„Seit 70 Jahren auf der Piste …“

IMG_1863Siebzig werden ist ganz einfach. Man lässt sich von Eltern aufziehen, die es gut mit einem meinen. Ergreift einen Beruf, von dem man immer schon geträumt hat. Umgibt sich mit positiv denkenden Menschen. Tut das, wozu man Lust hat und reist dorthin, wo es einen hinzieht, nämlich immer der Nase lang.

Wenn man dann noch das Glück hatte, seine eigene kleine Familie gründen zu können, kann man den Siebzigsten entspannt feiern und freut sich auf die nächsten 70 Jahre. Oder so ähnlich.

Zum runden Geburtstag, den ich vor ein paar Tagen in Begleitung der wichtigsten Person in meinem Leben in Kuba begehen durfte, gab es jede Menge Glückwünsche. Gefreut habe ich mich über jeden einzelnen von ihnen. Ein paar davon finde ich so schön, dass ich daraus zitieren möchte:

“Du kommst nun langsam in meine Jahre und musst dem Ernst des Lebens in die verweinten Augen schauen, wobei dir dein schwäbisches Gemüt gute Dienste leisten wird, abgesehen von der Dreifaltigkeit deiner Familie, die dir, wenn notwendig, ein schützendes Bein stellt.” (Peter)

“Happy Birthday dem Geschichtenerzähler, Zauberer, Blogger, Gelegenheitsschauspieler, Buchautor, Gitarrero, Reisenden, stimmgewaltigen Radiomoderator, ewig Neugierigen und großen Menschenfreund wünschen wir zum 70. alles, alles Gute! Und vor allem bleib gesund, lieber Herbert. Damit Du weiterhin eine Art Vorbild sein kannst dafür, wie man in Würde und mit Stil älter wird und nicht alt, dabei immer offen bleibt für Neues, dazu tolerant und empathisch.” (Michael)

„70. Nur mit äusserster Anstrengung kann ich diese Zahl tippen. Unglaublich! Umso schöner, wenn man weiss, wieviel Du aus diesen Jahren gemacht hast und was Du noch vor hast.“ (Frank)

„Wir wünschen Dir noch viele schöne und gesunde Jahre, uns allen miteinander. Auf dass unsere Freundschaft bestehen bleibt, egal was das Schicksal uns beschert“. (Christa und Günter)

“Alles Liebe und Gute für die nächsten 70. Lass es richtig krachen, denn …. das Leben ist zu kurz für Knäckebrot!.” (Sandra & Nico)

„Wir senden Dir die fröhlichsten, empathischsten, nachhaltigsten und knuddeligsten Geburtstags- und Zukunftswünsche, die Du Dir vorstellen kannst!“ (Dorothee & Charly)

Heisse Dich herzlich willkommen in meinem ganz neu gegründeten Club der 70-er. Nachdem ich bisher das einzige Mitglied war, freue ich mich schon sehr über den Zuwachs! Und dann auch noch Du!” (Uli)

„Du hast eine tolle Familie, gute Freunde und ein Leben, das reich an Erinnerungen und gleichzeitig immer noch spannend und abwechslungsreich ist. Solange dir dein Interesse an den Menschen und deren Geschichten erhalten bleibt, mache ich mir auch keine Sorgen, dass sich das ändern wird! In diesem Sinne, auf ins nächste Jahrzehnt“ (Ralf)

“Klar fällt es anfangs etwas schwer, sich mit dem Siebener anzufreunden, aber daran gewöhnt man sich. Du gehörst jetzt zu einem elitären Club, dem nicht jeder beitreten kann!” (Wolfgang)

“The earth has spun around the sun 70 times since the day you were born – I love to think of birthdays in those terms! And your time on this planet has been spent experiencing, appreciating, and documenting so much of what the world has to offer… So that you can offer it up on a silver platter (in the form of an article, a blogpost, a radio segment, or a lively story around the dinner table) for those around you to savour and enjoy. What a simultaneously enriching and generous way to live one’s life!” (Kaia)

„Happy 70th to someone who knows how to squeeze every drop out of life.“ (Marjolaine)

Und dann war da noch einmal der eingangs zitierte Peter, der Poet unter meinen Freunden. Er beruft sich in seinem Gedicht auf Eugen Roth und zeichnet sein Œuvre entsprechend:

 

                DER OLDTIMER

EIN MENSCH, der grade siebzig wird,

Ist mitunter leicht verwirrt:

Soll ich auf die Pauke hauen

Oder in die Ferne schauen?

