Keine Schadenfreude, bitte!

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„Sex sells“ und „Wetter geht immer“. Zwei Ansagen, die mir aus der Anfangszeit meiner Journalistenausbildung in Erinnerung geblieben sind. Den Sex denken wir uns jetzt mal. Reden wir also über das Wetter. Das geht in Kanada so: Vor dem Winter ist nach dem Winter.

Vor knapp einer Stunde, am 13. Oktober 2018 um 10:30 Uhr, wurden wir wieder einmal daran erinnert, wo wir eigentlich leben. Wir leben in einem Land, in dem nur Eishockey eine noch größere Rolle spielt als das Wetter. Es hat Schnee geregnet. Man nennt es Schneeregen.

Den geneigten Leserinnen und Lesern meines kleinen Blogs wird nicht entgangen sein, dass mein Verhältnis zum Schnee vergleichbar ist mit dem zu einem Irren in Washington. Ich hasse ihn. Und  den Anderen erst recht.

Weil auch Journalisten im Ruhestand noch so etwas wie eine Chronistenpflicht haben, stelle ich heute drei Fotos anheim: Das obere ist heute früh entstanden. Die beiden unteren vor sieben, bzw. siebzehn Jahren. Alle drei zeigen jeweils den ersten „Wintertag“. Wobei: Winter ist ein großes Wort für ein bisschen Schnee.

Einige meiner Blog-Leserinnen und –Leser im deutschen Sprachraum können sich vermutlich an Tagen wie diesen eine gewisse Schadenfreude nicht verkneifen. Ich weiss, bei Euch ist der Himmel heute blau und es hat 27 Grad. Aber auch das wird sich ändern. Denn der nächste Winter … naja, lassen wir das.

Schönes Wochenende allerseits!

Einmal um den See geblättert

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Jetzt hat er es sich doch noch anders überlegt, der Indian Summer. Praktisch über Nacht haben sich die Laubbäume rund um den Lac Dufresne verfärbt. Die Fotos sind bei einer Wanderung rund um den See entstanden. Hier geht es zur  >> FOTOGALERIE <<

Trauerspiel mit Trump und Moore

Mit Michael Moore ist es ein bisschen wie mit McDonald’s. Man weiss, was einen erwartet und es schmeckt eigentlich nichts so richtig. Wenn man dann alles hinter sich gebracht hat, ist man zwar satt, aber nicht immer zufrieden.

So jedenfalls ging es mir, als ich eben Michael Moores neuesten Film „Fahrenheit 11/9“ gesehen habe. Die Doku rund um die Politik von Donald Trump zeigt Moores Ankündigung zufolge, „wie der Wahnsinn anfing und wie man ihn beendet“.

Fahrenheit 11/9 ist nicht zu verwechseln mit Fahrenheit 9/11. Der Titel bezieht sich auf den 9. November 2016, das Datum, an dem Trumps Wahlsieg verkündet wurde. Damals, auch schon wieder 14 Jahre her, hatte Moore die Politik der Bush-Regierung nach dem Anschlag auf das World Trade Center thematisiert. Dass man sich eines Tages glatt nach George W. Bush als Präsident zurück sehnen möchte, ist Teil der hoffnungslos verqueren amerikanischen Politszene.

So richtig viel Neues bietet „Fahrenheit 11/9“ nicht. Die meisten der dümmlichen, sexistischen und rassistischen Trump-Clips kennt man bereits aus dem Fernsehen. Viele der O-Töne, die Moore unter anderem in Schulklassen einfängt, gehen zwar unter die Haut. Aber wie so oft predigt der Filmemacher zu den Bekehrten.

Egal wie hoch Michael Moore den Arschlochfaktor von Donald Trump ansetzt, die Wirklichkeit ist leider immer noch schlimmer. Das verleiht dem Film eine dramaturgische Hilflosigkeit, die er nicht verdient hat.

