„Die Stimme“ ist verstummt

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Der SWR3-Moderator Norbert Diener ist tot. Copyright: SWR

Mensch, Norbert!

Noch vor 2 Wochen machten wir uns gegenseitig Mut. Ich dir bei deinem Leiden, du mir bei meinem. Bei dir war es der Krebs, bei mir das Gehör. „Lass den Ohren Zeit, bau keinen Stress auf”, schriebst du mir und schicktest 7 (sieben!) Smileys hinterher. Und zum Abschied: „Halt die Schweinsöhrchen steif“.

Ich hatte dir zurück geschrieben, aber du hast nicht geantwortet. Jetzt weiss ich, warum. Gerade mal 61 bist du geworden.

Die „Schweinsöhrchen“ waren das letzte, das ich von dir gehört habe. Und jetzt? Bleibt mir nur noch die Erinnerung. An einen wunderbaren Freund, einen feinen Kollegen. An einen von uns.

Deinen Geburtstag habe ich nie vergessen. War ja auch einfach: Der 21. März ist auch Lores Geburtstag.

Deine Stimme war das, was ich Anfang der 80er-Jahre als erstes von dir mitbekommen habe. Der frischgebackene Kanada-Korrespondent auf SWF3 im Live-Gespräch mit The Voice.

„Am Mikrofon: Norbert Diener“, hast du deine Hörer begrüßt. „Herbert Bopp aus Montreal für SWF3“, verabschiedete sich der Korrespondent. Zwei Jungspunde im Radio. Mann, war das aufregend!

Dutzende Mal waren wir hinterher noch gemeinsam auf Sendung. Und oft haben wir uns, ganz ohne Mikro und Headset, einfach so, über Gott, die Welt, unsere Familien, unsere Kinder, unsere Hunde unterhalten.

Und natürlich über Fußball. „Norbert, alter Borusse“, schrieb heute unser WDR-Kollege Rainer Assion bei Facebook. „Beim nächsten Heimspiel singt die Süd nur für dich: You’ll never walk alone…„.  Unfassbar, dass du es nicht mehr hören kannst.

Später, als du uns in Montréal besucht hast, ein unvergesslicher Dialog. „Was für ein Idiot pfeift denn da die ganze Zeit so verdammt schlecht?“, hast du mich gefragt, als wir auf der Terrasse saßen. „Es ist ein Blue Jay, Norbert“.

Vögel waren nicht deine Stärke. Du warst einer, der sich mit Leder und Denim auskannte. Wie viele Jeansjacken hast du eigentlich verschlissen in den letzten 35 Jahren? Eine, zwei? Ich wette eine BVB-Karte für die Südtribüne, dass du zu deinem eigenen Begräbnis auch in Jeans oder Leder auftauchen würdest, du alter Schimanski.

Oh, Norbert! Warum gibt es nicht mehr von deiner Sorte? So klug, so liebenswert, so hilfsbereit, so geerdet, so Norbert.

Wir lachten zusammen und rauchten und tranken Bier und Wein und Schladerer und schlugen uns die Wampe voll mit allem, was die Küche so hergab. In Montréal, in Hudson, in Baden-Baden, in Köln … immer wieder, irgendwo. Schön war es mit dir immer. Und auch mit Sandy, der tollen Frau an deiner Seite.

Wusstest du eigentlich, dass Lore dich länger kannte als ich? Noch bevor ich den ersten Satz im Radio sagen durfte, warst du bereits in Bettelhofen zu Gast auf der Ranch von Bernd, unserem gewaltigen Freund aus dem Allgäu. Immer dann, wenn sie den Leutkirchern das Aquarellmalen beibrachte, wohnte auch Lore dort. Da hat sie dich kennen gelernt – und später auch mich. Du erinnerst dich: Bernd war es, der den „Verein zur Begrüßung der Morgenröte“ ins Leben gerufen hat. Und wir mittendrin.

Auch Bernd geht es nicht gut, das weisst du ja. Aber wir haben heute, am ersten Tag ohne dich, gemeinsam beschlossen, dass wir „The Last Men Standing“ sein werden. Unser Vermächtnis an dich, Norbert.

Mein Gott, was haben wir gefeiert! Du, Bernd, Frank, ich. Mit und ohne unsere Frauen. Manchmal kam Andreas Ernst dazu und haute noch einen drauf: „Was haben wir früher gelacht!“, sagte er dann – und kriegte sich kaum mehr vor lachen.

Jetzt könnt ihr gemeinsam lachen: Du, Andreas, Manni Bornschein. Und wenn’s zum Weinen mal nicht reicht, lache ich einfach mit.

