Die koreanische Camino-Connection

JAKOBSWEG, Tag 36 – 32 Kilometer von Portomarin nach Palas de Rei.

FÜR FRANZ

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.


Weil’s irgendwann langweilig wird, haken wir das Wetter ganz schnell ab. Wir sind auch heute wieder bis auf die Knochen nass geworden. 32 geschmeidige Auf-und-Ab-Kilometer sind trotzdem zusammen gekommen. Zweites Dauerthema: Volksmarsch gen Santiago. Auch das illustrieren Bilder besser als Worte – siehe unten.

Deshalb heute mal ein erbaulicheres Thema: Wer läuft eigentlich so den Camino?

Zu einer seriösen Recherche fehlen mir Energie, Zeit und zuverlässige Quellen. Deshalb erlaube ich mir im folgenden den einen oder anderen Schuss aus der Hüfte.

Kaum ein Herkunftsland, das uns während der vergangenen fünf Wochen nicht untergekommen wäre. Ob Brasilien oder Israel, Sibirien, Italien, Polen, Australien, Wales, Irland, Schottland, Norwegen oder Portugal – der Camino ist die UN-Vollversammlung auf Beinen.

Es gibt jedoch wenig Menschen, die mich mehr berührt haben als PilgerInnen aus Korea.

Wir leben in der Vier-Millionenstadt Montréal, die als Schmelztiegel der Nationen gilt. In unserem Freundeskreis gibt es Inder, Vietnamesen, Chinesen, Thailänder und Kambodschaner.

Koreaner kannte ich bisher nur vom Restaurant. Was für ein Versäumnis!

Seitdem wir auf dem Jakobsweg unterwegs sind, hatten wir das Vergnügen, ganz viele von ihnen kennen zu lernen. Alle, durch die Bank, sind eine Bereicherung für unser schon immer multikulturell ausgerichtetes Leben.

Ji hyun, die wir aus aussprachetechnischen Gründen „Mitsou“ nennen dürfen, war die erste von vielen. Eine Comic-Zeichnerin mit einem Lächeln, das einen Inuit zum Schmelzen bringt. Und einem Humor, der nach einer 30-Kilometer-Strapaze gute Laune macht.

Byeong Kwan, der sich „BK“ nennt und mit seinem Durchhaltevermögen nach üblen Verletzungen von uns zum „Camino-Helden“ gekürt wurde. Der die Namen von Bundesliga-Spielern so selbstverständlich herunter betet, als handle es sich um koreanische Speisen. Und der über Jeden und Jede – ohne Ausnahme – nur Gutes zu sagen hat. Das trifft ganz besonders auf seine nordkoreanischen Landsleute zu.

Während des ersten Drittels unserer Reise waren Koreaner gefühlt die zahlenmäßig stärkste Bevölkerungsgruppe auf dem Camino.

Tatsächlich besagt die Statistik, dass Koreaner im Verhältnis zur Bevölkerungszahl des Landes ausgesprochen häufig auf dem Camino unterwegs sind.

Aber warum?

„BK“ hat uns dieses Phänomen so erklärt:

Wer in Südkorea nicht Buddhist ist und stattdessen einer christlichen Religions-Gemeinschaft angehört, ist in der Regel tief gläubig. Pilgern auf dem Camino gilt als ultimativer Beweis der Religionstreue.

„Mitsou“, selbst Buddhistin, hat eine weitere Erklärung dafür: Im koreanischen Fernsehen läuft zurzeit eine Reality-Show über den Camino.

Die Einschaltquoten seien enorm. Außerdem sei Kerkelings „Ich bin dann mal weg“ auch in Korea ein Bestseller. Auch die Verfilmung sei ein Riesenerfolg gewesen.

Und wir so?

Sind wegen des Wetters heute etwas mürbe und ausgelaugt. Wir schleppen ohnehin nur das Allernötigste in unserem Schneckenhaus mit.

Wenn die paar Klamotten dann auch noch seit jetzt vier Tagen ständig nass sind, ist das zwar nicht schön. Aber es gehört eben auch zum Camino. Wie die traumhaft schöne Landschaft, durch die wir heute wieder gewandert sind.

Und die koreanischen Pilger, die unser Leben bereichert haben.

In diesem Sinne schicken wir an diesem feuchten Freitagabend buddhistische, christliche, gläubige und andere Grüße in die weite Welt hinaus und sagen:

Buen Camino aus Palas de Rei.

BK sagt hallo!

„Mitsou“ sagt Prost!

DB8B1EFA-A5D1-4CD7-9CC2-18603DE94E1B.jpeg

Wetter: Unverändert gruselig

JAKOBSWEG, Tag 35 – 28 Kilometer von Sarria nach Portomarin.

FÜR RICKY

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.


Wir haben’s doch nicht getan. Das Pilgergewissen hat uns keine Ruhe gelassen. Deshalb sind wir heute früh nicht etwa mit dem Bus von Sarria nach Portomarin gefahren, sondern im strömenden Regen losgewandert.

Jetzt, 28 Kilometer später, sitzen wir wieder einmal völlig durchnässt in einem sehr bescheidenen Hostel und warten darauf, bis die paar Klamotten, die wir mit uns schleppen, aus dem Trockner kommen.

