Ein Blog und seine Geschichte

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Der Pilger macht Pause, der Blogger bloggt weiter.

Entschuldigung, aber das Thema Jakobsweg ist noch immer nicht abgehakt. Wie könnte es auch. So ein Abenteuer legt man nicht einfach zu den Akten wie eine bezahlte Rechnung. Was mich anfangs gewundert, im Laufe der Zeit aber regelrecht gerührt hat, ist die Resonanz auf meinen Blog. Noch immer gehen Mails, Whatsapp-Nachrichten und Kommentare dazu auf allen Kanälen ein.

So schreibt eine (mir persönlich nicht bekannte) Userin im MALLORCA FORUM: „Beim gemütlichen Beisammensein haben wir (ca.10 Freunde) Euch auf dem Jakobsweg begleitet. Jeden Tag haben wir auf die neuen Blogpostings gewartet. Und dann kamen die Entzugserscheinungen“.

Da sitzen zehn Leute am Tisch und beschäftigen sich mit unserer Pilgerwanderung? Ich finde das unfassbar schön.

Mein guter Freund Philipp schreibt mir über Whatsapp: „Yvonne hat beim gemeinsamen Abendessen deinen neuesten Beitrag vorgelesen. Die Kids haben Bauklötze gestaunt bei der Passage mit Deinem Trip als 15-Jähriger nach Spanien. Toll, wie sich dieser Kreis schließt“.

Unsere Camino-Abenteuer als Tischgespräch mit Frau und Kindern? Wie cool ist das denn?

„Allergrössten Respekt und herzlichen Glückwunsch! Schade, dass es vorbei ist“, schreibt der Freund aus Köln, der sich jetzt als „Leser auf Entzug“ bezeichnet.

Ich könnte weiter zitieren. Mehr als 100 solcher Kommentare sind bei uns eingegangen.

Erst gestern Abend erreichte mich noch eine Message von einer jungen  Montrealerin, die ich persönlich kaum kenne. Sie schrieb, sie habe über unsere Pilgerwanderung per Instagram erfahren und ihren Eltern, die etwa in unserem Alter seien, davon erzählt. Ihre Eltern seien jetzt total angefixt und würden uns, wenn’s recht ist, gelegentlich kontaktieren, weil sie ein paar Fragen dazu hätten.

Mit anderen Worten: Man hat sich vom Camino-Fieber anstecken lassen.

Ganz ehrlich? Mit dieser Resonanz hatte ich nicht gerechnet. Mir war klar, dass das Feedback auf ein Blog-Tagebuch über den Jakobsweg größer sein würde als ein Posting über Montrealer Schlaglöcher. Aber so viel? Das finde ich noch immer verrückt.

Ich vermute mal, dass es neben dem Thema auch die Regelmäßigkeit war, mit der ich gebloggt hatte. Schließlich gab es während der kompletten Wanderung keinen einzigen blogfreien Tag. „Besser als eine Reality-Show im Internet“ sei das gewesen, schrieb jemand.

Für mich war das allabendliche Bloggen mit zwei Daumen auf dem iPhone weit mehr als nur eine Form der Kommunikation. Es war auch eine Antriebsfeder für den nächsten Morgen, bei Wind und Wetter auf die Piste zu gehen, anstatt den Bus oder das Taxi zu nehmen.

Ich erinnere mich an einen gruseligen Regentag. Zwei Französinnen, die mit uns die Nacht in einer Herberge verbracht hatten, fragten uns nach dem Frühstück, ob sie uns im Taxi zum nächsten Dorf mitnehmen könnten. Bei so einem Wetter jage man schließlich keinen Hund vor die Tür.

Lore und ich mussten keine Sekunde lang überlegen. Natürlich haben wir das freundliche Angebot ausgeschlagen. Wie hätte ich denn meinen Blog-LesererInnen erklären sollen, dass wir gekniffen haben?

So viel zum Thema Eigenmotivation.

Eine norwegische Pilgerin, der ich von meinem Blog erzählt hatte, meinte: Sie würde niemal so einen Blog veröffentlichen. Würden nämlich die von ihr angepeilten Klickzahlen nicht erreicht werden, wäre ihre Eitelkeit erheblich gekränkt. Das wiederum würde ihr die gute Laune verderben.

Das Schöne ist: Ich hatte nie besondere Erwartungen an die Abrufzahlen des Camino-Blogs. Fnanzielle Interessen sind damit ohnehin nicht verbunden. Dass die Klickzahlen das Zehnfache, manchmal das Zwanzigfache eines normalen Blogpostings erreichten, machte mich allerdings dann doch sprachlos.

Aber auch wenn es nicht so viele gewesen wären, hätte mir das Bloggen nicht weniger Spaß gemacht. Schließlich sind die  insgesamt um die 50 Postings ein wunderbares digitales Tagebuch für uns geworden, das uns keiner mehr nehmen kann.

Versprochen: Demnächst geht’s in den BLOGHAUSGESCHICHTEN mit anderen Themen weiter.

Wobei: Warum eigentlich? Ich stelle gerade fest, wie viel Spaß es macht, den Camino noch einmal vom Sofa aus zu wandern. Was stört es mich da, wenn es draußen regnet und stürmt?

Und weil’s so schön war: Hier gibt’s den Camino-Blog als Sammel-Seite.

Irgendwann kommen wir an …

Rückflug von Lissabon nach Montreal: Eis, so weit das Auge reicht

Es sagt sich so leicht: Wir sind wieder da. Ja, wir sind seit ein paar Tagen wieder in Montreal. Aber sind wir wirklich angekommen? Nicht so richtig. Die sechs Wochen auf dem Camino sind noch überall gegenwärtig.