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2004 in Köln: Der Moderator und der Korrespondent.

15 Jahre nach der Katastrophe

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Die „Tränenmauer“ von Manhattan: „Kannst du mit mir zu den Trümmern gehen und noch einmal nach meinem Papa suchen“?  © Bopp

Der Tag, der mein Leben veränderte, begann wie jeder schöne Tag: Frühstück mit Frau und Kind. Cassian geht zur Schule. Lore fängt einen neuen Auftrag an: Eine Villenbesitzerin in Hudson lässt ihr Anwesen durch Deckenbemalungen verschönern. Ich mit der Kaffeetasse ins Büro, gleich neben der Küche. Frühstücksfernsehen an. Und dann das Unglaubliche: Ein Flugzeug zerschellt am World Trade Center. Es ist der 11. September 2001.

Wenig später ein Anruf der WDR-Internetredaktion: „Geh für uns nach New York“! Wie bitte? Ich bin  Hörfunk-Korrespondent. Wie schreibt man um Himmels Willen fürs Internet? Und überhaupt: Wie komme ich nach New York? Der Luftraum über Nordamerika ist inzwischen geschlossen. Aber es gibt von Montreal eine Zugverbindung nach Manhattan.

Zu viele Fragen, zu wenig Zeit. Mein nächster Weg führt mich zum „Future Shop“. Jetzt heißt es, Laptop und Digitalkamera kaufen. Keine Ahnung, wie das funktionieren soll. Irgendwie klappt immer alles.

Im Zug nach New York wird der Laptop ausgepackt. Keine Internetverbindung, kaum Software. Deshalb nur Trockenübungen. Dasselbe gilt für die Digitalkamera. Bedienungsanleitung lesen, Probefotos schießen. Alles wird gut.

Nach zehnstündiger Bahnfahrt, dazwischen zahlreiche Polizeikontrollen: Ankunft um Mitternacht im gespenstischen New York.

Was dann kommt, sind neun Tage und Nächte wie aus dem Horrorfilm. Fast schlafwandlerisch, ohne Vorkenntnisse im Onlinejournalismus, ist dabei eine Art Blog entstanden. Es ging mal wieder alles gut: Kurz darauf wurde das „New Yorker Tagebuch“ in Berlin mit dem New Media Award ausgezeichnet.

Mich haben diese neun Tage in New York als Journalist mehr geprägt als all die Jahre vorher – und hinterher. Nie vergessen werde ich die Begegnung mit einem kleinen Jungen vor der „Tränenwand“ mit all den Fotos der Vermissten. Junge: „Kommst du mit deinem Presseausweis überall rein?“ Ich: „Ja“. Junge, zieht mich am Arm: „Kannst du mit mir noch einmal zu den Trümmern gehen und nach meinem Papa suchen“? Heute noch: Gänsehaut!

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Kurz vor einer Reportage über die erste „Late Show mit David Letterman“ nach den Terroranschlägen. © Bopp

Erst die Katastrophe, dann das Glück: Mein Einstieg in den Onlinejournalismus hat auch meine berufliche Zukunft verändert. Schnupperpraktikum bei CNN.com in Atlanta/Georgia, der größten Onlineredaktion der Welt. Danach zehn Jahre Seminartätigkeit für den WDR, die ARD/ZDF-Medienakademie, arte, die electronic media school, das Internationale Journalismus Zentrum bei Wien, um nur einige Auftraggeber zu nennen.

Mit dem 11. September 2001 sei der Onlinejournalismus in Deutschland erwachsen geworden, hieß es später in einem Buch zu diesem Thema. Der WDR, der den Mut aufgebracht hatte, mich nach New York zu schicken, war an dieser Entwicklung maßgeblich beteiligt.

Zu verdanken habe ich diesen Teil meiner Karriere vor allem zwei Menschen: Stefan Moll, dem Leiter der WDR-Internetredaktion. Und Lore, die mich damals trotz meiner Zweifel ermutigt hatte, den Einsatz in Manhattan zu wagen.

Hier geht’s zum „New Yorker Tagebuch“

Gestatten: Mein Freund Peter!

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Die Geburtsstunde von Goethe weiss er auswendig und den Ausgrabungsort des Tutanchamun sowieso. Wenn er die Arien seiner 350 Opern-LPs vom selbstgebastelten Dirigentenpult aus mitträllert, wird sein Wohnzimmer zum Konzertsaal. Und hätte er auch noch die Schuhgröße von Karl May auf dem Schirm, würde es keinen wundern.

