Als Reporter unter Indianern

Oka 20 Year Anniversary

Ureinwohner gegen kanadische Armee  © Canadian Encyclopedia

Erst kreisten Militär-Hubschrauber über unserem Dorf. Dann rollten die Panzer an. Als ich mich als Korrespondent schließlich ins Krisengebiet aufmachte, wurde ich unsanft in den Kommandowagen der Polizei geschoben. Die Beamten hatten mein “Motorola-Knochen“-Handy für eine Waffe gehalten. Und als alles schon vorbei schien, tauchte auch noch die Kripo bei mir zuhause auf. Diesmal ging es um Drogen.

Verwirrt? Der Reihe nach:

Es war vor genau 30 Jahren, als am 11. Juli 1990 kanadische Geschichte geschrieben wurde. Zwischen Mohawk-Indianern, der kanadischen Bundespolizei und dem Militär brodelte ein Konflikt, der 78 Tage und Nächte dauern sollte.

Die etwa 1400 „Indianer“ – so wurden Ureinwohner damals noch politisch-korrekt bezeichnet – leben in dem Mohawk-Reservat „Kanesatake“, am Ufer des “Lake Of Two Mountains”. Also genau gegenüber dem Dorf Hudson, in dem wir 25 Jahre lang unser Zuhause hatten.

Bei dem Disput, der mehr als zwei Monate lang die Nation in Atem hielt, ging es um Landansprüche. Die Gemeinde Oka, seit Generationen Nachbarn der Indianer, plante in den Augen der Ureinwohner etwas Ungeheuerliches: Der städtische Golfplatz sollte erweitert werden. Dafür müsste ein Gebiet abgeholzt werden, das Grabstätten der Mohawk beherbergt.

Mit Diplomatie war den Indianern nicht beizukommen. Sie blieben hart und weigerten sich, auch nur einen Quadratzentimeter Land für eine Freizeitanlage abzugeben, von dem nur einer profitieren würde: Der “Weisse Mann”.

Als die Auseinandersetzungen zwischen den Ureinwohner und den Bürgern von Oka zu eskalieren drohten, wurden neben der Quebecer Polizei zusätzlich noch die “Mounties” gerufen, also die kanadische Bundespolizei. Als auch deren Präsenz nicht zur Deeskalation beitrug, rückte das Militär ein.

Als schließlich noch ein Polizeibeamter bei einem Schusswechsel mit Indianern ums Leben kam, drohte Krieg.

Um an den Schauplatz dieser militärischen Auseinandersetzung zu kommen, musste ich lediglich zehn Minuten mit der Fähre von unserem Dorf ans gegenüberliegende Ufer zurücklegen.

In Kanesatake angekommen, tat ich das, was Reporter so tun, wenn sie ihrem Job nachgehen: Ich fing an zu recherchieren. Ich redete mit Indianern und Armee-Soldaten, mit Bürgern aus Oka und auch dem Betreiber einer Radiostation, die ausschließlich in der Sprache der Mohawk sendet.

Als mich meine Recherchen aus einem Waldgebiet wieder zu Fuß in Richtung Reservat führten, wurde ich von vier bewaffneten Polizisten gestoppt, gefilzt und vorübergehend festgenommen.

Sie konfiszierten Handy und Kamera. Mein Internationaler Presseausweis beeindruckte sie wenig.

Wen kontaktiert man, in einem Fall wie diesen? Im Büro der Kanadischen Journalistenvereinigung ging keiner ans Telefon. Auch bei mir zuhause erreichte ich niemanden, dem ich sagen konnte: Es könnte eine lange Nacht werden.

Blieb der Anruf beim besten Freund in Deutschland, selbst Journalist und mit Krisen-Prozedere vertraut. Er schaffte es zumindest, meine Familie darüber zu informieren, was passiert war. Es war die Kommunikation der langen Wege: Von Köln nach Hudson sind es gut 6000 Kilometer. Von Oka nach Hudson gerademal 10 Minuten mit der Fähre.

Nach gut zwei Stunden entließen mich die Beamten. Für Erklärungen war dies der falsche Ort, der falsche Zeitpunkt. Was zählte: Ich war wieder auf freiem Fuß.