Dabei sind wir nicht allein. Ji hyun, die junge Koreanerin, die eine Zeitlang mit uns gepilgert ist und die wir aus aussprachetechnischen Gründen „Mitsou“ nennen dürfen, schreibt: „Ich bringe es nicht übers Herz, meine Camino-Apps von meinem Handy zu löschen. Wir werden für immer Pilger sein!“ Und überhaupt: „I will love you guys forever!“

So ähnlich fühlen auch wir. Auch Lore und ich haben noch keine der Apps von unseren Smartphones gelöscht, die uns auf dem Camino stets den richtigen Weg gezeigt haben. Vielleicht trifft es ja zu, was eine Camino-erfahrene Blogleserin geschrieben hat: „Nach dem Camino ist vor dem Camino“.

Der Winter in Montreal muss gnadenlos gewesen sein. Härter als sonst und länger als gewöhnlich. Das Gras ist spärlich grün und längst nicht alle Bäume haben ausgeschlagen. Blühende Blumen muss man mit der Lupe suchen.

Lac Dufresne als Facebook-Post: Der Frühling lässt auf sich warten.

So ist das eben, wenn man sich ein nordisches Land zum Leben ausgesucht hat. Noch setzt beim Blick auf den Kalender keine Panik ein. Aber ganz im Ernst: In dreieinhalb Monaten ist der Sommer hier schon wieder vorbei. Das gibt zu denken.

Auf dem Lac Dufresne, so wird uns berichtet, liegt noch Eis, das nur sehr langsam auftaut. Das Blockhaus muss also noch warten.

Nach und nach beantworte ich noch immer Mails, die uns nach unserer Pilgerreise durch Spanien erreicht haben. Auch mit ein paar Freunden habe ich mich bereits getroffen. Dabei ist mir klar geworden, dass ich mit meiner Erzählkunst jedes Mal an meine Grenzen komme.

Als Storyteller, so müsste man meinen, findet man für alles Worte. Diesmal muss ich passen. Unser Camino-Abenteuer in treffsichere Sätze zu packen, ist schlicht nicht möglich. Man muss es erlebt, gespürt, gerochen und auch erlitten haben, um zu verstehen, was so eine Pilgerwanderung über fast 900 Kilometer bedeutet.

Wir schlafen schlecht und träumen viel. Von Menschen, die uns auf dem Jakobsweg begegnet sind. Von Herbergen, die plötzlich nicht mehr da sind, nachdem wir sie nach einem kräftezehrenden Tag endlich erreicht hatten. Von brennenden Füßen, die im Schlamm stecken und von Störchen, die so tief fliegen, dass man glaubt, sie mit Händen fassen zu können.

Das Abenteuer Camino zu verarbeiten, das wurde uns auch von anderen Pilgern bestätigt, dauert. Geduld ist etwas, das sich auf dem Jakobsweg wunderbar antrainieren lässt. Also üben wir uns darin.

Irgendwann wird das mit dem Ankommen schon klappen. Bis dahin sage ich – nein, nicht Buen Camino – sondern einfach nur Tschüss!

PS: Sämtliche Camino-Blogposts sind jetzt gebündelt auf einer Unterseite nachzulesen. Die Seite heißt JAKOBSWEG 2019 und ist unter dem Bannerfoto oben zu finden.

Leben nach dem Camino

Wir waren gewarnt worden: „Der Camino wird Euer Leben verändern“, hieß es von Menschen, die es wissen müssen.

Schon möglich. So richtig ist nichts mehr wie vorher. Die Erschöpfung nach sechs Wochen Pilgern setzt erst jetzt so richtig ein. Fast 900 Kilometer zu Fuß hinterlassen Spuren bei Menschen um die 70.

Im Moment sitzen wir im Zug von Porto nach Lissabon. Von dort geht unser Flieger zurück nach Montréal. Schön, einfach mal dem Lokführer die Navigation zu überlassen und nicht ständig nach der Jakobsmuschel mit dem gelben Pfeil Ausschau halten zu müssen.

Aber dann: „Ich wäre bereit, jetzt weiter zu wandern“, meinte Lore heute früh beim Packen. Ich auch.

In Santiago hatten wir uns nach der Ankunft ein feines Hotel in einem ehemaligen Kloster gegönnt. Den Pool konnten wir leider nicht nutzen. Im Pilger-Rucksack war kein Platz für die Badehose.

Santiago selbst war schnell abgehakt. Die berühmte Kathedrale war wegen Bauarbeiten geschlossen. Der Rest? Touristenprogramm, das so gar nicht in den Pilgermodus passte, in dem wir uns noch immer befanden.

Und noch immer befinden.

Während der Busfahrt von Santiago über Muxía nach Finisterre schauten wir etwas wehmütig den Pilgern hinterher, die den 80 Kilometer weiten Weg bis ans Ende der Welt zu Fuß zurück gelegt hatten.

Bei uns wäre dafür die Zeit knapp geworden. Ich wollte unbedingt noch Porto sehen. (Lore kannte es von früheren Reisen).

Was für eine zauberhafte Stadt! Die Architektur, die zahlreichen historischen Stätten, das Lebensgefühl – das alles war schon sehr beeindruckend. Und das Ganze noch bei hochsommerlichen Temperaturen – Herz, was willst du mehr?

Nichts willst du mehr. Eher weniger.

Die drückende Schwüle, zusammen mit Massen an Touristen, wie ich sie nicht einmal aus Palma kenne – das alles hatte fast etwas Bedrohliches an sich.