 

Wie wär’s mit einer kleinen Reise?

Wir feiern auf bescheid’ne Weise.

Kuba wär‘ ein guter Kauf,

Die Oldies fallen dort nicht auf.

 

Palmenstrände ohne Ende

Die Musik, die ist Legende,

Der Rum kommt aus der Wasserleitung,

(Nur Spätzle finden kaum Verbreitung).

 

Die Autos bunt, wie manche Damen,

(Die Preise halten sich im Rahmen!)

An beiden wird viel retuschiert

Dass der Verkehr auch gut floriert.

 

Das Internet ist etwas schwächlich,

Kommunikation ist nebensächlich:

Die Gratulanten, via Bell,

Schicken Küsse, virtuell.

 

Sei mir gegrüßt, du alte Kiste,

Seit 70 Jahren auf der Piste;

Die Bremse funktioniert noch gut,

(Da ist die Lore auf der Hut!)

 

Und wenn der Body nicht pariert,

Dann wird er einfach neu lackiert.

Vorm nächsten TÜV ist dir nicht bange,

Die Marke hält bestimmt noch lange.

 

Du hast’s geschafft: du wirst bewundert,

Das gibt sich dann – vielleicht – mit hundert.

Dich kriegt so schnell wohl keiner tot:

Das wünscht dir herzlich EUGEN ROTH.“

******************

Allen, die an mich gedacht haben, auf diesem Wege herzlichen Dank! 

 

 

Havanna: Mehr Kontrast geht nicht

Wer unbedingt den Finger in die verwundete Seele eines lange geschundenen Volkes legen will, muss nach Havanna reisen. Dort, in der Hauptstadt Kubas, bietet sich dem Besucher ein bizarres Kontrastprogramm: Einstige Prachtvillen, abgemagert zu Skeletten, posieren zum Fotoshooting neben Luxushotels und Edelboutiquen von GUCCI und Louis-Vuitton.

Treppenhäuser, aus denen der faule Mundgeruch der Armut strömt, führen ins Nirgendwo. Oder auf Dachterrassen, zu denen der Tagestourist keinen Zutritt hat: Ein wirrer Mikrokosmos aus Operettenbühnen, Boxring, Spielhöllen, Kampfhahn-Arenen und Hurentreffs – Restbestände eines vorrevolutionären Hedonismus, wie ihn die Karibik bis dahin nicht kannte.

Jetzt ist er also auch hier angekommen, der Massentourismus, inklusive Kreuzfahrtschiffen. Dabei hatte es bei unseren früheren Besuchen, zuletzt vor elf Jahren, noch ausgesehen, als könnte sich die „Perle der Karibik“ noch einmal davonschleichen vor den Piraten im Tilleyhut.

Havanna wäre nicht Havanna ohne Hemingway. Touristen strömen in die unscheinbare „Bar Floridita“, wo der große Meister Daquiri-Runden schmiss, und ins Hotel „Ambos Mundos“, wo der Starautor domizilierte, wenn er nicht gerade auf Großwildjagd war oder Alte Männer und das Meer beschrieb.

In der Februarhitze suchen Hemingway-Fans dort nicht nur Schutz vor der karibischen Wintersonne. Gedanklich dürfen sie sich auch im Windschatten einer amerikanischen Edelfeder fühlen – und sei es nur auf einen minzgrün gestampften Mojito.

Verlässt der Tagesreisende diesen faszinierenden Moloch aus Mensch und Moder dann im Bus wieder Richtung Strandhotel, wird er noch einmal Zeuge einer verkehrten Welt, deren Ungerechtigkeit in den karibischen Himmel schreit:

Hunderte von Einheimischen warten an den staubigen Ausfallstraßen in der flimmernden Hitze auf kostenlose Mitfahrgelegenheiten. Hoffen auf gute Seelen, die arme Seelen wie sie auflesen, in ihren Rostmühlen verschlucken und nach ein paar Kilometern in den umliegenden Dörfern wieder ausspucken. Dort, wo ihre Familien auf den Monatslohn von bestenfalls 25 Dollar warten. Oder auf Tauschwaren, die im Hinterzimmer einer Bauruine ergattert wurden. Glühbirne gegen Mopedvergaser. Rohrzange gegen Strumpfhosen für die Mädchen. Oder Kopfwehtabletten für alle.