Lassen wir das mit dem Wetter. Nur so viel: Es nervt. Nach drei Tagen mit fast ununterbrochen Regen, Schnee und Sturm sehnen wir uns nach Wärme und Sonne. Morgen vielleicht?

Dem Wetterbericht nach eher nicht.

Ob wir vielleicht doch etwas ausgefressen hätten?, unkt der Freund aus Köln und nimmt dabei Bezug auf den lustigen Bayern, der uns in Kuba genau diese Frage gestellt hatte, nachdem wir ihm im Februar von unseren Camino-Plänen erzählt hatten.

Es ist wie es ist. Und überhaupt hat uns niemand auf den Jakobsweg geprügelt, auf dem wir heute seit genau fünf Wochen unterwegs sind. Die Entscheidung, dieses Abenteuer auf uns zu nehmen, haben wir bislang trotz einiger Frustmomente keine Sekunde lang bereut.

Man wächst an seinem Rucksack und den spürt man zunehmend weniger, wie wir heute beide unabhängig voneinander festgestellt haben. Wer dermaßen mit dem Wetter zu kämpfen hat wie wir in den letzten Tagen, kommt überhaupt nicht dazu, sich über solche Kleinigkeiten wie zu schwerer Rucksack, Wasserblasen an den Füßen oder Muskelkater aufzuregen.

Wenn uns etwas nervt, dann sind es die unglaublich vielen Menschen, die inzwischen auf dem Camino unterwegs sind.

Kein Vergleich zu den ersten Wochen, als wir manchmal stundenlang alleine waren, ehe uns andere Pilger begegneten. Oft verlor man sich dann zwar wieder aus den Augen, freute sich aber riesig, wenn man sich dann Tage später wieder begegnete.

Inzwischen kann man von Glück reden, wenn man ab und zu noch mit einem „Buen Camino“ begrüßt wird. Die meisten Menschen ziehen grußlos an einem vorbei.

Trifft man sich in einer Bar am Wegesrand, gibt es dort ein Geschubse um die besten Plätze „wie in einer Skihütte in der Hochsaison“, wie Lore heute feststellte.

Meistens sind es Tagestouristen oder Späteinsteiger, denen die letzten 100 Kilometer vor Santiago genügen, um nach der Ankunft kurz ihre Pilgerurkunde in Empfang nehmen zu können.

„Man fühlt sich zwischen all den Wandertouristen plötzlich als nichts Besonderes mehr“, schreibt mir Andrew aus Melbourne über WhatsApp, der wie wir fast 800 Kilometer auf dem Camino zurückgelegt hat.

Aber der Camino gehört allen und jeder soll auf seine Art die Erfüllung finden, die er sucht. Nur würde ich mir wünschen, dass auch die Kurzzeitpilger dem Jakobsweg den nötigen Respekt zollen.

Sich an einer Dorfkirche gegenseitig abzulichten, wie man die Kirchenglocken zum Läuten bringt, indem man sich an die Seile hängt, ist sicherlich nicht in Jakobus‘ Sinne.

Vielleicht geht uns an regnerisch-kalten Tagen wie diesen aber auch einfach die nötige Gelassenheit ab, um mit der neuen Wirklichkeit auf dem Camino umzugehen.

So erhoffen wir uns für morgen freundlichere Mitpilger, weniger Regen und wenn’s geht mal wieder Sonne und trockene Wanderklamotten.

In diesem Sinne schicken wir versöhnliche Grüße in die hoffentlich trockenere Welt da draußen und sagen:

Buen Camino aus Portomarin.

Wir sind endlich in Rente!

Seit heute weniger als 100 Kilometer bis Santiago.

Unterwegs auf dem Schlammino

JAKOBSWEG, Tag 34 – 19 Kilometer von Samos nach Sarria

FÜR JOHN

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt  


Die gute Nachricht: Es hat heute nicht geschneit. Die nicht so gute: Es hat geregnet. Die noch weniger gute: Es hat nur einmal geregnet, nämlich den ganzen Tag. Und jetzt die schlechte Nachricht: Morgen soll das Wetter noch gruseliger werden als heute. Und jetzt?

Der heutige Marsch auf dem Camino wurde zu einer stundenlangen Schlammschlacht. In einem Dorf ohne Namen war der Pilgerpfad wegen eines Erdrutsches zeitweise geschlossen. Ein Wohnhaus war teilweise abgebrochen. Rettungstrupps waren im Einsatz. Fotos davon gibt’s leider nicht. Wir hatten mit unserem eigenen Weiterkommen zu kämpfen.

Aber wir haben die Schlacht gewonnen! Jetzt sind wir zwar nass bis auf die Haut, aber heil, hungrig und zufrieden in einer hübschen **Herberge in Sarria angekommen.

Nach den extrem anstrengenden letzten beiden Tagen wollten wir heute eigentlich eine entspannte 10-Kilometer-Strecke von Samos nach Sarria zurücklegen. Doch Google spinnt!

Es wurden erstens 19 Kilometer daraus und zweitens ist es alles in allem ziemlich unentspannend, seinen 70 Jahre alten Luxuskörper stundenlang im strömenden Regen durch den Schlamm zu schleppen.

Und weil das Wetter morgen erst richtig gruselig wird – strömender Regen und dazuhin noch richtig kalt -, sind wir im Moment etwas ratlos. Einen Tag Pause in Sarria einlegen, das mit 13tausend Einwohnern zu den größeren Orten am Camino gehört? Oder von hier aus zum ersten Mal eine Tagesstrecke mit dem Bus zurücklegen?