Wer sechs Wochen in der Natur unterwegs war, braucht Zeit, die neue Wirklichkeit einsacken zu lassen.

Und jetzt? Arbeiten wir daran, dass das nicht einsetzt, wovor uns viele „Caministen“ gewarnt haben.

„Passt auf, dass Ihr nicht in ein tiefes Loch fallt!“, schreibt erst heute wieder ein Blogleser aus Aachen in einem Kommentar, den ich eben freigeschaltet habe.

Überhaupt: Die Kommentare!

Gut hundert sind im Laufe der Zeit bei uns eingegangen. Von Freunden, aber auch von wildfremden Menschen aus aller Welt. Wir haben jeden von ihnen gelesen. Nach und nach werde ich versuchen, sie alle zu beantworten. Danke für jeden von ihnen!

Übrigens: Danke auch für die vielen besorgten Nachfragen wegen des Unwetters in Montréal. Aber dort, wo wir wohnen, sind wir nicht vom Hochwasser bedroht.

Die Zeit fliegt. Vor dem Zugfenster rast halb Portugal an uns vorbei. Die iberische Halbinsel haben wir jetzt auf alle möglichen Arten durchquert:

Mit dem Flieger von Lissabon nach Bilbao. Mit dem Bus von Bilbao nach Pamplona und dann wieder von Santiago nach Porto. Und jetzt eben mit der Bahn von Porto nach Lissabon.

Doch nichts hat uns so berührt, ja fürs Leben geprägt, wie die Wanderung auf dem Jakobsweg.

Irgendwie habe ich das Gefühl, das Abenteuer könnte nächsten Winter weitergehen. Es gibt schließlich viele Caminos, nicht nur den Jakobsweg.

Und Mallorca läuft uns nicht davon.

 

S A N T I A G O:

 

MUXÍA, NEGREIRA und  FINISTERRE:

 

P O R T O:

L I S S A B O N 

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Nach 41 Tagen am Ziel

JAKOBSWEG, Tag 41 – 23 Kilometer von O Pedrouzo nach Santiago de Compostela.

FÜR MARGA ❤️

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.


Wir sind am Ziel – und es fühlt sich seltsam an. War’s das wirklich? Die Füße sagen: Es reicht! Und auch der Rucksack verlangt nach 41 Tagen Schwerstarbeit nach einer Pause.

Nur wir sind hin- und hergerissen, weil wir uns im Moment gar nicht so richtig vorstellen können, wie ein Leben ohne Pilgern aussieht.

Können wir morgen früh wirklich ausschlafen bis in die Puppen? Wollen wir das überhaupt? Oder zieht es uns mit dem ersten Singen der Amsel wieder auf den Camino?

Eben kommen wir von der Pilgermesse zurück. Sie fand wegen Bauarbeiten leider nicht in der berühmten Kathedrale von Santiago de Compostela statt, sondern in der Kirche Santa Maria in einer Seitenstraße, abseits vom Touristenrummel, der uns hier empfangen hat.

Und ja: Wir haben alle Kerzenwünsche erfüllt. Ihr wisst, wer gemeint ist. Ihr könnt euch darauf verlassen, wir haben niemanden vergessen.

Die Ankunft heute Nachmittag in Santiago de Compostela verlief erstaunlich emotionslos. Vielleicht lag es daran, dass wir unendlich lange durch die nicht sonderlich charmante Vorstadt wandern mussten, ehe wir den Stadtkern erreichten.

Eine „Whiskey-Nachtbar“, ein Tattooshop, jede Menge „China Bazaars“ und eine Zellstoff-Fabrik sind nicht unbedingt das, was der Pilger zuerst erwartet, nachdem er 41 Tage unterwegs war, um hier anzukommen.

Der Weg war das Ziel – und nicht das Ziel selbst, soviel steht fest.

Der Weg führte uns heute über oft eintönige Wiesen und Felder. Das, was die Landschaft an Charme vermissen ließ, machten die Gerüche wett, die wir den ganzen Tag einatmen durften. Wer noch nie stundenlang durch Eukalyptus-Wälder spaziert ist, weiss nicht, was er verpasst hat.

Wenn sich unser letzter Pilgertag allzu emotionslos anhört, dann ist das nur die halbe Wahrheit. Einen Gänsehaut-Moment gab es kurz vor Santiago:

Vor uns schleppte sich ein junger Pilger unter offensichtlich größten Schmerzen mühsam seinem Ziel entgegen. Er hatte sich vor ein paar Tagen eine üble Knöchelverletzung zugezogen. Wer genau hinguckte, konnte kaum mit ansehen, wie der arme Kerl litt.

Als wir auf gleicher Höhe waren, kamen wir mit dem Jungen ins Gespräch. Jude heiße er, „wie der Beatles-Song“. Er komme aus North Carolina und sei den ganzen Weg von St. Jean bis hierher gelaufen, sagte er uns mit schmerzverzerrtem Gesicht.

Lore fackelte nicht lange und schenkte ihm ihre Wanderstöcke, die sie vor genau sechs Wochen in Pamplona neu gekauft hatte.

Jude war gerührt. Und er lief von diesem Moment an mit den Trekking Poles um Längen besser. Unsere Namen wollte er wissen und auch ein Selfie hätte er gerne mit uns für die Mama, daheim in North Carolina.

Die heißt übrigens Laurie. Wie Lore, nur amerikanisch.

Google sagt, dass wir seit dem 22. März genau 878 Kilometer gewandert sind. Durch endlos lange Täler und über mehr als 1300 Meter hohe Berge. Wir haben mit vollem Körpereinsatz gegen Stürme angekämpft und sind durch Schlammlawinen gestapft.