Die Aufreger-Momente Fahrenheit 11/9 sind entweder schon bekannt, oder aber vorhersehbar. Was zurück bleibt, ist die abgestumpfte Fassungslosigkeit über einen Präsidenten-Darsteller, der nicht ins Weiße Haus gehört sondern ins Irrenhaus.

Viele der Szenen im Film spielen in Moores Heimatstadt Flint/Michigan: Bleiverseuchtes Trinkwasser und ein selbstverliebter Halbkrimineller als Gouverneur. Die Not unter der Bevölkerung ist groß. Sie hat zwar keine Jobs, dafür aber ständig Angst, krank zu werden. Das Unheil hatte übrigens begonnen, noch ehe Trump Präsident geworden war.

Als dann ein Erlöser namens Obama aus der Air Force One tritt, hofft der Kinobesucher endlich auf einen Lichtblick in diesem Depri-Drama. Bestimmt würde der damalige Präsident dem Spuk in Flint/Michigan ein Ende bereiten. Weit gefehlt.

Moores ernüchternde Erlärung lässt einen noch tiefer in den Kino-Sessel sinken. Also doch: Auch Obama war nicht der Heilsbringer, für den ihn bis heute so viele halten. Zum Beweis dafür, dass sich die Menschen von Flint/Michigan nicht so aufspielen sollen und das dortige Trinkwasser völlig in Ordnung sei, nippt er an einem Glas. Surprise, surprise: Er überlebt!

Wieder ein Traum vom guten Amerika geplatzt.

„Fahrenheit 11/9″  hatte kürzlich beim Torontoer Filmfestival Weltpremiere. In Deutschland ist der Film noch nicht angelaufen. Ein Termin steht nicht fest.

Hörbücher: Meine Art zu lesen

Desktop13Wer schlecht sieht, versucht seine Sinne anderweitig zu kompensieren. Gar nicht so einfach, wenn Lesen zum Tagesablauf gehört wie Essen, Trinken und Schlafen. Die Lösung: Hörbücher.

Zu vielen Büchern, die heute auf den Markt kommen, gibt es auch eine Hörbuch-Version. Die ist zwar manchmal teurer als das gedruckte Buch. Aber dafür gibt’s auch was Anständiges auf die Ohren.

Gedruckte Bücher habe ich seit Jahren nicht mehr gelesen. Als jetzt die Vorab-Druckversion eines neuen Buchtitels einer mir bekannten Autorin im Briefkasten lag, habe ich mich natürlich gefreut. Lesen werde ich das Buch wohl kaum, zumindest nicht in gedruckter Form. Für alle, die auf das Papierrauschen beim Umblättern nicht verzichten möchten – hier geht’s zu: „ACHT STUNDEN MEHR GLÜCK“

Als langjähriger Hörbuch-Konsument weiss ich: Auch wenn das Buch noch so spannend ist und der Text noch so gelungen, muss die Stimme des Sprechers stimmen.

Aktuell höre ich den wunderbaren Americhina-Roman „The Wangs vs. The World“. Die Audio-Version nimmt 14 Stunden in Anspruch. Die Story selbst ist großartig. Würde sie aber von einer Sprecherin vorgetragen werden, die langatmig oder in einer Stimmlage liest, die mein persönliches Hörempfinden stört, hätte ich das Buch nicht gekauft.

Aber da beim Hörbuchkauf ein Audio-Sample möglich ist – so wie beim eBook-Angebot „Der Blick ins Buch“ -, weiss der Käufer, worauf er sich einlässt. Glück gehabt: Nancy Vu ist die perfekte Sprecherin für so ein Action geladenes, spannendes und dabei unglaublich witziges Buch.

Aber es geht auch anders. In meiner Audio-Sammlung gibt es Bücher, bei denen ich nach fünf Minuten den Stöpsel ziehen musste. Die Stimmen der Sprecher bereiteten mir körperliches Unbehagen.