„Peter“, sagte mein Freund Frank einmal, „ist einer der letzten Universalgelehrten“. Für mich ist Dr. Peter Bernath vor allem eins: Mein Freund – und das schon seit mehr als 30 Jahren.

Dass Peter, ein waschechter Berliner, noch mit 75 die kanadische Staatsbürgerschaft beantragte, passt zu ihm: Alles zu seiner Zeit, aber nicht unbedingt der Reihe nach. Heute wurde ihm der Pass mit dem Ahornblatt ausgehändigt. Gefeiert haben wir bei Chips & Ribs und vielen Anekdoten aus dem Leben eines Genussmenschen.

Noch bevor ich vor mehr als drei Jahrzehnten das Gesamtkunstwerk Peter Bernath kennenlernen durfte, hörte ich seine Stimme: Anfang der 80er-Jahre war Radio Canada International auf der Suche nach einem neuen Moderator. Ich war mit dem Casting beauftragt worden. Bei den Dutzenden von Tonbändern, die ich abzuhören hatte, stand schon bald fest: Der oder keiner.

Ehe er zum Radio kam, war Dr. Bernath Germanistik-Professor an der Universität Sherbrooke. Doppeltes Pech für Peter: Für das Sprachprogramm, das er leitete, wurde keine Planstelle bewilligt. Und dann machte auch noch die deutsche Abteilung von Radio Canada dicht. Peter ging, die Freundschaft blieb.

Ein Deutschkanadier, der Französisch spricht wie ein Muttersprachler, ist in Québec gefragt. Also machte sich Peter schnell als Übersetzer einen Namen und auch als Synchronsprecher fand er seine Nische. Dutzende von Reisen führten ihn um die halbe Welt. Die exotischste von allen? Zusammen mit seiner Lebenspartnerin Laurette, einer waschechten Quebecerin, ging es in die Südsee, auf die Osterinsel.

Das Lehren hat den Sohn eines Berliner Schneidermeisters nie losgelassen. Packt ihn ein Thema, recherchiert er es akribisch, garniert es mit selbst gemachten Fotos und verpackt das Ganze in einen Vortrag. Den hält er dann in einer Senioren-Universität in den „Eastern Townships“, unweit der amerikanischen Grenze. Dort schätzt man Peters Weisheiten so sehr, dass er sich um die Belegung seiner Kurse keine Sorgen zu machen braucht.

Bücherwurm, Kunstkenner, Gelehrter, Weinzahn, Gourmet-Koch, Geschichten-Erzähler, Musikliebhaber und Weltreisender – kaum etwas, das den Mann mit den flinken Augen nicht interessiert. Selbst im Internet fühlt sich der 75-Jährige noch Zuhause.

„Neues Smartphone oder doch lieber Tablet?“, ist eine der Fragen, die ihn heute besonders bewegt hat. Egal, wie er sich entscheiden wird: Wichtig ist für ihn die Kommunikation.

In wenigen Tagen geht’s nach Amsterdam. Von dort aus begeben sich Peter und Laurette auf eine Kreuzfahrt rund um die iberische Halbinsel. Und da sie schon mal im Alten Europa weilen, geht’s anschließend gleich weiter nach Collioure im Languedoc. Die dortigen Weine haben es den Beiden besonders angetan.

Wie war das nochmal mit Franks Zitat? Den „Universalgelehrten“ will Peter so nicht stehen lassen. „Da gibt es andere“, sagt er, und verweist auf Klaus. „Gegen den bin ich ein Analphabet.“ Klaus ist sein in Deutschland lebender Bruder. Der ist Heidegger-Experte und spricht zehn Sprachen.

Peters Partnerin Laurette: "Glücklich allein ist die Seele, die liebt". (Johann Wolfgang von Goethe)

Peters Partnerin Laurette: „Glücklich allein ist die Seele, die liebt“. (Johann Wolfgang von Goethe)

Ein Blockhaus mit Geschichte

IMG_8230 (1)Jetzt, da ich selbst Blockhaus-Besitzer bin, kann ich es ja sagen: Das selbstgebastelte Häuschen, das mir ein alter Mann vor 43 Jahren in Winnipeg/Manitoba geschenkt hatte, war so gar nicht mein Geschmack. Heute liebe ich die kleine „Log Cabin“ und sie hat in meinem eigenen Blockhaus einen Ehrenplatz.

Ich fand es damals so spießig und uncool, dass ich einen Teufel tun würde, diese 20 x 15 cm große Holzkonstruktion in Sichtweite von Besuchern aufzustellen. Wie sich die Zeiten doch ändern.