Wir waren bei Eisregen, Hitze, Hagel und Schnee unterwegs. Wir haben geschwitzt, als wir durch ein ausgetrocknetes Flussbett marschiert sind und gefroren, als uns der Regen in der Meseta stundenlang ins Gesicht peitschte.

Aber wir haben nie gelitten, denn es war einzig und allein unsere Wahl, den Camino zu gehen. Und: Wir haben uns nicht ein einiges Mal gestritten.

Man könnte sagen, dass es die schönste, aber auch intensivste Zeit unserer 35jährigen Ehe war.

Allen, die uns auf dieser einzigartigen Reise begleitet und unterstützt haben, möchten wir an dieser Stelle von Herzen danken.

Wir haben euren Rückenwind gespürt und konnten ihn oft gut gebrauchen.

Danke, dass ihr uns als Leserinnen und Leser treu geblieben seid. Auch wenn der Camino-Blog mit diesem Post sein Ende gefunden hat, würde ich mich freuen, wenn ihr auch künftig ab und zu bei den BLOGHAUSGESCHICHTEN anklopft.

In diesem Sinne schicken wir von einem wunderschönen Kloster-Hotel ausnahmsweise sehr luxuriöse Grüße in die weite Welt hinaus und sagen:

Buen Camino auf all euren Wegen aus Santiago de Compostela!

Santiago, wir kommen!

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JAKOBSWEG, Tag 40 – 20 Kilometer von Arzúa nach O Pedrouzo.

FÜR ERWIN

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.


Wie fühlt man sich so, wenn das Ziel, von dem man – wie in Lores Fall – ein Erwachsenen-Leben lang geträumt hat, in weniger als 20 Kilometer Entfernung vor einem liegt?

Unsere Gedanken schwirren in diesem Moment ziemlich unsortiert in unseren Köpfen herum. „Ich weiß nur“, sagt Lore, „dass es viel schöner war, als ich es mir vorgestellt hatte“. Zu einer tieferen Analyse fühle sie sich momentan außerstande.

Damit bestätigt sie das, was uns Robert aus Coburg vorhin erklärte. „Die volle Wucht des Camino-Effekts trifft dich erst, wenn du wieder daheim bist, in deinem eigenen Umfeld.“

Hier auf dem Camino liebe jeder jeden. Nach der Rückkehr ins richtige Leben erkenne man bald, dass sich dieses Lovefest nicht im Alltag aufrecht erhalten lassen könne  

Robert, Mitte 50, muss es wissen. Für ihn ist es schon der dritte Camino. Er ist heute in der Hitze Galiciens für einige Stunden mit uns gewandert. Jede seiner Pilgerwanderungen habe Spuren hinterlassen. Und jedesmal ganz unterschiedliche.

Zu einer tiefenpsychologischen Analyse bin auch ich nicht in der Lage, während ich an diesem Montagabend den zweitletzten Camino-Blog in einer sehr modernen Herberge am Stadtrand von O Pedrouzo ins Handy tippe.

Fest steht für mich schon jetzt: Es ist eine der wichtigsten Erfahrungen, die ich in meinen 70 Jahren machen durfte. Abenteuer habe ich vor allem in meinem Reporterleben genug erlebt. Aber die Erfahrungen, die man in sechs Wochen auf dem Camino macht, sind mit nichts zu vergleichen.

Die größte Erfahrung ist vielleicht die, dass man seinem Körper viel, sehr viel zumuten kann. Mehr als man je für möglich gehalten hätte.

Grenzen ausloten, auch physische, ist eine der vielen Erkenntnisse, die ich schon jetzt von dieser Reise mit nach Hause nehmen werde.

Aber auch der Kopf wurde während der vergangenen sechs Wochen einem intensiven Training ausgesetzt.

Jeden Tag neue Menschen aus allen Ecken der Welt kennenlernen und sich auf Sprachen und Kulturen einstellen, die man bislang nur aus dem Fernsehen kannte.

42 Nächte hintereinander nie zweimal hintereinander im selben Bett schlafen.

Am Morgen nicht zu wissen, wo du die Nacht verbringen wirst und wo du welche Mahlzeiten zu Dir nimmst und was dich am nächsten Tag erwartet.

Das alles konditioniert Körper, Kopf und Magen in einem Maße, wie du es bisher nicht gekannt hast.

Für mich ist es der ultimative Survivaltest, dem man sich zwar nicht zwingend unterziehen muss, um glücklich älter zu werden. Aber hilfreich ist so ein Realitycheck allemal.

Ich musste während dieser Reise ganz oft an Hape Kerkeling denken, der ja bekanntlich Millionen Menschen für den Jakobsweg sensibilisiert hat. (Wir gehören übrigens nicht dazu. Lores Camino-Pläne gehen auf eine Zeit zurück, da war Kerkeling noch lange nicht weg).

Meine KerkelingMomente sind anders geartet. Sie haben etwas mit Bequemlichkeit zu tun.

Eine Journalistin, die Hape Kerkeling zum Interview traf, schlug vor, man könne das Gespräch ja während eines Spaziergangs machen. Schließlich laufe er ja gerne.

Kerkeling lehnte den Spaziergang entrüstet ab. Er laufe überhaupt nicht gerne, erklärte er der Journalistin. Aber er pilgere gerne.

Ich kann den kleinen Unterschied sehr gut nachvollziehen. 20 Kilometer am Tag auf dem Camino? Kein Problem. Aber vom Hostel aus anschließend noch 100 Meter bis zum Supermarkt laufen, das nervt.