Vielleicht ist man als Radiomensch besonders kritisch, wenn es um Vorlese-Stimmen geht. Aber am eigenen Empfinden lässt sich nun mal wenig ändern.

Besonders vorsichtig bin ich bei Audio-Büchern, die von den Autoren selbst gelesen werden. Nicht jeder gute Schreiber ist ein guter Sprecher. Bei Hape Kerkeling funktioniert das wunderbar, bei einigen anderen gar nicht.

Umgekehrt passiert es schon mal, dass ich einen genialen Sprecher wie Gert Heidenreich runterlade, auch wenn mir das Buch inhaltlich nicht viel gibt. Heidenreich zuzuhören ist ein Gedicht. Er dürfte von mir aus auch aus dem Kölner Telefonbuch vorlesen. (Gibt’s sowas überhaupt noch?)

Generell finde ich deutschsprachige Hörfunk-Versionen stimmlich ansprechender als amerikanische. Mehr als einmal habe ich ein englischsprachiges Audiobook zur Seite gelegt, weil mich die amerikanische Sprechstimme abtörnte. Buch-stäblich.

Was mir am Hörbuch gefällt? Es ist schnell am Ohr, wenn man es braucht. Man ist mobil und kann es auch offline hören. Es wiegt nichts, schont die Augen und lässt einen akustisch in Welten eintauchen, was selbst das beste gedruckte Buch nicht schafft.

Wer einmal mit dem Knopf im Ohr eingeschlafen ist, weiss, was ich meine.

Fünf Freunde am See

Freunde fürs Leben? Cassian, Nick, Matt, Martin, Chad bei einem ihrer jährlicher Foto-Shootings am Lac Dufresne.

Freunde kommen und gehen. Menschen ändern sich, ziehen weg, Prioritäten verschieben sich. Organisch gewachsene Freundschaften, die in jungen Jahren entstanden sind, können auch durch noch so gute Bekanntschaften im Alter nicht ersetzt werden. An diesem Wochenende kommen, wie immer um die Zeit von Cassians Geburtstag, Cassian, Chad, Matt, Nick und Martin zu ihrem 15. Freundestreffen im Blockhaus zusammen.

Bis auf Nick kennen sich alle seit der High-School. Die Jungs sind jetzt alle 31. Der Kontakt ist in 15 Jahren nie abgerissen.

Am Ritual des jährlichen Treffens hat sich nichts geändert. Mutter kocht Linsen mit Spätzle und Saitenwurst, damit die Boy Group zumindest am Abend nach ihrer Ankunft nicht darben muss. Am zweiten Tag gibt’s Spaghetti Cassiano.

Nach der Ankunft am See – auch dies ein Ritual – wartet jede Menge Brennholz auf sie,

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Auf der Hut: Nick.

das der Holzhändler zuvor am Ufer abgeladen hatte. Das Feuerholz, das uns während des kommenden Winters einheizen soll, muss per Ruderboot über den See zum Haus geschippert werden. Eine Autozufahrt gibt es nicht.

Matt, ein Singer/Songwriter, der inzwischen auf den Konzertbühnen der Welt zuhause ist und kürzlich auch einen Auftritt in der Elbphilharmonie hatte, kam rechtzeitig zum Treffen von einer Ostküsten-Tournee aus den USA zurück.

Martin, der fast pausenlos für den größten Landmaschinen-Hersteller der Welt unterwegs ist, kam immerhin aus der Nachbarprovinz Ontario angereist.

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„Breathtaking landscape“, hat ein Fan von Matt zu diesem Bild auf Instagram geschrieben. „You should write a song about it“.

Nick, beim führenden Produzenten von Eishockey-Equipment für Branding und Sponsoring zuständig, flog kurzfristig aus Toronto ein.

Chad hat für den Freundestreff eigens seinen Wahlkampf unterbrochen. Er kandidiert zurzeit für „Die Grünen“ für den Landtag von Quebec und hofft, nach dem 1. Oktober ins Provinzparlament einziehen zu können.

