Warten auf Monsieur Martin

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Es gibt Tage, an denen sehne ich mich ganz schrecklich nach der „Servicewüste Deutschland“ zurück. Wetten, dass das, was ich Ihnen gleich erzähle, bei Ihnen undenkbar wäre?

Vor genau sieben Wochen machte unsere Spülmaschine schlapp. Kein großes Ding. Ein paar Dichtungen sind spröde geworden, ein Bolzen im Drehmechanismus muss ersetzt werden. Immerhin ist die Maschine schon bald hundert sechs Jahre alt.

Anruf bei der Firma „mit mehr als 40 Jahren Erfahrung im schnellen Reparaturservice“ – so die Werbung.

Mechaniker kommt in fünf Tagen, schneller geht nicht“. Kein Problem. Fünf Tage im spülmaschinenfreien Leben eines Rentners sind gerade mal „ein Mückenschiss auf dem Maßband der Geschichte“. (Danke, Google, dass du mir diese Weisheit eben ausgespuckt hast!)

Der Mechaniker steckt im Verkehr fest. Verständlich bei mehr als 400 Baustellen, mit denen Montreal zurzeit zugepflastert ist. Statt vormittags kommt er eben am Nachmittag. Wen juckt’s? Mich inzwischen, zumindest ein bisschen.

Der junge, forsche Mechaniker kommt mit zwei Bitten: Er möchte 1.) das WC benützen und 2.) eine Bedienungsanleitung für die Spülmaschine sehen. Bei der Bedienungsanleitung werde ich stutzig. Aber egal. Im Klo führt der Herr Privatgespräche auf dem Handy, kichert viel und vergisst leider hinterher die Wasserspülung abzuziehen. In der Zwischenzeit treibe ich eine Bedienungsanleitung auf.

Eine Stunde und 95 Dollar später funktioniert die Maschine immer noch nicht. „Auf keinen Fall die Sicherung einschalten bis ich wiederkomme“. Kurzschlussgefahr! Doof nur: Die Spülmaschinen-Sicherung ist gekoppelt mit dem Elektroherd. Bis auf weiteres stehen uns also weder der Herd noch die Spülmaschine zur Verfügung.

Aber wir schaffen das – und ziehen vorübergehend ins Blockhaus. Dort gibt es zwar auch keine Spülmaschine, aber wenigstens funktioniert der Herd.

Vier Wochen später: Martin kommt. Ein freundlicher („Bin frisch verliebt!“), nicht mehr ganz junger Frankokanadier, bringt nicht nur gute Laune ins Haus, sondern auch die Ersatzteile. Nur: Die braucht er gar nicht, denn das Problem liegt irgendwo ganz anders. Der Klohocker hatte sich also geirrt. Auch das mit der gekoppelten Sicherung und dem Herd sei kein Problem, sagt Martin und verspricht, gleich nach dem Urlaub an unserem Jahrhundertprojekt weiter zu arbeiten.

Der Sommer neigt sich dem Ende zu und Martin ist aus dem Urlaub zurück. Für morgen hat er sich angekündigt und ich bin schon ganz aufgeregt. Soll ich Kuchen für ihn backen? Schampus kalt stellen? Häppchen besorgen? Ob er vormittags oder nachmittags kommt, kann Monsieur Martin beim besten Willen nicht sagen. Wäre auch zuviel verlangt bei den 400 Baustellen. Egal: Ich bin bereit. Und wenn er erst um Mitternacht kommt, geht die Welt auch nicht unter.

Und jetzt kommen Sie mir bitte nie mehr mit der „Servicewüste Deutschland“.

Die ganze Stadt eine Baustelle

Jeder Punkt eine Baustelle. Bildrechte" Vill de Montréal

Jeder Punkt eine Baustelle. © Ville de Montréal

Plötzlich war unsere Ausfahrt weg. Die Rampe, die den Stadtteil St. Henri mit der Stadtautobahn verbindet, lag in Schutt und Asche. Verschwunden. Von einem Tag auf den anderen. Ärgerlich? Schon. Aber wir sind nicht allein. Ganz Montreal gleicht zurzeit einer riesigen Baustelle.

