Felix – eine schöne Geschichte

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Es gibt da diese Geschichte von Cassian und Felix: Als unser Sohn in die Montrealer Waldorfschule kam und sich unter all denen, die da ihren Namen tanzen konnten, etwas verloren fühlte, stand plötzlich dieser kleine Junge mit stahlblauen Augen und pechschwarzem Haar neben ihm und nahm ihn bei der Hand. Es war Felix Bujold. Heute, 20 Jahre später, gehört er zu den erfolgreichsten Fotomodellen der Welt.

„Komm mit“, sagte der Bub auf Französisch „ich stell’ dir meine Freunde vor“. Wenn Cassian heute die Zeit an der Montrealer „École Rudolf Steiner“ als „die schönste meines Lebens“ bezeichnet, hat das viel mit dem kleinen Jungen von damals zu tun. Mit Felix Bujold.

Cassian und Felix: Einmal Freunde – Immer Freunde

So unterschiedlich ihre beiden Leben auch verlaufen sind – der Kontakt zwischen Felix und Cassian ist nie abgerissen. Heute, ausgerechnet am kältesten Tag des Jahres, stattete uns der Bub von damals, der inzwischen in der ganzen Welt zuhause ist, einen Besuch ab.

Circa 2000; Felix (links) und Cassian. Foto: Privat

Die Haut vom letzten Fotoshooting in Bora Bora ist noch leicht gebräunt. Viel Zeit kann Felix diesmal nicht in Montreal verbringen. Er muss zum Shooting nach New York. Dort hat er seinen Lebensmittelpunkt.

Seine Wohnung in Montreal sieht er nur selten. Das Apartment in Los Angeles hat er kürzlich aufgegeben. Dafür verbringt er jetzt mehr Zeit in den Catskill-Mountains, nördlich von New York City. Dort besitzt er ein großes Grundstück, hackt Feuerholz, geht wandern und lässt den lieben Gott einen guten Mann sein. Bis vor kurzem verbrachte er dort noch viel Zeit mit seiner Partnerin, einem brasilianischen Model, und ihrem Sohn. Eine Zweierbeziehung zwischen zwei globetrottenden Fotomodellen ist nicht immer ganz einfach.

Heute kommt Felix zur Tür rein, bewundert mit seinen immer noch strahlenden blauen Augen Lores Aquarelle an der großen Wand, kann sich noch an jedes einzelne von ihnen erinnern, damals in Hudson, als wir noch auf dem Land wohnten und Felix ein gern gesehener Gast bei uns war. An noch etwas erinnert sich Felix: „Cassian, Felix – Frühstück!“, hätten wir immer gerufen, sagt er. Damals, als er noch häufig die Wochenenden bei uns verbrachte.

Felix im O-Ton: „Guten Morgen, Frühstück ist fertig!“

Aber wie um Himmels Willen wird ein Waldorfschüler zum Model?

Angefangen hatte alles auf einem Parkplatz in Salt Lake City/Utah. Felix war damals mit seiner Patchwork-Familie auf einem Roadtrip quer durch Amerika unterwegs. „Auf einem Parkplatz kam eine Frau auf uns zu, die sich als Model-Agentin ausgab“, erinnert sich Felix. Ob er sie morgen in ihrem Büro aufsuchen könne, habe die Agentin seine Muter gefragt. Nein, konnte er nicht. Die Familie wollte weiter, nach Kalifornien. Aber eine Visitenkarte ließ sich Felix’ Mutter von der Frau auf dem Parkplatz dann doch geben.

„Irgendwie waren wir da angefixt“, erzählt mir Felix heute Nachmittag. Wenn er lacht – und er lacht oft -, strahlen seine Zähne so weiß wie die fetten Schneeflocken, die sanft vom Himmel fallen.

Als die Familie Wochen spaäter von ihrem Roadtrip wieder zu Hause ankam, in Montreal,  habe die Schwester eine befreundete Hobbyfotografin eingeladen. Und gleich eine Kosmetikerin dazu. Die drei Mädels bearbeiteten den jungen Felix so lange, bis ein paar passable Fotos dabei herauskamen.

Mit vierzehn fing alles an

Felix war 14. Und der Rest ist Geschichte. Die Fotos gingen an verschiedene Model-Agenturen. Schon kurze Zeit später klingelte das Telefon. Casting hier, Casting dort. Und schon bald kamen die ersten Aufträge. Nichts Großes. Da ein Katalog-Foto, dort eine Modenschau.