Und natürlich Cassian, der sich in Montreal als Broker für Luxus-Immobilien einen Namen gemacht hat.

Andere Zeiten, andere Haare.  >>  HIER  <<  klicken Sie sich durch die Bildergalerie

Gestern am Lac Dufresne: Holztransport über den See.

Anders schön: Leben als Rentner

IMG_6248.jpgRentner sein ist ganz einfach: Abends glüht das Internet bis zum Sendeschluss. Morgens lässt du dich von den Mittagsnachrichten wecken. Und weil du ja jetzt jede Menge Zeit hast, checkst du stündlich deinen Kontostand, ob die Rente schon eingegangen ist. Ganz so toll ist es nicht. Aber mal ehrlich: Rentner zu sein, hat schon was.

Der Anfang war nicht leicht. Auch wenn es deine eigene Entscheidung war, erstmals nach 40 Jahren nicht mehr auf Reportage zu gehen, keine Live-Beiträge mehr fürs Radio anzubieten und auch keine Fortbildungsseminare für JournalistInnen mehr zu geben, fehlte etwas. Nicht nur Anerkennung, sondern auch die Motivation, morgens aufzustehen, denn der Wecker hat jetzt ja ausgedient.

Wer sein Korrespondenten-Dasein gelebt und geliebt hat, definiert sich zwangsläufig über seinen Job. Ist der weg, fehlt auch ein elementarer Teil deiner Daseins-Bestimmung.

Jetzt heißt es aufpassen! Plötzlich ruft nicht mehr fünfmal am Tag ein Sender an, um einen Hörfunkbeitrag über Bären, Indianer oder eine Unterwasser-Eishockeymannschaft in Manitoba abzurufen. Wenn das Handy klingelt, heißt die Ansage jetzt allenfalls: „Milch mitbringen!“ oder auch: „Treffen wir uns zum Lunch beim Thailänder?“

Dass du ein paar tolle Kollegen in dein Rentnerleben hinüberretten konntest, die inzwischen zu Freunden geworden sind, gehört zu den positiven Dingen, die so ein Abschied vom Job mit sich bringt.

Nicht mehr „gebraucht“ zu werden, ist der weniger schöne Teil. Findest du dann noch eine Kanada-Reportage in irgend einer Mediathek, die du – was sonst? – selbstverständlich mit Sicherheit zehnmal besser gemacht hättest als der Kollege, der jetzt dein Gebiet abdeckt, musst du ganz stark sein. [Ironie aus].

Die Erkenntnis, dass der Abschied vom Berufsleben gleichzeitig der Einstieg in ein neues, nicht weniger, aber eben anders schönes Leben ist, kommt schleichend. Ist sie dann bei dir angekommen, dauert es ein wenig, bis du dein Leben, 2. Teil, schmerzfrei, neidlos und ohne Negativ-Nostalgie genießen kannst. Das ist dann die schönste Phase des Rentnerdaseins.

Dabei muss „vor dem Urlaub“ nicht immer gleich „nach dem Urlaub“ sein. Allein die Tatsache, dass man könnte, wenn man wollte, schafft wunderbare Freiräume im Kopf. Die wiederum bringen Energie, Motivation und Lebensfreude mit sich.

Aber was macht eigentlich so ein Rentner den ganzen Tag? Kommt darauf an. Man hat mehr Zeit, miteinander zu reden und hört wieder mehr Bücher und Musik. Man liest Fachzeitschriften, Nachrichtenseiten und Medienblogs nur noch dann, wenn die Themen dich auch wirklich interessieren und nicht, weil man von dir verlangt, immer „ganz weit vorne“ zu sein.

Hin und wieder ist deine Stimme noch für eine Sprecherrolle gefragt. Oder – ganz selten – schickt dich die Agentin zu einem Casting für einen Film. Ansonsten: Nichts als Kür, so weit das Rentnerauge reicht.