Die mentalen Vorbereitungen für unseren letzten Camino-Tag laufen. Wir haben inzwischen von allen möglichen Menschen so viele Aufträge erhalten, nach der Ankunft in Santiago Kerzen für sie oder ihre Lieben anzuzünden, dass ich mir hätte Aktien in einer Wachsfabrik kaufen sollen.

Aber natürlich werden wir den Wünschen nachkommen. Nur mehr sollten es jetzt nicht mehr werden.

So schicken wir an diesem etwas melancholischen Abend zündende Grüße in die weite Internet-Welt hinaus und wünschen:

Buen Camino aus O Pedrouzo!

 

Spanien und die Liebe

JAKOBSWEG, Tag 39 – 17 Kilometer von Melide nach Arzúa.

FÜR GÜNTHER

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.


Spanien, das wir seit genau 39 Tagen zu Fuß durchqueren, hat in meinem Leben schon immer eine Rolle gespielt. Treue BlogleserInnen kennen die Geschichte natürlich: Als Fünfzehnjähriger bin ich von Ummendorf nach Spanien getrampt, um ein Au-pair-Mädchen wieder zu sehen, in das ich mich unsterblich verliebt hatte.

Die erste Liebe meines Lebens wohnte übrigens nicht weit von hier, in einem Dorf in Galicien.

Auch damals war ich wochenlang mit Rucksack und Schlafsack unterwegs – per Anhalter, aber auch zu Fuß. Immer mit dabei: Meine Gitarre. In vielen Dörfern und Städten spielte ich auf der Straße, um so meine Reise zu finanzieren.

Ein halbes Jahrhundert später habe ich mich vor fünf Jahren  in Spanien erneut verliebt – diesmal ins Wandern.

Die ersten Gehversuche in Wanderstiefeln machte der Montréaler Stadt-Boulevardier im Tramuntana-Gebirge auf Mallorca, wo wir zehn Winter hintereinander verbracht haben.

Dass ich als Siebzigjähriger dieser Leidenschaft erneut in Spanien nachgehen darf – diesmal mit der Liebe meines Lebens -, betrachte ich als großes Geschenk. Ich werde Lore für immer dankbar sein, dass sie mich ermutigt hat, mit ihr auf dem Jakobsweg zu pilgern.

Auch unser Sohn Cassian war in diesem Zusammenhang ein großartiger  Motivator. Er hatte uns so lange vom Camino vorgeschwärmt, bis wir vorigen Herbst mit der Planung begannen.

Cassian selbst war vor sechs Jahren genau dieselbe Strecke gewandert, die wir am Dienstag in Santiago abschließen werden.

Die hochsommerlichen Temperaturen heute waren genau das, was wir als Motivationsschub für die letzten Kilometer nach Santiago brauchen. Nach den kalten Regentagen fühlte sich die heiße Sonne an wie ein Booster für zwei müde Krieger.

Spanien zeigte sich heute von seiner Schokoladenseite. Kurz vor Schluss wurden wir noch mit einer traumhaft schönen Landschaft verwöhnt. Vor allem aber war es ein Genuss, sich endlich wieder die Sonne auf die Haut brennen zu lassen.

Und auch ein Wiedersehen gab es heute. Vicky aus Hamburg, Mitte 30, war uns vor etwa einer Woche in einem katastrophalen Zustand in einem Bergdorf begegnet. Ihre Füße wund, das Gesicht vom Schmerz gezeichnet. Vicky war in Flipflops unterwegs. Die Wanderschuhe konnte sie damals wegen der Wasserblasen nicht mehr tragen.

Und heute? Strahlte sie übers ganze Gesicht. Sie hatte sich zwischenzeitlich in den Bergen eine zweitägige Ruhepause gegönnt. Den Nagel des geschundenen kleinen Zehs hatte sie – selbst ist die Chirurgin – im Hauruckverfahren entfernt. Wundsalbe drauf, ausruhen. Und weiter ging’s.

Einen Wanderpartner hat Vicky in der Zwischenzeit auch gefunden, einen kernigen Kerl aus Bayern.

Wir saßen am Nachmittag zusammen in der Sonne bei Tonic und Bocadillos und talkten Camino-Talk. Irgendwann kamen wir auf das Thema „Jeder weint zumindest einmal auf dem Camino“ zu sprechen.

Er auch?, wollte ich von Vickys neuem Mitwanderer wissen. Hatte er auch schon seinen Wein-Moment?

„Klar“, sagte der. „Als der FC Bayern neulich verlor, flossen die Tränen“.

So beweint eben jeder den Camino auf seine Art

Noch zweimal schlafen und wir treffen in Santiago ein. Es wird ein bewegender Moment für uns werden. Ob’s Tränen gibt, erfährt meine Blogfamilie natürlich zuerst. Versprochen.

Bis dahin schicken wir trockenen Auges herzliche Pilgergrüße in die weite Welt hinaus und sagen:

Buen Camino aus Arzúa!

(Übrigens: Einen kleinen Roman über meine erste Spanien-Reise gibt’s als eBook bei Amazon: DAS GIBT SICH BIS 1970)

 

 

 

 

Märchenwald – und kein bisschen Regen

JAKOBSWEG, Tag 37 – 16 Kilometer von Palas de Rei nach Melide

FÜR RESE

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.


Manchmal dauern Wunder ein bisschen länger. Zum ersten Mal seit vier Tagen sind wir trockenen Fußes in unserer Herberge angekommen. Und haben dazuhin einen zauberhaften Wandertag durch Märchenwälder hinter uns.

Man wird echt bescheiden, wenn man seit mehr als fünf Wochen durch Spanien pilgert. In der Dorfkneipe von Melide, wo wir heute die Nacht verbringen, tat Lore mir eben fast ein bisschen leid.