Den ersten fetten Modelling-Job landete Felix, als er 17 war. „Um 15 Uhr war ich mit meiner Abschlussprüfung am College fertig. Um 17 Uhr musste ich zu einem Casting. Um 21 Uhr saß ich im Flieger nach Mailand“. Mutter Céline war dabei. „Sie wollte wissen, worauf ich mich da eingelassen hatte“.

Besuch bei den Bopps: Felix heute Nachmittag auf der Dachterrasse. Foto: Bopp

Von da an flossen die Aufträge. Immer aufwendiger, immer weiter, immer größer. Auch immer mehr Geld. Kosmetik-Werbung in Südafrika, Herrenbekleidung in Tokio, Schuhe in Italien. Schokolade in Frankreich. So ging es rund um die Welt. Er jettete jetzt von New York nach Hongkong und von da nach Neuseeland, London, Paris, Hamburg, Berlin. Und immer wieder Mailand. Jahr für Jahr. Für „4711“ stand er in Kapstadt vor der Kamera. Das Produkt sollte „Wunderwasser“ heißen. Felix weiß nicht, ob etwas daraus geworden ist.

Als sehr junges Model hatte er seine größten Erfolge in Europa. „Damals waren da große, feingliedrige Männer gefragt“. In Nordamerika sei es genau umgekehrt gewesen. „Die wollten eher den Holzfällertypen“.

Heute ist Felix Bujold beides. Der trotz seiner 30 Jahre immer noch jugendlich wirkende, hoch gewachsene Sunnyboy. Und im richtigen Leben der Lumberjack, der so viel Zeit wie möglich auf seinem Stück Land in den Catskill-Mountains verbringt.

New York – Tokio – Kapstadt – Paris …

Er modelt noch immer gerne, auch 16 Jahre nach seinem ersten Shooting. Die Welt ist inzwischen seine Auster. Er kennt sich in Paris so gut aus wie in New York, Tokio oder Kapstadt. Er verdient viel Geld. Aber er bringt auch die eiserne Disziplin des Erfolgsmenschen auf, trainiert seine Sixpacks, achtet auf gesunde Ernährung.

Wer für das „Men’s Health“–Cover posiert, darf kein Fett ansetzen. In Kuba hatte er neulich ein Fotoshoting für GQ. In Italien lichtete ihn VOGUE ab. ELLE, Esquire, Equinox – Felix Bujold wurde schon von allen großen Magazinen gedruckt. Sein Gänsehaut-Moment? „Das war, als ich mich riesengroß auf einem Leuchtreklame-Billboard am Times Square entdeckte“.

Erfolg verpflichtet. Alkohol trinkt er in Maßen. „Wenn bei einem Shooting am anderen Ende der Welt 20 Leute stehen, die nur wegen dir hierher geflogen sind – Fotografen, Beleuchter, Kosmetikerinnen, Stylisten -, dann kommst du nicht verkatert zur Arbeit“, sagt Felix. Das gebiete schon der Respekt, den er für all die anderen Profis in seinem Job habe.

Den „Plan B“ gibt’s auch schon: Felix will aufs Land

Felix weiß, das Modelling ein Job auf Abruf ist. Klar gibt es auch ältere Fotomodelle. Aber will er das? „Eher nicht“, sagt er. Irgendwann sei genug. Zum richtigen Zeitpunkt den Absprung schaffen, das sei wichtig. Nur: Wann ist der richtige Zeitpunkt?

Einen Plan B für die Zeit danach hat er jedenfalls schon. Er hat ja dieses Stück Land bei New York. Und ein noch schönerer Flecken Erde gehört ihm am Lago Maggiore. „Cabins“ will er darauf bauen, einfache Cottages aus Holz. Die will er später vermieten. An Leute, die in der Hektik des Alltags zwischendurch mal tief durchatmen wollen.

So wie er. Felix, der Bub von der Waldorfschule, der es zum weltberühmten Fotomodell gebracht hat.

Felix Bujolds Facebook-Profil: Die Welt ist seine Auster.

Blitzlichtgewitter in St. Henri

Schön ist es hier oben. Ein Gemeinschafts-Penthouse mit Billardtisch, Fernsehzimmer und einem Kamin für den kalten kanadischen Winter. Für den Sommer ein Schwimmbad mit coolen Liegestühlen, die einem die Sicht über downtown Montreal freigeben. Daneben Oleander, Hibiskus und andere exotische Blumen – die perfekte location für einen Photoshoot. Deshalb gewittert es manchmal auf unserer Dachterrasse.

