, häufiger angeklickt wurde als jeder andere Beitrag, den ich seit Bestehen dieses Blogs veröffentlicht habe.

Zur Erinnerung an den SWR3-Moderator Norbert Diener hier noch einmal der Nachruf vom September 2016:

Mensch, Norbert!

Noch vor 2 Wochen machten wir uns gegenseitig Mut. Ich dir bei deinem Leiden, du mir bei meinem. Bei dir war es der Krebs, bei mir das Gehör. „Lass den Ohren Zeit, bau keinen Stress auf”, schriebst du mir und schicktest 7 (sieben!) Smileys hinterher. Und zum Abschied: „Halt die Schweinsöhrchen steif“.

Ich hatte dir zurück geschrieben, aber du hast nicht geantwortet. Jetzt weiss ich, warum. Gerade mal 61 bist du geworden.

Die „Schweinsöhrchen“ waren das letzte, das ich von dir gehört habe. Und jetzt? Bleibt mir nur noch die Erinnerung. An einen wunderbaren Freund, einen feinen Kollegen. An einen von uns.

Deinen Geburtstag habe ich nie vergessen. War ja auch einfach: Der 21. März ist auch Lores Geburtstag.

Deine Stimme war das, was ich Anfang der 80er-Jahre als erstes von dir mitbekommen habe. Der frischgebackene Kanada-Korrespondent auf SWF3 im Live-Gespräch mit The Voice.

„Am Mikrofon: Norbert Diener“, hast du deine Hörer begrüßt. „Herbert Bopp aus Montreal für SWF3“, verabschiedete sich der Korrespondent. Zwei Jungspunde im Radio. Mann, war das aufregend!

Dutzende Mal waren wir hinterher noch gemeinsam auf Sendung. Und oft haben wir uns, ganz ohne Mikro und Headset, einfach so, über Gott, die Welt, unsere Familien, unsere Kinder, unsere Hunde unterhalten.

Und natürlich über Fußball. „Norbert, alter Borusse“, schrieb heute unser WDR-Kollege Rainer Assion bei Facebook. „Beim nächsten Heimspiel singt die Süd nur für dich: You’ll never walk alone…“.  Unfassbar, dass du es nicht mehr hören kannst.

Später, als du uns in Montréal besucht hast, ein unvergesslicher Dialog. „Was für ein Idiot pfeift denn da die ganze Zeit so verdammt schlecht?“, hast du mich gefragt, als wir auf der Terrasse saßen. „Es ist ein Blue Jay, Norbert“.

Vögel waren nicht deine Stärke. Du warst einer, der sich mit Leder und Denim auskannte. Wie viele Jeansjacken hast du eigentlich verschlissen in den letzten 35 Jahren? Eine, zwei? Ich wette eine BVB-Karte für die Südtribüne, dass du zu deinem eigenen Begräbnis auch in Jeans oder Leder auftauchen würdest, du alter Schimanski.

Oh, Norbert! Warum gibt es nicht mehr von deiner Sorte? So klug, so liebenswert, so hilfsbereit, so geerdet, so Norbert.

Wir lachten zusammen und rauchten und tranken Bier und Wein und Schladerer und schlugen uns die Wampe voll mit allem, was die Küche so hergab. In Montréal, in Hudson, in Baden-Baden, in Köln … immer wieder, irgendwo. Schön war es mit dir immer. Und auch mit Sandy, der tollen Frau an deiner Seite.

Wusstest du eigentlich, dass Lore dich länger kannte als ich? Noch bevor ich den ersten Satz im Radio sagen durfte, warst du bereits in Bettelhofen zu Gast auf der Ranch von Bernd, unserem gewaltigen Freund aus dem Allgäu. Immer dann, wenn sie den Leutkirchern das Aquarellmalen beibrachte, wohnte auch Lore dort. Da hat sie dich kennen gelernt – und später auch mich. Du erinnerst dich: Bernd war es, der den „Verein zur Begrüßung der Morgenröte“ ins Leben gerufen hat. Und wir mittendrin.

Auch Bernd geht es nicht gut, das weisst du ja. Aber wir haben heute, am ersten Tag ohne dich, gemeinsam beschlossen, dass wir „The Last Men Standing“ sein werden. Unser Vermächtnis an dich, Norbert.