Ich war 24 und kämpfte gerade mit dem ersten kanadischen Winter. Nicht mit irgend einem Winter in Kanada, sondern mit dem Winter in Manitoba. „Winterpeg“, nannten sie Winnipeg, die Hauptstadt der Provinz Manitoba. Nicht ohne Grund.

Die Eiszeit dort dauert länger und ist kälter als im Rest des Landes – sieht man einmal vom Yukon und der Arktis ab. Temperaturen von minus 45 Grad waren im Januar keine Seltenheit. Und wenn im Mai noch Schnee lag, wunderte sich keiner.

Dass ich es trotzdem drei Jahre in Winnipeg ausgehalten habe, ohne dauerhaften Schaden an Leib und Seele zu nehmen, bleibt das Geheimnis von Manitou oder wie immer der oberste Gebieter von Manitoba heißen mag. Ich war jung, suchte das Abenteuer und wollte als Reporter im Ausland arbeiten. So einfach war meine eigene Erklärung für das Überlebenstraining in der kanadischen Prärie. Danach war aber auch gut und ich wanderte nach Deutschland zurück. Jahre später war jedoch schon wieder Kanada angesagt. Diesmal aber Montréal.

Für den „Manitoba Kurier“, ein deutschsprachiges Wochenblatt mit entsprechender Zielgruppe, schrieb ich von 1973 bis 1976 jeden Samstag eine Kolumne. Sie nannte sich „Manitoba Notizen“ und beschäftigte sich mit allem, was auch mich beschäftigte. Und das war zu jener Zeit vor allem die unvorstellbare Kälte.

Irgendwann schlürfte ein älterer Mann in die Redaktion, die sich direkt über der Rotationsdruckerei an der Alexander Avenue befand, einer Gegend, in der viele Indianer und Eskimos in einfachsten Behausungen ihr großstädtisches Zuhause gefunden hatten. (Dass Eskimos erst viel später politisch korrekt „Inuit“ genannt werden sollten, ist eine andere Geschichte).

Der Mann war trotz der bitteren Kälte an diesem Tag guter Dinge. Ich sehe ihn noch heute vor mir, im dicken Parka, den Kopf in eine Seehundfellmütze gepackt. Zu „diesem verfrorenen Herrn Bopp“ wolle er, rief er der Rezeptionistin fröhlich entgegen. „Dieser verfrorene Herr Bopp“ war ich, damals noch ein kanadisches Greenhorn mit überschaubaren journalistischen Erfahrungen. Hatte ich mir in einem Artikel einen Schnitzer geleistet? Jemanden beleidigt oder gar verleumdet? Mir war mulmig zumute, als ich den Mann auf mich zustampfen sah.

Nichts von alledem war der Fall. Ich tat dem Mann, einem eingefleischten Deutschkanadier mit vielen Manitoba-Wintern auf dem Buckel, nach so viel Gemecker einfach leid. Mit dem selbstgebastelten Blockhaus wollte er mir eine Freude bereiten und Mut machen. „Der nächste Winter wird einfacher für Sie“, sagte er fast fürsorglich und verabschiedete sich mit einer Binsenweisheit, die mir die nächsten Winter auch nicht leichter machten: „Es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Kleidung“.

Auch an den anderen Satz, den er mir mit auf den Weg gab, muss ich oft denken: „Man zieht sich hier nach dem Prinzip der Zwiebel an. Viele Schichten übereinander geben wärmer als ein dicker Mantel“.

Stimmte alles. Nur die vielen kanadischen Winter, die noch folgen sollten, waren deshalb nicht leichter zu ertragen. Die Erlösung kam erst vor einigen Jahren. Der Winter auf Mallorca ist nur noch ein Klacks.

 

Warten auf Monsieur Martin

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Es gibt Tage, an denen sehne ich mich ganz schrecklich nach der „Servicewüste Deutschland“ zurück. Wetten, dass das, was ich Ihnen gleich erzähle, bei Ihnen undenkbar wäre?

Vor genau sieben Wochen machte unsere Spülmaschine schlapp. Kein großes Ding. Ein paar Dichtungen sind spröde geworden, ein Bolzen im Drehmechanismus muss ersetzt werden. Immerhin ist die Maschine schon bald hundert sechs Jahre alt.

Anruf bei der Firma „mit mehr als 40 Jahren Erfahrung im schnellen Reparaturservice“ – so die Werbung.

Mechaniker kommt in fünf Tagen, schneller geht nicht“. Kein Problem. Fünf Tage im spülmaschinenfreien Leben eines Rentners sind gerade mal „ein Mückenschiss auf dem Maßband der Geschichte“. (Danke, Google, dass du mir diese Weisheit eben ausgespuckt hast!)