Die Akteure dieses Blitzlichtgewitters sind: Eine Fotografin, ein Beleuchter, ein Schirmträger, eine Kabelschlepperin, eine junge Frau, die ziemlich wichtig zu sein scheint und eine ältere Frau, die möglicherweise weniger wichtig ist als sie tut. Irgendjemanden vergessen? Ach ja, die Models.

Das Model, das im Moment das Blitzlichtgewitter verursacht, ist blond, lächelt ziemlich hektisch, trägt einen Bikini von der Größe einer Babyserviette und bewegt sich vor der Kamera wie ein scheues Rehlein.

Während ich mich aus der für einen über Sechzigjährigen gebührenden Distanz an der neuen Bademode und deren Trägerinnen erfreue, fällt mir ein, dass ich irgendwann in meinem ersten Leben auch schon Model war.

Der Polizeireporter als Model für Bürostühle

In der Halle gegenüber der Waiblinger Kreiszeitung hatte sich eine kleine, aber feine Werbeagentur niedergelassen. Als einmal ein Schnellschuss für ein Büromöbel-Shooting anstand, rief der creative director in der Redaktion an. Sie bräuchten mal kurz einen gut gewachsenen Kerl, der nicht gerade aussieht wie der Glöckner von Notre-Dame. „Ich schick‘ euch unseren Polizeireporter“, höre ich Richard, den Chefredakteur, noch sagen. Und schon bin ich auf dem Weg ins Studio gegenüber.

Da sitze ich nun und werde gepudert und gekämmt, irgendjemand legt mir eine Krawatte an und zupft an meinem Hemdkragen. Vor mir ein wichtiger Leitz-Ordner und ein Fläschchen Apollinaris mit Glas. „Nicht trinken, nippen!“ warnt mich ein Mensch, den man vermutlich damals wie heute als Stylisten bezeichnet.

Der Bürostuhl, auf dem ich sitze und den es zu fotografieren gilt, mag hip sein, bequem ist er nicht. Das wiederum soll der Kunde später dem Foto im Prospekt freilich nicht ansehen. „Ganz locker, Junge“, weist der Stylist mich etwas entnervt an. „Entspann dich doch mal!“.

Du dich auch, denke ich nur. Aber was macht man nicht alles für 50 Mark.

Löcher in den Sohlen: Kein guter Start für eine Modelkarriere

Zurück in der Redaktion würde ich mich jetzt gerne für meine Modelpremiere feiern lassen. Doch der Anruf des Stylisten aus der Dunkelkammer holt mich schnell von Wolke sieben. „Deine Schuhe“, sagt der Chefredakteur, „sind nicht sehr fotogen“.

Die Jungs von der Redaktion brüllen jetzt vor Lachen und auch die gestrenge Sekretärin ringt sich ein „großartig!“ ab. Die Kamera lügt nicht: Zwei münzgroße Löcher in meinen Sohlen geben den Blick frei ins Eingemachte des Schuhbetts. Wir befinden uns in der vordigitalen Steinzeit. Photoshop kommt erst 35 Jahre später. Der Shoot muss wiederholt werden. Kein guter Start für meine Modelkarriere.

Und dann war da noch das Photoshooting für eine der ersten Ausgaben des deutschen Playboy-Magazins. Die Illustrierte „Quick“ hatte mich als Gewinner eines nicht besonders bedeutenden Journalistenpreises nach München eingeladen, um Zeuge dieses historischen Events zu werden.

Photoshooting beim „Playboy“

Wer das Model war, das sich vor meinen und mindestens 20 weiteren Augen nackt vor der Kamera räkelte, habe ich vergessen. Nicht so die Szene, wie eine Stylistin dem Covergirl den Bauchnabel schminkte und die Schamhaarfrisur toupierte. Und mittendrin der Bub aus Ummendorf.

Das alles geht mir in dem Moment durch den Kopf, als ich Zeuge des Fototermins auf unserer Gemeinschafts-Dachterrasse werde. Und während ich gedanklich noch irgendwo zwischen München und Waiblingen, zwischen Playboy und Büromöbeln schwelge, packt die Model-Karawane zusammen, das Blitzlichtgewitter zieht weiter. Zurück bleibt ein Gefühl von Schöner Wohnen in St. Henri.