Man plant spontan und nutzt bei Kurztrips die Stausituation auf der Stadtautobahn immer schön nervenschonend zu seinen Gunsten. Zeit ist ja jetzt fast immer da. Es sei denn, du musst dir von irgendeinem Amt, das 22 Bushaltestellen entfernt liegt, eine „Lebensbescheinigung“ für die Rentenbehörde ausstellen lassen.

Du triffst Freunde, die genau so wenig mit ihrer Zeit haushalten müssen wie du, denn viele von ihnen sind ja auch Rentner oder Freiberufler.

Oder du gehst zur Blutabnahme ins Krankenhaus, weil sich mal wieder ein Zipperlein eingestellt hat.

Achja, die Zipperlein! Mit meinem Freund Peter habe ich eine Abmachung: Jeder darf fünf Minuten über seine Krankheiten reden, dann ist Schluss.

Und manchmal schreibst du: Mails, Texte, Bücher. Nicht mehr, weil du unbedingt Geld verdienen musst, sondern ganz einfach, weil du dir und anderen damit eine Freude machen willst.

So wie jetzt.

Wo der Fluss zum Meer wird

IMG_6662TADOUSSAC – Dort, wo der gewaltige Sankt-Lorenz-Strom sich mit dem halbstarken  Bruder Saguenay-River verbündet und die Beiden sich einfach nicht mehr zähmen lassen und zum Meer werden, liegt Tadoussac. Von dort, an der Mündung dieser beiden gewaltigen Flüsse gelegen, kommt der heutige Blogpost.

Es ist eine grandiose Landschaft, die sich einem hier, sieben Autostunden von Montréal, im Nordosten von Québec auftut. Atemberaubend steile Fjorde, durch die sich die beiden Flüsse im Laufe von Millionen Jahren ihren Weg gebahnt haben. Pittoreske Dörfer, in denen noch ehrliche regionale Küche zu fairen Preisen serviert wird. Und die Möglichkeit, vom Ufer aus mit bloßem Auge Beluga- und Blauwalen beim Tanz durchs Wasser zuzuschauen – wo sonst wird einem dieses Schauspiel geboten?

Als Justin Trudeau im Frühsommer die sieben Regierungschefs der wichtigsten Nationen der Welt in die „Charlevoix“-Region eingeladen hatte, hatte sich mir die Faszination für diese Gegend zunächst  nicht richtig erschlossen.

Heute, wo ich diesen Blogpost unweit des Städtchens La Malbaie schreibe, wo der G7-Gipfel stattfand, weiß ich es besser: Es ist eine begnadete Gegend, die inzwischen Touristen aus aller Welt anzieht. Nur der wütende Trampel aus Washington hatte die Szenerie damals polternd verlassen. Diese prollige Respektlosigkeit hat diese fabelhafte Landschaft nicht verdient. Von den anderen Regierungsschefs ganz zu schweigen.

Hier, im „Hotel Tadoussac“, sind es zu 95 Prozent Franzosen, die ihren Brüdern und Schwestern der Provinz Québec einen Besuch abstatten. Man sieht sie beim Strandspaziergang entlang der Bucht von Tadoussac, hört sie an den Fjorden entlang des Saguenay-Rivers und trifft sie abends im Hotel-Restaurant, an der Bar oder in den Bierkneipen entlang der Bucht.

Eine Tagestour mit dem Auto von Tadoussac in den 130 Kilometer entfernten Ort Saguenay entlang des Sankt-Margaret-Flusses lässt den Besucher oft ratlos mit der Frage zurück: Wer wohnt hier eigentlich und wovon leben diese so sympathischen, gastfreundlichen Menschen?

Es sind Bauern, Fischer und Holzfäller, von denen manche ihre Scheune den Sommer über als Bed & Breakfast vermieten.