Es wurde noch ein langer Tag und eine noch längere Nacht. Mehr als ein Dutzend Sender der ARD waren an Reportagen interessiert. Bei den meisten von ihnen war ich auch während der kommenden zweieinhalb Monate Tag für Tag, Nacht für Nacht, immer wieder auf Sendung.

Eines Abends, wir saßen beim Abendbrot, klopfte es an der Tür. Zwei Beamte in Zivil wollten mich sprechen – “unter sechs Augen, bitte!” Die Polizisten legten mir ein Schwarzweiß-Foto vor. Es zeigte mich im Gespräch mit einen Mann. Aufgenommen auf der Fähre über den Lake Of Two Mountains, von Hudson ins Indianergebiet.

In welcher Beziehung ich zu dem Mann auf dem Bild stehe, wollten die Kripo-Beamten wissen. “In gar keiner”, sagte ich wahrheitsgetreu. Ich war lediglich mit dem mir bis dahin völlig unbekannten Mann bei der Fahrt über den See ins Gespräch gekommen.

“Worum geht’s?”, wurde ich neugierig. Bei dem Mann handle es sich um einen Drogenschmuggler großen Stils, klärten mich die Beamten auf.

Weitere Konsequenzen hatte die Begegnung mit dem Kriminellen für mich nicht. Gut so, denn zu jener Zeit hatte ich mit der Berichterstattung über die “Oka-Krise” genug an der Backe.

Dreißig Jahre später brodelt es zwischen den Bewohnern von Oka und Kanesatake zwar immer mal wieder. Zu kriegerischen Auseinandersetzungen ist es seither nie mehr gekommen.

Die Bundesregierung kaufte auf Drängen der Mohawk-Indianer das seinerzeit umstrittene Stück Land auf. Es ging als “The Pines” in die kanadische Geschichte ein.

Zu der geplanten Erweiterung des Golfplatzes ist es nie gekommen. Im Gegenteil: Die kanadische Regierung kaufte einige Waldstücke auf, um den Indianern von Kanesatake für Generationen hinaus Grabstätten zu ermöglichen.

Video: DIE OKA-KRISE IN 5 MINUTEN

So fing damals alles an in Kanada

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Eine der letzten Begegnungen mit meinem Kanada-Mentor, Chef und Freund Bernd Laengin (l). und seiner Frau Christa an deren Cottage am Lake Winnipeg. (Sonnenbrille: Leihgabe).

Heute ist „Canada Day“, der kanadische Nationalfeiertag. Ein willkommener Anlass, auf meine Ankunft in diesem wunderbaren Land zurück zu blicken. Weil es in Kanada so schön ist, bin ich übrgens gleich zweimal ausgewandert. Die ersten drei Jahre, von 1973 bis 1976, habe ich in Winnipeg/Manitoba verbracht. Danach ging es wieder für vier Jahre nach Deutschland zurück. Im Spätsommer 1980 packte mich das Kanada-Fieber erneut. Seither lebe ich – mit kurzen Intermezzi in Winnipeg/Manitoba und Calgary/Alberta – in Montreal.

Hier ein Rückblick auf das Jahr 1973, als alles anfing:

Ich war 24 Jahre alt und arbeitete damals als Redakteur bei einer Lokalzeitung in Waiblingen bei Stuttgart. Es war eine wunderbare, spannende und vor allem lehrreiche Zeit. Doch im Winter 1973 herrschte bei mir Aufbruchstimmung. Eine neue Herausforderung im Job und ein Abenteuer lockten – nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Die Auswanderung nach Kanada.

Der Flug nach Kanada war zwar nicht mein erster, aber mein weitester. Der Geruch von Fußschweiß, abgestandenem Kaffee und Plastikbechern vermischt sich mit dem Gestank von Kerosin und Tabakrauch. Jinglebells bimmeln aus dem Bordlautsprecher. Vom Kragen der Stewardessen-Uniform lächelt verschmitzt ein Plastik-Santa. Die Flugzeugwände sind mit Weihnachtskränzchen “Made in Taiwan” geschmückt.