Zu Fuß werden wir die Etappe nach Portomarin wohl nicht schaffen können. Das Wenige, das wir dabei haben, ist völlig durchnässt. Und jetzt gehen uns auch noch die trockenen Klamotten aus.

Außerdem ist die Rutschgefahr auf den verschlammten Pfaden nicht zu unterschätzen. Ein Sturz und der Camino könnte für uns – Achtung, Wortwitz! – gelaufen sein.

Dabei hatte der Tag heute früh in Samos trotz des Dauerregens ausgesprochen freundlich angefangen. Im Gespräch mit dem Kneipier in der Frühstücksbar konnte ich endlich eine Friseurin ausmachen, die mir den Pilgerbart stutzt – nicht zum ersten Mal, wie sich treue BlogleserInnen erinnern.

Damals war es eine wunderbare Frau namens Olga, die mir in einem Dorf ohne Namen den Bart schnitt und als Bezahlung um zwei angezündete Kerzen für die Mama bat, wenn wir dann in Santiago ankommen.

Die heutige Bartpflegerin hieß Loretta und stammt aus Paraguay. Nach Galicien war sie gekommen, weil ihre Schwester vor 13 Jahren in Spanien unterwegs war und mit dem Auto verunglückte. Loretta flog von Südamerika nach Europa, um ihrer Schwester zu Hilfe zu kommen. Dabei lernte sie in Samos ihren jetzigen Mann kennen – und blieb.

Was kann romantischer sein, als sich den Pilgerbart von einer Friseurin trimmen zu lassen, die sich der Liebe wegen am anderen Ende niedergelassen hat?

So – und wir jetzt? Vielleicht könnte Sankt Jakobus ja bei seinem Bruder Petrus ein Wort für uns einlegen, damit wir morgen doch wandern können und nicht fahren müssen.

In diesem Sinne senden wir hoffnungsfrohe Grüße in die weite Welt hinaus und sagen:

Buen Camino aus Sarria!

Schnee. Regen. Hagel. Camino.

JAKOBSWEG, Tag 33 –  24 Kilometer von Fonfría nach Samos

FÜR LINDA

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.


Heute sind wir durch eine der bisher schönsten Gegenden gewandert. Oder sagen wir mal so: Es hätte so schön sein können. Leider hat es geschneit. Und gehagelt. Und geregnet. Und gestürmt. Der April macht eben auch in Galicien, was er will.

Lore trotzdem: „Es war wie im Märchen“. Ich: „Morgen machen wir mal einen Tag halblang“.

Nach mehr als einem Monat on the road und knapp 120 Kilometer vor Santiago, leisten wir uns morgen den Luxus, unsere tragbaren Schneckenhäuser bereits nach 10 Kilometern abzulegen und in Sarria Pause zu machen.

Sarria ist für galizische Verhältnisse so etwas wie der Nabel der Welt. Es hat 14.000 Einwohner und bietet eine Auswahl von Herbergen, wie wir sie schon lange nicht mehr hatten.

Morgen, liebe Freunde, übernachten wir ZWEI STERNE. Schon gebucht. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Aber erst mal zu heute:

Ein Blick von unserem Herbergszimmer in den Friedhof von Fonfría: Gruselig.

Die Gräber sind mit Schnee bedeckt. Erinnerungen an kanadische Winter werden wach. Müssen wir uns das wirklich antun?

Nein, müssen wir nicht. Aber wir tun’s trotzdem. Und schnallen unsere Schneckenhäuser auf den Rücken und wandern los, als wären wir heimatlos.

Sind wir ja auch zurzeit. Aber der Camino ist auch so etwas wie Heimat für uns geworden. Neue Heimat. Schöne Heimat. Manchmal kalte, manchmal heiße Heimat. Heute nasse Heimat.

Aber da müssen wir durch. Durch den Schnee, den Regen, den Hagel. Die nasse Heimat. Wobei: Vor Kälte und Schnee fürchten wir Kanadier uns nicht. Es ist die Rutschgefahr beim Abstieg, die uns zögern lässt. Aber da gehen wir durch.

Und durch eine Märchenlandschaft, die auch im Regen noch so schön ist, dass du niederknien möchtest. Ums Haar hätte ich genau das getan, als ich beim Abstieg von 1300 auf 530 Höhenmeter ins Rutschen kam.

Aber natürlich hätt auch heute wieder alles jot jejange, wie meine Kölner Freunde sagen würden.

Was die Landschaft von heute betrifft: Sie war so unwirklich schön, dass man zeitweise glaubte, man spiele pilgern vor einer Theaterkulisse.

Ein verwunschenes Dorf nach dem anderen. Dann rein in die Eukalyptus-Wälder, vorbei an Bärlauch-Gewächsen, deren Anblick allein schon eine verdauungstechnisch unruhige Nacht verspricht. Knoblauch wirkt. Auch bei Pilgern.

Während ich hier in einer Bar ohne Namen in einem Dorf namens Samos diesen Text ins Handy tippe und nebenher Häppchen mit Sardinen und lokalem Käse verdrücke, spüre ich ein weiteres Mal so etwas wie Dankbarkeit in mir hochziehen.