Mein Gott, was haben wir gefeiert! Du, Bernd, Frank, ich. Mit und ohne unsere Frauen. Manchmal kam Andreas Ernst dazu und haute noch einen drauf: „Was haben wir früher gelacht!“, sagte er dann – und kriegte sich kaum mehr vor lachen.

Jetzt könnt ihr gemeinsam lachen: Du, Andreas, Manni Bornschein. Und wenn’s zum Weinen mal nicht reicht, lache ich einfach mit.

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2004 in Köln: Der Moderator und der Korrespondent.

Ein magischer Morgen am See

Ein Video, das ich auf Facebook gepostet hatte, bekam innerhalb weniger Stunden ungewöhnlich viele „Likes“ und sogar einige „Loves“. Denen unter Ihnen, die nicht in den Sozialen Medien unterwegs sind, möchte ich dieses Video nicht vorenthalten.

Ich habe das Video gestern, an einem herrlichen Spätsommertag, morgens kurz vor sechs Uhr, mit meinem iPhone 6s am Lac Dufresne aufgenommen. Dort, zwei Stunden nördlich von Montréal, 16 Kilometer vom nächsten Tante-Emma-Laden entfernt, ist die Welt meistens noch in Ordnung.

Die Töne der „Loons“, der „Kanadischen Seetaucher“, habe ich nachträglich montiert. Aber es ist genau diese Stimmung, die gerade jetzt zu Beginn des Herbstes am Lac Dufresne herrscht.

Wir sind glücklich und dankbar, dass wir in diesem kleinen Paradies viele Wochen des Jahres verbringen dürfen.

Kreuzfahrt vor der Haustür

Ist es schlimm, wenn man mit knapp unter 70 langsam seine Bucketlist abarbeitet? Wenn man nach und nach daran geht, Dinge zu tun, die man ein Leben lang vor sich hergeschoben hat? Genau das haben wir jetzt gemacht: Eine Kreuzfahrt auf dem Sankt-Lorenz-Strom, von Montreal nach Quebec City. Ein Hauch von Exotik direkt vor der Haustür.

„Kreuzfahrt“ ist ein großes Wort für neun Stunden auf dem Schiff. Aber auch ein passendes. Auf der knapp 60 Meter langen AML Cavalier Maxim gibt es Platz für 750 Passagiere und vieles von dem, was unsere Freunde erzählen, wenn sie von einer „richtigen“ Kreuzfahrt zurückgekommen sind: Gutes Essen, vorzüglichen Service, nette Unterhaltung, tolle Aussichten, verschiedene Ansichten. Und fast immer eine wunderschöne Kulisse vor Augen.

Nein, einen Swimmingpool gibt es auf dem Flussdampfer nicht und auch keine Kletterwand für die Kinder. Aber zwei Speisesäle mit vorzüglicher Küche, eine Bar und ein paar Aussendecks.

Beeindruckend schon das Ablegen kurz nach Sonnenaufgang vom Montrealer Hafen. Unter der Jacques-Cartier-Brücke hindurch geht es im Radfahrtempo in Richtung Nordosten. Vorbei an Inseln mit bunten Sommerhäuschen drauf, vorbei auch an Raffinerien, verdreckten Fabrikanlagen und blitzsauberen Farmen, deren Getreidesilos dem Flussreisenden wie mit ausgestreckten Fingern schon von weitem zuwinken.

Während zum Frühstück Croissants serviert werden, ziehen vor deinem Panoramafenster Containerschiffe an dir vorbei, als sei es das Natürlichste der Welt, Autos, Umzugsgüter und Kühlschränke über einen Fluss zu schippern, der seit 35 Jahren quasi zu deiner Nachbarschaft gehört.

Mehr als zehn Kilometer breit ist der Sankt-Lorenz-Strom an manchen Stellen. Glatt könnte man vergessen, dass es sich um einen Fluss handelt und nicht ums offene Meer.

Später Nachmittag: Ankunft und Übernachtung in Quebec-City, 500.000 Einwohner, ein Stück Frankreich in Nordamerika. Mit beschaulichen Plätzen und herrlicher Architektur, mit Kneipen und Restaurants, die in Bordeaux genau so gut stehen könnten wie in Le Havre oder vielleicht sogar Marseille.