Nie zuvor in der Geschichte der Stadt wurde so viel gebuddelt wie in diesem Jahr. Fast 200 Kilometer Straßen werden geteert, 80 Kilometer Wasserleitungen erneuert. Dutzende von Brücken, Zufahrtsrampen und Betonpfeiler werden abgerissen und wieder aufgebaut. Allein in diesem Jahr investiert die Stadtverwaltung an gut 400 Baustellen eine halbe Milliarde Dollar.

Die Folge ist ein Verkehrschaos ohnegleichen. Die Nerven der Bus- und Taxifahrer liegen blank. Der Chauffeur des 77ers, der vor unserem Haus hält, hatte mich glatt übersehen. Nach einer Vollbremsung 20 Meter nach der Haltestelle entschuldigte sich der gute Mann: „Die vielen Bau- und Umleitungsschilder machen mich noch wahnsinnig“.

Dass ausgerechnet in diesem Jahr so viel gebuddelt wird, hängt nur bedingt mit dem bevorstehenden 375. Geburtstag der Stadt zusammen. Natürlich will sich Montreal von seiner besten Seite zeigen, wenn Prominenz aus aller Welt zu Besuch kommt.

Der wahre Grund, warum so viel gebaut, aufgerissen und repariert wird, liegt irgendwo anders. Die Wasserleitungen wurden vor hundert Jahren fast gleichzeitig gelegt. Und geben naturgemäß fast zur gleichen Zeit den Geist auf. Hätte man Leitungen und Straßen sukzessive auf Vordermann gebracht und nicht auf den Totalkollaps gewartet, wäre das Chaos möglicherweise ausgeblieben.

Vielleicht aber auch nicht. So ein bisschen Chaos gehörte schon immer zu meiner Stadt. Man denke nur an die Eröffnung der Olympischen Spiele vor genau 40 Jahren. Damals musste Königin Elizabeth über den Schlamm getragen werden, weil die Zufahrtswege zu den Olympia-Anlagen noch nicht fertig waren. Und das Kevlar-Dach des Olympiastadions wurde erst 22 Jahre nach Ende der Spiele installiert.

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Eine von 400: Baustelle Ecke Rue St. Jacques/Rose de Lima. © Bopp

Gebuddelt wird nicht nur in der Erde. Auch der Hochbau boomt. © Bopp

Gebuddelt wird nicht nur in der Erde. Auch der Hochbau boomt. © Bopp

Christa und die Indianer

Zuneigung und gegenseitiger Respekt: Christiane Längin und Kanadas Ureinwohner. Foto: RBC Convention Centre

Es passt viel rein, in so ein Leben. Viele Plätze, viele Ereignisse, viele Schicksale, viele Menschen. Einer dieser Menschen ist Christa Längin. Unsere Wege haben sich zum ersten mal am 8. Dezember 1973 gekreuzt – dem Tag, an dem mein erstes Kanada-Abenteuer begann. Unsere Freundschaft dauert bis heute an.

Es war ein gnadenlos kalter Wintertag, an dem ich damals in Winnipeg/Manitoba gelandet bin, um meinen Reporter-Job bei einer deutschsprachigen Wochenzeitung anzutreten. 40 Grad minus zeigte das Thermometer an, ein Nordwind tobte durch die Straßen der 400.000-Einwohner-Stadt mitten in der Prärie. Hier sollte ich also die nächsten drei Jahre leben und arbeiten.

Empfangen wurde ich von Bernd Längin, meinem inzwischen verstorbenen Freund und Chefredakteur, und seiner Frau Christa. Sie stammten beide aus Karlsruhe und hatten trotz ihrer relativen Jugend – Ende 20 – schon eine Menge erlebt. Darunter auch fünf Jahre in Südwestafrika, dem heutigen Namibia. Dort, in Windhoek, hatte auch ihre Tochter Marion das Licht der Welt erblickt.