Zwei schicke Engländerinnen, die den Camino mit Gepäck-Transfer und vorgebuchten Hotels absolvieren, saßen geschminkt, gepudert und sogar frisch massiert neben uns, während Lore Lippenstift, wenn überhaupt, seit Wochen allenfalls in homöopathischen Dosen aufträgt.

Jedes Gramm Gewicht zehrt an den Kräften. Außerdem fehlt morgens die Zeit zur großen Maske. Und überhaupt, sagt die Frau an meiner Seite, passe Schminken nicht wirklich zum Geist des Camino.

Ich lass‘ das jetzt einfach mal so stehen.

Am kommenden Dienstag werden wir voraussichtlich in Santiago de Compostela eintreffen. Eine Woche später landen wir in Montréal. Dann ist die kosmetische Fastenzeit vorbei.

Wie wir die Zeit zwischen Ende der Pilgerwanderung und Rückflug nach Kanada verbringen werden, wird sich zeigen. Ein bisschen Entspannung mit Verwöhnprogramm in einem hübschen Hotel irgendwo in Portugal wäre nicht schlecht.

Aber noch sind wir mit unseren Schneckenhäusern auf dem Rücken unterwegs und nicht wir, sondern der Camino bestimmt unseren Tagesablauf.

Der beginnt von jetzt an ein wenig später als bisher, so gegen zehn. Dann sind die Massen an Pilgern schon unterwegs und wir fühlen uns ein bisschen wie zu Beginn unserer Wanderung, als wir den Camino oft viele Stunden für uns allein hatten.

Fasziniert verfolgen wir seit einigen Tagen die veränderte Dynamik des Camino. An fast jeder Bar entlang des Jakobswegs stehen jetzt Taxis für Pilger bereit, die nicht mehr können, nicht mehr wollen oder einfach keinen Bock mehr auf das Leben on the road haben.

Ich muss sagen, dass wir während des nasskalten Wetters der letzten Tage mehr als einmal mit der Option geliebäugelt haben, in ein kuscheliges Taxi zu steigen anstatt uns eine weitere Schlammschlacht mit dem Camino zu liefern. Aber die Pilgerehre hat gesiegt und wir sind treu und brav unsere Kilometer abgelaufen.

Neben den Taxifahrern, deren Visitenkarten sich in jeder Bar, jeder Herberge und an jeder Ladenkasse stapeln, finden sich auch Hilfsmittel anderer Art für Pilger in Not.

Zum Beispiel Apotheken-Automaten mit Erste-Hilfe-Utensilien für verletzte Pilger. Das Sortiment, das in den Metallkästen mit Bezahlmechanismus angeboten wird, ist beeindruckend:

Von Wundsalben über Blasenpflaster bis hin zu Nagelscheren, Kniemanschetten und Kompressen für größere Verletzungen ist auf Knopfdruck alles zu haben.

Der Bedarf ist groß. Wir haben in den letzten Wochen Verletzungen bei Mitpilgern gesehen, für die der Automat nicht reicht.

Ein nicht mehr ganz junges Paar aus den USA verbrachte unabhängig voneinander sechs Tage im Krankenhaus. Sie wegen einer Knieverletzung, die sich entzündet hatte. Er wegen einer kaputten Schulter, die auf das Konto des zu schweren Rucksacks ging.

Wir sind bisher von schwerwiegenden Verletzungen dieser Art verschont geblieben. Die Füße sind das Kapital des Pilgers. Deshalb werden sie jeden Morgen sehr zeitaufwändig mit Vaseline eingesalbt und in zwei paar Spezialsocken gepackt.

Größter Risikofaktor vor Antritt der Pilgerwanderung waren bei mir zwei lädierte Knie. Erstaunlicherweise musste ich nur einmal auf Bandagen zurück greifen, als der Abstieg vom Gipfel unerträglich schmerzhaft wurde.

Als äußerst hilfreich erwiesen hat sich beim Wandern die Zickzack-Lauftechnik während des Abstiegs. Dadurch werden die Knie enorm entlastet.

Mit diesen Tipps aus dem Nähkästchen des Pilgers schicken wir hoffentlich schmerzfreie Grüße in die weite Welt hinaus und sagen:

Buen Camino aus Melide!

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Die koreanische Camino-Connection

JAKOBSWEG, Tag 36 – 32 Kilometer von Portomarin nach Palas de Rei.

FÜR FRANZ

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.


Weil’s irgendwann langweilig wird, haken wir das Wetter ganz schnell ab. Wir sind auch heute wieder bis auf die Knochen nass geworden. 32 geschmeidige Auf-und-Ab-Kilometer sind trotzdem zusammen gekommen. Zweites Dauerthema: Volksmarsch gen Santiago. Auch das illustrieren Bilder besser als Worte – siehe unten.

Deshalb heute mal ein erbaulicheres Thema: Wer läuft eigentlich so den Camino?

Zu einer seriösen Recherche fehlen mir Energie, Zeit und zuverlässige Quellen. Deshalb erlaube ich mir im folgenden den einen oder anderen Schuss aus der Hüfte.

Kaum ein Herkunftsland, das uns während der vergangenen fünf Wochen nicht untergekommen wäre. Ob Brasilien oder Israel, Sibirien, Italien, Polen, Australien, Wales, Irland, Schottland, Norwegen oder Portugal – der Camino ist die UN-Vollversammlung auf Beinen.

Es gibt jedoch wenig Menschen, die mich mehr berührt haben als PilgerInnen aus Korea.