Dabei war den Seelen, den guten und den armen gleichermaßen, im real existierenden Sozialismus doch eine wunderschöne Welt versprochen worden, in der Jeder alles und Keiner nichts hat.

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Passend zum Kontrastprogramm, das die kubanische Hauptstadt seinen Besuchern bietet, zickte bei unserem gestrigen Besuch auch das Wetter.

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Nachdem sich die bleiernen Regenwolken vom Morgen verzogen hatten, gab der Himmel dann doch noch die karibische Sonne frei. Die spiegelte sich in voller Pracht auf den Kühlerhauben der Oldtimer, die glänzend damit kokettierten, als gebe es wieder einmal kein Morgen.

Aber es ist eigentlich egal: Ob heute, gestern oder morgen – den staunenden Zaungast lässt diese abgedrehte Szenerie ohnehin ratlos zurück.

Mehr Kuba. Mehr Strand. Mehr Meer.

Spaziergänge in Kuba enden fast immer irgendwo am Meer. So auch gestern wieder. Nach einem langen Marsch über den wunderbar feinen Sand der Strände von Varadero gab es noch ein paar Impressionen in dem kleinen Badeort, eineinhalb Autostunden von Havanna entfernt.

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Stadthaus in Varadero

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Zimmer zu vermieten

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Mojito mit frischer Minze

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Der Blogger am Strand

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Farbenpracht am Bau

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Bougainvillea

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Postamt von Varadero

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Hinterhof

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Restaurant mit Huhn und Katzen

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Der liebe Gott fährt mit

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Bungalow: Es leben die Fifties

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Die Revolution ist nie ganz vorbei

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Alte Prachtvilla

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Fidel lebt!

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Und immer wieder Meer …

Ein bisschen Cuba Libre

Wo fängt man an, wenn man über Kuba schreiben möchte? Bei den traumhaft schönen Stränden, die das fast unwirklich farbenintensive karibische Meer einfangen? Bei den vielen Oldtimern, die manches Museum der Welt mit Stolz erfüllen würden? Oder bei den tropisch heißen Wintern, die Eis und Schnee geplagte Snowbirds einfach nur in Verzückung geraten lassen?

Fangen wir bei den Menschen an. Der Kubaner an sich ist: meistens schön, selten missmutig und scheint mit sich und der Welt entweder wirklich im Reinen zu sein, oder er ist ein verdammt guter Schauspieler.

Die folgenden Beobachtungen stützen sich freilich weitgehend auf das Servicepersonal unseres Hotels und hier und da noch auf ein paar Smalltalks mit Kubanern auf der Straße. Zu mehr Kontakten reicht es in einer Touristen-Enklave wie Varadero leider nicht.

Es gibt diese natürlichen Berührungsängste zwischen uns, den einigermaßen verwöhnten Erstweltländlern, und Kubanern, die im Schnitt um die 20 $ im Monat verdienen. Ein paar Gastgeschenke wie Strumpfhosen, Kosmetika und auch ganz viel Trinkgeld wirken angesichts der Armut vieler Menschen hier geradezu lächerlich. Aber die Gesten sind willkommen und wirken, so mein Eindruck, alles andere als gönnerhaft.

Vieles hat sich seit unserem ersten Kuba-Besuch vor 33 Jahren verändert. War es Kubanern damals offiziell noch versagt, mit Touristen überhaupt Kontakt aufzunehmen, wirken die meist jungen Menschen, die mir hier begegnet sind, aufgeschlossen, offen und voller Stolz auf das, was sie bisher erreicht haben. Und das ist viel.

Dass sie es als sozialistisches Land zu einer führenden Tourismusnation in der Karibik gebracht haben, verdient Respekt.

An den schönen Stränden allein kann es nicht liegen. Schon eher am beeindruckenden Selbstbewusstsein einer oft geknechteten Gesellschaft, die sich, fallen gelassen von Moskau und anderen Verbündeten, nie an Amerikas Rockzipfel gehängt hat. Ohne Amis geht’s auch – eine Devise, die Weltverschlechterern wie Trump zum Nachdenken bringen müsste. Schade nur, dass Trumps Stärke nicht im Denken liegt. (Wo eigentlich?)