So schicken wir inzwischen schneefreie Grüße in die weite Welt hinaus und sagen:

Buen Camino aus Samos!

EC271102-6B56-4BA4-9AE2-E5785CA09B03.jpeg

o

Fix und foxi in Galicien

E88F7692-1076-42DF-A6B7-2B7A80D35A51.jpeg

JAKOBSWEG, Tag 32 –  22 Kilometer von Las Herrerías nach Fonfría

FÜR PETER

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.


Guten Abend, draußen in der Welt!

Das mit dem „draußen in der Welt“ ist nicht einmal ironisch gemeint, denn das Leben auf dem Camino ist ein Leben für sich. Mit eigenen Gesetzen, eigenen Grenzen, eigener Küche und natürlich manchmal sehr eigenen Wohn- und Schlafbedingungen.

So schliefen wir gestern mit Blick auf eine Kuhwiese. Das Herbergszimmer, das uns eben zugewiesen wurde, erlaubt uns einen unverbauten Blick auf den Friedhof des Bergdorfs Fonfría.

Dass wir an diesem Ostermontags-Abend auf Gräber blicken, passt zur momentanen Situation. Wir sind schlicht und einfach geplättet. Kaputt. Fix und foxi.

Dass wir es heute mit der „Mutter aller Aufstiege“ zu tun haben würden, hatte uns schon meine Camino-App angekündigt. Dass es aber so anstrengend sein wird, hatte keiner von uns erwartet.

Auch Rick nicht, ein kerniger Schiffselektriker aus Holland, der auf seiner Camino-Wanderung meistens im Freien schläft. Heute hat er sich ein Zimmer genommen. Er ist fertig.

Dass er sich auf der heutigen Etappe noch eine Fußverletzung zugezogen hat, ist nicht wirklich ein Problem für ihn. Beim gemeinsamen Pilger-Essen eben, am langen Herbergstisch, erzählte uns der Holländer, dass er gegen den lädierten Fuß „Medikamente geraucht“ habe. Das half.

Das meinte ich eben mit den eigenen Gesetzen auf dem Camino.

22 Kilometer betrug die heutige Etappe. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn da die Höhenmeter nicht wären.

Auf 675 Meter befanden wir uns, als wir heute früh los wanderten. 1290 Meter sind es jetzt in Fonfría. Joline erzählte eben, das entspreche 214 Stockwerke. Das Ganze mit Rucksack, der um die 8 Kilo schwer ist. Das Empire State Building hat übrigens 102 Stockwerke. Noch Fragen?

Wenn dann in dem Moment, als du dich nach vielen Stunden Schwerstarbeit schweißtriefend auf den höchsten Punkt der Etappe geschleppt hast, ein schicker Kleinbus anhält, aus dem ein halbes Dutzend gackernde Hühner in stylischen Wanderklamotten aussteigen, ihre pastellfarbenen Rucksäckchen anschnallen und den Fahrer um ein Gruppenfoto bitten, möchtest du nur noch schreiend davon laufen.

Dass die Luxus-Pilgerinnen nach dem Fotoshooting für die Daheimgebliebenen wieder in den gekühlten Bus einsteigen, womöglich zum nächsten Selfie-Termin, ist dir dann eh egal.

Du weißt selbst, was du heute geleistet hast – und es war viel. Vielleicht war es die anstrengendste Etappe bisher.

Das jedenfalls glaubt Vick aus Winnipeg/Manitoba, der seit Wochen auf dem Camino unterwegs ist und dabei Fundraising für die Krebshilfe in seiner Stadt macht.

Ein harter Tag also, aber auch ein traumhaft schöner. Dass wir eine halbe Stunde vor der Ankunft im Hostel mit unseren Ponchos wieder einmal Rotkäppchen spielen mussten, weil es in Strömen regnete, tat dem Tag keinen Abbruch.

Ziemlich genau 700 Kilometer sind wir inzwischen gewandert. 150 stehen uns bis zur Ankunft in Santiago noch bevor.

Die Frage einer Blog-Leserin, ob unsere Knochen, Füße und anderen Gliedmaßen angesichts der zurückgelegten Strecke noch funktionieren, kann ich erfreulicherweise mit ja beantworten. Kleine Zipperlein gibt’s immer mal wieder, aber nichts Ernsthaftes im Vergleich zu anderen Verletzungen, die wir auf dem Camino schon gesehen haben.

Eine andere Frage ist jetzt schon ein paarmal gestellt worden: Blogleser wollten wissen, was eigentlich das Gebilde auf Lores Rucksack darstellt. Antwort: Nichts. Es ist nicht etwa eine Mickeymaus-Figur, die da an ihrem Rucksack hängt. Es sind Lores Turnschuhe, die in der Außentasche stecken. Darüber baumelt die Jakobsmuschel. (Siehe Foto unten). Ein spanischer Pilger gratulierte Lore heute am Vorbeilaufen zu diesem „magnífico“ Design.

Genug für heute. Aus Fonfría in Galicien, in der wir seit heute wandern, schicken wir ziemlich erschöpfte Pilgergrüße in die Welt da draußen hinaus und sagen:

Buen Camino!