In zwei Wochen ist Heiligabend und auch neun Stunden nach dem Abflug in Frankfurt kann ich mich nur schwer an das Innendekor gewöhnen, mit dem ein Flugzeugtapeten-Designer ungestraft Passagiere belästigen darf. Guter Geschmack war gestern. Willkommen bei Air Canada! Willkommen in der neuen Welt!

Der Kapitän meint es gut mit uns. Er dreht jetzt den Jinglebells-Knopf auf leise, dimmt die Innenbeleuchtung und verspricht, ehe er zur Landung ansetzt, den Passagieren eine klare Nachtsicht auf Winnipeg.

Es ist der 8. Dezember 1973.

Winnipeg: Hauptstadt der westkanadischen Prärieprovinz Manitoba, 600.000 Einwohner, die meisten davon ukrainischer und deutscher Abstammung. Neben Wladiwostok in Sibirien eine der kältesten Großstädte der Welt. Hierher hat es mich also verschlagen. Ummendorf war gestern. Ab heute ist Kanada angesagt. Und morgen? Who knows.

Wie ein beleuchtetes Schachbrett sieht die Stadt von hier oben aus. Bunte, blinkende Lämpchen, flinke Autos, Schneegestöber im Scheinwerferkegel der DC 8. Imposante Brücken führen über einen zugefrorenen Fluss, der Assiniboine River heißt. Je mehr wir uns dem Rollfeld des Flughafens von Winnipeg nähern, desto weniger erinnert das Ganze an eine richtige Stadt. Bunt zusammengewürfelte Häuser, ja. Aber eine Stadt?

Vor dem Airport tobt ein Schneesturm. Der Wind treibt die Flocken in einem atemberaubenden Tempo vor sich her. Das Flughafen-Thermometer zeigt eine Außentemperatur von minus 40 Grad an. Ob Celsius oder Fahrenheit spielt in diesem Moment keine Rolle. 40 Grad F. sind 40 Grad C. Eiszeit ist Eiszeit. Wie können Menschen bei diesen Temperaturen überleben?, frage ich mich genau in dem Augenblick, in dem Gigs mich an der Felljacke zieht und losbrüllt: “Lange halte ich das hier nicht aus, das kann ich dir jetzt schon sagen.” Sie brüllt, denn der Fluglärm sitzt uns noch in den Ohren.

Sind es menschliche Lebewesen, die an uns vorbeiziehen? Oder vermummte Statuen, die sich auf Kufen bewegen? Und überhaupt: Wo sind die hübschen Frauen, die ich auf dem Poster der kanadischen Botschaft gesehen hatte, als ich mein Visum abholte? Bei minus 40 Grad verlieren Menschen ihre Konturen. Die Inuit, so hatte ich in einem Kanada-Reiseführer gelesen, schmieren ihren Babys Walfischtran ins Gesicht. Dadurch wird die Haut vor Erfrierungen geschützt.

40 Grad Celsius. So etwas kannte ich bis dahin allenfalls aus dem Fernsehen. “So weit die Füße tragen” flimmerte in den 60er Jahren über deutsche Schwarzweiß-Bildschirme. Im Fernsehen kämpfte sich Sonntag nachmittags zur besten und fast einzigen Sendezeit ein deutscher Soldat durch Sibirien – soweit die Füße tragen. Irgendwann verliert der Russlandheimkehrer in der Eiseskälte den Verstand.

Unser Empfangskomitee am Winnipeg-Airport hat einen blonden Vollbart, blondes, lockiges Haar, wache, blaue Augen und einen Dialekt, der nach Schwarzwälder Schinken und Spätzle klingt. “Herzlisch willkomma in Winterpeg!” ruft er uns fröhlich zu. Und dann, als hätten wir den ersten Witz nicht verstanden: „Winterpeg, oh verreck.“ Karlsruhe wie es singt und lacht.

Bernd, Chefredakteur der deutschsprachigen Wochenzeitung “Kanada Kurier”, ist der Mann, dem ich meinen ersten Reporterjob im Ausland zu verdanken habe. Als Lokalredakteur hatte ich mich auf eine Anzeige im “journalist” beworben. Die Zeit war reif für einen Tapetenwechsel.