Fluch und Segen zugleich: Wo es schön ist, tummeln sich Menschenmassen. Das ist in Quebec-City nicht anders als in Palma oder Venedig. Dass in Quebec trotz dieses Ansturms das Preis-Leistungsverhältnis noch nicht ganz aus den Fugen geraten zu sein scheint, ist nur eine der positiven Erkenntnisse, die wir von unserem Kurzbesuch mitgenommen haben.

Ist die Bucketlist also nach dieser wunderschönen Schiffsreise endlich abgearbeitet? Natürlich nicht. Im Gegenteil: Diese Mini-Kreuzfahrt hat Lust auf mehr gemacht. Der Sankt-Lorenz-Strom ist lang und der Hunger auf Abenteuer groß.

In einem Punkt war diese Tagestour allerdings auch ein Augenöffner: So richtige Cruiseship-Reisende mit wochenlanger Rundumverpflegung auf irgend einem Riesenkahn werden wir wohl nie werden. Individuelles Reisen geht anders. Und das wollen wir uns auch in Zukunft nicht nehmen lassen.

VIDEO: Hier fließt der St. Lorenz-Strom durch den Lac St. Pierre.

 

VIDEO mit TON: Wenn sich zwei Schiffe auf dem Sankt-Lorenz begegnen.

 

VIDEO: Frühstück mit Wellengang:

 

VIDEO: Unter der Montrealer Pont Jacques Cartier

 

Sieben Tage in der Wildnis

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Eine Woche im Busch: Ohne fließendes Wasser. Ohne Fernsehen. Ohne Badezimmer und Wasserspülung. Und der nächste Tante-Emma-Laden ist 16 Kilometer entfernt. Geht das überhaupt? Ja klar. Und wie!

Unser Blockhaus liegt an einem glasklaren See. Von dort schleppen wir zwei-, dreimal am Tag ein paar Kanister Wasser in die Hütte. Es dient uns zum Spülen, zum Eier und Nudeln kochen, zum Zähne putzen und auch, um die Solardusche nachzufüllen.

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Ganz ohne Hightech: Solardusche.

Was nach Hightech klingt, ist nichts anderes als ein schwarzer Plastiksack, in dem das Wasser von der Sonne aufgewärmt wird. An einem Schlauch kann der Wasserdruck reguliert werden. Und schon wäre das Problem „keine Dusche“ abgehakt.

Wasserspülung? Wozu denn! Es gibt doch das gute, alte Plumpsklo, 10 Schritte vom Haus entfernt. Fein sauber ist es da und es riecht sogar gut. Blätter, die hin und wieder in die Öffnung geschüttet werden, verbreiten einen erdigen Duft. Wieder ein Problem gelöst. Doof nur, wenn es regnet und du musst nachts raus. Ein Regenschirm und eine Taschenlampe sind immer griffbereit.

Fernsehen? Klar, einen Kabelanschluss gibt es nicht und auch keinen Satelliten. Aber seit ein paar Jahren haben wir Handy-Empfang am See. So entgeht mir keine Nachricht, keine Mail, kein Anruf. Und zum Füttern meines Blogs, meines Facebook- und Instagram-Accounts reicht es auch. Habe ich dann noch vor der Abreise zwei Netflix-Filme runtergeladen, kann ich diese zeitunabhängig bequem im Blockhaus abspielen – ohne jeglichen Datenverbrauch. Denn der Download ist ja noch in der Stadtwohnung erfolgt.

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Wenn’s dann mal sein muss: Das Plumpspklo im Wald.

Abfall – den gibt es auch im Wald. Aber wer weiss, dass er die nächsten sieben Tage ohne Müllkippe leben muss, denkt eben schon beim Lebensmitteleinkauf daran, wenig Müll zu produzieren. Haltbare Grundnahrungsmittel und ein paar Gewürze sind immer in der Hütte. Obst, Gemüse und Wurst werden rationiert. Nach 21 Jahren bekommt man langsam Übung darin.

Aber was macht man denn so eine ganze Woche lang im Wald und am See? Das Auto steht am anderen Ufer, das nur mit dem Boot zu erreichen ist, notfalls auch über eine Kletterpartie und eine kurze Wanderung über den Berg. Eine Zufahrt zum Haus gibt es nicht.