4FCA39CE-B600-4075-BE2C-B9D8DE3D9901.jpeg

19ED8F9B-06C0-47F3-ABCB-EE4C52B21127.jpeg

A95A0F88-4DF6-4036-9CCF-6798D335E2F3

Ostern mit Kühen und Kuchen

JAKOBSWEG, Tag 31 –  23 Kilometer Von Villafranca del Bierzo nach Las Herrerías

FÜR PETRA

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.


„Lieber Osterhase,

ich weiß, ich bin ein bisschen spät dran. Aber darf ich mir trotzdem noch was zu Ostern wünschen? Ok. Hier kommt’s:

Ich wünsche mir einen Osterspaziergang durch Bergtäler, in denen Kühe auf saftigen Wiesen weiden, immer an rauschenden Bächen vorbei.

Zwischendurch machen wir Pause bei Kaffee und hausgemachtem spanischen Kuchen.

Abends übernachten wir in einer extrem hübschen Herberge und winken vor dem Schlafengehen noch einmal den Kühen zu, die vor unserem Fenster grasen und lassen uns morgen früh vom Bimmeln der Kuhglocken wecken.

Wie jetzt? Du sagst, du hast mir den Wunsch schon erfüllt?

Tatsächlich. Es war gar kein Traum. Denn genau so sah Ostern bei uns aus.

Danke, lieber Osterhase. Und viele Grüße vom Camino.“

Manchmal ist die Wirklichkeit fast noch schöner als ein Traum. Auf dem Camino kann sowas schon mal passieren. Der heutige Tag war einer von der Sorte „nicht zu toppen“.

Das Wetter stimmte, die Landschaft ohnehin. Und wenn dann fast spielerisch noch 23 Kilometer zusammen kommen, fragst du dich schon mal, wie du das hier alles verdient hast.

Und weil die Feiertage bald vorbei sind, wollte ich heute unbedingt noch ein für diese Gegend Spaniens typisches Ostergetränk ausprobieren.

Es trägt den verführerischen Namen „Hay Limonada“ und hat mit Limonade etwa so viel zu tun wie russischer Salat mit Oberschwaben. Nämlich gar nichts.

„Hay Limonada“ ist ein teuflisches Gemisch aus Rotwein, Rum, Zitronen, Zucker und Zimt. Serviert mit einem Orangenschnitz schmeckt es auf Eis ein bisschen wie Sangria für ganz harte Trinker.

Kann man mal machen, muss man aber nicht.

Und weil uns morgen „die Mutter aller Aufstiege“ bevorsteht, wie meine Camino-App den Streckenabschnitt beschreibt, belassen wir es lieber bei einem Glas Hay-Limonade und trinken stattdessen noch einen Vino aus dieser Region, der an der Grenze zu Galizien wieder einmal ganz besonders lecker schmeckt.

Mit den heute zurückgelegten 23 Kilometern kommen wir hoffentlich wieder so langsam in den richtigen Takt.

Ein Ziel, das wir uns von Anfang unserer Pilgerwanderung an vorgenommen hatten, haben wir jedenfalls erreicht. Und wie!

Zu Ostern wollten wir wegen des Rummels auf keinen Fall in Santiago sein. Dass wir aber erst in gut einer Woche dort eintreffen würden – damit hatten wir nun doch nicht gerechnet.

Ein bisschen darf man sich beim allerersten Camino ja auch mal verkalkulieren, oder?

In diesem Sinne schicken wir aus dem kuscheligen Bergdorf Las Herrerías exakt berechnete Grüße in die weite Osterwelt hinaus und sagen:

Buen Camino!

60565C62-A6FD-4A00-9A8E-934F6C3DF146.jpeg

Abendunterhaltung auf der Kuhwiese: PilgerInnen aus Holland, Italien, Deutschland und Kanada  

Enter a caption

Die Weinbergschnecken lassen sich Zeit

JAKOBSWEG, Tag 30  –  12 Kilometer von Cacabelos nach Villafranca del Bierzo 

FÜR GOTTFRIED

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.


Geht doch: Nach dem Karfreitags-Blues von gestern hat sich wieder Osterstimmung bei uns breit gemacht. Hochsommerliche Temperaturen beflügeln eben doch die Gemüter.

Nach der gestrigen Katastrophen-Herberge in Cacabelos haben wir in Villafranca eben eine wunderbare Bleibe gefunden. Und auch der Landschaft, durch die wir heute gewandert sind, ist plötzlich wieder ein Zauber inne, der uns an die ersten Tage unseres Abenteuers erinnert.

An die Pilgerdichte werden wir uns von jetzt an wohl gewöhnen müssen. Auch heute waren wieder viel mehr von ihnen als sonst unterwegs.

Auch die Herbergssuche bleibt schwierig und zeitaufwändig. Die einsamen Zeiten scheinen vorbei zu sein.

Neuerdings sind auch immer mehr Radfahrer zu sehen, die sich auf den Weg nach Santiago gemacht haben. Obwohl wir beide begeisterte Radler sind, wäre der Jakobsweg auf dem Rad aber keine Option für uns. Zu gefährlich. Vor allem auf den steilen Abfahrten ist die Unfallgefahr groß.

Das Hauptargument gegen die Fahrrad-Variante ist jedoch: Wie kann ich die herrliche Landschaft genießen, wenn ich dauernd auf der Hut sein muss?