Sie waren ein Dream-Team: Bernd, der Journalist, der im Laufe seines viel zu kurzen Lebens auch Dutzende von Fachbüchern über religiöse und ethnische Minderheiten geschrieben hat. Christa, die bienenfleißige junge Frau, die später als erfolgreiche Unternehmerin Karriere machen sollte.

Ihre Firma „Springhill Lumber“ spezialisierte sich auf Bau und Vertrieb von Fertighaus-Teilen für kanadische Ureinwohner. Auf Eisstraßen, deutschen Fernsehzuschauern von der Serie „Ice Roads Truckers“ bekannt, wurden die Teile über zugefrorene Flüsse und Seen mit Spezialtransportern von Winnipeg aus ans Ziel gebracht. Springhill Lumber verkaufte und lieferte die Baumaterialien und bildete in speziellen Kursen „supervisors“ aus, die wiederum den Indianern beim eigentlichen Bau der Häuser Anleitungen gaben.

Heute können die Ureinwohner der meisten Reservate ihre Unterkünfte selbst bauen – ein Erfolg, auf den Christa Längin mit Recht stolz sein kann.

Profitiert haben beide von diesem Unterfangen: Die Indianer im Norden Kanadas. Und Christas Firma „Springhill Lumber“.

Die Firma ist inzwischen verkauft. Mit ihrem neuen Partner Günter reist Christa seither durch die Welt. Dass kanadische Indianer zu dem Wohlstand beigetragen haben, den sie heute genießt, hat sie den Ureinwohnern von Manitoba, Saskatchewan und Ontario nie vergessen. Mit dem Buschflugzeug transportierte sie Windeln, Babynahrung und andere „Luxusgüter“ aus der Zivilisation in die abgelegendsten Indianerreservate des Nordens.

Bei einem dieser Buschflüge war ich mit an Bord. Wir drehten damals einen Film für das Deutsche Fernsehen. Es ist keine Übertreibung: Christa Längin wurde von den Ureinwohnern des Indianerreservats wie ein Rockstar empfangen.

Auch jetzt, im Ruhestand, hat Christa Längin ihre Freunde, die Indianer, nicht vergessen. Dem RBC Convention Centre, dem Winnipeger Kongresszentrum, vermachte sie eine umfangreiche Sammlung indianischer Kunst, die sie zuvor einer Reihe von Ureinwohner-Künstlern abgekauft hatte. Im großzûgig angelegten Foyer sind die Gemälde seit kurzem als Dauerausstellung zu bestaunen. Eine Auswahl davon gibt’s in dieser Bildergalerie

Es gibt Tage, an denen man besonders stolz ist auf seine Freunde. Der Tag, an dem sich Christa Längin bei kanadischen Ureinwohnern mit einer prächtigen Geste bedankte, war so ein Tag. Danke, Christa!

Bildrechte: RBC Convention Centre, mit freundlicher Genehmigung durch Karen Ilchena

Bitte hören Sie mir jetzt gut zu!

Bildrechte: Bopp

WARNUNG: Dieser Blogpost geht in die Privatsphäre und ist der persönlichste, den ich je geschrieben habe. Ich wähle diesen Weg nicht, weil ich Mitleid erwarte, sondern weil ich andere vor meinem Schicksal bewahren möchte.

Es ist im Grunde genommen ganz einfach: Fliegen Sie nie mit einer starken Erkältung oder gar einer Mittelohr-Entzündung! Sonst droht ihnen der Verlust des Hörvermögens. Genau das ist mir passiert.

Was riskiert man nicht alles, wenn nach fünf Monaten Mallorca der Rückflug nach Montreal ansteht! Ich hätte es besser wissen müssen. Die Bronchitis noch wenige Tage vor der Abreise, die Zahnwurzel-Behandlung am Tag vor dem Rückflug. Vor allem aber die extrem schmerzhafte Mittelohrentzündung 48 Stunden, ehe der Flieger ging.

Ich habe Hilfe gesucht – und sie auch gefunden. Not-Termin bei einem tollen kubanischen Zahnarzt. Besuch bei einem HNO-Spezialisten in Palma. Antibiotika, Cortison, Schmerzmittel. Und ab ging’s in den Flieger. Von Palma nach Frankfurt. Vier Stunden später weiter von Frankfurt nach Montreal.