Die kubanische Psyche zu ergründen, ist eine Herausforderung, der ich mich in einem kurz mal ins iPhone getippten Blogpost nicht stellen möchte. Deshalb seien mir lediglich ein paar Beobachtungen gestattet:

Es gibt pflegeleichtere Tourismus-Destinationen als Kuba. Die schwierige Versorgungslage verlangt in erster Linie natürlich von den Kubanern selbst, aber auch vom Devisen bringenden Besucher einiges ab. Kompromisse sind deshalb unerlässlich. Die zaubern zwar auch keinen Kaffee aufs Zimmer oder einen Duschschlauch ins Bad. Vom zickigen Internet und nicht existenten Fernsehsignal ganz zu schweigen.

Fehlt uns deshalb etwas? Nicht wirklich. Erst recht nicht, wenn dich das Hotelpersonal mit dem entwaffnenden Charme des Karibik-Insulaners von sich aus auf die Missstände hinweist.

Das Essen, viel geschmäht unter Kuba-Touristen, ist besser geworden seit unserem ersten Besuch. Gab es damals noch die Wahl zwischen frittierten Bananen, verkochten Bohnen und halbgarem Reis, wird heute meist ordentliche Hausmannskost serviert.

Ein bisschen herrscht auch schon freie Marktwirtschaft. Cuba Libre auf Sparflamme. In dem Badeort Varadero sind jetzt vereinzelt Privatzimmer zu vermieten, es gibt Bars, Cafés und sogar einen Beatles Club“ – noch vor wenigen Jahren undenkbar.

Überhaupt Varadero: Was vor Jahren noch ein verschlafenes Kaff am Meer war, wird heute von Touristen überschwemmt. Die meisten von ihnen kommen aus Kanada, was nicht nur aus logistischen Gründen naheliegt. Auch ideologisch hat das Land bei den meisten Kubanern mächtig Eindruck gemacht. Kanada gehörte zu den ersten Ländern, die Kuba nach der Revolution helfend unter die Arme gegriffen haben. Das haben selbst junge Kubaner nicht vergessen

„Canada – best country in the world “ sagt der junge Dosensammler am staubigen Straßenrand. „Trump no good!“ Und natürlich sei er ein Fan von Justin Trudeau.

Wer kommt überhaupt nach Kuba, wo doch die Welt voll ist von wunderbaren Plätzen? Für Sozialromantiker hat Kuba als Urlaubsziel jedenfalls ausgedient.

Wer auf den Geist von Fidel Castro hofft, der Zigarren rauchend mit Ché Guevera diskutiert und von einem Daquiri trinkenden Hemingway unterbrochen  wird, darf weiter träumen.

Wer den morbiden Charme einer einst blühenden Karibikperle bestaunen möchte, hätte früher aufstehen müssen.

Wer Luxus pur sucht, ist in Kuba ebenso fehl am Platz wie der Tourist, dem es immer nur ums gute Essen geht.

Fakt ist: Kuba ist inzwischen im Massentourismus angekommen – ohne sich dabei gänzlich untreu geworden zu sein. Doch es gibt zwei Währungen im Land: Eine für die Kubaner, eine andere für Touristen. Real existierender Sozialismus sieht anders aus.

Alles in allem also eine Mischung, die es in dieser Art wohl nur noch selten in der Welt gibt.

Allein schon deshalb ist Kuba immer wieder einen Besuch wert.

Oldtimer-Paradies: Cars of Cuba

Wohl kaum etwas fasziniert Besucher in Kuba so sehr wie die legendären Oldtimer. Es sind Relikte aus vorrevolutionären Zeiten. Zwar waren Autos auch nach der Revolution noch gestattet. Aber nur, wenn sie vor 1959 gebaut wurden. Deshalb gehören Oldtimer auch heute noch zum Stadtbild der Zuckerinsel in der Karibik. Anbei eine kleine Auswahl von Fotos, die heute in Varadero entstanden sind. 

Ein Wiedersehen mit Kuba

Es ist gut zehn Jahre her, dass wir zum letzten Mal in Kuba waren. Seit gestern halten wir uns wieder in der Karibik auf. Vieles hat sich seither verändert, manches auch nicht. Die Liebenswürdigkeit der Menschen ist noch da. Ihr Improvisationstalent, mit dem sie den Alltag meistern, auch. Das Internet schwächelt. Deshalb hier nur wenige erste Impressionen:

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Opernkino: Peter, Carmen und ich

IMG_1276Nein, es war nicht Liebe auf den ersten Blick. Ganz im Gegenteil: Siebzig Jahre hat es gedauert, bis ich die erste Oper meines Lebens wirklich genossen habe – diesmal nicht im Konzertsaal, sondern im Kino: Live-Übertragung aus der Metropolitan Opera in New York. Auch wenn ich vor „Carmen“ schon ein paar andere Opern-Aufführungen besucht habe: Dies war ein Erlebnis der besonderen Art.