Fünf Jahre Kleintierzüchter- und Angelverein, hin und wieder ein Prozess vor dem Amtsgericht und als Highlights feuchtfröhliche Besuche in der französischen und englischen Partnerstadt im Bus der Freiwilligen Feuerwehr – schön war’s. Aber irgendwann auch genug.

“Mach das!”, hatte mir mein damaliger Chefredakteur Richard Retter geraten. Der hatte schon immer eine Nase für gute Geschichten. Und eine gute Geschichte wurde Kanada für mich allemal. Mehr als hundert Bewerber hatten sich auf das Inserat im “journalist” gemeldet. Dass sich mein künftiger Chefredakteur ausgerechnet für mich entschied, hatte mehrere Gründe.

Zum einen, so erzählte mir Bernd später, habe ihm die “landsmannschaftliche Verbundenheit” mit mir gefallen (wobei Badener und Schwaben ob ihrer Geschichte bis heute noch alles andere als ein “dream team” sind). Zum anderen war mein künftiger Arbeitgeber wohl von meiner Kanada-Tauglichkeit überzeugt, nachdem ich ihn wochenlang mit Briefen bombardiert hatte, die statt eines Briefkopfs ein Ahornblatt als Logo trugen, daneben ein äußerst schmeichelhaftes Foto von mir in Felljacke, darunter mit Schreibmaschine getippt: “Ihr Mann für Manitoba”. Wer konnte bei so viel textlicher Originalität widerstehen?

Dass dann Monate später beim persönlichen Kennenlernen in unserer WG bei Stuttgart ein großer Topf Käsespätzle mit Röstzwiebeln auf dem Tisch stand, muss meinen künftigen kanadischen Boss vollends beeindruckt haben. “Und kochen kann der auch noch!”, hatte er mir nach dem ersten Bissen geschmeichelt. Dass die Spätzle nicht ich, sondern in Wahrheit mein WG-Mitbewohner, ein später namhafter ZDF-Reporter, gekocht hatte, gehört zu den kleinen Lügen, die erlaubt sein müssen, wenn es um etwas so Großes wie Kanada geht.

Drei Monate nach dem Spätzlestreff dann also die lang ersehnte Ankunft in Winnipeg/Manitoba.

“Wo habbeder des Gebäck?”, will Bernd wissen. “Verdammt”, zischt mir Gigs ins Ohr. “Wir hätten ihm ein Päckchen mit Weihnachtsplätzchen mitbringen sollen.” Das gehöre sich so, wenn man Deutsche im Ausland besuche, tat sie altklug. Quatsch. Als Süddeutscher, der im schwäbisch-badischen Grenzgebiet aufgewachsen ist, war mir klar: Mit „Gebäck“ meint unser Ein-Mann-Empfangskomitee das Gepäck. Viel ist es nicht, was wir mitgebracht haben. Je ein verwaschener Seesack und eine naturgegerbte Lammfelljacke sowie zwei Gitarren.

Gigs und ich waren zu dieser Zeit sechseinhalb Jahre zusammen. Dass es nicht viel mehr werden sollten, lag nur indirekt an der kleinen Affäre mit dem braun gebrannten Barpianisten im irischen Schlosshotel, wo sie sich sprachtechnisch auf den Kanada-Aufenthalt vorbereitet hatte.

Dichtes Schneetreiben, 40 Grad minus – so hatte ich mir den Winter in Kanada schon immer vorgestellt. Schick sahen sie an uns aus, die Lammfelljacken. Nur leider gaben sie nicht warm genug. Der quirlige, freundliche Mann mit badischem Singsang führt uns zu seinem Wagen: ein knallroter Ford Mustang. Rundum uns herum das, was man als Straßenkreuzer aus dem Kino kannte. Monsterschlitten mit viel Chrom, aber wenig Charme.