Man liest, hört Musik und Hörbücher, spielt Gitarre, bringt sich eine neue Software bei, paddelt um den See (kein Motorboot!), geht im glasklaren Wasser schwimmen, schreibt Mails, Buchtexte und Blogbeiträge, kocht, probiert neue, unaufwändige Rezepte aus und übt sich alles in allem in einem Lifestyle, der auch mit „Minimalismus“ umschrieben werden kann. Oder man wandert auf den 838 Meter hohen Hausberg und besucht auch mal gute Bekannte am anderen Seeufer – mit dem Boot natürlich.

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Ein Loon – mehr Kanada geht nicht.

Und weil der Tag 24 Stunden hat, bleibt genügend Zeit, um nebenher alles zu reparieren, was in einem Cottage-Leben so alles kaputt gehen kann. Zum Beispiel der Bootssteg, den die Eismassen während des Winters verschoben haben. Ansonsten lässt man den lieben Gott einen guten Mann sein.

Ganz so frugal, wie es sich anhört, ist das Leben am See dann doch nicht: Heute, am Abreisetag, sind genau noch übrig: Zwei daumendicke Stückchen Käse, vier Eier, ein halbes, selbst gebackenes Brot, drei Dosen Bier und zwei Grapefruit. Genau: Drei Dosen, keine Flaschen. Die wären zwar umweltfreundicher, aber auch schwerer. Denn schließlich musste der ganze Vorrat erst mal in die Hütte geschleppt werden.

Der Tag ist noch jung und die Abreise erst in ein paar Stunden. Das mit dem Biervorrat könnte sich bis dahin noch ändern.

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Aber ein Leben ohne Laptop? Unvorstellbar!

Endlich mal wandern in Québec

FullSizeRender 55Wenn der Tag mit einem erfrischenden Bad im See vor der eigenen Haustür beginnt und mit einer Bootsfahrt zum am Ufer geparkten Auto weitergeht, kann eigentlich nichts mehr schiefgehen. Stimmt: Es war der perfekte Spätsommertag. Mit einer Wanderung auf den zweithöchsten Berg des „Laurentiden“-Gebirges, zwei Autostunden nördlich von Montreal.

Keine Ahnung, warum wir mehr als zwei Jahrzehnte gewartet haben, um endlich unseren 838 Meter hohen Hausberg Mont Kaikopp zu besteigen, der nur ein paar Kilometer von unserer Cottage aus in den Himmel ragt. Vielleicht, weil man doch lieber in die Ferne schweift, auch wenn das Gute noch so nah‘ ist.

Auf Mallorca, wo wir seit vielen Jahren den Winter verbringen, haben wir Dutzende von Bergen erklommen. Doch hier in Quebec, wo doch unser Zuhause ist, hat es bisher allemal zu gemütlichen Spaziergängen in den Herbstwäldern gereicht.

Heute war Schluss mit lustig. Der Aufstieg zum Mont Kaikopp war eine echte Herausforderung, Mit einem Gipfelblick, der sich hinter keinem Panorama von Mallorca verstecken muss. Zwar weit und breit kein Meer. Dafür jedoch Ahornwälder, Bergbäche und Felsformationen, die älter sind als fast alles, was in Europa zu finden ist. Das „Canadian Shield“ hat mehr als eine Milliarde Jahre auf dem Buckel und gehört zu den ältesten Steinlandschaften der Welt.

Vom Basislager „L’Interval“ aus, einem Sommercamp am Ufer eines Sees, der wohl nach meinem Steuerberater benannt wurde („Lac Legault“), geht es schnurstracks in Richtung Gipfel. Der freundliche Kerl an der Camp-Rezeption spricht von Etappen, die „leicht“ und „mittelschwer“ sein sollen. Ganz ehrlich? Ich empfand die Wanderung als eine der schwierigsten der letzten Jahre.

838 Höhenmeter waren zurück zu legen. Steigung ist nicht gleich Steigung. Wenn der Wanderweg fast schnurgerade zum Gipfel führt, dann ist „mittelschwer“ die Untertreibung des Jahres.

Aber die Anstrengung hat sich gelohnt. Nach zwei Stunden ist der Gipfel des „Mont Kaikopp“ erreicht – von den Algonquin-Indianern so benannt, weil er a) hoch liegt und b) der Aufstieg felsig ist. Die Aussicht von dort oben ist grandios: Plötzlich blickst du auf Landschaften, die du bisher allenfalls mit dem Zeigefinger auf der Landkarte berührt hattest.

Wandern in Quebec – was für eine tolle Erfahrung! Nur das mit den Schwierigkeitsgraden müssen sie noch üben.