Wegen der anderen Taktung der Strecken, die uns neuerdings durch die Herbergssuche aufgezwungen wird, sind wir zeitlich etwas in Verzug geraten. Auch heute waren es nur 12 Kilometer, die wir gewandert sind.

Dazu kommt, dass spätestens übermorgen ein heftiger Bergaufstieg mit anschließendem Abstieg auf uns wartet. Unmöglich, vorauszusagen, wie lange das Ganze dauern wird.

Wir sind jedoch nach wie vor davon überzeugt, dass wir unseren Rückflug Anfang Mai von Lissabon aus schaffen werden. Gut möglich, dass wir nach dem Erreichen unseres Ziels in Santiago de Compostela noch weiter wandern werden, vorausgesetzt natürlich, unser Zeitfenster erlaubt es.

Keine Frage: Auch wir sind nicht gegen den Suchtfaktor Camino gefeit, auch wenn wir im Vergleich zu den meisten anderen Pilgern im Schneckentempo durch die Weinberge schlendern.

Anders zwei Koreaner, die gestern Abend völlig abgekämpft in unserem Hostel eintrafen. Die Beiden hatten sagenhafte 50 Kilometer in den Bergen zurückgelegt, zum Teil bei heftigem Regen.

Und warum die Eile? Weil sie unmittelbar nach der Ankunft in Santiago nach Barcelona weiterfliegen wollen, um dort die Jungs von Barça siegen zu sehen.

In diesem Sinne schicken wir an diesem warmen Sommerabend sportliche Grüße in die weite Blogwelt hinaus und sagen:

Buen Camino aus Villafranca del Bierzo!

A82F74E4-37D8-4BD8-815B-6779908859E2.jpeg

0AB346B9-118D-43FD-817A-C74BFAC23479.jpeg

Wir sind nicht mehr allein

JAKOBSWEG, Tag 29 – 17 Kilometer von Ponferrada nach Cacabelos.

FÜR EDITH

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.


Der Camino hat seit heute ein anderes Gesicht. Fast 500 Kilometer und genau einen Monat nach dem Start unserer Pilgerwanderung in Pamplona, hat sich hinter Ponferrada nicht nur die Landschaft verändert. Auch die Chemie auf dem Jakobsweg ist nicht mehr dieselbe.

Wo wir bis gestern oft völlig allein in schnuckeligen spanischen Dörfern unterwegs waren, strömen seit heute die Massen durch oft gesichtslose Häuser-Ansammlungen.

Meist sind es jetzt Männer und Frauen, die mit kleinem Gepäck für den Tagesproviant unterwegs sind.

Hin und wieder besteigen sie einen Reisebus, der sie für die Nacht zu ihren Rollkoffern in vorgebuchte Hotels bringt – Hotels und Herbergen, die uns, den Schwertransportern auf zwei Beinen, jetzt nicht mehr zur Verfügung stehen. „Ausgebucht“, ist das Wort, das ich seit gestern mit am häufigsten gehört habe.

„So gefällt mir der Camino nicht mehr“, sagt die junge Holländerin entnervt, während sie im Gehen per Handy versucht, ein Bett für die Nacht zu finden. Ohne Erfolg, zumindest so lange wir zusammen gewandert sind.

„Ich bin mir nicht sicher“, schreibt mir Andrew per WhatsApp, „ob ich den Camino noch so mag wie am Anfang“.

Am Anfang, das war, als wir dem Australier in der Rioja-Gegend in einem Dorf ohne Namen begegnet sind.

Damals waren wir noch gefühlt die einzigen Pilger, die das „Abenteuer Jakobsweg“ auf sich nahmen. Heute kommen wir uns vor, als habe halb Spanien den Camino für sich entdeckt.

„We can only hope“, schreibt mir Andrew, „that the masses will have disappeared after Easter“.

Genau darauf zählen auch wir. Vielleicht sind es ja wirklich nur die Osterfeiertage, in denen plötzlich massenweise Menschen den Jakobsweg überschwemmen – manche davon in grölenden Männergruppen, die an Vatertagsausflüge erinnern.

Dabei hatte der Tag ja so schön und stimmungsvoll begonnen. Schon im Morgengrauen drangen die düsteren, ergreifenden Melodien der Karfreitags-Prozession in unser Hotelzimmer.

Auf dem Weg zum Camino ging es dann weiter. Durch die Altstadt von Ponferrada zogen die uns inzwischen bekannten Gilden in ihren Kutten und den Spitzhüten, die der Laie schon mal mit Kukluxclan-Mützen verwechseln kann.

Dass Menschen in der Lage sind, die viele Zentner schweren Heiligenfiguren mit bloßen Händen zu tragen, ist mir bis heute unerklärlich. Dabei wurden wir schon häufig Teil dieses bizarr anmutenden Rituals, das wir zuerst vor zehn Jahren auf Mallorca erlebt haben.

Eine Karfreitagsprozession erwartet uns auch gleich hier wieder, in Cacabelos, wo wir mangels Alternativen in der bisher bescheidensten Herberge abgestiegen sind. Will mal so sagen: In der Dusche habe ich eben vorsichtshalber Flipflops getragen.

Morgen geht’s weiter Die Sonne soll scheinen und der Karfreitagsblues gehört dann der Vergangenheit an.

So schicken wir heute zum ersten Mal leicht genervte Grüße in die hoffentlich fröhliche Welt hinaus.