Abgelegene Farmen, umgeben von Kuhwiesen so schön wie im Allgäu, ein verrostetes Stahl-Beton-Konstrukt, das irgendwann einmal eine Tankstelle gewesen sein muss. Hin und wieder eine Brasserie, eine „Casse Croute“-Snackbar oder auch ein Fischerboot, das mitten im Getreidefeld seine letzte Ruhe gefunden hat. Berge, die an einen Kochtopf oder auch einen Zylinderhut erinnern. Und auch im noch so kleinsten Dorf eine weiße Holzkirche.

„La Belle Province“ heißt der Slogan von Québec. Nirgends in der Provinz wird einem der Wahrheitsgehalt dieses Marketingversprechens authentischer vorgeführt als hier im Charlevoix.

Bei Ebbe hatte heute früh unsere vierstündige Strandwanderung entlang der felsigen Bucht von Tadoussac begonnen. Als die Flut kam, war es Mittag. Am Nachmittag ging es dann am Sankt-Margarete-Fluss entlang bis kurz vor den Ort Saguenay, vorbei an wilden Fjorden, saftigen Wiesen und durch Wälder, die kein Ende zu nehmen schienen.

Am Abend hatte uns das „Hotel Tadoussac“ wieder. Wer Trivia mag, kommt hier auf seine Kosten: Hier wurde Anfang der 80er-Jahre der Roman „Hotel New Hampshire“ von John Irving mit hochkarätiger Besetzung verfilmt. Die Hauptrolle spielte damals Nastassja Kinski. Mit dabei: Beau Bridges, Rob Lowe und Jodie Foster.

Kanada – das bessere Amerika?

Einmal Journalist, immer Journalist. Der Morgen beginnt bei mir auch nach Jahren des Ruhestandes noch immer mit der Zeitungslektüre im Internet. Vom SPIEGEL über DIE ZEIT, von WDR bis tagesschau.de, La Presse, Washington Post, Le Devoir, New York Times und Radio Canada.

Mehr als eine Stunde im Netz schadet den Augen. Wenn die Zeit reicht, nehme ich noch die taz ins Visier und manchmal auch die Schwäbische Zeitung.

Habe ich was vergessen? Achja, BILD. Sie bildet zwar nicht, bietet aber die beste Sportberichterstattung weit und breit. Das stimmt wirklich und ist ungefähr so, wie wenn man früher sagte, man lese den Playboy nur wegen der tollen Artikel. Auch das stimmte ganz oft. BILD ist zwar eine Hauruck-Zeitung, die eigentlich in die Tonne gehört. Aber Sport können sie bei Springer.

In letzter Zeit macht es keinen richtigen Spass mehr, die erste Stunde nach dem Aufwachen mit Zeitunglesen zu verbringen. Chemnitz hier, Syrien da. AfD, Pegida und Hutbürger. Und immer dieser Trump, dessen Idiotie keine Grenzen zu kennen scheint.

Keine Angst, Opa erzählt jetzt nicht aus dem Krieg. Aber es sei mir gestattet zu sagen: In diesem Punkt war früher wirklich alles besser.

Schlagzeilen wie „MIT DEM MOTORRAD ZUM NORDPOL“ oder „IM GURKENFASS ÜBER DIE NIAGARAFÄLLE“ hatten beim Kanada-Korrespondenten lange Zeit eine geradezu elektrisierende Wirkung.

Heute? „TRUMP WILL NAFTA NEU VERHANDELN“. Oder auch: „JUSTIN TRUDEAU LOSES HIS APPEAL“.

Welchen Appeal jetzt, den Sexappeal oder den politischen? Wir leben in einer Welt, in der beides gleich wichtig ist. Deshalb ist mir ehrlich gesagt der Sexappeal in diesem Fall sympathischer.

Am widerwärtigsten finde ich zur Zeit das, was ich über Chemnitz lese. Schon mal überlegt, wie man diesen Hutbürger-Hass einem kanadischen Freund beibringt, den man über Jahre hinweg zu überzeugen versuchte: Wir sind nicht so, wie ihr denkt?