Start und Landung waren nicht angenehm, aber auch nicht besonders schlimm. Den Druck auf den Ohren kennt jeder, der schon mal geflogen ist. Auch die Beeinträchtigung des Hörvermögens nach der Landung in Montreal war nicht ungewöhnlich. Alarmierend war allerdings, dass der Hörverlust auch Tage später nicht besser wurde, sondern schlimmer.

Bis heute warte ich vergeblich auf das erlösende PLOPP.

Unter dem Trommelfell beider Ohren hatte sich Flüssigkeit gebildet – deshalb die Schwerhörigkeit. Weil sich das Sekret auch nach weiteren Behandlungen mit Antibiotika nicht auflöste, folgte viereinhalb Wochen nach der Landung in Montreal ein chirurgischer Eingriff.

Es wurden ein „Paukenröhrchen“ eingesetzt und das Trommelfell mehrfach durchstochen. Damit sollte eine bessere „Belüftung“ der Gehörgänge erreicht werden. Doch der erwartete Erfolg blieb aus. Deshalb sah der HNO-Chirurg davon ab, auch ins andere Ohr ein Paukenröhrchen zu implantieren.

Mehr als eineinhalb Monate nach der Landung in Montreal und fast drei Wochen nach dem chirurgischen Eingriff ist mein Hörvermögen noch immer extrem stark eingeschränkt. Ob die Schwerhörigkeit von Dauer sein wird, ist im Moment unklar.

Sicher ist nur eins: Wäre ich an jenem schicksalhaften 29. Mai 2016 nicht ins Flugzeug gestiegen, könnte ich vermutlich auch heute noch das Gras wachsen hören.

Deshalb: Tun Sie’s nicht! Stornieren Sie ihren Flug! Quartieren Sie sich notfalls für ein paar Tage in einem Hotel ein. Irgendwann ist die Erkältung vorbei und Sie können getrost fliegen. Wenn Sie vorgesorgt haben, springt bei einer Umbuchung möglicherweise sogar die Versicherung ein.

Gute Reise! Ein „Halten Sie die Ohren steif“ verkneife ich mir lieber.

Mega-Party in „Little Portugal“

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© Screenshot Montreal Gazette

Wenn in einer Stadt mit vier Millionen Einwohnern eine der Hauptstraßen stundenlang für den Autoverkehr gesperrt bleibt, dann muss das schon einen guten Grund haben. Hat es auch: Portugal ist Fußball-Europameister.

Die Straße, der Boulevard St. Laurent, verläuft geradewegs durch „Little Portugal“. Dort wimmelt es nur so von Hähnchenbratereien und portugiesischen Fisch- und Gemüseläden. Dazwischen bieten Sanitärzubehör-Geschäfte gebrannte Fliesen an, oft mit Heiligen-Motiven aus der Heimat, die an vielen der Wohnhäuser die Eingänge zieren.

Und natürlich fehlen auch nicht die Kneipen, vor denen sich schon in Allerherrgottsfrühe meist ältere Männer treffen, um beim Café über Gott und die Welt zu plaudern, vor allem aber über Fußball.

Ich weiß das so genau, weil ich während der Fußball-EM häufig durch „Little Portugal“ spaziert bin, stets in der Gewissheit, Menschen zu treffen, für die Fußball mehr ist als nur ein Sport. Es ist der Kitt, der diese kleine, aber bunte und herzerfrischend lautstarke ethnische Gruppe zusammenhält.

Besonders deutlich wurde dies gestern Abend nach dem gewonnenen Finale. Kaum waren Ronaldos Tränen getrocknet, rannten Tausende von Menschen auf die Straße. Sie kamen aus den Kneipen gestürmt und aus Privathäusern, aus den Grillstationen und den Straßencafés. Viele von ihnen eingewickelt in portugiesische Flaggen, auf Autodächern und in Cabrios.