Und sagen Buen Camino aus Cacabelos.

 

 

C6675B9B-6B48-4D10-8DEB-A9501EAAEC5B.jpeg

2405047F-BD2E-46AA-8D43-0907BAAFB76C.jpeg

F109B576-6E39-47D3-8273-35582F1282FB.jpeg

Zwangspause in Ponferrada

JAKOBSWEG, Tag 28 – 11 Kilometer von Molinaseca nach Ponferrada

FÜR JOACHIM

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.


Es gibt Schlimmeres, als in einem hübschen Städtchen in den Bergen zu stranden. Trotzdem war es nicht unser Plan, an diesem diesig-schwülen Gründonnerstag nach gerade mal elf Kilometern den Rucksack abzuschnallen und in Ponferrada in ein Hotel einzuchecken, das sonst eher liquide Geschäftsleute beherbergt als Pilger.

Aber wir hatten keine andere Wahl. Die Herbergen, in denen wir normalerweise absteigen, waren in dem von uns erreichbaren Umkreis ausgebucht. Es ist „Semana Santa“, da macht der Spanier gerne mal ein paar Tage Urlaub im eigenen Land. Daran wird sich während der nächsten Tage auch nichts ändern.

Wir waren gewarnt worden. „Wäre keine schlechte Idee, in der Woche vor Ostern Hostels im Voraus zu reservieren“, hatte uns eine Camino-erfahrene Bekannte aus dem „Mallorca Forum“ geraten.

Natürlich haben wir nichts reserviert und zahlen jetzt teuer dafür. Aber immerhin darf der Beatles-Fan direkt unter John, Paul, Ringo und George schlafen – wer kann das schon von sich behaupten?

Aber wir sind lernfähig: Bis Ostern haben wir jetzt ziemlich zeitaufwendig alle Übernachtungen reserviert.

Das gibt uns einerseits eine gewisse Planungssicherheit. Andererseits bekommen wir aber zum ersten Mal seit Beginn unserer Pilgerwanderung auch ein wenig Zeitdruck. Wir müssen wegen der Reservierungen in den nächsten Tagen genau vorbestimmte Strecken zurücklegen – ob Wind, Regen oder Sonnenschein.

Aber wie das so ist mit dem Camino: Er nimmt und er gibt. Uns hat er die Möglichkeit gegeben, Ponferrada näher anzusehen. Und ob sich das gelohnt hat! Das Castello unserem Hotel gegenüber ist ein wahres Prachtstück aus dem Mittelalter.

Noch ein Grund, warum es schön ist, ausgerechnet in Ponferrada gestrandet zu sein: Unsere liebe Freundin Christa aus Winnipeg/Manitoba hatte ihre Camino-Wanderung vor ein paar Jahren genau hier in Ponferrada begonnen. Ein schönes Gefühl, von jetzt an auf ihren Spuren zu wandern.

Ein ähnliches Gefühl beschleicht uns übrigens schon seit Beginn unserer Pilgerreise: Jeden Meter, den wir zurücklegen, ist auch Cassian vor sechs Jahren gewandert. Es gab Momente, da wollte man vor Ehrfurcht in die Knie gehen. Super gemacht, mein Sohn!

Weil wir heute die Luxuspilger sind, haben wir es uns auch kulinarisch gut gehen lassen. Eine Spezialität dieser Region Spaniens ist „Botillo del Bierzo“. Das ist eine mit verschiedenen Fleischsorten und Gewürzen gefüllte Schweinshaxe. Lecker wäre untertrieben. Es schmeckte himmlisch.

Zum Schluss noch zweimal dickes Lob für spanische Hilfsbereitschaft:

Anna, die junge Herbergsmutter unserer letzten Bleibe in Molinaseca, wählte sich heute Morgen die Finger wund, um uns bei den Reservierungen für die Bleiben der nächsten Nächte zu helfen. Falls jemand in diese Gegend kommen sollte: Das Hostel THE WAY in Molinaseca möchte ich hiermit wärmstens empfehlen.

Das zweite Dankeschön geht an Christian und Walki vom CMC-Handyservice in Can Pastilla auf Mallorca. Obwohl sie heute geschlossen hatten, bemühten sich die Beiden unermüdlich per WhatsApp, Lores Handy-SIM-Kartenproblem zu lösen. Hat geklappt, danke!

Last but not least noch ein Griff in die Fragekiste:

Wann widmet Ihr wem die Tagesstrecke?

In den allerwenigsten Fällen widmen wir unsere Tages-Pilgerwanderung personenbezogen. Meistens ergibt es sich beim Frühstück, an wen wir heute besonders intensiv denken. Tagsüber reden wir dann ganz viel über den oder die Verstorbene oder zünden auch mal eine Kerze an, wenn wir gerade eine hübsche Dorfkirche sehen.

Lediglich die Verstorbene, der wir die allerletzte Etappe widmen, also wenn wir in ein paar Wochen nach Santiago de Compostela einmarschieren, steht schon fest. Sie hat unser Leben im spirituellen Sinn mehr geprägt als jeder andere Mensch.