Wir leben in der Vier-Millionenstadt Montréal, die als Schmelztiegel der Nationen gilt. In unserem Freundeskreis gibt es Inder, Vietnamesen, Chinesen, Thailänder und Kambodschaner.

Koreaner kannte ich bisher nur vom Restaurant. Was für ein Versäumnis!

Seitdem wir auf dem Jakobsweg unterwegs sind, hatten wir das Vergnügen, ganz viele von ihnen kennen zu lernen. Alle, durch die Bank, sind eine Bereicherung für unser schon immer multikulturell ausgerichtetes Leben.

Ji hyun, die wir aus aussprachetechnischen Gründen „Mitsou“ nennen dürfen, war die erste von vielen. Eine Comic-Zeichnerin mit einem Lächeln, das einen Inuit zum Schmelzen bringt. Und einem Humor, der nach einer 30-Kilometer-Strapaze gute Laune macht.

Byeong Kwan, der sich „BK“ nennt und mit seinem Durchhaltevermögen nach üblen Verletzungen von uns zum „Camino-Helden“ gekürt wurde. Der die Namen von Bundesliga-Spielern so selbstverständlich herunter betet, als handle es sich um koreanische Speisen. Und der über Jeden und Jede – ohne Ausnahme – nur Gutes zu sagen hat. Das trifft ganz besonders auf seine nordkoreanischen Landsleute zu.

Während des ersten Drittels unserer Reise waren Koreaner gefühlt die zahlenmäßig stärkste Bevölkerungsgruppe auf dem Camino.

Tatsächlich besagt die Statistik, dass Koreaner im Verhältnis zur Bevölkerungszahl des Landes ausgesprochen häufig auf dem Camino unterwegs sind.

Aber warum?

„BK“ hat uns dieses Phänomen so erklärt:

Wer in Südkorea nicht Buddhist ist und stattdessen einer christlichen Religions-Gemeinschaft angehört, ist in der Regel tief gläubig. Pilgern auf dem Camino gilt als ultimativer Beweis der Religionstreue.

„Mitsou“, selbst Buddhistin, hat eine weitere Erklärung dafür: Im koreanischen Fernsehen läuft zurzeit eine Reality-Show über den Camino.

Die Einschaltquoten seien enorm. Außerdem sei Kerkelings „Ich bin dann mal weg“ auch in Korea ein Bestseller. Auch die Verfilmung sei ein Riesenerfolg gewesen.

Und wir so?

Sind wegen des Wetters heute etwas mürbe und ausgelaugt. Wir schleppen ohnehin nur das Allernötigste in unserem Schneckenhaus mit.

Wenn die paar Klamotten dann auch noch seit jetzt vier Tagen ständig nass sind, ist das zwar nicht schön. Aber es gehört eben auch zum Camino. Wie die traumhaft schöne Landschaft, durch die wir heute wieder gewandert sind.

Und die koreanischen Pilger, die unser Leben bereichert haben.

In diesem Sinne schicken wir an diesem feuchten Freitagabend buddhistische, christliche, gläubige und andere Grüße in die weite Welt hinaus und sagen:

Buen Camino aus Palas de Rei.

BK sagt hallo!

„Mitsou“ sagt Prost!

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Wetter: Unverändert gruselig

JAKOBSWEG, Tag 35 – 28 Kilometer von Sarria nach Portomarin.

FÜR RICKY

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.


Wir haben’s doch nicht getan. Das Pilgergewissen hat uns keine Ruhe gelassen. Deshalb sind wir heute früh nicht etwa mit dem Bus von Sarria nach Portomarin gefahren, sondern im strömenden Regen losgewandert.

Jetzt, 28 Kilometer später, sitzen wir wieder einmal völlig durchnässt in einem sehr bescheidenen Hostel und warten darauf, bis die paar Klamotten, die wir mit uns schleppen, aus dem Trockner kommen.

Lassen wir das mit dem Wetter. Nur so viel: Es nervt. Nach drei Tagen mit fast ununterbrochen Regen, Schnee und Sturm sehnen wir uns nach Wärme und Sonne. Morgen vielleicht?

Dem Wetterbericht nach eher nicht.

Ob wir vielleicht doch etwas ausgefressen hätten?, unkt der Freund aus Köln und nimmt dabei Bezug auf den lustigen Bayern, der uns in Kuba genau diese Frage gestellt hatte, nachdem wir ihm im Februar von unseren Camino-Plänen erzählt hatten.

Es ist wie es ist. Und überhaupt hat uns niemand auf den Jakobsweg geprügelt, auf dem wir heute seit genau fünf Wochen unterwegs sind. Die Entscheidung, dieses Abenteuer auf uns zu nehmen, haben wir bislang trotz einiger Frustmomente keine Sekunde lang bereut.

Man wächst an seinem Rucksack und den spürt man zunehmend weniger, wie wir heute beide unabhängig voneinander festgestellt haben. Wer dermaßen mit dem Wetter zu kämpfen hat wie wir in den letzten Tagen, kommt überhaupt nicht dazu, sich über solche Kleinigkeiten wie zu schwerer Rucksack, Wasserblasen an den Füßen oder Muskelkater aufzuregen.

Wenn uns etwas nervt, dann sind es die unglaublich vielen Menschen, die inzwischen auf dem Camino unterwegs sind.

Kein Vergleich zu den ersten Wochen, als wir manchmal stundenlang alleine waren, ehe uns andere Pilger begegneten. Oft verlor man sich dann zwar wieder aus den Augen, freute sich aber riesig, wenn man sich dann Tage später wieder begegnete.

Inzwischen kann man von Glück reden, wenn man ab und zu noch mit einem „Buen Camino“ begrüßt wird. Die meisten Menschen ziehen grußlos an einem vorbei.