Es war mein Freund Peter, der mir seit 30 Jahren vorschwärmt, wie zauberhaft so ein Opernbesuch sein kann. Peter kennt die großen Opernhäuser der Welt und dirigiert auch mal eine Arie am Stehpult seines Wohnzimmer-Konzertsaals mit. Jetzt hat er es geschafft: Wir haben’s nicht nur getan. Wir waren begeistert.

Ich werde einen Teufel tun, mich zu einer Opernkritik aufzuschwingen. Deshalb einfach ein paar Impressionen:

Erster Eindruck: So viele Rollatoren und andere Gehhilfen wie bei „Carmen“ habe ich noch bei keiner anderen Kinovorstellung gesehen.

Zweiter Eindruck: Dass es im Kino auch ohne Chipstüten-Geraschel und Popcorn-Geknalle geht, war eine völlig neue Erfahrung.

Dritter Eindruck: Operndiven in Nahaufnahme auf einer Riesenleinwand beim Singen zuzusehen, ist nicht immer eine körperästhetische Delikatesse. Kein Mensch ist so schön, dass man seinen zehn Kubikmeter großen Rachen minutenlang in High Definition betrachten möchte.

Und dann noch eine Frage: Wie sieht es eigentlich mit #metoo in der Oper aus?

Während „Baby It’s Cold Outside“ von vielen Radiosendern plötzlich nicht mehr gespielt wird (der Gastgeber im Lied übt sanfte Gewalt aus, um die Dame am Gehen zu hindern), dürfen Frauen in der Oper noch immer nach Herzenslust begrabscht, geschüttelt, sexistisch betitelt und an Stellen berührt werden, die im richtigen Leben einen #aufschrei verursachen würden.

Ich finde, Klassiker sollten so präsentiert werden, wie sie geschrieben worden sind. Herrn Bizet kannte ich nicht, als er 1875 „Carmen“ komponierte. Aber ich denke mal, er war kein Frauenschänder.

Wenn wir schon beim Thema political correctness sind: „Carmen“ ist in der Oper nichtIMG_1279 etwa ein „Sinti-und-Roma“-Mädchen, wie es politisch korrekt heißen müsste, sondern eine „Zigeunerin“. Rassismus? Ganz und gar nicht. Man wird in einem Klassiker die Dinge doch wohl noch beim Namen nennen dürfen.

Die Welt der Oper ist mir alles andere als vertraut. Deshalb sei mir meine Verwunderung über manches, was mir dort präsentiert wurde, nachzusehen.

Zum Beispiel die Rollenbesetzung. Eine nicht mehr ganz junge, aber bestimmt wunderbare Mezzo-Sopranistin namens Clémentine Margaine spielte in der gestrigen Met-Aufführung die Titelrolle des sehr jungen, sehr wilden Zigeunermädchens. Doch sie war weder jung und wild kam sie mir auch nicht vor. Sie hat einfach nur gut gesungen. Reicht das?

Für einen passionierten Kinobesucher, der mehr Filmschauspieler beim Namen kennt als Operntitel, ist dies zumindest gewöhnungsbedürftig.

Mal so gefragt: Würde etwa die Rolle von James Bond von einem Teenager oder, um bei Extremen zu bleiben, einem Schauspieler im Greisenalter besetzt werden, nur weil er gut spielt? Undenkbar. Aber bei der Oper scheinen andere Gesetze zu gelten, stimmliche und auch andere. Wieder etwas dazu gelernt.

Menschen beim Ausleben ihrer Talente zusehen zu dürfen, ist ein Geschenk. Eine so wunderbare Aufführung wie „Carmen“ zusammen mit Hunderttausenden Menschen in aller Welt zeitgleich live auf einer Montrealer Kino-Leinwand zu erleben, war ein unvergessliches Erlebnis.

Danke, Peter! Merci, Monsieur Bizet! Graçias Carmen!