Der Sportflitzer passt in diese groteske Winterlandschaft wie ein Schneepflug an den Strand von Malibu. “Friendly Manitoba”, steht auf dem Nummernschild. Das Land gefällt mir, dachte ich. Hatte ich jemals auf einem deutschen Kfz-Kennzeichen “Freundliches Baden-Württemberg” gelesen? Oder „Glückliches Hessen?“

Aus dem Autoradio tönt Heino, die Metzgerei Rosenkranz bietet “Weihnachtsgänse wie daheim in Deutschland” an, der Bäcker Lange wirbt für Marzipanstollen. “Das ist unser deutscher Radiosender”, sagt der Zeitungsredakteur Bernd fast ehrfurchtsvoll. “Ist aber keine Konkurrenz für uns.” Hoffentlich nicht. Wäre der Kanada Kurier so schlecht wie die deutschsprachige Radiosendung, müsste die Medienkommission einschreiten.

Schwer zu glauben, dass dieser Mann von Welt massenweise Kassetten und Schallplatten mit Volksmusik im Regal stehen hat und Heino, Heintje und Toni Marschall nachsingt, als wären ihm die Texte und Melodien in die Wiege gelegt worden.

Aber ein toller Schreiber war er, dieser Bernd Längin. Und ein Kerl zum Verknuddeln.

Den Journalismus hat er in seiner Heimat Karlsruhe gelernt. Schriftsetzer war er zuerst gewesen, musste Todesanzeigen, Kinoplakate und Visitenkarten druckreif machen. Aber das Schreiben lag ihm mehr als das Setzen. Setzen konnte man im Sitzen. Fürs Schreiben musste man raus in die Welt. Und genau da wollte er hin.

Bernd war gerade mal Anfang 20. als er mit einem VW-Bus nach Indien reiste. Finanziert hatte er den Trip, indem er Testberichte für Fachzeitschriften schrieb. „Dabei hatte ich keine Ahnung, wie ein Kolben funktioniert oder warum manche Autos vier, manche sechs und wieder andere acht Zylinder brauchen“, erzählte er viel später einmal. Aber er wusste, wie man sich gegen Sensen schwingende Albaner verteidigte. Oder einem Rudel Wölfe in Kirgistan auswich. Oder Bettler in Bombay als Wachmänner anheuerte, während man sich einen erholsamen Schlaf gönnte.

Bernd wusste vor allem eins: Wie man als freier Journalist überlebt und dabei massenweise Spaß hat. Während viele seiner früheren Kollegen in ihren Redaktionsstuben Moos ansetzten, klopfte sich Bernd nach seinen Abenteuerreisen den Staub von den Schuhen.

“Musik mit Schwungk für Alt und Jungk”, höre ich den Moderator noch ins Mikrofon säuseln, dann fallen mir die Augen zu. Ich spüre noch, wie der Mann mit dem roten Mustang Gas gibt. Wir rauschen geradewegs in die kälteste Winternacht hinein, die wir bis dahin je erlebt hatten. Wir waren in Kanada. Die Eiszeit hatte gerade erst begonnen.


Dieser Text stammt aus meinem autobiografischen Roman „DAS GIBT SICH BIS 1970“ . Das Büchlein gibt’s übrigens noch immer als Download bei Amazon.


Vieles hat sich seit meiner Ankunft in Winnipeg verändert. „Gigs“, die mich damals nach Winnipeg begleitet hatte, lebte später in Mexiko und heute in München. Dafür hat später Lore, die Liebe meines Lebens, das „Abenteuer Kanada“ mit mir fortgesetzt. Bernd Laengin, der damalige Chefredakteur des KANADA KURIER, der mich als Reporter eingestellt hatte und später zu meinem besten Freund und Mentor wurde,  ist am 28. Juni 2008 verstorben. Er wurde nur 67 Jahre alt. Als Vermächtnis hinterließ er fast zwei Dutzend Sachbücher über ethnische und religöse Minderheiten, die er nach akribischer Recherche in aller Welt geschrieben hatte. Seine Frau Christa lebt noch immer in Winnipeg. Mit ihr – und ihrem zweiten Mann – verbindet mich bis heute eine tiefe Freundschaft.