Trifft man sich in einer Bar am Wegesrand, gibt es dort ein Geschubse um die besten Plätze „wie in einer Skihütte in der Hochsaison“, wie Lore heute feststellte.

Meistens sind es Tagestouristen oder Späteinsteiger, denen die letzten 100 Kilometer vor Santiago genügen, um nach der Ankunft kurz ihre Pilgerurkunde in Empfang nehmen zu können.

„Man fühlt sich zwischen all den Wandertouristen plötzlich als nichts Besonderes mehr“, schreibt mir Andrew aus Melbourne über WhatsApp, der wie wir fast 800 Kilometer auf dem Camino zurückgelegt hat.

Aber der Camino gehört allen und jeder soll auf seine Art die Erfüllung finden, die er sucht. Nur würde ich mir wünschen, dass auch die Kurzzeitpilger dem Jakobsweg den nötigen Respekt zollen.

Sich an einer Dorfkirche gegenseitig abzulichten, wie man die Kirchenglocken zum Läuten bringt, indem man sich an die Seile hängt, ist sicherlich nicht in Jakobus‘ Sinne.

Vielleicht geht uns an regnerisch-kalten Tagen wie diesen aber auch einfach die nötige Gelassenheit ab, um mit der neuen Wirklichkeit auf dem Camino umzugehen.

So erhoffen wir uns für morgen freundlichere Mitpilger, weniger Regen und wenn’s geht mal wieder Sonne und trockene Wanderklamotten.

In diesem Sinne schicken wir versöhnliche Grüße in die hoffentlich trockenere Welt da draußen und sagen:

Buen Camino aus Portomarin.

Wir sind endlich in Rente!

Seit heute weniger als 100 Kilometer bis Santiago.

Unterwegs auf dem Schlammino

JAKOBSWEG, Tag 34 – 19 Kilometer von Samos nach Sarria

FÜR JOHN

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt  


Die gute Nachricht: Es hat heute nicht geschneit. Die nicht so gute: Es hat geregnet. Die noch weniger gute: Es hat nur einmal geregnet, nämlich den ganzen Tag. Und jetzt die schlechte Nachricht: Morgen soll das Wetter noch gruseliger werden als heute. Und jetzt?

Der heutige Marsch auf dem Camino wurde zu einer stundenlangen Schlammschlacht. In einem Dorf ohne Namen war der Pilgerpfad wegen eines Erdrutsches zeitweise geschlossen. Ein Wohnhaus war teilweise abgebrochen. Rettungstrupps waren im Einsatz. Fotos davon gibt’s leider nicht. Wir hatten mit unserem eigenen Weiterkommen zu kämpfen.

Aber wir haben die Schlacht gewonnen! Jetzt sind wir zwar nass bis auf die Haut, aber heil, hungrig und zufrieden in einer hübschen **Herberge in Sarria angekommen.

Nach den extrem anstrengenden letzten beiden Tagen wollten wir heute eigentlich eine entspannte 10-Kilometer-Strecke von Samos nach Sarria zurücklegen. Doch Google spinnt!

Es wurden erstens 19 Kilometer daraus und zweitens ist es alles in allem ziemlich unentspannend, seinen 70 Jahre alten Luxuskörper stundenlang im strömenden Regen durch den Schlamm zu schleppen.

Und weil das Wetter morgen erst richtig gruselig wird – strömender Regen und dazuhin noch richtig kalt -, sind wir im Moment etwas ratlos. Einen Tag Pause in Sarria einlegen, das mit 13tausend Einwohnern zu den größeren Orten am Camino gehört? Oder von hier aus zum ersten Mal eine Tagesstrecke mit dem Bus zurücklegen?

Zu Fuß werden wir die Etappe nach Portomarin wohl nicht schaffen können. Das Wenige, das wir dabei haben, ist völlig durchnässt. Und jetzt gehen uns auch noch die trockenen Klamotten aus.

Außerdem ist die Rutschgefahr auf den verschlammten Pfaden nicht zu unterschätzen. Ein Sturz und der Camino könnte für uns – Achtung, Wortwitz! – gelaufen sein.

Dabei hatte der Tag heute früh in Samos trotz des Dauerregens ausgesprochen freundlich angefangen. Im Gespräch mit dem Kneipier in der Frühstücksbar konnte ich endlich eine Friseurin ausmachen, die mir den Pilgerbart stutzt – nicht zum ersten Mal, wie sich treue BlogleserInnen erinnern.

Damals war es eine wunderbare Frau namens Olga, die mir in einem Dorf ohne Namen den Bart schnitt und als Bezahlung um zwei angezündete Kerzen für die Mama bat, wenn wir dann in Santiago ankommen.

Die heutige Bartpflegerin hieß Loretta und stammt aus Paraguay. Nach Galicien war sie gekommen, weil ihre Schwester vor 13 Jahren in Spanien unterwegs war und mit dem Auto verunglückte. Loretta flog von Südamerika nach Europa, um ihrer Schwester zu Hilfe zu kommen. Dabei lernte sie in Samos ihren jetzigen Mann kennen – und blieb.

Was kann romantischer sein, als sich den Pilgerbart von einer Friseurin trimmen zu lassen, die sich der Liebe wegen am anderen Ende niedergelassen hat?

So – und wir jetzt? Vielleicht könnte Sankt Jakobus ja bei seinem Bruder Petrus ein Wort für uns einlegen, damit wir morgen doch wandern können und nicht fahren müssen.

In diesem Sinne senden wir hoffnungsfrohe Grüße in die weite Welt hinaus und sagen:

Buen Camino aus Sarria!