Der Mechaniker steckt im Verkehr fest. Verständlich bei mehr als 400 Baustellen, mit denen Montreal zurzeit zugepflastert ist. Statt vormittags kommt er eben am Nachmittag. Wen juckt’s? Mich inzwischen, zumindest ein bisschen.

Der junge, forsche Mechaniker kommt mit zwei Bitten: Er möchte 1.) das WC benützen und 2.) eine Bedienungsanleitung für die Spülmaschine sehen. Bei der Bedienungsanleitung werde ich stutzig. Aber egal. Im Klo führt der Herr Privatgespräche auf dem Handy, kichert viel und vergisst leider hinterher die Wasserspülung abzuziehen. In der Zwischenzeit treibe ich eine Bedienungsanleitung auf.

Eine Stunde und 95 Dollar später funktioniert die Maschine immer noch nicht. „Auf keinen Fall die Sicherung einschalten bis ich wiederkomme“. Kurzschlussgefahr! Doof nur: Die Spülmaschinen-Sicherung ist gekoppelt mit dem Elektroherd. Bis auf weiteres stehen uns also weder der Herd noch die Spülmaschine zur Verfügung.

Aber wir schaffen das – und ziehen vorübergehend ins Blockhaus. Dort gibt es zwar auch keine Spülmaschine, aber wenigstens funktioniert der Herd.

Vier Wochen später: Martin kommt. Ein freundlicher („Bin frisch verliebt!“), nicht mehr ganz junger Frankokanadier, bringt nicht nur gute Laune ins Haus, sondern auch die Ersatzteile. Nur: Die braucht er gar nicht, denn das Problem liegt irgendwo ganz anders. Der Klohocker hatte sich also geirrt. Auch das mit der gekoppelten Sicherung und dem Herd sei kein Problem, sagt Martin und verspricht, gleich nach dem Urlaub an unserem Jahrhundertprojekt weiter zu arbeiten.

Der Sommer neigt sich dem Ende zu und Martin ist aus dem Urlaub zurück. Für morgen hat er sich angekündigt und ich bin schon ganz aufgeregt. Soll ich Kuchen für ihn backen? Schampus kalt stellen? Häppchen besorgen? Ob er vormittags oder nachmittags kommt, kann Monsieur Martin beim besten Willen nicht sagen. Wäre auch zuviel verlangt bei den 400 Baustellen. Egal: Ich bin bereit. Und wenn er erst um Mitternacht kommt, geht die Welt auch nicht unter.

Und jetzt kommen Sie mir bitte nie mehr mit der „Servicewüste Deutschland“.

Die ganze Stadt eine Baustelle

Jeder Punkt eine Baustelle. Bildrechte" Vill de Montréal

Jeder Punkt eine Baustelle. © Ville de Montréal

Plötzlich war unsere Ausfahrt weg. Die Rampe, die den Stadtteil St. Henri mit der Stadtautobahn verbindet, lag in Schutt und Asche. Verschwunden. Von einem Tag auf den anderen. Ärgerlich? Schon. Aber wir sind nicht allein. Ganz Montreal gleicht zurzeit einer riesigen Baustelle.

Nie zuvor in der Geschichte der Stadt wurde so viel gebuddelt wie in diesem Jahr. Fast 200 Kilometer Straßen werden geteert, 80 Kilometer Wasserleitungen erneuert. Dutzende von Brücken, Zufahrtsrampen und Betonpfeiler werden abgerissen und wieder aufgebaut. Allein in diesem Jahr investiert die Stadtverwaltung an gut 400 Baustellen eine halbe Milliarde Dollar.

Die Folge ist ein Verkehrschaos ohnegleichen. Die Nerven der Bus- und Taxifahrer liegen blank. Der Chauffeur des 77ers, der vor unserem Haus hält, hatte mich glatt übersehen. Nach einer Vollbremsung 20 Meter nach der Haltestelle entschuldigte sich der gute Mann: „Die vielen Bau- und Umleitungsschilder machen mich noch wahnsinnig“.

Dass ausgerechnet in diesem Jahr so viel gebuddelt wird, hängt nur bedingt mit dem bevorstehenden 375. Geburtstag der Stadt zusammen. Natürlich will sich Montreal von seiner besten Seite zeigen, wenn Prominenz aus aller Welt zu Besuch kommt.

Der wahre Grund, warum so viel gebaut, aufgerissen und repariert wird, liegt irgendwo anders. Die Wasserleitungen wurden vor hundert Jahren fast gleichzeitig gelegt. Und geben naturgemäß fast zur gleichen Zeit den Geist auf. Hätte man Leitungen und Straßen sukzessive auf Vordermann gebracht und nicht auf den Totalkollaps gewartet, wäre das Chaos möglicherweise ausgeblieben.