Überzeugungsarbeit kann ganz schön anstrengend sein. „Die aus dem Osten sind doch auch Deutsche. Warum sind die dann so anders als ihr?“ Oder: „Ihr sprecht doch dieselbe Sprache, oder?“

Schon, Jean, aber Sächsisch und Deutsch ist ungefähr so wie Polnischrückwärts und Französisch. Gut, so viel besser ist Schwäbisch dann auch nicht. Aber Sie wissen, was ich meine.

Einfacher als Deutschland seinen kanadischen Freunden zu verklickern ist es, wenn deutsche Freunde Kanada verstehen wollen. Da genügt der tägliche Blick auf Trump.

Wer neben dem nicht glänzt, muss irgendwas verkehrt gemacht haben im Leben. Vielleicht ist Kanada ja doch das bessere Amerika.

Chad für Notre-Dame-de-Grâce

Für Freunde, die sich engagieren, engagiert man sich gern. Chad Walcott ist so ein Freund. Eigentlich ist er einer von Cassians Jugendfreunden. Ein Glück, dass Freundschaften sich auch auf die Eltern vererben können.

Wenn am 1.Oktober 2018 hier in Quebec ein neues Provinzparlament gewählt wird, also ein neuer Landtag, ist Chad der Kandidat der Grünen für den Bezirk Notre-Dame-de-Grâce. Bis eben haben wir in dieser lauen Sommernacht Plakate aufgehängt.

Mehr Montreal als Chad geht nicht: Vater aus Barbados, Mutter Slowenin. Ein Bruder spielt Profi-Eishockey in der NHL, der andere hat sich als Schauspieler und Model einen Namen gemacht.

Und dann ist da noch Chad, der Mann, der immer für alle da ist, wenn man ihn braucht.

Nachtwanderung für einen guten Zweck.

Die Grünen sind in Quebec bisher nicht im Parlament vertreten. Aber wer weiss, mit Chad könnte sich das ändern. Der Wahlkreis Notre-Dame-de-Grâce, kurz: NDG, braucht so einen wie ihn. Er will sich für die Begrünung der Straßen einsetzen, für den Tierschutz, für sozialen Wohnungsbau und natürlich für alles, was mit Umweltschutz zusammenhängt.

Aber Chad Walcott hat sich auch vorgenommen, mehr für die Integration ethnischer Minderheiten zu tun. In NDG, wo ein hoher Anteil von Montrealern mit afro-amerikanischem Hintergrund lebt, gibt es viel zu tun für einen wie ihn.

 

ALTE ERINNERUNGEN WURDEN WACH

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Memories: Unsere Plakatroute für Notre-Dame-de-Grâce.

Notre-Dame-de-Grâce, wo wir heute Nacht jede Menge Plakate an Straßenlaternen,Verkehrsampeln, Bäumen und Umleitungsschildern angebracht haben, ist uns sehr vertraut. Wir haben dort in den Achtzigern eine Zeitlang gelebt.

Beim nächtlichen Plakatieren wurden denn auch Erinnerungen an den Anfang meiner Montrealer Zeit vor genau 36 Jahren wach.

Die Restaurantsezene lebt dort nach wie vor, aber sie hat sich verändert.

Wo damals der Grieche war, hat sich heute ein Inder niedergelassen. Wo der jüdische Diner zu gefülltem Fisch und Smoked Meat einlud, ist jetzt ein Chinese. Fastfood statt Thailänder, Vegetarisches Restaurant statt Steakhaus.

Aber der Charme des alten Notre-Dame-de-Grâce lebt weiter. Und wenn es einer versteht, diesen Charme zu pflegen, dann ist es Chad Walcott.

PS: Über Chad und Matt, einen anderen von Cassians Jugendfreunden, hatte ich neulich schon mal gebloggt.  >> Hier geht’s zum Beitrag <<