Der erste Winter ohne Mallorca

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Gestern bei mir vor der Wohnung: Winterspaß ist anders.

Achtung, Erste-Welt-Sorgen: Dieser Winter nervt. Zum erstenmal seit zehn Jahren sind wir um diese Zeit nicht auf Mallorca sondern im heimischen Montreal. Zwar nur auf Zeit, denn die großen Reisen stehen noch bevor. Aber das, was uns Old Man Winter bisher geboten hat, erinnert uns jeden Tag aufs Neue daran, warum wir jahrelang kurz nach Neujahr das Weite gesucht haben.

Mal ertrinkt der Allwheeler in Eis und Schnee und es ist so kalt, dass die Spucke friert. Dann regnet es wieder in Strömen und macht aus dem Winterwonderland eine Matschwiese so groß wie ganz Montreal. Im Moment schneit es, was ja ganz schön sein kann. Nur wenn der Schnee dann zu gefrierendem Regen verkommt, ist es aus mit dem Spaß.

Mehr als 50 cm Schnee sind in den letzten Tagen gefallen, außerdem 30 cm Regen. Alsimg_1221 der Regen dann zu Eis gefror, brachen bei den lokalen Einsatzkommandos die Notrufleitungen zusammen. Pro Stunde gingen mehrere hundert Anrufe von Leuten ein, die sich bei Stürzen auf vereisten Straßen verletzt hatten. Die städtischen Räumkommandos mussten wegen Erschöpfung Zwangspausen einlegen.

Dass das Land, das ich mir zum Leben ausgesucht habe, kein Land ist, sondern ein nicht enden wollender Winter, hat schon Gilles Vigneault in „Mon pays, ce  n’est pas un pays, c’est l’hiver“ besungen.

Aber auch in Liedform taugt der beste Winter nichts. Dabei sind es nicht einmal die Minusgrade (35 Celsius waren es neulich mal), die nerven. Es ist vor allem die eingeschränkte Mobilität, die einem mit der Zeit auf den Senkel geht. Der Gang zur Markthalle wird zur Zirkusnummer. Wo ist Palma, wenn man es braucht?

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Neulich auf der Automobilausstellung: Fit für den kanadischen Winter.

Vorhin bei mir um die Ecke: Ein Mann, mein Alter, ist mit seinem Rollstuhl im Tiefschnee stecken geblieben. Ich befreie ihn aus seiner misslichen Lage und schiebe ihn bis vor seine Haustür. „Man sollte einfach in den Süden fliegen können“, sagt er zum Abschied.

Natürlich kann der arme Kerl nicht wissen, dass wir das große Glück hatten, die vergangenen zehn Winter im Süden verbringen zu dürfen.

Deshalb: Schluss mit dem Gejammer. Weil man uns im Zauberkurs nie beigebracht hat, wie man den Winter spurlos verschwinden lassen kann, nehmen wir das Schicksal eben selbst in die Hand.

In ein paar Tagen geht’s nach Kuba.

Gilles Vigneault: „Mon pays, ce n’est pas un pays, c’est l’hiver“

 

 

 

Death of a Family Man

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Sand and shells from Scott’s beloved Saint-Martin Island in the Caribbean were displayed at his Celebration of Life this afternoon in Senneville near Montreal.

Scott is dead. He didn’t even turn 65. No whining about the pain that must have plagued him in the end, no lamenting about what fate had demanded of him. „Courageously and peacefully“ he died, Liane texted us at dawn. Courageous and peaceful. That’s exactly what my friend Scott Ashford was during his lifetime.

Scott was never one of those to put the blame on others. He, who at a young age flew adventurous helicopter missions with the Canadian Air Force, endured his fate as one who had already known where his place was.

Soon that place would have been in the country, somewhere in the nearby Ottawa Valley.img_0891 (1) That was his dream. The land had been bought, the house had been ordered. Their home in Hudson had become too big for him and Liane. The girls – Katina, Cristal and Tiffany – were grown up. The grillmaster was looking forward to evenings at the barbecue.

Every year, after our return from Mallorca, we met for dinner. But this time it was different. We sat at a lovely Italian restaurant in Lachine, along the banks of the mighty St.Lawrence River. But this time Scott wasn’t the Scott we knew. He had no appetite, he talked little. „I’ll be all right,“ he said. Nothing was all right.