Vielleicht aber auch nicht. So ein bisschen Chaos gehörte schon immer zu meiner Stadt. Man denke nur an die Eröffnung der Olympischen Spiele vor genau 40 Jahren. Damals musste Königin Elizabeth über den Schlamm getragen werden, weil die Zufahrtswege zu den Olympia-Anlagen noch nicht fertig waren. Und das Kevlar-Dach des Olympiastadions wurde erst 22 Jahre nach Ende der Spiele installiert.

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Eine von 400: Baustelle Ecke Rue St. Jacques/Rose de Lima. © Bopp

Gebuddelt wird nicht nur in der Erde. Auch der Hochbau boomt. © Bopp

Gebuddelt wird nicht nur in der Erde. Auch der Hochbau boomt. © Bopp

Christa und die Indianer

Zuneigung und gegenseitiger Respekt: Christiane Längin und Kanadas Ureinwohner. Foto: RBC Convention Centre

Es passt viel rein, in so ein Leben. Viele Plätze, viele Ereignisse, viele Schicksale, viele Menschen. Einer dieser Menschen ist Christa Längin. Unsere Wege haben sich zum ersten mal am 8. Dezember 1973 gekreuzt – dem Tag, an dem mein erstes Kanada-Abenteuer begann. Unsere Freundschaft dauert bis heute an.

Es war ein gnadenlos kalter Wintertag, an dem ich damals in Winnipeg/Manitoba gelandet bin, um meinen Reporter-Job bei einer deutschsprachigen Wochenzeitung anzutreten. 40 Grad minus zeigte das Thermometer an, ein Nordwind tobte durch die Straßen der 400.000-Einwohner-Stadt mitten in der Prärie. Hier sollte ich also die nächsten drei Jahre leben und arbeiten.

Empfangen wurde ich von Bernd Längin, meinem inzwischen verstorbenen Freund und Chefredakteur, und seiner Frau Christa. Sie stammten beide aus Karlsruhe und hatten trotz ihrer relativen Jugend – Ende 20 – schon eine Menge erlebt. Darunter auch fünf Jahre in Südwestafrika, dem heutigen Namibia. Dort, in Windhoek, hatte auch ihre Tochter Marion das Licht der Welt erblickt.

Sie waren ein Dream-Team: Bernd, der Journalist, der im Laufe seines viel zu kurzen Lebens auch Dutzende von Fachbüchern über religiöse und ethnische Minderheiten geschrieben hat. Christa, die bienenfleißige junge Frau, die später als erfolgreiche Unternehmerin Karriere machen sollte.

Ihre Firma „Springhill Lumber“ spezialisierte sich auf Bau und Vertrieb von Fertighaus-Teilen für kanadische Ureinwohner. Auf Eisstraßen, deutschen Fernsehzuschauern von der Serie „Ice Roads Truckers“ bekannt, wurden die Teile über zugefrorene Flüsse und Seen mit Spezialtransportern von Winnipeg aus ans Ziel gebracht. Springhill Lumber verkaufte und lieferte die Baumaterialien und bildete in speziellen Kursen „supervisors“ aus, die wiederum den Indianern beim eigentlichen Bau der Häuser Anleitungen gaben.

Heute können die Ureinwohner der meisten Reservate ihre Unterkünfte selbst bauen – ein Erfolg, auf den Christa Längin mit Recht stolz sein kann.

Profitiert haben beide von diesem Unterfangen: Die Indianer im Norden Kanadas. Und Christas Firma „Springhill Lumber“.

Die Firma ist inzwischen verkauft. Mit ihrem neuen Partner Günter reist Christa seither durch die Welt. Dass kanadische Indianer zu dem Wohlstand beigetragen haben, den sie heute genießt, hat sie den Ureinwohnern von Manitoba, Saskatchewan und Ontario nie vergessen. Mit dem Buschflugzeug transportierte sie Windeln, Babynahrung und andere „Luxusgüter“ aus der Zivilisation in die abgelegendsten Indianerreservate des Nordens.

Bei einem dieser Buschflüge war ich mit an Bord. Wir drehten damals einen Film für das Deutsche Fernsehen. Es ist keine Übertreibung: Christa Längin wurde von den Ureinwohnern des Indianerreservats wie ein Rockstar empfangen.