HAPPY CANADA DAY ❤️

Brücken-Versprecher ohne Fluss

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Ein schöner Titel, oder? Stammt leider nicht von mir. Ich habe ihn teilweise von dem Australier Gregory David Roberts abgekupfert, der den Spruch in einem der schönsten Bücher („Shantaram“) verwendet, das ich in den letzten Jahren gehört habe. Als „Leute, die den Bau einer Brücke versprechen, obwohl gar kein Fluss da ist“ werden dort Politiker bezeichnet, die alles vertuschen und beschönigen, um an der Macht zu bleiben.

Nein, hier ist nicht von einem Ganoven in Washington die Rede, der sich gerne als Präsident geriert. Sondern von Politikern in meiner Heimatprovinz Quebec.

Sie machen den Mund weit auf, kriegen aber nichts gebacken. Und schieben die Schuld dann auf andere. Sie versprechen Brücken, obwohl weit und breit kein Fluss zu sehen ist. Politiker eben.

Lange Zeit konnte Quebec bei mir nichts verkehrt machen.

Mehr Schlaglöcher auf den Straßen als Einschusskrater im Irak-Krieg? Ist halt so. Schlimmer geht immer.

Eine Sprachenpolizei, die mit dem Zentimeterband darauf achtet, dass die französische Produktbezeichnung in den Geschäften mindestens doppelt so groß ist wie die englische? Lachhaft, aber Gesprächsstoff mit hohem Unterhaltungswert.

Montreal mit der höchsten Mafia-Dichte in Nordamerika? Schon schlimm, aber Verbrecher gibt’s schließlich überall.

Aber weil’s ja sonst so schön ist in Quebec, war ich um Entschuldigungen nie verlegen. Tolle Kneipen, bezaubernde Landschaften, liebenswerte Menschen, klasse Musikszene, französisches savoir vivre … Oh là là, Québec!

Doch jetzt ist Schluss mit lustig.

Für die Art und Weise, wie Quebec – vor allem in der Millionenstadt Montreal – die Corona-Krise verbockt hat, gibt es keine Entschuldigung mehr. Nicht nur, dass auf das Konto von Quebec mit Abstand die höchste Todesrate in Kanada geht. Auch die Chancen, wieder gesund zu werden, sind in den Krankenhäusern meiner Provinz um fast 50 Prozent geringer als in allen anderen Provinzen (siehe Tabelle).

Das Vertrauen, das Ministerpräsident François Legault und sein unterhaltsamer Gesundheitsdirektor Horacio Arruda zu Beginn der Pandemie noch durch vermeintlich fürsorgliches Handeln aufgebaut hatten, ist längst verschwunden. Quebec ist Spitzenreiter im schlechten Umgang mit der Pandemie.

Manitoba, wo ich fünf Jahre gelebt habe, meldet seit Beginn der Pandemie gerade mal 7 Tote. SIEBEN! In Quebec sind es 5448. Es gibt Provinzen – Prince Edward Island zum Beispiel -, in denen Corona nicht ein einziges Menschenleben gefordert hat. Selbst wenn die Einwohnerzahlen der jeweiligen Gegenden berücksichtigt werden, schneidet keine Provinz nur annähernd so miserabel ab wie Quebec.

Warum das so ist? Zum einen, weil fast 90 Prozent der Opfer in Altenheimen gestorben sind. Das sind staatliche und private Häuser, die teilweise so nachlässig geführt wurden, dass es Wochen gedauert hat, bis irgendjemand darauf gekommen ist, dass fast die komplette Belegschaft eines dieser Heime aus Angst vor Ansteckung im Stich gelassen hatte. Die Folge: Dutzende Patienten sind verdurstet, viele mussten von Rettungskräften aus ihren Exkrementen befreit werden.

Es war nicht etwa so, dass die Provinzregierung, die für den Zustand in diesen Heimen zuständig ist, nicht informiert gewesen wäre. Es hat sich dort schlicht niemand um die gespenstische Zahl der Todesopfer gekümmert. Vielleicht liegt es auch daran, dass Quebecer Behörden sich untereinander nicht mithilfe digitaler Medien ausgetauscht haben. Kein Witz: Das geschah alles noch per Faxgerät.