After dinner, he insisted on telling us his story. He took us to the Pointe-St.-Charles neighbourhood of Montreal, showed us his school, his church, his birthplace. You could call it a premonition.

When we visited him three weeks ago in the clinic, this wonderful soul of man wasn’t worrying about himself and his illness. He mainly talked about his wife, Liane, and their children.

The last true Family Man I know.

img_0867I remember my 50th birthday – exactly 20 years ago – where we celebrated with a few dozen people in the middle of the Canadian winter in a maple sugar shack somewhere in the Canadian bush. We all have experienced those moments after eating together. Everyone is full, pretty much everything has been said and most of us had already more than enough to drink. Actually one could think now slowly of going home.

But then this Teddy bear of a man stands up, wine glass in hand, and begins to talk … and talk … and talk. He spoke softly about the day we suddenly appeared as the new neighbours. “The Germans” from the big city – what should he think of them? His three girls were roughly the same age as our son, Cassian. Would they understand each other? Yes, they got on well right away.

When Scott had finished his little speech, one after another in the crowd stood, offered some anecdotes and toasted yours truly, the celebrant.

We lived house to house for a quarter of a century. He, the old hare [fox?], we the German Canadian greenhorns. When in autumn the leaves of the red maple trees gathered knee-high on our property and we could barely manage to dispose of the sea of crispy fall colour without someone’s help, Scott was there. He sat on his small tractor and ploughed through the leafy mountains with his mulcher – often a tall drink in his hand.

His neighbourly help, which soon grew into a friendship, knew no bounds. Whether in the house, in the garden or in front of the computer, Scott knew his stuff.

When, many years ago, after shooting a documentary film in Canada, I was sitting at a TV editing station near Düsseldorf, Germany, and noticed with horror that we were missing the background music, Scott sat for one whole night at my computer in Hudson to send the missing sounds to Germany via snail transmission with an analog 56-K modem.

For me, Scott Ashford was the epitome of the good Canadian: He didn’t complain, always found the time when he was needed. And he was often needed. For years, the risk manager of an IT company, he jetted around the world as an expert. Once he told me that he had accumulated so many airline miles that he and Liane would be able to spend the rest of their lives on bonus flights. But that didn’t work out, either.

When Scott lost his job because of outsourcing, he didn’t retire to his snail shell and sulk. He acted. Instead of pin stripes, he was now wearing working clothes and started servicing swimming pools. He cleaned the pools for the people in the village, repaired the pumps and found out what chemistry had to be in the water to get the right pH value.

When he was already clearly marked by cancer in the late autumn of last year, he was still chugging to his pool customers with his pickup truck. After all, he had promised them to make their swimming pools properly winterproof.

For his own swimming pool in Hudson, there was simply not enough time. The Family Man was simply too busy, and cancer can be a demanding master. Scott became weaker and weaker. But he never complained. In the early hours of January 15, 2019, he left this world, a world diminished by his passing. R.I.P. Scott Ashford.

THANKS to Doug Sweet who helped me with the English version of the original blogpost.

Tod eines Familien-Menschen

img_0891 (1)Scott ist tot. Nicht einmal 65 ist er geworden. Kein Jammern über die Schmerzen, die ihn zum Schluss geplagt haben müssen, kein Wehklagen über das, was das Schicksal ihm abverlangt hatte. „Courageously and peacefully“ sei er gestorben, textete uns Liane im Morgengrauen. Mutig und friedlich. Genau das war mein Freund Scott Ashford schon zu Lebzeiten.

Einer von denen, die die Schuld bei anderen suchen, war Scott nie. Er, der in jungen Jahren beim kanadischen Militär abenteuerliche Hubschrauber-Missionen mitflog, ertrug sein Schicksal wie einer, der immer wusste, wo sein Platz ist.

Schon bald wäre sein Platz auf dem Land gewesen, irgendwo im „Ottawa Valley“, das war sein Traum. Das Grundstück war bereits gekauft, das Haus schon bestellt. Das Heim in Hudson war zu groß für ihn und Liane geworden. Die Kinder waren längst flügge. Der Grillmaster freute sich wie ein Schneekönig auf die Abende beim Barbecue.

Jedes Jahr nach unserer Rückkehr aus Mallorca traf man sich zum Essen. Diesmal war alles anders. Man saß zwar beim Italiener in Lachine, am Ufer des St.Lorenz-Stroms. Aber Scott war nicht mehr Scott. Er hatte keinen Appetit, redete wenig. „Wird schon wieder“, sagt er. Nichts wurde wieder.