Auch jetzt, im Ruhestand, hat Christa Längin ihre Freunde, die Indianer, nicht vergessen. Dem RBC Convention Centre, dem Winnipeger Kongresszentrum, vermachte sie eine umfangreiche Sammlung indianischer Kunst, die sie zuvor einer Reihe von Ureinwohner-Künstlern abgekauft hatte. Im großzûgig angelegten Foyer sind die Gemälde seit kurzem als Dauerausstellung zu bestaunen. Eine Auswahl davon gibt’s in dieser Bildergalerie

Es gibt Tage, an denen man besonders stolz ist auf seine Freunde. Der Tag, an dem sich Christa Längin bei kanadischen Ureinwohnern mit einer prächtigen Geste bedankte, war so ein Tag. Danke, Christa!

Bildrechte: RBC Convention Centre, mit freundlicher Genehmigung durch Karen Ilchena

Bitte hören Sie mir jetzt gut zu!

Bildrechte: Bopp

WARNUNG: Dieser Blogpost geht in die Privatsphäre und ist der persönlichste, den ich je geschrieben habe. Ich wähle diesen Weg nicht, weil ich Mitleid erwarte, sondern weil ich andere vor meinem Schicksal bewahren möchte.

Es ist im Grunde genommen ganz einfach: Fliegen Sie nie mit einer starken Erkältung oder gar einer Mittelohr-Entzündung! Sonst droht ihnen der Verlust des Hörvermögens. Genau das ist mir passiert.

Was riskiert man nicht alles, wenn nach fünf Monaten Mallorca der Rückflug nach Montreal ansteht! Ich hätte es besser wissen müssen. Die Bronchitis noch wenige Tage vor der Abreise, die Zahnwurzel-Behandlung am Tag vor dem Rückflug. Vor allem aber die extrem schmerzhafte Mittelohrentzündung 48 Stunden, ehe der Flieger ging.

Ich habe Hilfe gesucht – und sie auch gefunden. Not-Termin bei einem tollen kubanischen Zahnarzt. Besuch bei einem HNO-Spezialisten in Palma. Antibiotika, Cortison, Schmerzmittel. Und ab ging’s in den Flieger. Von Palma nach Frankfurt. Vier Stunden später weiter von Frankfurt nach Montreal.

Start und Landung waren nicht angenehm, aber auch nicht besonders schlimm. Den Druck auf den Ohren kennt jeder, der schon mal geflogen ist. Auch die Beeinträchtigung des Hörvermögens nach der Landung in Montreal war nicht ungewöhnlich. Alarmierend war allerdings, dass der Hörverlust auch Tage später nicht besser wurde, sondern schlimmer.

Bis heute warte ich vergeblich auf das erlösende PLOPP.

Unter dem Trommelfell beider Ohren hatte sich Flüssigkeit gebildet – deshalb die Schwerhörigkeit. Weil sich das Sekret auch nach weiteren Behandlungen mit Antibiotika nicht auflöste, folgte viereinhalb Wochen nach der Landung in Montreal ein chirurgischer Eingriff.

Es wurden ein „Paukenröhrchen“ eingesetzt und das Trommelfell mehrfach durchstochen. Damit sollte eine bessere „Belüftung“ der Gehörgänge erreicht werden. Doch der erwartete Erfolg blieb aus. Deshalb sah der HNO-Chirurg davon ab, auch ins andere Ohr ein Paukenröhrchen zu implantieren.

Mehr als eineinhalb Monate nach der Landung in Montreal und fast drei Wochen nach dem chirurgischen Eingriff ist mein Hörvermögen noch immer extrem stark eingeschränkt. Ob die Schwerhörigkeit von Dauer sein wird, ist im Moment unklar.

Sicher ist nur eins: Wäre ich an jenem schicksalhaften 29. Mai 2016 nicht ins Flugzeug gestiegen, könnte ich vermutlich auch heute noch das Gras wachsen hören.

Deshalb: Tun Sie’s nicht! Stornieren Sie ihren Flug! Quartieren Sie sich notfalls für ein paar Tage in einem Hotel ein. Irgendwann ist die Erkältung vorbei und Sie können getrost fliegen. Wenn Sie vorgesorgt haben, springt bei einer Umbuchung möglicherweise sogar die Versicherung ein.

Gute Reise! Ein „Halten Sie die Ohren steif“ verkneife ich mir lieber.

Mega-Party in „Little Portugal“

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© Screenshot Montreal Gazette

Wenn in einer Stadt mit vier Millionen Einwohnern eine der Hauptstraßen stundenlang für den Autoverkehr gesperrt bleibt, dann muss das schon einen guten Grund haben. Hat es auch: Portugal ist Fußball-Europameister.