Schon klar: Ministerpräsident Legault hat Abbitte geleistet und Besserung gelobt. Freilich sei nicht er allein an dem Dilemma Schuld, sondern auch seine Vorgänger-Regierungen. Was durchaus der Wahrheit entspricht.

Klammheimlich wollte die Regierung nach dem Skandal um die Altenheime zur Tagesordnung übergehen. Man forderte Verstärkung von der sonst so gescholtenen Bundesregierung unter Justin Trudeau an.

Premierminister Justin Trudeau schickte das Militär nach Quebec. Wo sonst ausgebildete Pfleger und Krankenschwestern arbeiteten, verrichteten jetzt plötzlich Männer und Frauen in Uniform Dienst, die noch nie in ihrem Leben in der Altenpflege tätig waren.

Die Litanei des Grauens ließe sich fortsetzen. Jüngstes Kapitel: Gerade als  Justin Trudeau die Quebecer Regierung gebeten hatte, mehr Transparenz in Sachen Corona zu zeigen, ging unsere Provinzregierung klammheimlich dazu über, die Zahl der Covid19-Infizierten und Toten nicht mehr, wie weltweit üblich, täglich, sondern nur noch einmal pro Woche zu veröffentlichen.

Doch diesmal haben die Brückenversprecher die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Der Aufschrei in der Bevölkerung war so groß, dass vom morgigen Montag an die Statistik wieder täglich publiziert werden soll.

Screen Shot 2020-06-28 at 05.13.01Quelle: Johns Hopkins University

Die Sache mit dem prima Klima

Ganz schön cool: Heute Nachmittag am Alten Hafen © Bopp

Das mit dem Wetter in Kanada ist so: Im Winter gefrieren einem bei minus 35 Grad die Barthaare an die Lippen. Dann kommt das Frühjahr, das in diesen Breiten ohnehin ausfällt. Und im Sommer liegt das Thermometer etwa auf der Höhe von Trumps IQ. Für morgen sind 40 angesagt. Gefühlte 40 Grad Celsius. Noch Fragen?

Ja, noch eine Frage: Was macht man mit so einem Klima? Die kurze Antwort: Man versucht sich zu arrangieren.

Wenn es zu heiß wird in der Stadt, setzt sich der Rentner ins Auto und fährt zwei Stunden in den Norden. Dort wartet am Ufer eines kühlen Sees das Blockhaus. Dahinter bäumt sich ein Wald als Schattenspender auf.

Alles gut. Müsste man meinen.

Doch dann rollt die Hitzewelle an. Sie kommt wie eine glühende Dampfwalze auf dein Blockhaus zu, schiebt 35, 37 Grad vor sich her, breitet sich frech aus und bleibt wie eine riesige Glocke über deinem Sommerquartier stecken und bewegt sich tagelang nicht einen Zentimeter weit.

Irgendwann entscheidet sich das Quecksilber deines Thermometers, dass es jetzt genug sei, sonst müsse es vor Hitze platzen.

Der schattige Wald lacht sich dabei eins ins Fäustchen. „Sahara!“, flüstert mir der Ahornbaum ins Ohr, „Wolltest du nicht immer schon mal in die Wüste?“.

Stimmt. Aber nicht jetzt. Sahara kann warten. Im Moment steht mir der Sinne eher nach einem frischen Arktis-Lüftchen. Sibirien vielleicht, oder Alaska.

„Warum Alaska?“, fragt das Wäldchen mit heiserer Stimme. „Weil es bei uns hier nicht einmal mehr nachts richtig abkühlt!“, blaffe ich in den Wald hinein.

Tagsüber werden jetzt die Fenster mit Vorhängen, Bettlaken und Handtüchern zugehängt. Nichts zu machen: Die Hitze sagt Hallo!

Irgendwann zeigt man der Hitze im Blockhaus den Mittelfinger und paddelt mit dem Boot zur Anlegestelle. Dort wartet ein eigentlich ziemlich cooles Auto auf dich. Doof nur, dass zuletzt ein Feuerschlucker auf Steroid damit gefahren sein muss. Die Luft flimmert  unsäglich vor Hitze.