Nach dem Essen bestand er darauf, uns seine Geschichte zu erzählen. Er fuhr mit uns nach Pointe-St.-Charles, zeigte uns seine Schule, seine Kirche, sein Geburtshaus. Man könnte es Vorahnung nennen.

Als wir ihn vor drei Wochen in der Klinik besuchten, machte sich diese Seele von Mensch nicht etwa um sich und seine Krankheit Gedanken. Er redete vor allem über Liane und die Kinder.

Der letzte wahre Family Man, den ich kenne.

Es gab da vor ziemlich genau 20 Jahren meinen 50. Geburtstag, den wir mit ein paar Dutzend Leuten mitten im kanadischen Winter in einer Ahornzuckerfarm irgendwo im kanadischen Busch feierten. Man kennt diese Momente nach dem gemeinsamen Essen. Jeder ist satt, gesagt ist auch fast alles, getrunken schon jetzt mehr als genug. Eigentlich könnte man jetzt langsam ans Heimgehen denken.

Doch dann steht dieser Teddybär von Mann auf, ein Weinglas in der Hand, und fängt an zu erzählen. Wie wir plötzlich als die neuen Nachbarn bei ihm aufgetaucht seien. The Germans aus der großen Stadt – was sollte man von ihnen halten? Seine drei Mädels waren in Cassians Spielalter. Würden sie sich verstehen? Ja, man verstand sich auf Anhieb gut.

Als Scott seine kleine Rede beendet hatte, stand einer nach dem anderen auf, gab Anekdoten zum Besten und stieß auf den Jubilar an.

Ein Vierteljahrhundert wohnten wir Haus an Haus. Er, der alte Hase, wir die deutschkanadischen img_0867 Greenhorns. Wenn sich im Herbst das Laub der Ahornbäume auf unserem Grundstück kniehoch ansammelte und wir es kaum schafften, das Blättermeer ohne fremde Hilfe zu entsorgen, war Scott da. Saß auf seinem kleinen Trecker und pflügte mit dem Häcksler durch die Blätterberge – nicht selten einen Longdrink in der Hand.

Seine Nachbarschaftshilfe, aus der schon bald eine Freundschaft wurde, kannte keine Grenzen. Ob im Haus, im Garten oder vor dem Computer – Scott kannte sich aus.

Als ich vor vielen Jahren nach einem Filmdreh in Kanada an einem TV-Schnittplatz in der Nähe von Düsseldorf saß und mit Schrecken feststellte, dass uns die Hintergrundmusik fehlte, setzte sich Scott eine Nacht lang an meinen Rechner in Hudson, um von dort aus die fehlenden Töne per Schneckenübertragung mit analogem 56-K-Modem nach Deutschland zu senden.

Für mich war Scott Ashford der Inbegriff des guten Kanadiers: Er war sich für nichts zu schade, jammerte nicht rum, hatte immer Zeit, wenn er gebraucht wurde. Und er wurde oft gebraucht. Jahrelang jettete der Risiko-Manager einer IT-Firma als Experte um die Welt. Einmal rechnete er mir vor, er habe so viele Flugmeilen angesammelt, dass er und Liane ihren Lebensabend mit Bonusflügen bestreiten könnten. Aber auch daraus wurde nichts.

Als Scott irgendwann seinen Job verlor, weil outgesourct wurde, zog er sich nicht etwa in sein Schneckenhaus zurück und schmollte. Er handelte. Statt dem Nadelgestreiften streifte er sich eben jetzt den Blaumann über und fing an, Swimmingpools zu warten. Er putzte für die Leute im Dorf die Becken, reparierte die Umwälzpumpen und informierte sich, wie viel Chemie ins Wasser muss, damit der PH-Wert stimmt.

Als er im Spätherbst vorigen Jahres schon deutlich vom Krebs gezeichnet war, tuckerte er noch immer mit seinem Pickup-Truck zu seinen Pool-Kunden. Schließlich hatte er ihnen versprochen, ihre Schwimmbäder ordnungsgemäß winterfest zu machen.

Für seinen eigenen Swimmingpool in Hudson hatte es nicht mehr gereicht. Der Family Man war einfach zu beschäftigt. Dann wurde er immer schwächer.

R.I.P. Scott Ashford