Diejenigen, die sich eine Ronaldo-Gummimaske übers Gesicht gezogen hatten, taten das nicht, um sich zu verstecken. Im Gegenteil: Sie feierten einen Helden. Auch wenn dieser nur 25 Minuten im Endspiel dabei war, schaffte er es, nicht nur eine Nation im Südwesten Europas stolz gemacht zu haben. Sechstausend Kilometer weiter westlich, in Montreal, legten fünftausend Kanadier portugiesischer Abstammung den Boulevard St. Laurent lahm.

Fünftausend Menschen in Feierlaune sind im Verhältnis zu vier Millionen Einwohnern nicht viel. Dass die Montrealer Polizei für die portugiesischen Fußballfans noch bis in die späte Nacht hinein den Verkehr regelte, spricht nicht nur für die Sportbegeisterung, die in meiner Stadt herrscht, sondern auch für die Toleranz, die hier gegenüber ethnischen Minderheiten aufgebracht wird.

Davon können sich die von Storchs, Petrys und andere dumpfbackigen Kleingeister gefälligst eine Scheibe abschneiden.

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Bildrechte: Bopp

Liebeserklärung an Underdogs

Copyright: vg.no

Copyright: vg.no

Sollte Island heute Frankreich schlagen, würde ich zwar keinen Sommernachtstanz vollführen, mich aber trotzdem tierisch freuen. Nicht, weil ich etwas gegen Franzosen hätte – ganz im Gegenteil! Ich liebe Land und Leute und bin allein schon durch meine Québecer Wahlheimat enger mit ihnen verbunden als mit den meisten Nationen. Warum dann Island? Weil ich ein Herz für Underdogs habe. Wie viele von Ihnen vermutlich auch.

Genaugenommen ist Kanada ja auch so ein Underdog. Wir leben im Schatten eines Riesen. USA: Mächtig. Dominant. Stolz. Geopolitische Championsliga. Kanada? Groß. Höflich. Bescheiden. In der Weltpolitik spielen wir allenfalls in der Kreisliga.

Schlimm? Gar nicht. Im Gegenteil: Ich finde die Konstellation sehr sympathisch. Es gibt Leute, die behaupten, Kanada sei das bessere Amerika.

Ähnlich verhält es sich mit Uruguay. Dort habe ich während einer Südamerika-Reise einige der liebenswertesten Menschen kennen gelernt. Auch in Montevideo lebt man im Schatten eines Riesen. Der heißt Argentinien, ist wunderschön, aber ein Macho wie er im Buche steht.

Von Island kann man das nicht behaupten. Kleines Land, großartige Leute. Einige davon habe ich in den 80er-Jahren getroffen, als die billigste Flugverbindung von Europa nach Kanada über Reykjavík ging. Ein paar Stoppover-Nächte in dieser sympathischen Stadt haben genügt, um mir die Menschen dieses tollen Inselstaates näher zu bringen.

Und heute also Island gegen Frankreich. Für mich sind die Isländer schon Meister, noch ehe sie den ersten Ball berühren. Die Meister der Herzen.

ÜBRIGENS: Wenn Sie auf Facebook sind, können Sie Ihren isländischen Namen hier selber generieren. – Und wenn Sie Island jetzt auch noch akustisch anfeuern wollen, können Sie das hier tun.

Endstand: Frankreich 5 Island 2 

Okay. Dann eben Zweitorson.

Stadt, Land, Fluss: Montréal

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Das „Village“ im Montrealer Osten.

Montréal einmal von einer ganz anderen Seite. Eigentlich von vielen Seiten. Vom Land aus. Vom Ufer des Lachine-Kanals aus. Von der gigantischen Jacques-Cartier-Brücke aus, die über den Sankt-Lorenz-Strom führt. Kommen Sie mit! 15 Kilometer Fußmarsch an einem heißen Sommertag sind ein kleiner Einsatz für so viel Vergnügen.   Alle Fotos © Bopp

Fußballfieber im Blockhaus

cottage_blogEs ruckelt und zuckelt und manchmal bleibt der Ball kurz vor dem Tor stehen. Aber wer Fußball mag und keinen Fernseher weit und breit hat, muss sich eben anderweitig behelfen.