Schon wenige Minuten nach dem Start wird das coole Auto merklich kühler. Es bringt dich nach zwei Stunden Fahrt in alter Frische in die Stadt zurück, dorthin, wo du der Hitze vor einer Woche noch entflohen warst. Das coole Auto setzt dich in der gekühlten Tiefgarage ab.

Ein paar Meter noch und du hast es geschafft. Ein Knopfdruck und die Klimaanlage in der Loft schnurrt jetzt wie ein Kätzchen.

Und dann: Fahrradtour nach Alt-Montreal, mitten in der Mittagshitze. Egal.

Ahhhh … Stadtleben kann ja so cool sein!

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Ein Wiedersehen auf hoher See

IMG_2382-1Naja, das mit der „hohen See“ stimmt nicht ganz. Aber es passt halt so gut in den Titel, dass ich nicht widerstehen konnte. Korrekt wäre gewesen: „Wiedersehen auf dem See“. Dort nämlich haben wir gestern unsere Freunde Marjolaine und Doug zu einem „Wine-o’Clock“ getroffen.

Von unseren beiden Tretbooten aus, die wir aneinander gebunden hatten, prosteten wir uns Punkt 16 Uhr zu. Für unser denkwürdiges Treffen hatten wir uns zuvor auf der Großen Bucht des Lac Dufresne verabredet.

Wir hatten uns seit der gemeinsamen Silvesterparty nicht mehr gesehen. Wobei: So ganz stimmt das auch nicht. Seit Beginn der Pandemie prosten wir uns immer freitags via Facetime zu. Doug, als Journalist ein Meister des Worts, hat dafür den schönen Begriff „Wine-o’Clock“ geprägt.

Wir kennen uns seit 23 Jahren. Doug war damals noch Redakteur bei der „Montreal Gazette“, Marjolaine arbeitete als Archäologin beim Montrealer Pointe-à-Callière-Museum. Lore hat damals mit ihrer fotorealistischen Trompe-l’œil-Kunst schöne Gebäude noch schöner gemacht. Und ich hatte den Spaß meines Lebens als Kanada-Korrespondent.

Kennengelernt haben wir uns, weil sich unsere Cottages am Lac Dufresne genau gegenüber liegen. Was lag da näher, sich als Kollegen irgendwann mal gegenseitig zu besuchen.

Aus den anfänglichen Blockhaus-Besuchen ist eine lange Freundschaft geworden.

Aus der Archäologin Marjolaine wurde eine engagierte Bundestagsabgeordnete, die in der Hauptstadt Ottawa acht Jahre lang einen der größten Montrealer Wahlkreise repräsentierte. Doug hat sich schon vor vielen Jahren vom tagesaktuellen Journalismus verabschiedet, um Mediendirektor der renommierten McGill-Universität zu werden.

Lore und ich sind unseren Leisten bis heute treu geblieben. Die Künstlerin und der Korrespondent sind noch immer ein starkes Team.

Worüber spricht man dann bei so einem „Wine-o’Clock„?

Über die gut geratenen Kinder, zum Beispiel. Aber auch über neue Bücher und Filme und auch über Kochrezepte, deren Umsetzung hier am See stets mit großem logistischem Aufwand verbunden ist. Weder Doug und Marjolaines Cottage, noch unser Blockhaus sind mit dem Auto zu erreichen. Sämtliche Zutaten müssen mit dem Boot angeschleppt werden.

Und natürlich haben wir auch über unser gemeinsames Lieblings-Urlaubsziel Spanien geplaudert. Jetzt, da Marjolaine und Doug, wie wir, im Ruhestand sind, würde es sich anbieten, dort noch mehr Zeit als bisher zu verbringen, wo uns der Vino am besten schmeckt.

Aber solange noch Corona unsere Reisepläne bestimmt, werden wir künftig wohl noch häufiger am See zu finden sein als in den letzten 23 Jahren.

Mit einem „Wine-o’Clock“ lässt es sich hier schließlich wunderbar aushalten.

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Der Lac Dufresne heute früh: Ein Traum in Blau und Grün.