In diesem Sinne schicken wir an diesem freundlichen Gründonnerstag-Abend ausschließlich positive Vibes in die weite Welt hinaus und sagen:

Buen Camino aus Ponferrada

9E3768DB-8239-4046-B036-BDB0D9E4158B.jpeg

8507D7C2-27BD-4F93-990E-74461830B4D6.jpeg

 

961C1862-39AE-4735-B108-F51CB9B3AFFF

Für alle Fälle: Notbetten vor einem Hostel auf dem Weg nach Ponferrada.

Der bisher schönste, schwerste Tag

JAKOBSWEG, Tag 27 – 25 Kilometer von Foncebadón nach Molinaseca

FÜR RICHARD

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise Menschen, die uns viel bedeutet haben, aber nicht mehr unter uns weilen.


Die Inuit haben angeblich sieben Wörter für Schnee. Wieviele Wörter gibt es eigentlich für schön? 70? 700? Jedenfalls nicht genug. Denn das, was wir auf unserer heutigen Camino-Etappe gesehen, erlebt und gerochen haben, ist auch in 800 Varianten nicht zu toppen. Es war einfach ein Traum.

Fangen wir bei der Vegetation an. Wenn der Ginster gleich in zwei Farben blüht – weiß und gelb -, und dann noch glaubt, mit wildem Lavendel schmusen zu müssen, weil ihm die Felder von Erika und anderen Bergblumen nicht reichen, um die Sinne zu betören, müsste eigentlich die Sitte einschreiten.

Wenn sich dieses schwülstige Szenario dann noch vor einer unverschämt protzigen Bergkulisse abspielt, wäre eigentlich die Höchststrafe fällig.

Ein Glück, dass der Camino Schönheit nicht in Heller und Pfennig abrechnet, sonst wären wir an diesem milden Frühsommerabend in Molinaseca ruiniert.

Aber ganz so einfach macht es uns der Camino dann doch nicht. Das Eintrittsgeld für das heutige Naturspektakel ist hoch. Es ging gut 1000 Höhenmeter abwärts, um genau zu sein. So viel haben wir heute auf der 25 Kilometer langen Strecke zurückgelegt. Mein Knie sagt Danke!

Lores Drohung: „Wenn du jammerst, setze ich heute Abend einen O-Ton davon in den Blog“, reichte aus, um das Schicksal des schwer geprüften Bergsteigers klaglos zu erdulden.

Als wäre das optische Verwöhnprogramm nicht schon genug gewesen, gab es heute auch noch richtig heftige emotionale Momente.

Das „Eiserne Kreuz“ an der höchsten Stelle des Caminos war einer davon. Hier legen Pilger schon seit Jahrhunderten mitgebrachte Steine ab. Mit der zurückgelassenen Last sollen auch Sorgen, Wünsche und feine Gedanken niedergelegt werden.

Auch wir haben den Pilgerbrauch befolgt. Und traten anschließend sichtlich erleichtert den Abstieg an.

Und gleich noch so ein Moment, der Menschen, die nahe am Wasser gebaut sind, emotional aufrühren kann:

Plötzlich stand B.K. vor uns. B.K. heißt eigentlich Byeong Kwan. Für uns ist er der Held vom Jakobsweg.

Wir trafen B. K. zum erstenmal vor gut zweieinhalb Wochen. Er saß damals an unserem Esstisch und lachte das Lachen des jungen Koreaners, den nichts erschüttern kann.

Erst als das gemeinsame Essen vorbei war, sahen wir, was der Camino mit diesem lustigen Kerl angerichtet hatte.

B. K. konnte sich nur mit allergrößter Mühe bewegen. Seine Knie, die Knöchel, die Füße – sie sahen furchterregend aus. Geschwollen und wund. Dieser fröhliche junge Mann – 31 ist er, wie wir später erfuhren – hatte die volle Wucht der Verletzungen abbekommen, die der Camino auf Lager hat.

Für uns war klar: Solche Verletzungen bedeuten das Ende des Camino.

Als wir B. K. jedoch ein paar Tage später immer noch in diesem jämmerlichen Zustand sahen, wieder quietschfidel und voller Energie, war klar: Wir haben es hier mit Superman zu tun.

Und heute? Humpelt uns dieser liebenswerte Kerl während einer Wasserpause auf uns zu, lässt sich von uns in die Arme nehmen und führt uns vor, wieviel besser sein Zustand seit unserer letzten Begegnung geworden sei.

Und es stimmt: Er humpelte jetzt nur noch ein bisschen, trug neue Schuhe und nur noch einen kleinen Rucksack. Ein spanischer Arzt habe ihn in einer Herberge behandelt, erzählt er uns. Der Mediziner habe auch veranlasst, dass sein Gepäck jetzt mit dem Bus von Hostel zu Hostel geschickt werde.

B. K. trägt’s mit Fassung: „Jetzt bin ich halt kein Pilger mehr, sondern nur noch ein ganz normaler Tourist“.

Wer wird an Tagen wie diesen schon jammern? Einen besseren Motivator als Byeong Kwan muss ich erst noch finden.

Aus einem schnuckeligen Hostel, das direkt an einem idyllischen Fluss liegt, der durchs Dorf fließt, schicken wir müde, aber glückliche Grüße in die weite Welt hinaus.

Und sagen Buen Camino aus Molinaseca!

Byeong Kwan – der Held vom Jakobsweg.

C5D29A6C-D1AB-4539-928B-458FAADAEA8C.jpeg

7437CA63-16F0-4330-B858-FA8C283B0C1C.jpeg