Zum Beispiel mit dem Versuch einer Live-Übertragung per Laptop ins Blockhaus am Lac Dufresne. Sechzehn Kilometer vom nächsten Dorf entfernt. Fünfeinhalbtausend Kilometer von Lille.

Wer einen Teil des Sommers im Wlan-Niemandsland verbringt und keinen Satelliten-Fernseher um sich herum haben möchte, muss improvisieren. Ein Glück, dass wir hier inzwischen Handy-Signale empfangen können.

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Eins zu null für das Internet: EM per Handysignal live aus Lille.

Über Bluetooth wird der Laptop mit dem Smartphone verbunden. Per „Tethering“ ein Netzwerk zu schaffen ist kein Hexenwerk. Und schon geht’s los ins Fußballvergnügen.

Und weil der ZDF-Stream wegen „Geoblocking“ in Kanada gar nicht zu sehen sein dürfte, muss ein Programm her, das vorübergehend die Internetadresse verändert. Der IP-Cloner meines Herzens ist vollkommen legal, heißt „Tunnelbear“ und kommt zufällig aus Kanada.

So eine Handy-Übertragung ist nicht ganz störungsfrei und auch nicht ganz billig. Das Internet-Kontingent des Providers musste kurzfristig um ein paar Gigabytes erweitert werden. Doch der Datenfraß hat sich gelohnt: Das Spiel Frankreich gegen die Schweiz war eine passable Begegnung, auch wenn sie torlos endete.

Und jetzt? Kommt als nächstes etwa der sonntägliche Tatort ins Blockhaus? Oder die neueste Netflix-Serie?  Kochshows? Late-Night-TV und Frühstücksfernsehen? Bestimmt nicht. Es gibt Dinge, die gehören nicht in die Wildnis. Zum Beispiel „House of Cards“, CNN, Jimmy Fallon, Anne Will oder Bundesliga.

Aber für so eine Fußball-EM gelten eben andere Gesetze.

Die Sorgen des Löffelspielers

© Screenshots CBC - CTV - Montreal Gazette

© Screenshots CBC – CTV – Montreal Gazette

Es kann viel passieren in fünf Monaten. Während wir es uns am Mittelmeer gutgehen ließen, ging das Leben in Montreal ganz normal weiter. Oder vielleicht doch nicht so ganz normal?

Eben lese ich: Die Stadtverwaltung konnte sich nach kurzer Diskussion dazu durchringen, ein Dutzend Granitsteine auf dem Hausberg von Montreal, dem „Mont Royal“, aufzustellen. Die kunstvoll gestalteten Granitsteine haben die Form von Baumstämmen und sollen Besucher des Parks zum Verweilen einladen. Granitsteine als Baumstämme. Mitten im Wald. Für 3.5 Millionen Dollar. Ist das normal? Auf der CBC-Webseite kommentiert ein Leser: Eigentlich sei das gar keine so schlechte Idee. Man müsste sich die Granitsteine nur in gemahlener Form liefern lassen. Damit könnten dann die Schlaglöcher gefüllt werden.

Kunst hat eben immer zwei Seiten.

Und dann: Mordecai Richler. Er war einer der größten Schriftsteller, die Kanada je hervorgebracht hat. Besonders gerne ließ er sich wohl in einem schattigen Holzpavillon inspirieren, der ebenfalls am „Mont Royal“ steht. Oder stand. Denn das Konstrukt ist windschief und wird seit Jahren nicht mehr genutzt. Jetzt kommt Hilfe von der Stadtverwaltung: Der kleine „Gazebo“ wird restauriert. Für läppische 600.000 Dollar.

Andere Sorgen hat da ein Mann namens Cyrille Esteve. Seit Jahrzehnten sitzt er vor einem Nobelkaufhaus der Rue-Ste.Catherines und macht Löffelmusik. In Quebec hat die Kunst, aus gegeneinander geschlagenen Holzlöffeln Rhythmen hervorzuzaubern, eine lange Tradition. So gesehen könnte man Monsieur Esteve bei großzügiger Auslegung durchaus als eine Figur der Zeitgeschichte bezeichnen.