Die Straße, der Boulevard St. Laurent, verläuft geradewegs durch „Little Portugal“. Dort wimmelt es nur so von Hähnchenbratereien und portugiesischen Fisch- und Gemüseläden. Dazwischen bieten Sanitärzubehör-Geschäfte gebrannte Fliesen an, oft mit Heiligen-Motiven aus der Heimat, die an vielen der Wohnhäuser die Eingänge zieren.

Und natürlich fehlen auch nicht die Kneipen, vor denen sich schon in Allerherrgottsfrühe meist ältere Männer treffen, um beim Café über Gott und die Welt zu plaudern, vor allem aber über Fußball.

Ich weiß das so genau, weil ich während der Fußball-EM häufig durch „Little Portugal“ spaziert bin, stets in der Gewissheit, Menschen zu treffen, für die Fußball mehr ist als nur ein Sport. Es ist der Kitt, der diese kleine, aber bunte und herzerfrischend lautstarke ethnische Gruppe zusammenhält.

Besonders deutlich wurde dies gestern Abend nach dem gewonnenen Finale. Kaum waren Ronaldos Tränen getrocknet, rannten Tausende von Menschen auf die Straße. Sie kamen aus den Kneipen gestürmt und aus Privathäusern, aus den Grillstationen und den Straßencafés. Viele von ihnen eingewickelt in portugiesische Flaggen, auf Autodächern und in Cabrios.

Diejenigen, die sich eine Ronaldo-Gummimaske übers Gesicht gezogen hatten, taten das nicht, um sich zu verstecken. Im Gegenteil: Sie feierten einen Helden. Auch wenn dieser nur 25 Minuten im Endspiel dabei war, schaffte er es, nicht nur eine Nation im Südwesten Europas stolz gemacht zu haben. Sechstausend Kilometer weiter westlich, in Montreal, legten fünftausend Kanadier portugiesischer Abstammung den Boulevard St. Laurent lahm.

Fünftausend Menschen in Feierlaune sind im Verhältnis zu vier Millionen Einwohnern nicht viel. Dass die Montrealer Polizei für die portugiesischen Fußballfans noch bis in die späte Nacht hinein den Verkehr regelte, spricht nicht nur für die Sportbegeisterung, die in meiner Stadt herrscht, sondern auch für die Toleranz, die hier gegenüber ethnischen Minderheiten aufgebracht wird.

Davon können sich die von Storchs, Petrys und andere dumpfbackigen Kleingeister gefälligst eine Scheibe abschneiden.

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Bildrechte: Bopp

Liebeserklärung an Underdogs

Copyright: vg.no

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Sollte Island heute Frankreich schlagen, würde ich zwar keinen Sommernachtstanz vollführen, mich aber trotzdem tierisch freuen. Nicht, weil ich etwas gegen Franzosen hätte – ganz im Gegenteil! Ich liebe Land und Leute und bin allein schon durch meine Québecer Wahlheimat enger mit ihnen verbunden als mit den meisten Nationen. Warum dann Island? Weil ich ein Herz für Underdogs habe. Wie viele von Ihnen vermutlich auch.

Genaugenommen ist Kanada ja auch so ein Underdog. Wir leben im Schatten eines Riesen. USA: Mächtig. Dominant. Stolz. Geopolitische Championsliga. Kanada? Groß. Höflich. Bescheiden. In der Weltpolitik spielen wir allenfalls in der Kreisliga.

Schlimm? Gar nicht. Im Gegenteil: Ich finde die Konstellation sehr sympathisch. Es gibt Leute, die behaupten, Kanada sei das bessere Amerika.

Ähnlich verhält es sich mit Uruguay. Dort habe ich während einer Südamerika-Reise einige der liebenswertesten Menschen kennen gelernt. Auch in Montevideo lebt man im Schatten eines Riesen. Der heißt Argentinien, ist wunderschön, aber ein Macho wie er im Buche steht.

Von Island kann man das nicht behaupten. Kleines Land, großartige Leute. Einige davon habe ich in den 80er-Jahren getroffen, als die billigste Flugverbindung von Europa nach Kanada über Reykjavík ging. Ein paar Stoppover-Nächte in dieser sympathischen Stadt haben genügt, um mir die Menschen dieses tollen Inselstaates näher zu bringen.

Und heute also Island gegen Frankreich. Für mich sind die Isländer schon Meister, noch ehe sie den ersten Ball berühren. Die Meister der Herzen.

ÜBRIGENS: Wenn Sie auf Facebook sind, können Sie Ihren isländischen Namen hier selber generieren. – Und wenn Sie Island jetzt auch noch akustisch anfeuern wollen, können Sie das hier tun.

Endstand: Frankreich 5 Island 2 

Okay. Dann eben Zweitorson.