Doch die Zeit bleibt auch für den Löffelspieler nicht stehen. Es gab Beschwerden wegen Lärmbelästigung. Ab sofort soll der Mann seine Löffelmusikstation alle 60 Minuten um 60 Meter verlegen. Das sei nicht ganz einfach, sagt Cyrille. Schließlich löffle er seine Musik zu den Melodien, die aus einem Radioverstärker kommen. Den und sein Fahrrad, auf dem er das ganze Equipment befördere, müsste er ja dann auch jede Stunde umziehen.

Die Stadt, die – siehe oben – mit Kunst sonst viel am Hut hat, zeigt sich ungnädig und besteht auf die Einhaltung der neuen Bestimmung. Mehr noch: Nur wenn sein Radioverstärker mit einem vom Ordnungsamt ausgegebenen Lizenz-Sticker versehen sei, dürfte er die Hintergrundmusik zu seinem Löffelspiel laufen lassen.

Der gute Cyrille willigte schließlich ein und machte sich auf den Weg ins Rathaus, um seinen Sticker abzuholen. Die seien dummerweise gerade ausgegangen, wurde ihm dort beschieden. Jetzt löffelt er bis auf weiteres ohne Lizenz vor sich hin.

Und da sage noch einer, in fünf Monaten sei in meiner Stadt nichts passiert.

 

Die Ruhe nach dem Sturm

buchDie Entschleunigung auf der Insel zeigt definitiv Wirkung: Im Flieger „Ich bin dann mal weg“ geschaut und hinterher Ohmmms in die Luft geblasen. Danach „Einen Scheiß muss ich“ gelesen. Und überhaupt ist der Typ, der mir vorhin den Aufzug zur Tiefgarage weggeschnappt hat, selbst schuld, dass ihn das Glück, oder wer auch immer, heute noch nicht geküsst hat.

Mag sein, dass es an den vom Fliegen noch immer verstopften Gehörgängen liegt. Aber Montreal entpuppt sich ganz unerwartet als eine Oase der Ruhe. Damit ist in einer Vier-Millionen-Stadt nun wirklich nicht zu rechnen. Doch es stimmt: Die Stadt brummt, aber sie ist nicht übermäßig laut. Wie ein großer, fetter Teddybär, der schon beim ersten Blickkontakt schnurrt.

Nach Palma, wo Straßenmusiker vor unserer Wohnung fünf Monate lang den Ton angaben und Müllkutscher morgens um fünf fröhlich ihr Tagwerk begannen, ehe die Bierlieferanten anrollten, um sich lautstark mit den Fischverkäufern zu unterhalten, wirkt die Stadt, in der ich jetzt wieder lebe, wie ein Slow-Cooker im Schongang.

Spanien, habe ich neulich gelesen, sei nach Japan das zweitlauteste Land der Welt. Und eines der Länder, in denen die Menschen – zumindest in den Städten – am wenigsten schlafen. Liegt es am späten Essen, wie manche vermuten? Oder an den vielen Fiestas, die dort bis in die Nacht hinein gefeiert werden?

Ich behaupte: In Spaniens Städten schlafen die Menschen weniger als anderswo, weil ein permanenter Lärmpegel sie einfach nicht schlafen lässt. Oder kann mir einer erklären, warum der Zeitungsverkäufer an der Straßenecke schon morgens um sechs sein Kofferradio aufdrehen muss? (Und es ist wirklich ein Kofferradio). Ich vermute: Weil der vom nächtlichen Lärm genervte Verkäufer sonst vor Müdigkeit einschlafen würde.

Lauter laute Spanier.

Die Stadtbusse rasen durch Palmas Straßen, als hätte Bernie Ecklestone ein neues Geschäftsmodell für sich entdeckt: Formula Autobus. In Montreal, scheint mir, verkehren Busse nicht nur seltener als in Palma. Sie fahren auch gemächlicher. Schon klar: Touristen müssen schnell ans Ziel. Dagegen hat der gemeine Arbeitnehmer ja alle Zeit der Welt.

Die Ruhe nach dem Sturm. Mitten in Montreal. Wer hätte das gedacht!